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EXTRA VEGAN: Die Zukunft der Textilindustrie: Im Spagat zwischen vegan und grün


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2020 vom 30.04.2020

Leder aus Äpfeln oder Ananas und Stoffe, die wie Pilze wachsen – in Sachen vegane Mode kommen ständig neue Materialien auf den Markt. Doch taugen die auch ökologisch etwas?


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Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 5/2020

Fasern aus Ananas-Blättern lassen sich zu einer Art Filz pressen und gehören zu den wichtigsten Neuentwicklungen für vegane Mode.


Der Markt für vegane Mode wächst – da genügt ein Blick in die Läden. Und auch Frank Schmidt von der Tierschutzorganisation PETA registriert einen Ansturm von Modemarken, die ihre Kollektionen mit dem Siegel „PETA-Approved Vegan“ stempeln wollen: „Die Zahl der Anträge explodiert derzeit regelrecht.“ Vielen ...

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... Veganern geht es aber nicht „nur“ darum, Tierleid zu verhindern. Sie finden auch ökologische Kriterien wie die Klimabilanz eines Schuhs oder Kleidungsstücks immer wichtiger.

Vegan ist nicht automatisch öko

Doch genau das gerät zum Spagat: Denn vegane Materialien sind nicht automatisch auch ökologisch. Rund 90 Prozent unserer Bekleidung sind aus konventionellem Polyester oder Baumwolle hergestellt, also ei- gentlich ohnehin vegan. Doch das ökologische und ethische Sündenregister eines Fast-Fashion-Tops aus Synthetik ist lang. Zwar gibt es inzwischen aus PET-Flaschen recycelte Polyester-Stoffe, deren Energie- Verbrauch und CO₂-Ausstoß nur etwa halb so groß sind wie bei einer aus Rohöl synthetisierten Faser. „Aber auch recyceltes Polyester trägt zu unserem Mikroplastik- Aufkommen bei und ist am Ende des Lebens nicht biologisch abbaubar“, sagt Michael Spitzbarth von der Marke Bleed. Sein kleines Label aus Franken macht komplett vegane Mode, die gleichzeitig auch einem ökologischen Anspruch genügen soll. Und weil Spitzbarth mit der Verwendung von recycelten Synthetics nur semi- zufrieden ist, sucht er seit Jahren nach alternativen Materialien. Woran fehlt es? „An allem!“ findet der Firmenchef.

Wolle: noch Luft nach oben

Die PETA-Homepage erweckt da ein ganz anderes Bild. Hier hat die Zukunft bereits begonnen und die aufgelisteten „besten Alternativen" für Wolle, Leder und Seide zeigen, womit Textillabore, Jungdesigner und Start-ups aus aller Welt gerade experimentieren. Da gibt es „Soja-Seide“ aus Nebenprodukten der Tofu-Herstellung, und das Münchner Biotech-Start-up AMsilk, das Seidenproteine von gentechnisch veränderten Bakterien herstellen lässt. Kolumbianische Studenten haben die pflanzliche „Wolle“ Woocoa entwickelt: eine Mischung aus Hanf und Kokosfasern, mit Pilzenzymen geschmeidig gemacht, die sowohl antimikrobiell als auch wärmeausgleichend wirken soll. „Bei den Alternativen für Wolle ist aber noch deutlich Luft nach oben“, räumt Schmidt ein.

Dringend gesucht: Ersatz für Leder

Am dynamischsten entwickelt sich derzeit der Markt für vegane Leder-Alternativen. Die Liste der pflanzlich erzeugten Häute von morgen liest sich beinahe wie eine Speisekarte: Da gibt es Apfelleder, Ananasleder, Weinleder, Pilzleder oder Kaktusleder. Labels für vegane Mode warten sehnsüchtig auf eine ökologische Leder-Alternative, die sie für Schuhe und Taschen verwenden können. Denn bisher sind Lederimitate vor allem aus konventionellem Plastik hergestellt, meist eine Kombination von Polyester, Polyurethan (PU) oder Polyvinylchlorid (PVC). Bleed-Chef Michael Spitzbarth hat in den letzten Jahren so ziemlich jede neue Leder-Alternative geprüft und sich gefragt: Könnte das ökologisch tragfähig sein? Die ökologische Bilanz der Neugründungen ist aber häufig schwer durchschaubar. „Ich lasse mir deshalb als Erstes das Datenblatt geben. Meistens kann ich dann ganz schnell sehen, ob das Sinn macht oder nicht.“ Beispiel Apfelleder: Hier wird aus den Resten der Apfelsaftpressung ein Pulver gewonnen, das mit gleichem Anteil Polyurethan verarbeitet wird. „Das sieht täuschend echt aus, ist aber letztlich eine Art Kunstleder und in meinen Augen Greenwashing“, findet der Bleed-Chef, der zu diesem Urteil auch in puncto Mango-Leder kommt.

Pflanzliches Leder: Zukunftslabor

Tatsache ist außerdem: Die meisten von PETA propagierten Neuentwicklungen gibt es noch gar nicht wirklich auf dem Markt. Wie etwa die bakterielle Zellulose namens ScobyTec BNC: Ein Leipziger Forschungsteam erzeugt den mehrfach preisgekrönten Werkstoff aus dem Reagenzglas, der sich laut Hersteller auch als Lederersatz eignet. ScobyTec entsteht als Stoffwechselprodukt von Bakterien- und Hefekulturen. Oder Pilzleder, ein weiteres Material aus dem Zukunftslabor: Das kalifornische Unternehmen MycoWorks füttert für sein Imitat namens „Reishi“ das Wurzelgeflecht von Waldpilzen mit Abfällen aus der Landwirtschaft. Das Material lässt sich so züchten, dass es echten Tierhäuten von Schlange bis Krokodil täuschend ähnlich sieht. Laut Hersteller ist der Stoff atmungsaktiv und komplett biologisch abbaubar. Beim Pilzleder Zunderschwamm wird dagegen nicht das Wurzelgeflecht, sondern der Fruchtkörper abgeerntet. „Das fühlt sich brutal geil an, ein wenig wie Wildleder“, schwärmt Spitzbarth. Für Schuhe oder ganze Taschen sei das Material aber nach seiner Einschätzung nicht stabil genug.

Pflanzliches Leder: im Realitäts-Test

Andere Leder-Alternativen sind bereits im Handel angekommen. Das Ananas-Leder „Piñatex“ etwa gibt es seit 2014. Hugo Boss verkauft daraus vegane Sneaker, auch Bleed hat es getestet. Piñatex besteht, anders als die üblichen Fruchtleder, tatsächlich zum überwiegenden Teil aus den Fasern der Ananasblätter, die als Abfallprodukt auf philippinischen Plantagen anfallen und zu einer Art Filz gewalkt werden. Welche Chemikalien beim anschließenden Beschichtungs-Prozess eingesetzt werden, verrät das spanische Un ternehmen allerdings nicht. „Wir halten Ananas-Leder für ökologisch vertretbar. Das Problem ist, dass es nicht schnell genug geliefert werden kann.“ Spitzbarth prüft deshalb schon wieder den neuesten Stern am Leder-Himmel: Kakteenleder, ganz neu auf dem Markt und angeblich ohne Kunststoffe produziert. Ein Datenblatt hat er noch nicht gesehen. „Und es ist noch sehr teuer.“ Teuer geworden ist auch der Leder-Ersatz Kork, seit sich viele Modefirmen darauf stürzen. Ein nachhaltiges, biologisch abbaubares Material, aber damit Kork ausreichend stabil ist, muss er auf eine Trägerschicht laminiert werden. Die meisten Lieferanten benutzen dafür konventionelles PU. Das sei zwar nicht ökologisch, mache den Kork aber extrem haltbar, sagt Spitzbarth. „Unser Denken für die Zukunft geht dahin, Kork mit einem biobasiertes PU zu verkleben.“ Das wäre sowohl stabil als auch biologisch abbaubar.

Für vegane Schuhe wird häufig Kunstleder aus konventionellem Plastik verarbeitet.


Was nun? Schuhe aus Stoff

Tierleder ist extrem haltbar. Und an genau dieser Haltbarkeit muss sich jede vegane Alternative mit ökologischem Anspruch messen lassen. Heike Hess vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) sieht die Lösung aus dem Dilemma darin, die Produktion von Leder so zu verbessern, dass keine Tiere mehr gequält werden. Das Label des IVN etwa garantiert, dass die Tierhaut als Abfallprodukt aus der Fleischherstellung anfällt und nicht umgekehrt. Nur: Für ethisch motivierte Veganer ist das wohl keine Alternative.

Solange noch keine überzeugenden Leder- Alternativen auf dem Markt sind, fertigen vegan-grüne Labels ihre Schuhe aus: Stoff. Gerade bringt Bleed einen Laufschuh aus Tencel-Fasern. In Spitzbarths Augen haben ökologisch hergestellte Regeneratfasern wie Tencel oder Ecovero mit das größte Potenzial für vegane Stoffe. Sie eignen sich wegen ihres Tragekomforts für Sportmode, wegen des fließenden Falls als Ersatz für Seide und eben auch als Obermaterial für Schuhe. Die österreichische Firma Lenzing hat verschiedene ökologische Verfahren entwickelt, bei denen Cellulose aus Eukalyptusholz oder heimischem Buchenholz extrahiert und anschließend zu einer Regeneratfaser ausgesponnen wird. Wasser und Chemikalien werden dabei im Kreislauf geführt und gelangen nicht in die Umwelt. Und: Kleidung aus Ecovero kann nach Gebrauch sogar wieder zu neuen Fasern recycelt werden.

Achtung, verstecktes Tier!

Das Problem: Veganer mit Anspruch auf Konsequenz lernen ziemlich schnell: Es genügt nicht, einfach auf tierische Obermaterialien wie Wolle, Seide, Daunen und Leder zu verzichten. In manchen Kleidungsstücken ist das Tierleid versteckt. Da sind Regenjacken mit Bienenwachs imprägniert, für den Farbstoff Karminrot werden Schildläuse zerquetscht, Klebstoff für Schuhe kann Knochenreste, Tierhäute oder Kasein enthalten. Zu den Stolperfallen gehört auch das Lederpatch hinten auf der Jeans, die Rosshaarverstärkung im Sakko oder Knöpfe aus Horn und Perlmutt.
Die Lösung: Will man auch verstecktes Tierleid ausschließen, bleibt eigentlich nur: Entweder direkt beim Hersteller nachfragen oder Kleidung mit dem Siegel „ PETA-Approved Vegan“ kaufen. Um das Siegel verwenden zu dürfen, müssen Modefirmen bei PETA Statements ihrer Lieferanten einreichen und so glaubhaft machen, dass diese in der Produktionskette auf den Einsatz tierischer Substanzen oder Materialien verzichten. Zweifelt PETA an der Plausibilität, lässt die Organisation externe Labore prüfen. Eine unabhängige Kontrollinstanz für das Label gibt es jedoch nicht. Und: PETA kann auch nicht ausschließen, dass bei der Textilproduktion eingesetzte Chemikalien in Tierversuchen getestet wurden. Unter den Lizenznehmern des Siegels sind bereits internationale Marken wie Esprit, Hugo Boss oder Buffalo Boots. Ökologische Modeanbieter wie Armed Angels, Lanius oder Kuyichi kombinieren es mit Gütezeichen, die für eine nachhaltige und faire Lieferkette stehen (z. B. GOTS oder Fair Wear Foundation).

Vegane Mode im Netz:

avesu.de: Ausschließlich vegane Schuhe, teilweise aus nachhaltigen Materialien.
avocadostore.de: Nachhaltige Produkte von der Seife bis zum T-Shirt, darunter auch Veganes.
glore.de: Nachhaltige Mode, Schuhe und Accessoires, teilweise auch vegan.
le-shop-vegan.de: Kleidung, Taschen und Kosmetik – alles vegan, aber nicht zwangsläufig nachhaltig.
loveco-shop.de: Mode und Lifestyle- Artikel. Alles fair, vegan und nachhaltig.
my-vegan-shoes.de: Ausschließlich vegane Schuhe. Kleine Öko-Abteilung.


Fotos: Jacob Meantz; ANANAS ANAM

Fotos: ANANAS ANAM; Jacob Meantz; avesu