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ESSEN & TRINKEN // TEST ERDBEEREN: BISS ZUM LETZTEN TROPFEN


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 26.04.2018

Schon im Januar locken Früherdbeeren, meist aus Spanien. Der immense Wasserverbrauch in einer der trockensten Regionen Europas ist nur ein Grund, warum Sie sie liegen lassen sollten.


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Foto: Eva-Katalin/getty images

Durstige Beeren: 276 Liter Wasser verbraucht der Anbau eines Kilogramms Erdbeeren im weltweiten Durchschnitt laut der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz.


Foto: picture alliance/GosiaWozniacka/ASSOCIATED PRESS

Plastikplanen, soweit das Auge reicht. Man sieht sie sogar aus dem All. „Mar de plástico“, Plastikmeer, nennen die Spanier die Tausende von Quadratkilometern weißer Planen, unter denen der ...

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... Gemüsegarten Deutschlands wächst. Deutschlands? Ja, denn ein Großteil der Tomaten, Paprika und Erdbeeren, die Produzenten im Winter in Südspanien anbauen, landet in deutschen Supermärkten – dort, wo es eigentlich noch viel zu kalt für frisches Obst und Gemüse ist. Der andalusische Wintergarten macht’s möglich: Erdbeeren, immer verfügbar, das ganze Jahr.

Klingt doch erst einmal nach einer klassischen Win-win-Situation. Deutschland bekommt im Winter frisches „rotes Gold“, wie die Spanier die Beeren nennen, Spanien bekommt Geld. Allein 2016 hat Spanien rund 94.000 Tonnen Erdbeeren nach Deutschland verkauft.

Ganz so klassisch ist die Situation bei näherer Betrachtung aber nicht. Und eigentlich gewinnt langfristig keiner. Denn ein Großteil der spanischen Erdbeeren wird in der Region Huelva angebaut, ganz in der Nähe des Nationalparks Coto de Doñana in Andalusien, eines der wichtigsten Feuchtgebiete des Landes. Viel Niederschlag gibt es in dieser Region nicht, weswegen die gesamte Landwirtschaft künstlich bewässert werden muss. Wasser ist aber ein extrem knappes Gut in Südspanien. Und deswegen helfen sich die Landwirte selbst: mit illegalen Brunnen, die sie selbst bohren, viele sind mehrere Hundert Meter tief. Das spanische Umweltministerium schätzt, dass es in Spanien rund 500.000 solcher illegalen Brunnen gibt.

Die Folgen: Südspanien verbraucht mit der exzessiven Landwirtschaft viel mehr Wasser, als natürlicherweise neues hinzukommt. Der Grundwasserspiegel sinkt bedrohlich, bis zu zehn Meter im Jahr, Flüsse trocknen aus und die gesamte Region wird mehr und mehr zur Wüste. Auch der Nationalpark. „Aber die gesamte Region ist wirtschaftlich abhängig von der Landwirtschaft“, sagt Philipp Wagnitz, Süßwasserexperte beim World Wide Fund for Nature (WWF). Deswegen machen die Bauern weiter und weiter. Sie graben tiefer und tiefer, weil der Grundwasserspiegel immer weiter sinkt – „bis die Katastrophe da ist. Das ist eine tickende Uhr. Der Mensch steuert sehenden Auges auf die Katastrophe zu und handelt erst, wenn sie da ist“, ärgert sich der WWF-Referent. In Marokko sieht die Lage nicht besser aus: Dort ist der Grundwasserpegel seit 1969 jedes Jahr um 1,5 Meter gesunken, so die europäische Umweltagentur EEA. Das Problem, zumindest in Spanien, liege nicht einmal in der Bewässerung an sich: „Die Spanier verwenden fast überall Tröpfchenbewässerung, das ist in solch einer Dimension eine der effizientesten Bewässerungsanlagen der Welt.“ Das Problem liege allein in der Masse, die Südspanien produziert. „Die Region ist längst über ihre natürlichen Grenzen hinausgegangen.“ Diese Menge an Obst und Gemüse könne ein derart trockenes Land nicht dauerhaft produzieren.

Mar de Plástico, Plastikmeer, nennen die Spanier die Tausende von Quadratkilometern Plastikplanen, unter denen in Spanien Obst und Gemüse angebaut werden.


Foto: MARISINA/Shutterstock


Eine Alternative zum Wasserraub gibt es – Meerwasserentsalzung. Aber die ist teuer und Erdbeeren sollen vor allem eins sein: billig.


Die EU subventioniert den Anbau, unabhängig davon, ob die Felder bewässert werden oder nicht. Die Kontrolle, ob die Bewässerung legal sei oder nicht, sei die Aufgabe Spaniens, heißt es auf unsere Anfrage hin. Heißt: Solange Spanien beide Augen zudrückt, kann der Süden des Landes weiter austrocknen. Und das tut er: Laut der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) sind 40 Prozent der gesamten Fläche Spaniens von der Desertifikation, also der Wüstenbildung, bedroht.

Es gibt sogar eine Alternative zum Grundwasser, die Entsalzung von Meerwasser. Aber die sei sechsmal so teuer, sagt Wagnitz vom WWF. Deswegen lassen sich die Landwirte darauf nicht ein.

Denn: Die Erdbeeren, die wir kaufen, sollen ja nicht nur schon im Januar verfügbar sein, sie sollen auch nicht viel mehr als einen Euro pro Packung kosten. Man muss kein Finanzgenie sein, um zu erkennen, wie knapp da kalkuliert wird. Wir wollten wissen, wo und wie Erdbeeren angebaut werden und ob sie mit Pestiziden belastet sind. Deswegen haben wir jeweils drei Chargen Erdbeeren aus zehn Läden ins Labor geschickt und die Hersteller befragt, wo die Erdbeeren angebaut und wie sie bewässert wurden.

DAS TESTERGEBNIS

Zwiegespalten. Die gute Nachricht ist: Früherdbeeren aus dem Süden sind offenbar weniger mit Pestiziden belastet als noch vor einigen Jahren (siehe Kasten auf dieser Seite). So richtig schlecht, was die Pestizide betrifft, schneidet nur noch eins von zehn Produkten ab, die Belastungen der anderen sind gering. Die schlechte Nachricht gleich hinterher: Empfehlenswert sind die Beeren aus dem Süden deswegen noch lange nicht, weil sie extrem trockenen Regionen immens viel Wasser entziehen.

IMMERHIN: DER PESTIZIDEINSATZ AUF SPANIENS ERDBEERFELDERN GEHT ZURÜCK

Es gibt zwar kein grünes Licht für Erdbeeren aus Spanien, was ihre Belastung mit Pestiziden betrifft. Aber immerhin scheinen die Spanier ein größeres Bewusstsein für das Problem entwickelt zu haben. Die Belastung ist im aktuellen TEST Erdbeeren deutlich geringer als noch vor einigen Jahren im bisher letzten TEST Erdbeeren. Damals fielen ganze sechs von zehn Produkten mit einem fetten „ungenügend“ durch, die Labore bemängelten sogar mehrere Proben, die so nicht hätten verkauft werden dürfen. Diese Entwicklung ist erst einmal positiv. Was ÖKO-TEST kritisiert, ist, dass die Produzenten besonders bedenkliche Pestizide einsetzen, die etwa krebserregend oder reproduktionstoxisch sind – im aktuellen Test stecken sie in der Hälfte der Produkte.

Fast alle von uns getesteten Erdbeeren stammen aus der extrem trockenen Region Huelva im Süden Spaniens.


Gespritzte Beeren : Pro Produkt haben wir jeweils drei Chargen auf mehr als 500 Pestizide untersuchen lassen, insgesamt also 30 Proben. Komplett pestizidfrei sind nur drei davon, in allen anderen stecken bis zu sechs verschiedene Spritzgifte. Am höchsten belastet ist eine Charge, die wir bei Rewe eingekauft haben: In ihr fand das von uns beauftragte Labor „erhöhte“ Rückstände von fünf verschiedenen Pestiziden. Das bewerten wir als „ungenügend“, auch wenn die anderen Chargen weniger belastet sind. Für den Verbraucher soll der Einkauf kein Glücksspiel sein.
Besonders bedenkliche Beeren: Es geht nicht nur darum, wie viele Pestizide in welcher Höhe in den Erdbeeren stecken. Wir betrachten auch genau, welche Wirkstoffe die Produzenten einsetzen. Und wenn es Hinweise darauf gibt, dass diese Stoffe besonders bedenklich sind – also etwa möglicherweise krebserregend oder reproduktionstoxisch – bemängeln wir das zusätzlich. Ein Beispiel für ein solches Pestizid ist Bupirimat, das in Deutschland gar nicht erlaubt ist. Das Verbot hier hilft allerdings wenig: Solange es in Spanien erlaubt ist, dürfen Lebensmittel mit Bupirimat-Rückständen auch bei uns verkauft werden. So will es das EU-Recht. Besonders bedenkliche Pestizide steckten in einer oder mehreren Chargen von allen Produkten außer dem von Aldi Nord.
Durstige Beeren: Die Provinz Huelva in Andalusien ist ganz offenbar die führende Region Spaniens, was den Erdbeeranbau betrifft. Fast alle Erdbeeren im Test stammen von dort und damit aus der Nähe des Nationalparks Coto de Doñana, der langsam, aber sicher austrocknet. Es ist eine der trockensten Regionen Europas, aus der mit den Erdbeeren Unmengen an Wasser exportiert werden. Das kritisieren wir unter den Weiteren Mängeln.

SO REAGIERTEN DIE HERSTELLER

Netto reagierte gar nicht auf unsere Frage, woher die Erdbeeren stammen und wie sie bewässert wurden. Der Deklaration kann man zumindest entnehmen, dass die Produzenten in Moulay Bousselham, Marokko und in Valencia, Spanien sitzen. Beide Regionen sind laut WWF trockene Anbaugebiete. Schade, dass Netto so gar kein Interesse an dem Thema zeigt; Unternehmensverantwortung sieht anders aus. Alle anderen Anbieter antworteten uns und erläuterten uns genau, wo und wie die Erdbeeren angebaut wurden.