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Elektroschrott: Jenseits von Afrika


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2010 vom 10.08.2010

Über eine Million Tonnen Elektrogeräte pro Jahr werden in Deutschland zu Müll. Viele Rechner, Handys und Kühlschränke gelangen nach Afrika, wo ihre Zerlegung Umweltschäden verursacht, oder der Müll verstaubt in Kellern, obwohl er wertvolle Rohstoffe enthält.


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Dieser Artikel wurde auf einem kleinen Schatzkästchen geschrieben. Nicht, dass der Laptop durch besonders hohe Rechnerleistung glänzen würde: Es handelt sich eher um untere Mittelklasse als ein Luxusmodell. Hier soll es aber um seine inneren Werte gehen. Unter der Plastikhülle verbergen sich Zinn und Nickel, Kupfer und Aluminium, ...

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Dieser Artikel wurde auf einem kleinen Schatzkästchen geschrieben. Nicht, dass der Laptop durch besonders hohe Rechnerleistung glänzen würde: Es handelt sich eher um untere Mittelklasse als ein Luxusmodell. Hier soll es aber um seine inneren Werte gehen. Unter der Plastikhülle verbergen sich Zinn und Nickel, Kupfer und Aluminium, Palladium, Silber und sogar ein wenig Gold. In Zeiten, da Anlageberater empfehlen, in Sachwerte zu investieren, und in denen die Preise für Rohstoffe aller Art beständig in die Höhe schießen, ist es beruhigend, zu wissen, dass man richtig investiert hat. Natürlich spielen derlei verborgene Qualitäten des Rechners kaum eine Rolle, solange dieser treu und zuverlässig dabei hilft, an Sätzen zu feilen und Informationen zu sortieren. Irgendwann aber wird auch er sein Leben aushauchen, so wie sein Vorgänger, der eines Tages nur noch hinter schwarzem Monitor summte, oder wie das Handy, das nur ein Jahr nach dem Kauf einen Regenguss nicht überlebte. Es liegt seither in einer Schublade – ein ungehobener Schatz in den Tiefen des Schreibtischs.

Das mag übertrieben klingen; in einem durchschnittlichen Mobiltelefon verbergen sich schließlich nur zwölf Gramm Kupfer, kaum zwei Gramm Eisen und so wenig Gold, dass auch eine exakte Küchenwaage überfordert wäre. Allerdings: Es ist längst nicht das einzige kaputte Handy, das ein derart unbeachtetes Dasein fristet. Nach Schätzungen der Deutschen Umwelthilfe liegen allein in Deutschland 60 Millionen Handys unbenutzt in Schubladen. Zusammen enthalten sie neben 30 Tonnen Silber auch drei Tonnen Gold. Am Tag, als dies geschrieben wurde, hätte man dafür 125 Millionen Dollar auf den Tisch gelegt.

Nicht zu verachten sind daneben auch die rund 1.900 Tonnen Kupfer und 151 Tonnen Aluminium in den Telefonen. Würden sie zurückgewonnen, wäre das ein beachtlicher Beitrag zur Schonung der Umwelt, sagt Andreas Habel, Referent beim Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse). Beim Recycling einer Tonne Aluminium aus Altgeräten fallen elf Tonnen weniger Kohlendioxid an als bei der energieaufwendigen ursprünglichen Herstellung des Metalls, eine Ersparnis von 94 Prozent. Um eine Tonne Kupfer zu gewinnen, müssten 1.000 Tonnen Gestein in einer Kupfermine gefördert und aufbereitet werden – oder aber 14 Tonnen alter Elektrogeräte.

Veritable Giftschleudern

Immerhin: Die erwähnten Schätze sind zwar ungehoben, lagern aber in heimischen Schreibtischen oder – im Fall kaputter Computer, Kühlschränke und Bügeleisen – in Kellern, Schuppen und Garagen. Sie sind noch nicht auf verschlungenen Wegen auf Müllhalden der ghanaischen Hauptstadt Accra, im indischen Delhi oder in die chinesische Provinz Guyiu gelangt. Dort werden derlei Geräte nicht zuletzt von Kindern zerlegt, die zwar kaum über die Werkzeuge und Techniken verfügen, um alles Gold aus den Leiterplatten zu holen, die aber nach funktionsfähigen Festplatten, Alugehäusen oder Kupferkabeln suchen. Zwischenhändler erhalten für ein Kilo des roten Metalls rund einen Euro; die Arbeiter selbst bekommen deutlich weniger.

Um an die Metalle und Bauteile zu gelangen, werden Gehäuse zertrümmert und isolierte Kabel im offenen Feuer abgeschmort. Dabei zeigt sich, dass es sich bei Mobiltelefonen, Gefrierschränken und Rechnern nicht nur um Rohstoffquellen handelt, sondern bei unsachgemäßer Zerlegung auch um veritable Giftschleudern. Die ausgedienten Geräte enthalten PVC, das beim Verbrennen hochgiftige Dioxine und Furane freisetzt. Ihre Leiterplatten und Gehäuse wurden mit bromierten Flammhemmern vor Entzündung geschützt, die sich, wenn sie freigesetzt und vom Körper aufgenommen werden, fatal auf Gehirnfunktionen auswirken und das Hormonsystem beeinträchtigen können.

Röhrenbildschirme, die in den vergangenen Jahren in Europa reihenweise ausgesondert wurden und in Afrika auf der Suche nach Metall und Draht zertrümmert werden, enthalten Blei, das Nervensystem und Fortpflanzungsorgane schädigt. Wenn demnächst ausgediente Laptops zunehmend auf den Halden landen, wird die Lage keinen Deut besser. Deren Displays enthalten Quecksilber, das vor allem bei Kindern das Gehirn erheblich in Mitleidenschaft zieht. Cadmium wiederum, das sich lange in den wiederaufladbaren Batterien von Handys und Laptops befand, schädigt Nieren und Knochen.

Der Schrott wird einfach umdeklariert

Eigentlich dürfte derlei giftige Fracht gar nicht nach Ghana, Nigeria, Indien oder China gelangen. Bereits vor 15 Jahren wurde die Basler Konvention beschlossen, mit der die „grenzüberschreitende Verbringung gefährlicher Abfälle und ihre Entsorgung“ untersagt wird. Es gibt aber zwei Probleme. Zum einen haben die USA als eines der wichtigsten Herkunftsländer von Elektroschrott das Papier bis heute nicht unterzeichnet. Zum anderen werden ausgediente Rechner und Handys auch aus Europa, wo es fast ein Dutzend weitere Übereinkommen, Verordnungen, Gesetze und Richtlinien zum Umgang mit Elektroabfall gibt, auf den Weg in den Süden geschickt – allerdings offiziell nicht als Schrott, sondern als alte, aber noch funktionierende Geräte. Und Exporte von wirklichen Gebrauchtgeräten, sagt Ulrich Smeddinck vom Umweltbundesamt (UBA), seien „zulässig und durchaus erwünscht“.

Was freilich in den Häfen in Hamburg oder Rotterdam auf den Weg gebracht wird, sind zum großen Teil keine Gebrauchtgeräte, sondern Schrott. Nur manchmal ist das auf den ersten Blick zu sehen, klagt Stephanie Schilling vom Hamburger Institut Ökopol, das im Auftrag des UBA eine Studie über den Elektromüll und dessen komplizierte Wege angefertigt hat: „Röhrenbildschirme, die lose in einen Container geschüttet waren, funktionieren spätestens nach ihrer Ankunft nicht mehr.“ Oft aber wird der Abfall hinter einigen funktionsfähigen Geräten versteckt oder in Gebrauchtwagen verstaut, die mit zugeschweißten Türen an Bord gebracht werden. Zum Telefonieren oder Surfen eignen sich die Handys und Rechner nicht mehr. „Neun von zehn Rechnern, die in Ghana ankommen, sind schlichtweg Schrott“, wird der dortige Umweltaktivist Mike Anane zitiert: „Wir gehen unter in Lawinen von Elektroschrott.“

Ganze Container voller Elektrogeräte gehen in europäischen Häfen auf die Reise nach Afrika oder Asien. Manche sind noch zu gebrauchen, oft handelt es sich aber schlicht um Schrott.


Mit der Einschätzung ist Anane nicht allein. Weltweit wächst die Menge des anfallenden Elektromülls jährlich um 40 Millionen Tonnen, besagt eine im Februar veröffentlichte Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Kein Wunder: Wurde ein 1997 gekaufter PC im Schnitt noch sechs Jahre lang genutzt, werden heutige Modelle oft schon nach zwei Jahren durch einen schnelleren Rechner ersetzt. Handys haben sogar nur eine durchschnittliche Lebenserwartung von 18 Monaten. Gleichzeitig kaufen sich immer mehr Menschen solche Geräte – und ersetzen sie binnen kurzer Zeit durch neue. 2004 wurden weltweit 674 Millionen Mobiltelefone verkauft, 30 Prozent mehr als im Jahr davor. Allein in China wurden 2009 siebenmal so viele Handys entsorgt wie zwei Jahre zuvor, so der UN-Bericht; in Indien sind es sogar 18 Mal so viele.

Gesundheit und Umwelt ruiniert

Viele der Hightechgeräte werden, wenn sie ersetzt und ausrangiert sind, nicht fachgerecht zerlegt, sondern fliegen in den Müll. Allein in den USA landen nach Schätzungen der US Environmental Protection Agency jährlich 4,6 Millionen Tonnen Elektroschrott auf Halden. Schätzungen zufolge werden 50 bis 80 Prozent des in den Industrieländern anfallenden Abfalls freilich exportiert – und ruinieren in Städten wie Accra, Delhi oder Lagos nicht nur die Gesundheit der Menschen, die sich mit der Zerlegung der Geräte einen eher kargen Lebensunterhalt verdienen, sondern auch die Umwelt. Erd- und Sedimentproben, die auf ghanaischen Elektroschrottlagerplätzen entnommen wurden, wiesen eine teils 100-fach höhere Belastung mit Blei und deutlich erhöhte Konzentrationen von Cadmium sowie Phthalaten auf, die in der Industrie als Weichmacher für Kunststoffe eingesetzt werden. Die Chemikalien reichern sich in Grundwasser und Boden an und drohen zu einer jahrzehntelangen Belastung zu werden. In Guyiu in China, wo 100.000 Arbeiter mit dem Zerlegen alter Elektrogeräte beschäftigt sein sollen, hat das bereits dazu geführt, dass das Trinkwasser verseucht ist.

Mitverantwortlich für die unhaltbaren Zustände sind auch deutsche Konsumenten. Diesen Schluss lässt die Ökopol-Studie im Auftrag des UBA zu, die im Frühjahr vorgelegt wurde und nicht nur die bislang konkretesten Zahlen zu den Exportmengen bei Elektroschrott nennt, sondern auch die Wege nachvollzieht, auf denen dieser gesammelt und verschifft wird. Gestützt auf komplizierte Analysen unter anderem von Zolldokumenten, kommen die Autoren zu dem Schluss, dass allein im Jahr 2008 ungefähr 155.000 Tonnen alter Elektrogeräte ins Ausland gebracht wurden, wobei es sich meist um „Geräte in sehr schlechtem Zustand“ gehandelt habe, wie aus dem deklarierten Wert von nur drei Euro zum Beispiel für einen Videomonitor hervorgeht. Vielfach gehe es um Technik, die „nach dem Import keinen Gebrauchsnutzen“ habe und „sofort als Abfall zu entsorgen“ sei – im Klartext: um Schrott.

In der Bundesrepublik greift seit März 2005 das „Gesetz über das Inverkehrbringen, die Rücknahme und die umweltverträgliche Entsorgung von Elektro- und Elektronikgeräten“, mit dem die vier Jahre zuvor verabschiedete EU-Richtlinie über „Waste Electrical and Electronic Equipment“, kurz WEEE, in nationales Recht umgesetzt wurde. Seither sind Bürger verpflichtet, ausgediente Drucker und Wäschetrockner, TV-Geräte und Computer an Sammelstellen abzugeben oder abholen zu lassen. Danach werden diese demontiert, von Schadstoffen befreit und in noch gebrauchsfähige Baugruppen oder solche Teile zerlegt, aus denen die Rohstoffe wiedergewonnen werden können –, und zwar nahezu vollständig. Geräte, die in kommunalen Sammelstellen abgegeben wurden, müssen von den Herstellern und Importeuren zurückgenommen werden. Die Organisation erfolgt durch die eigens gegründete „Stiftung Elektro-Altgeräte-Register“, die Aufsicht hat das Umweltbundesamt.

In Kellern und Garagen gehortet

Allerdings klafft zwischen Theorie und Praxis eine große Lücke. Zwar wird lobend erwähnt, dass bereits im Jahr 2006, als erstmals Daten gesammelt wurden, im Bundesdurchschnitt acht Kilo an Altgeräten pro Bürger erfasst wurden, doppelt so viel, wie als europäisches Ziel vorgegeben. Aus den Zahlen geht aber auch hervor, dass allein in jenem Jahr in der Bundesrepublik 1,8 Millionen Tonnen Elektrogeräte verkauft wurden – 22 Kilogramm pro Kopf. Lediglich gut 750.000 Tonnen wurden wieder eingesammelt. Geschätzte 350.000 Tonnen werden in Kellern und Garagen gelagert. Weitere 142.000 Tonnen vor allem an Handys und anderen Kleingeräten werden in die Mülltonne geworfen, schätzt man beim Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung. Dort weist man zudem darauf hin, dass Zahlen zur Verwertung erst in den Betrieben erfasst werden, in denen die Altgeräte fachgerecht zerlegt werden. Ein Gutteil aber kommt dort nie an: „Der Handel damit“, sagt Referent Andreas Habel, „ist gängige Praxis.“ Die Orte, an denen Elektrogeräte abgezweigt werden, die später in Afrika landen, sind dabei äußerst vielfältig, wie die UBA-Studie belegt.

Die Liste reicht von beraubten Sperrmüllsammlungen über Schrottsammlungen an der Haustür bis zum Ankauf auf Flohmärkten, in Anund Verkaufgeschäften und über Kleinanzeigen. Zu den „diffusen Quellen“, von denen UBA-Mitarbeiter Ulrich Smeddinck spricht, können aber offenbar auch Recyclinghöfe und gewerbliche Wiederverkäufer gehören, bei denen Geräte landen, die Elektromärkte im Austausch für Neugeräte zurücknehmen. Für den Export sind komplexe Netzwerke von Händlern, Agenten und Spediteuren verantwortlich, oft aber auch „Abfalltouristen“, die nach Europa kommen, genug Geräte sammeln, um einen oder zwei Container füllen zu können, und wieder abreisen. Dank einer „Mischkalkulation“ lohne sich das Geschäft, heißt es in der Studie: Der Transport ist billig, und die funktionsfähigen Geräte oder Komponenten könnten in Afrika meist für mehr Geld veräußert werden als in Deutschland.

Fatal sind derlei Exporte nicht nur, weil sie die ökologischen und Gesundheitsprobleme in den Entwicklungsländern weiter verschärfen, sondern auch, weil der Wirtschaft dadurch erhebliche Ressourcen verloren gehen. Die 2008 aus Deutschland exportierten Geräte enthielten laut UBA-Studie neben der Giftfracht aus 22 Tonnen alter Batterien und Akkus sowie 90 Kilogramm Quecksilber auch rund 37.000 Tonnen Stahl, 23.000 Tonnen Kunststoffe, 1,6 Tonnen Silber und 300 Kilogramm Gold – geschätzter Materialwert: neun Millionen Euro. Dreiviertel der Exportmenge, schätzen die Autoren, werde wegen der in aller Regel fehlenden Infrastruktur zur Abfallverwertung einfach weggeworfen – „oftmals auf ungeeigneten Flächen“. Defekte Batterien, Quecksilberschalter oder der giftige Inhalt von Kondensatoren verpesten die Umwelt. Zudem sind die Müllsortierer zwar äußerst effizient, wenn es darum geht, mit bloßen Händen Teile aus Kupfer, Aluminium und Eisen aus Geräten herauszulösen. Es gehe aber selbst im Fall, dass alle örtlichen Möglichkeiten zur Rückgewinnung genutzt werden, ein erklecklicher Teil der Edelmetalle verloren. Wegen fehlender Technologien könne das in Leiterplatten enthaltene Gold nur zu 25 Prozent wiedergewonnen werden. Nickel und Blei, Palladium und etliche Sondermetalle gingen sogar komplett verloren.

Fotos: Empa (2)

Von Hand werden alte Elektrogeräte in Indien zerlegt. Die Verfahren schaden oft der Gesundheit und wertvolle Metalle wie Gold werden nur zu einem kleinen Teil zurückgewonnen.


Eine vollständige Lösung gibt es nicht

Sowohl solche ökonomischen als auch die immer offensichtlicheren ökologischen Folgen führen zu Überlegungen, wie das Problem des Elektroschrottexports einzudämmen, wenigstens jedoch der Schaden für Umwelt und Gesundheit zu begrenzen ist. Das Problem: „Die eine, eindeutige Maßnahme, die eine vollständige Lösung verspricht, gibt es nicht“, sagt Ulrich Smeddinck vom UBA. Allein die Schilderung der undurchsichtigen Transportwege in der Studie lässt ahnen, wie schwierig es auch bei bestem Willen ist, die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen. Das Papier unterbreitet 16 Vorschläge, von der besseren Überwachung der Sammelplätze und dem Schutz von Sperrmüllsammlungen vor Raub über bessere Möglichkeit für Polizei und Ermittlungsbehörden, Zolldateien auf verdächtige Angaben zu überprüfen, bis zum Qualitätslabel für Firmen, die mit gebrauchten Elektrogeräten handeln.

Die Hürden für eine Umsetzung freilich sind hoch. Zwar hat sich inzwischen ein Arbeitskreis bei der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft „Abfall“ gebildet, der bis zum Herbst den Entwurf für eine Strategie vorlegen will. Er steht aber vor einem respektablen Berg Arbeit; schließlich sind für die verschiedenen Aspekte des Themas die Kommunen und die Länder, Staatsanwaltschaften, die Ministerien für Umwelt, Finanzen und Entwicklungszusammenarbeit und die Hersteller zuständig. Für Kopfzerbrechen sorgen Fragen der behördlichen Zuständigkeit ebenso wie des Datenschutzes. Wirkung verspricht man sich zudem erst von der Umsetzung möglichst vieler Maßnahmen. Und schließlich weist Smeddinck darauf hin, dass es sich um eine Problematik handelt, die „nicht allein national gelöst werden kann“. Zu den wichtigsten Aufgaben gehört es nach Meinung der Fachleute, die vorhandenen Kriterien zur besseren Abgrenzung von gebrauchten, aber noch funktionierenden Geräten zu Elektroschrott auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen.

Das soll bei der anstehenden Novellierung der WEEE-Richtlinie geschehen, hofft Smeddinck. Der Umweltausschuss des EU-Parlaments hat sich im Juni mit dem Thema befasst. Er setzt unter anderem auf eine „Beweislastumkehr“: Bei Kontrollen soll künftig der Exporteur und nicht mehr der Zoll nachweisen müssen, dass es sich um gebrauchsfähige Geräte und nicht um Elektroschrott handelt, erklärt der CDU-Europaabgeordnete Horst Schnellhardt.

Der Ausschuss plädiert zudem für eine Erhöhung des europaweiten Sammelziels. Statt wie bisher vier Kilogramm pro Einwohner, sollen ab 2016 nun 85 Prozent des in einem Land anfallenden Elektroschrotts erfasst und verwertet werden. Zudem soll es einheitlichere Standards für die Sammlung, Behandlung und Wiederverwertung geben. Ob die Vorschläge im EU-Parlament bestätigt werden, bleibt abzuwarten.

Muss es wirklich schon wieder ein Neues sein? Im Schnitt alle 18 Monate ersetzen Deutsche ihr Handy. Einige Organisationen sammeln gebrauchte Geräte – für neue Nutzer oder zum Zerlegen.


Foto: irisblende.de

Auf dicke Fische konzentrieren

Klar ist dagegen bereits jetzt, dass auch künftig eine flächendeckende Kontrolle kaum möglich sein wird. „Man muss sich auf die dicken Fische konzentrieren“, sagt Smeddinck, sowohl, was Sammelplätze anbelangt als auch bei der stichprobenartigen Überprüfung etwa des Umschlags in den Häfen. Der UBA-Mann weiß aus eigener Anschauung, dass das Öffnen von Containern, in denen Elektroschrott vermutet wird, und die Prüfung der Geräte auf Funktionstüchtigkeit ungeheuer zeitaufwendig ist und die Abläufe im Hafen „brutal unterbricht“. Bislang stoßen Behörden eher zufällig auf illegale Exporte von Elektroschrott, etwa, als Zollbeamte im Januar auf der Autobahn 3 bei Gießen einen Lkw anhielten, auf dessen Ladefläche ein Kleintransporter mit vernieteten Türen stand. In dessen Innerem entdeckten sie ausrangierte Kochplatten, Bügeleisen und Computer. Der Transporter sollte über Antwerpen nach Nigeria verschifft werden.

Das UBA verweist daneben auf eine Strategie, die auch Greenpeace ins Zentrum einer internationalen Kampagne stellt. Adressat sind die Hersteller. Weil Exporte von Elektrogeräten kaum vollständig zu vermeiden sind, setzt die Umweltorganisation unter dem Stichwort „Clean up!“ auf die Begrenzung der ökologischen Folgen. Hersteller sollen besonders schädliche Substanzen wie Flammenhemmer oder PVC aus neuen Handys und Rechnern verbannen, ein Ziel, das auch von einer EU-Richtlinie von 2002 vorgegeben wird. Zudem sollen die Elektronikkonzerne volle Verantwortung für ihre Produkte bis zu deren „Lebensende“ übernehmen, indem sie diese einsammeln und selbst fachgerecht entsorgen. Die „vollständige individuelle Verantwortung der Hersteller“ sei in der WEEE-Richtlinie bisher nicht klar genug festgeschrieben, sagt Tim Dowdall, Koordinator der Kampagne bei Greenpeace International in Amsterdam. Zudem werde diese in den Mitgliedsstaaten „oft nur sehr unzureichend umgesetzt“.

Die Umweltschutzorganisation unterstützt deshalb eine, wie Dowdall es formuliert, „Koalition fortschrittlicher Unternehmen“, die im Zuge der laufenden WEEE-Überarbeitung auf eine Stärkung der Herstellerverantwortung drängen. Vor allem aber gibt Greenpeace regelmäßig selbst den „Guide to Greener Electronics“ heraus, der dokumentiert, wie erfolgreich die wichtigsten Produzenten beim Kampf gegen Schadstoffe und das Elektromüllproblem sind. Auf einer knallbunten Skala von eins bis zehn rangierten im Mai 2010 der Konsolenhersteller Nintendo und Laptopproduzent Lenovo im tiefroten Bereich; die besten Noten erhielten die Mobilfunkunternehmen Sony Ericsson und Nokia.

Schon beim Kauf auf Schadstoffe achten

Klar ist allerdings auch, dass selbst die engagiertesten Bemühungen verpuffen, solange die Nutzer der Geräte beim Kauf neuer Technik zwar auf elegante Monitore, große Arbeitsspeicher und niedrigen Stromverbrauch achten, aber Hinweise dazu übersehen, ob der Rechner weniger Schadstoffe als üblich enthält. Und auch der Hinweis, wo ein ausgemustertes Mobiltelefon zurückgegeben werden kann, nutzt wenig, wenn er von den Käufern überlesen wird. Hin und wieder wird überlegt, ob das Elektrorecycling mit kleinen finanziellen Anreizen in Schwung gebracht werden kann: Aus Frankreich wurde im Juni 2009 gemeldet, dass die Regierung über ein „Handypfand“ nachdenke. In Rede stand eine „Umweltgebühr“ in Höhe von fünf Euro, die beim Kauf eines Telefons entrichtet und nach dessen Rückgabe an den Anbieter zurückerstattet werden sollte.

Umgesetzt sind die Pläne, die UBA-Experte Ulrich Smeddinck durchaus sympathisch findet, bisher freilich nicht, und auch in der Bundesrepublik werden derlei Maßnahmen derzeit nicht diskutiert. Die UBA-Studie setzt daher vorerst auf Einsicht bei Konsumenten und fordert, die Öffentlichkeit solle „verstärkt über die eigene Rolle im Zusammenhang mit dem Export von Elektronikaltgeräten und dessen negativen Folgen informiert werden“. Eigentlich, sagt Andreas Habel vom Entsorgerverband bvse, müsste man „schon in den Schulen ansetzen und erklären, dass die Geräte nicht in den Hausmüll gehören“. Womöglich kühlt das innige Verhältnis zum Mobiltelefon nach dessen Hinscheiden weniger stark ab, wenn die Besitzer erfahren, welche Schatzkästchen sie für ihre Turtel-SMS oder zum Musikhören verwendeten: Die Handys von 41 Schülern enthalten zusammen ein Gramm Gold.

Kompakt

Abgabe bei kommunalen Sammelstellen
Bereits seit 2006 dürfen ausgediente Elektro- und Elektronikgeräte in Deutschland nicht mehr in den Müll geworfen werden, sondern müssen gesondert gesammelt werden. Sie können bei kommunalen Sammelstellen kostenfrei abgegeben werden. Dort werden sie sortiert und bei der Stiftung Elektro-Altgeräte-Register angemeldet. Diese vergibt den Auftrag zu Abholung und Entsorgung an einen der registrierten Hersteller. Diese lassen die Geräte von einem Verwerter abholen. Zunächst werden sie in einer zertifizierten Erstbehandlungsanlage von Schadstoffen befreit und demontiert; später verwertet man die einzelnen Materialfraktionen weiter. Am Sammelverfahren gibt es Kritik; moniert wird etwa, dass die Demontagebetriebe keinen direkten Einfluss mehr auf das Sammeln des Schrottes haben. Dieser wird deshalb nicht immer sorgfältig behandelt, was die Wiederverwertung erschwert. Auch ist ein Handel mit alten Geräten nicht völlig ausgeschlossen. Dennoch betrachten Experten die Abgabe bei kommunalen Sammelstellen (oder Wertstoffhöfen) als sichersten Weg für Verbraucher, die vermeiden wollen, dass ihre alten Geräte in den Export gelangen.

Sicher und für den guten Zweck
Wer sichergehen möchte, dass sein gebrauchtes Handy fachgerecht zerlegt wird und zudem einen guten Zweck erfüllt, kann es in einem gemeinsamen Projekt von Deutscher Umwelthilfe (DUH) und Telekom abgeben, das seit 2003 besteht und zwischen 60.000 und 100.000 Geräte im Jahr erfasst. Die Telefone können in allen Telekom-Läden abgegeben oder nach Herunterladen eines Versandetiketts im Internet ohne Kosten eingeschickt werden. Zu 90 Prozent handle es sich um defekte oder sehr alte Geräte, die zur Rückgewinnung des Materials genutzt werden, sagt DUH-Projektbetreuer Stefan Holzmann. Ein Teil wird auch weiterverkauft. Einen Teil der Erlöse spendet die Telekom für Umwelt- und Naturschutzprojekte der DUH.

Nützliche Links

■ Greenpeace International über Elektroschrott sowie den Guide to Greener Electronics (englische Seite): http://www.greenpeace.org/international/en/campaigns/ toxics/electronics/

■ Informationen des Umweltbundesamtes mit einer Studie über Elektroschrott in Deutschland: http://www.umweltbundesamt.de/abfallwirtschaft/index.htm

■ Informationen der Deutschen Umwelthilfe zu Elektroschrott und dem Handy-Sammelprojekt mit der Telekom: www.duh.de/althandy.html

Interview: Alte Handys sind zu wertvoll für den Müll

Michael Bueltmann ist Sprecher der Geschäftsführung von Nokia Deutschland.


ÖKO-TEST: Im „Guide to Greener Electronics“, den Greenpeace regelmäßig veröffentlicht, belegt Nokia den Spitzenplatz. Was treibt Ihr Unternehmen dazu, besonders „grün“ sein zu wollen?
Bueltmann: Solche Rankings spornen uns an, sind aber nicht die Triebfeder. Verantwortlichkeit für die Umwelt ist Teil unserer Unternehmensstrategie. Wir glauben, dass ein vernünftiger Umgang mit den Ressourcen für künftige Generationen wichtig ist. Und wir gehen davon aus, dass Kunden so etwas zu schätzen wissen und sich dadurch mit der Marke identifizieren.

ÖKO-TEST: Um Umweltschäden durch Elektroschrott zu verringern, müssen unter anderem schädliche und giftige Stoffe aus Mobiltelefonen verbannt werden. Gelingt Ihnen das?
Bueltmann: Stoffe, die mit dem Wissensstand von heute als schädlich angesehen werden, möchten wir zu 100 Prozent vermeiden. Seit 2006 enthalten unsere Telefone kein PVC mehr. Auch Berilliumoxid und Antimon-Trioxid verwenden wir schon längere Zeit nicht mehr; Geräte, die 2010 auf den Markt kommen, sind zudem frei von bromierten Flammschutzmitteln.

ÖKO-TEST: Teilweise wird die Verbannung dieser Stoffe von EU-Richtlinien verlangt. Kommen Sie nicht nur gesetzlichen Vorgaben nach?
Bueltmann: Wir stehen nicht in einem Wettbewerb mit Behörden und warten nicht auf die Normgeber. Wenn unsere Forschung erkennt, dass Stoffe beim Recycling problematisch sind, und es Alternativen dazu gibt, dann versuchen wir, diese zu ersetzen. Die Ergebnisse stellen wir allen Interessierten zur Verfügung.

ÖKO-TEST: Könnten Sie nicht auch stärker auf allgemein verbindliche Regeln zur Verbannung schädlicher Stoffe drängen?
Bueltmann: Wir beteiligen uns gern aktiv an der Diskussion, aber ich glaube nicht, dass wir gefordert sind, an Gesetzesvorhaben mitzuwirken. Solche Vorschläge aus der Industrie sind nicht immer gern gesehen. Wir sprechen über unsere Erfahrungen in verschiedenen Gremien zum Beispiel bei der EU und denken, dass diese sie sachgerecht umsetzt.

ÖKO-TEST: Viele alte Handys landen im Müll oder als Elektroschrott in Entwicklungsländern. Kritiker sehen die Hersteller in der Pflicht, sich stärker um die gebrauchten Geräte zu kümmern. Wie kommt Nokia dem nach?
Bueltmann: Unsere Kunden können an weltweit 5.000 sogenannten Care Points gebrauchte Handys und Zubehör zurückgeben, um sie einer fachmännischen Verwertung zuzuführen. In den Geschäften stehen dazu auffällige grüne Boxen. Wir haben Pilotprojekte beispielsweise auch in China und Indien durchgeführt, die von den Medien positiv begleitet wurden. Wir sehen das als Beitrag zum Umweltschutz, wollen aber auch vermeiden, dass Komponenten nicht fachmännisch wieder zusammengefügt werden. Das ist, wenn man sich überlegt, welche Ströme in Akkus fließen, auch eine Frage der Sicherheit.

ÖKO-TEST: Wie erreichen Sie Kunden, die ihr Handy nicht in einem Nokia-Geschäft kaufen?
Bueltmann: Ich gehe davon aus, dass auch Netzbetreiber in ihren Filialen Altgeräte zurücknehmen. Das Problem ist allerdings, dass viele Nutzer ihre Telefone zunächst gar nicht zurückgeben wollen, weil sie es als Reservegerät aufheben oder an andere Nutzer weitergeben.

ÖKO-TEST: Wie viele Ihrer verkauften Geräte werden derzeit zurückgegeben?
Bueltmann: Zu wenige. Der Rücklauf liegt deutlich unter zehn, eher bei fünf Prozent.

ÖKO-TEST: Könnte ein Handypfand die Quote erhöhen?
Bueltmann: Wir sind bei Ansätzen, die nicht auf Freiwilligkeit und die Überzeugung der Konsumenten aufbauen, eher zurückhaltend. Zu fürchten ist, dass solche Ansätze eine aufwendige Verwaltung nach sich ziehen. Das ist auch nicht im Sinne des Umweltgedankens. Wir bauen darauf, dass Kunden sich zunehmend dafür interessieren, wie ein Unternehmen produziert und wie nachhaltig seine Produktion und die Produkte sind. Wir bemühen uns, dem gerecht zu werden: Die Verpackungen sind kleiner und bestehen generell aus Material, das recycelt worden ist. Das Material der Handys kann bereits zu 80 Prozent zurückgewonnen werden und in zwei bis drei Jahren werden es 100 Prozent sein. Das sollten unsere Kunden wissen – und ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass gebrauchte Geräte einfach zu wertvoll sind, um sie in den Müll zu werfen.