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„Es tut immer noch weh“


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Mehr als ein Spiel Brasilien Deutschland 2014 - epaper ⋅ Ausgabe 1/2014 vom 18.12.2014
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Der erste Eindruck? Diese Locken! Dann: Dieses Lachen! Betritt Dante einen Raum, kommen Locken & Lachen durch dieTür. Die „Bar Italia“ in Grünwald, der mediterrane Mittagstreff unweit der Säbener Straße. Dante, der buntesteTyp des FC Bayern München, kommt an diesem Novembertag wie das Wetter daher: Dunkel, im grauen Trainingsanzug. Und er kommt nicht allein zum Interview-Termin. Er kommt mit einem Rastafari und einem Totenkopf. Den Totenkopf trägt er auf seinen legeren Klamotten, der Rastafari ist seine Begleitung. Doga, sein Onkel, der Tattoo-Meister. Er lebt in Salvador, Dantes Geburts- und Heimatstadt, und ist auf Besuch in München. Von ihm hat Dante seine Tattoos.

So ist seine Familie immer bei ihm. Die Kinder Sophia und Diogo, die mit „Cadeau de Dieu“ und „Presente de Deus“, also „Geschenk Gottes“, verewigt wurden. Der Name seiner Frau Jocelina steht auf der rechten Handgelenkinnenseite. Auf ...

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... der rechten Schulter trägt Dante die Abwandlung eines Maori-Kriegstattoos, auf der linken eine Jesusfigur. Das Ergebnis der Kunst von Doga.

Dante kommt vom Vormittagstraining, eine eher traurige Einheit. Es ist Länderspielpause, nur die Nicht-Nationalspieler halten sich fit oder eben die Nicht-Mehr-Nationalspieler wie Dante. Der 31-Jährige setzt sich, er bestellt einen Cappuccino, sein Onkel auch. Dante weiß um das Thema. Das 1:7. „Wie lange brauchen wir?“, fragt er. „Ach, mindestens eine halbe Stunde.“

30 Minuten Aufarbeitung für die fat alsten 90 Fußballminuten seines Lebens.

„Okay. Was ist die Überraschung, von der Du geschrieben hast?“

Ich hole eineTüte hervor, lege ein gefaltetesTrikot in die Mitte desTisches. Zu sehen ist nur der Kanarien-gelbe Stoff und das Logo des brasilianischen Verbandes. Dante lächelt, neugierig, was da kommt. Ich falte es auf, er hebt die Augenbrauen. Halb Seleção, halb Deutschland, halb Eins-zu-Sieben, halb Weltmeister – und eine volle Dröhnung Ad-hoc-Erinnerung. Es arbeitet in Dante. Seine Gedanken fliegen jetzt von München-Grünwald nach Belo Horizonte, zu jenem 8. Juli. Verfluchte Zeitreise. „Schön“, sagt er, gespielt teilnahmslos und tippt etwas in sein Handy.

Es muss sich anfühlen wie damals in der Schule, wenn man schon weiß, dass man eine 6 in der Klausur geschrieben hat und der Lehrer zum persönlichen Gespräch bittet. Das Nachsitzen beginnt.

Er bestellt, spricht Italienisch. Wie selbstverständlich. Nennt den Kellner „Bello“ oder „Amigo“. Er wählt Tomate-Mozzarella. „Du auch?“ Wenn es echter Büffelmozzarella ist, „dann schmeckt es so richtig“, erklärt er. Und los geht’s. Kein Abtasten. Gleich mitten rein in die Wunde. Der Mann hält das aus.

Der Blick zurück

Wie muss man sich das vorstellen: Kommen die Bilder vom 1:7 immer wieder hoch?

Ja, klar. Die Leute wollen mit mir darüber reden, stellen Fragen. Es tut immer noch weh. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Es ist wie eine Anklage an seinen Gegenüber. Er spürt: Da muss er durch. Er wehrt sich aber nicht. Ich muss damit leben – wohl bis ans Ende meinerTage. Aber ich bin erwachsen genug, um das zu verstehen. Und um zu wissen, dass man im Leben nach vorne schauen muss. Für mich heißt das: Mein Bestes für den FC Bayern zu geben, hier hart zu arbeiten.

Mal davon geträumt?

Nein. Nicht viel… Ein bisschen.

Und was ist, wenn auf irgendeinem Kanal die Bilder vom 1:7 laufen? Zappen Sie dann weg? Mit wütendem Druck auf die Fernbedienung?

Nein, wenn es zufällig kommt, schaue ich hin.

Das ganze Spiel schon angeschaut?

Ausschnitte, nicht ganz. Aber ich habe mir auch unser Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund 2013 in Wembley nie ganz angesehen. Später einmal.

Wann später?

Nach meiner Karriere. Dann schaue ich alles noch mal an. Auch solche Niederlagen wie das 1:7. Das ist auch einTeil meiner Karriere. Es gehört jetzt dazu. Diese Bilder im Kopf. Dante hat wieder einen Fuß in derTür zur Erinnerung. Das 1:7 lebt. Als Flashback. Er ist tapfer. Und bereit für das große Ganze.

Wieviel hätte der WM-Titel den Brasilianern bedeutet?

Im Grunde waren wir verpflichtet, unsere Heim-WM zu gewinnen. Es war der große Traum der gesamten Nation.

Hat Ihnen das Spiel geschadet? Hat Ihr Ruf gelitten?

Nein, das glaube ich nicht. Ich habe im Laufe meiner Karriere zu viele Schlachten gewonnen; man kann meine Karriere doch jetzt nicht auf diese 90 Minuten gegen Deutschland reduzieren. Ein einzelnes Spiel kann nicht das aufheben, was ich in meinen zwölf Jahren als Profi erreicht habe.

Was kann man aus einem 1:7 lernen?

Viel. Einmal, dass man in jedem Spiel, egal wie es steht, egal, welche Qualität man hat, clever agieren muss. Und es geht darum, nach so einem Negativ-Erlebnis schnell wieder dein Niveau zu finden. Was im Kopf passiert, ist auch ein Spiel. Und dieses Spiel musst du gewinnen. Du musst trotz dieses Schocks im Kopf stärker sein als vorher, das ist die Herausforderung. Auch im Umgang mit Menschen habe ich viel gelernt. Was meinen Sie? Wenn es gut läuft, wenn du erfolgreich bist, hast du plötzlich ganz viele Leute um dich herum. All diese Schulterklopfer, all diejenigen, die am Ruhm partizipieren wollen. Aber dann braucht man keine Unterstützung. Nur in schlechten Tagen. Wenn es nicht läuft, sind viele weg. Das ist leider so. Ich habe gesehen: Wer ist bei mir, wenn ich ihn wirklich brauche? Nun kenne ich meine echten Freunde.

Sie sind sehr gläubig.

Gott hat mir in meinem Leben so viel gegeben. Wenn ich sehe, wo ich herkomme ... Dass ich hier bei Bayern spielen darf, dass ich Nationalspieler wurde, all die Titel, die ich gewonnen habe. Also muss ich auch akzeptieren, was an diesem Tag geschehen ist. Das gehört dazu. Vielleicht ist es auch einTest für mich, eine Aufgabe, die Gott mir nun gestellt hat: wie verhalte ich mich nach dieser großer Enttäuschung? Du brauchst Persönlichkeit und Charakter, um damit umzugehen.

Dante ist ernst geworden in den letzten Minuten. Ich quäle ihn. Er tut mir leid, er stochert in seinem Teller herum, blickt nur selten auf. Als wäre der Teller ein Bildschirm, auf dem diese Bilder noch einmal ablaufen.

Die Emotionen

Ich zeige ihm Fotos von den Szenen nach Abpfiff. Wie Schweinsteiger, Kroos und Müller ihn trösten. Was haben sie gesagt?

„Kopf hoch, Dante! Das wird wieder! Bei Bayern werden wir gemeinsam Erfolg haben.“ Und immer wieder: „Das war kein normales Spiel.“ Sie alle kennen mich. Sie wissen, dass ich immer mit ganzem Herzen spiele, dass ich immer alles gebe, was ich kann. EinenTag danach hat mir Jérôme eine SMS geschickt, das war sehr nett. Mit Basti habe ich telefoniert. Es hat mich sehr gefreut, dass sie mich unterstützt haben.

Will man da nicht eigentlich alleine sein in den Momenten nach Abpfiff? Luiz Gustavo, David Luiz, viele Ihrer Mitspieler sind auf die Knie gesunken und haben gebetet.

Ich war sehr, sehr traurig. Mir hat es geholfen, dass die Jungs zu mir kamen. Es hat mich gefreut. Aber klar, auch sie konnten nichts mehr ändern am Ergebnis.

Júlio César hat ein rührendes TV-Interview gegeben, eine Selbstanklage mit Tränen in den Augen. David Luiz hat beim Gang in die Kabine hemmungslos geweint. Sie auch?

Nein. Ich bin keiner, der in so einer Situation weint. Ich zeige meine Enttäuschung, meine Traurigkeit anders, mehr nach innen.

Was hat Trainer Scolari in der Kabine gesagt nachdem es endlich vorbei war?

Es war ein Schock für alle. Wir haben nicht so viel darüber geredet, das wäre der falsche Moment gewesen. Wir hatten keinen Kopf dafür, waren traurig, leer, enttäuscht. Scolari meinte nur, dass wir am nächsten Tag darüber reden werden. Und dass wir gemeinsam bis hierhin gekommen sind und dass wir auch gemeinsam, als Team, geschlossen, von diesem Ort weggehen. Ohne gegenseitige Anschuldigungen. Doga, der Tattoo-Onkel, der ihm im Falle des WM-Titels ein frisches Stück Erinnerung hätte stechen sollen, hört uns nicht zu. Er versteht kein Deutsch, nur ein paar Brocken und stochert daher in seinem Handy herum. Er ist als guter Geist mitgekommen. Dante bestellt frischen Fisch, gegrillt, mit Safranrisotto und Spinat. Doga winkt ab, trinktWasser.

Das Vorher

Wer aus der Familie war damals in Belo Horizonte im Stadion?

Meine Frau Jocelina, meine Kinder. Einer meiner Brüder, zwei Onkel und zwei Freunde. Jeder Spieler hat etwa zehn Karten von unserem Verband bekommen. Auch wenn ich nicht sehen konnte, wo sie sitzen, habe ich gespürt, wie mich die Familie unterstützt. Speziell dass meine Kinder da waren, hat mich sehr gefreut. Ich war unglaublich motiviert.

Ab wann wussten Sie, dass Sie spielen?

Erst amTag davor, da hat es mir Scolari gesagt. Aber schon in dem Moment, als unser Kapitän Thiago Silva im Viertelfinale gegen Kolumbien die Gelbe Karte bekam und damit fürs Halbfinale gesperrt war, dachte ich auf der Ersatzbank: Okay, gegen Deutschland bist du dran. Das ist deine Chance, das wird dein Spiel.

Das DFB-Team hatte zuvor am Nachmittag die Hitzeschlacht von Rio gegen Frankreich mit 1:0 gewonnen.

Genau. Ich war optimistisch, Brasilien nun im nächsten Spiel helfen zu können. Vor dem Anpfiff war ich einfach nur glücklich.

Dante gegen Deutschland. Zuvor spielten Sie keine einzige Minute während der WM. Eine unglaubliche Geschichte.

Es war wie ein Geschenk. Wenn ich mir einen Gegner für dieses Spiel hätte wünschen können, wäre es Deutschland gewesen. Ich will mich immer mit den bestenTeams messen – das gefällt mir.

War die Anspannung höher als in einem Champions-League-Finale?

Nein, trotz des gewaltigen Drucks in Brasilien. Das Komische war doch, dass ich gegen meine Jungs gespielt habe, die ich so gut aus dem Verein kenne. Gegen Basti, Toni, Thomas, Jérôme, Philipp und Manu natürlich. Nur Mario Götze aus dem damaligen Bayern-Kader saß auf der Bank, kam nicht zum Einsatz.

Hat Scolari speziell mit Ihnen gesprochen, um sich Hilfe zu holen?

Ja, Luiz Gustavo und ich konnten ihm ein paar Tipps geben. Aber für den brasilianischen Verband arbeiten natürlich auch sehr viele Scouts und Spielbeobachter. Der Fisch war wunderbar. „Buonissimo“, sagt Dante dem Kellner und strahlt ihn an. Er hat aufgegessen. Nun aber nochmal zurück nach Belo Horizonte, hinein ins Spiel. Auf der Suche nach Gründen. Nach Erklärungen. Nach Fehlern.

Das Spiel

Haben Sie sich nicht ohnmächtig gefühlt in der ersten Halbzeit? Bei diesem Spielverlauf? Fünf Tore ...

Von Beginn an hatten wir eine ganz schlechte Organisation. Unser Mittelfeld war komplett offen. Manchmal gibt es solche Spiele, verrückte Spiele. Etwa unser Spiel mit Bayern in der Champions League in Rom, auch ein 7:1. Wenn du gegen eine deutsche Mannschaft keine Ordnung in deinem Spiel hast, dann bekommst du immer Probleme. Sie nutzen das gnadenlos aus. Das ist die deutsche Mentalität. Da musst du psychologisch stark sein.

Hat Brasilien das Spiel im Kopf verloren?

Als wir das zweiteTor kassiert haben, rief ich meinen Mitspielern zu: „Leute, wir müssen jetzt hinten dicht machen, alle hinter dem Ball bleiben!“ Aber keiner hat sich daran gehalten, wir sind alle noch mehr nach vorne gegangen und haben uns damit alles kaputt gemacht. Wir hätten zunächst abwarten müssen, defensiv gut stehen. Bei einem der deutschen Konter stand ich hinten alleine gegen drei. Alleine!

Wann war es vorbei?

Nach dem dritten Tor.

Die 25. Minute. Das 3:0 vonToni Kroos.

Ja, denn wer schießt schon dreiTore in einem WM-Spiel gegen Deutschland? Sie haben ja Manu. Manuel Neuer ist der beste Torhüter der Welt. Außerdem spielen die Deutschen überragend, wenn sie in Ballbesitz sind.

Was ist in der Halbzeit passiert? Wurde vorne marschiert in Halbzeit zwei. Kurz vor Schluss gab es eine Szene, in der Özil alleine auf Júlio César zulief, die Chance aber etwas leichtfertig vergab. Mann, Bastian Schweinsteiger war selbst da noch richtig sauer.

Gab es irgendeine Art von Absprache? Ein Friedensangebot? Ein Gnadengesuch?

Nein, wirklich nicht. Jeder muss einfach seine Arbeit machen – egal wie es steht. Ich kann doch nicht einem meiner Bayern-Kumpel auf dem Platz sagen: Bitte, macht jetzt langsamer!

Die brasilianische Presse hat spekuliert, dass die Deutschen nach dem 5:0 in der Pause beschlossen hätten, Brasilien nicht weiter zu demütigen.

Davon weiß ich nichts, das kann ich mir auch nicht vorstellen. An diesem Tag kam einfach alles zusammen. Niemand hätte gedacht, dass so etwas jemals bei einer WM passieren könnte. Und erst recht nicht uns. Dante spricht wieder langsamer, schaut an mir vorbei. Es tut immer noch weh. Es war ein schwarzer Tag für alle Brasilianer.

Das Nachher

Wann haben Sie nach Abpfiff zum ersten Mal mit der Familie gesprochen?

Wir konnten uns leider nicht vor Ort sehen. Wir Spieler fuhren direkt mit dem Bus ins Mannschaftshotel. Zwei, drei Stunden nach dem Abpfiff haben wir dann telefoniert. Unangenehme Gespräche, klar. Was sollte ich auch

überhaupt gesprochen? Redet man bei 0:5 noch überTaktik oder nur noch über Ehre?

Scolari hat nicht viel gesagt. Nur, dass wir unseren Kopf einschalten müssen, mit mehr Aggressivität spielen. Aber – tja ...

Nach der Halbzeit wurde es etwas erträglicher. Es dauerte immerhin bis zur 69. Minute, ehe Schürrle zum 0:6 traf.

Deutschland ist schon noch ganz schön nach groß sagen? Meine Frau, die Geschwister, die Onkel – sie waren natürlich alle sehr, sehr enttäuscht. Ein kollektiver Schockzustand. Im Spiel um Platz drei am 12. Juli in Brasilia saß Dante wieder auf der Bank, Thiago Silva kehrte zurück ins Team. Die Tragödie setzte sich fort. Anstatt einerWiedergutmachung setzte es von den Niederländern ein 0:3. Die Seleção wurde Vierte, die schlimmste aller Platzierungen.

Wo haben Sie das Finale verfolgt?

Zu Hause in Salvador, mit der Familie. Danach bin ich mit meiner Frau nach Cancún in Mexiko geflogen. Urlaub zu zweit. Das war länger geplant, auch für den Fall, dass wir mit Brasilien den Titel geholt hätten. Jocelina und ich brauchten etwas Ruhe und Abstand, danach sind wir zurück nach Salvador.

Zu Ihren Großeltern. Ins Haus, in dem Sie aufgewachsen sind.

Eine gute Entscheidung. Weil so konnte ich meinen geliebten Opa João noch einmal sehen. Mittlerweile ist er tot, er verstarb Mitte August. Er litt in den letzten Jahren unter Alzheimer. Ich konnte leider nicht zur Beerdigung fliegen, weil wir mit Bayern im Pokal in Münster gespielt haben. Für meine Oma Odair ist das alles nun sehr schwierig.

Für wen haben Sie im Finale gehalten?

Für Deutschland – das ist doch klar, oder? Als Brasilianer will man nicht, dass Argentinien Weltmeister wird. Es war ein enges, knappes Spiel, inklusive Verlängerung. Aber das ist normal in einem Finale mit all den Emotionen. Ein sehr enges, knappes Spiel – hätte das Halbfinale auch werden sollen. Dante spricht es nicht aus, aber seine Augen verraten es. Ich habe mich sehr gefreut, dass Mario das entscheidende Tor gemacht hat, ein Super-Tor! Noch in der Nacht habe ich all meinen Bayern-Mitspieler per SMS gratuliert.

Als Sie im August wieder insTraining beim FC Bayern eingestiegen sind gemeinsam mit den sechs Weltmeistern: War das 1:7 noch ein Thema?

Nein, kaum. Auch mit Pep Guardiola nicht. Verstanden. In dem Fall: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Aber wir sind noch nicht fertig. Ein paar unangenehme Fragen warten noch.

Schauen Sie die Spiele der Seleção derzeit im TV an oder schmerzt das zu sehr?

Klar, ich war doch einTeil von ihr. Ich habe da noch viele Freunde, mit denen ich weiter in gutem Kontakt bin. Mit Luiz Gustavo, mit Neymar. Ich wünsche ihnen viel Glück und drücke ihnen die Daumen.

Spielen Sie jemals wieder für Brasilien? Ist da noch ein Funken Hoffnung?

Schwierig, sehr schwierig. Ich bin jetzt 31 Jahre alt. Manche Spieler bekommen eine zweite Chance. Aber Dunga, der neue Trainer, muss ja jetzt jüngere Spielern testen. Das verstehe ich. Ich will jetzt Bayern München helfen, hier alles geben, in allen Wettbewerben Titel gewinnen. Hat Dunga Sie mal angerufen? Nein. Wenn der Coach mich braucht, kann er auf mich zählen. Außerdem ist es ja so, dass mein Name nicht mit einem großen Erfolg verbunden ist. Als Campéon bleibst du ewig im Gedächtnis der Leute. Aber wenn so etwas passiert ...

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

Unter diesem Motto startete die brasilianische Nationalelf nach der „Stunde Null“ bei der Heim-WM in das Leben danach. Mit einem neuen, alten Coach. Carlos Dunga (51), früher unter anderem Profi beim VfB Stuttgart, wurde als Chef der Seleção zurückgeholt. Ab 2006 trainierte er die wichtigste Auswahl des Landes, scheiterte bei der WM 2010 in Südafrika jedoch im Viertelfinale. Nun der Neustart. Sechs Spiele, sechs Siege – so Dungas Bilanz seit September. Gegen die Latino-Rivalen Kolumbien und Ecuador gewann man 1:0, gegen Erzfeind Argentinien 2:0. Danach folgten Pflichtsiege gegen Japan (4:0), in der Türkei (4:0) und in Österreich (2:1). Noch dabei: Dantes Kumpel Luiz Gustavo, der Ex-Bayer und heutige Wolfsburger. Neu dabei: Hoffenheims Firmino. Und immer noch der Superstar: Neymar vom FC Barcelona. Er ist der Hoffnungsträger für 2018. Beim nächsten Anlauf auf den sechsten Titel.

Im Grunde waren Sie lediglich 17 Monate Nationalspieler. Vom Debüt in Wembley gegen England im Februar 2013 bis zu jenem 1:7 von Belo Horizonte. Dass Sie mit erst 29 Jahren Ihre Premiere im Seleção-Trikot feierten war eine Sensation – aber mit gerade 14 Einsätzen ein zu kurzes Vergnügen, oder?

Unglaublich, wenn ich daran denke. Nur eineinhalb Jahre vor der WM kam ich dazu, wir gewannen den Confed Cup 2013. Er lächelt. Seine Augen strahlen. Endlich mal wieder. Es war genau die richtige Zeit, sehr intensiv, mit vielen tollen Erinnerungen.

Der Blick nach vorn

Trotz dieser Demütigung der Deutschen, trotz dieses 1:7, haben Sie nun ein neues Ziel: die Einbürgerung.

Ja. Nach sieben Jahren in Deutschland, also im Januar 2016, kann ich den Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft stellen. Ich wünsche mir sehr, dann den deutschen Pass zu bekommen. Am liebsten würde ich bis zum Ende meiner Karriere beim FC Bayern bleiben. Noch habe ich zweieinhalb Jahre Vertrag. Es kann gut sein, dass ich auch danach mit meiner Familie hier bleibe – vielleicht nicht bis zum Ende meines Lebens, aber mal schauen.

Der Integrationstest wird eher kein Problem, oder?

Ich hoffe. Ich werde mich hinsetzen und – wie heißt es? Richtig büffeln. Lernen. Ich werde jedenfalls alles geben.

Die letzte Frage: Sind Sie froh, dieWM erlebt zu haben? Oder hätten Sie angesichts dieses 1:7 lieber ganz darauf verzichtet?

Dabei zu sein war das große Ziel. Aber mir reicht das nicht. Sobald ich ein Ziel erreicht habe, zählt nur noch das nächste. Natürlich war ich froh, einTeil der Seleção gewesen zu sein, aber ich wollte den Titel. Ja und nein – vielleicht aber doch? Dante ist unsicher, überlegt. In die Stille hinein frage ich nochmal anders.

Wenn Sie irgendwann, mit 70, 80 Jahren, als Rentner im Schaukelstuhl auf die WM 2014 zurückblicken, was zählt mehr?

Ich habe an der WM teilgenommen, das war meinTraum. Ja, das zählt mehr. Ich habe jeden Moment genossen. Dante schaut süß-sauer, grinst etwas gequält. Für einen Augenblick war es weg, das 1:7. Okay, nicht jeden ...

EIN TRIKOT HILFT

Mehr als ein Trikot. Das „Halb-Halb“-Shirt – zusammen genäht aus einem Deutschland-Trikot und dem Dress der Seleção, ließ selbst Dante noch mal schmunzeln. Der Star des FC Bayern setzte nach dem Interviewtermin in München auf „seiner“ Seite sein Autogramm, die Unterschrift von Toni Kroos folgte am nächsten Tag, beim Termin in Berlin. Nun wird es versteigert. Dem Vorschlag der beiden folgend, fließt der Erlös SOS Kinderdörfern weltweit zu.

Die Auktion wird über die Plattform United Charity abgewickelt. Wie Sie mitbieten können, erfahren Sie im Dezember unter anderem auf der Facebookseite 54749014

Die Arbeit des weltweit agierenden Hilfswerks für Kinder können Sie aber natürlich auch ungeachtet unserer Aktion unterstützen. Das Spendenkonto lautet: SOS-Kinderdörfer weltweit IBAN: DE22 4306 0967 2222 2000 00 BIC: GENODEM1GLS GLS Gemeinschaftsbank