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Futtermittelskandale: Alle Jahre wieder


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2011 vom 28.01.2011

Dioxin im Frühstücksei? Giftige polychlorierte Biphenyle im Schnitzel? Medikamentenrückstände in der Schweinshaxe? Mal ist es Schlamperei, mal kriminelle Energie: Wenn verunreinigtes oder gar giftiges Futtermittel in den Handel kommt, ist das Entsetzen jedes Mal groß. Doch es ändert sich nur wenig.


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Foto: irisblende.de

Es ist mal wieder so weit. Mit Beginn des neuen Jahres hat Deutschland einen neuen Futtermittelskandal, der den Verbrauchern den Appetit verdirbt. Diesmal wurde dioxinbelastetes Industriefett ins Geflügel- und Schweinefutter gemischt. Wie immer werden Konsequenzen gefordert, schärfere ...

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Es ist mal wieder so weit. Mit Beginn des neuen Jahres hat Deutschland einen neuen Futtermittelskandal, der den Verbrauchern den Appetit verdirbt. Diesmal wurde dioxinbelastetes Industriefett ins Geflügel- und Schweinefutter gemischt. Wie immer werden Konsequenzen gefordert, schärfere Kontrollen angemahnt, härtere Strafen verlangt. Wie immer wird beruhigt: Nein, es besteht keine akute Gefahr für die Gesundheit. Selbst wer belastete Lebensmittel isst, wird nicht krank – zumindest nicht sofort. Wie immer sind die Deutschen entsetzt, verzichten eine Zeit lang auf Eier, essen weniger Fleisch und denken über lieb gewonnene Ernährungs- und Einkaufsgewohnheiten neu nach. Denn im Prinzip ist es logisch, dass billiges Fleisch auch billig hergestellt werden muss. Das fördert nicht nur die Massentierhaltung, sondern auch die Panscherei beim Futter. Da wird zusammengemischt, was eigentlich nicht zusammengehört. Doch spätestens wenn der Skandal aus den Nachrichten und Schlagzeilen wieder verschwindet, geraten die meisten guten Vorsätze wieder in Vergessenheit und es wird erneut zum supergünstigen Schnitzel oder dem unschlagbar preiswerten Rinderbraten gegriffen.

Zumindest bis zum nächsten Skandal. Und davon hat es in den vergangenen zehn Jahren nicht gerade wenige gegeben, wie unser Überblick zeigt.

2000: Ende November gibt es hierzulande den ersten originär deutschenBSE- Fall. 406 Kühe erkranken bis 2009 am „Rinderwahnsinn“, 2010 gibt es keinen Fall. Schon Ende der 1980er-Jahre kam es in England zu einer BSE-Epidemie unter Kühen. Man vermutet, dass sich die Rinder durch Tiermehl infiziert haben. Hier werden auch Kadaver verarbeitet – unter anderem auch Schafe, die an der Traberkrankheit gelitten haben, einer der BSE ähnlichen Gehirnerkrankung. Per Eilgesetz wird das Verfüttern von Tiermehl in Deutschland zum 1. Dezember 2000 verboten, EU-weit tritt das Verbot einen Monat später in Kraft. Allerdings erkranken auch Kühe an BSE, die nachweislich kein Tiermehl bekommen haben. Angesichts steigender Preise bei Futtermitteln wird inzwischen wieder über eine Lockerung des Verbots nachgedacht.

Frühjahr 2002: Das verboteneUnkrautvernichtungsmittel Nitrofen, das als erbgutverändernd, krebserregend und fruchtschädigend gilt, wird schon Ende 2001 in Babynahrung entdeckt, aber zunächst für einen Einzelfall gehalten. Erst im Frühjahr 2002 wird das wahre Ausmaß bekannt: Mehrere Hundert Tonnen mit Nitrofen verseuchtes Futtergetreide sind ausgeliefert worden – vor allem an ökologisch wirtschaftende Betriebe, da das ursprünglich unbelastete Getreide von einem Brandenburger Bio-Hof stammt. Zu der Belastung mit dem Pflanzengift kam es, weil das Futter von der Norddeutschen Saat- und Pflanzgut AG in einem ehemaligen DDR-Lager für Pflanzenschutzmittel in Malchin gelagert wurde, das noch stark kontaminiert war.

Juli 2002: Schon wenige Monate später erschüttert ein neuer Skandal die deutschen Fleischesser: In Schweinefleisch wird dasHormon Medroxy-Progesteron-Acetat (MPA) gefunden. Die Tiere hatten die Hormone aber nicht etwa bekommen, um schneller fett zu werden – nein, abgelaufene Hormonpräparate wurden in Glucosesirup verarbeitet, der wiederum Schweinefutter beigemischt und so „entsorgt“ wurde. Und das zu allem Übel noch von einer belgischen Firma namens Bioland, die mit dem hiesigen ökologischen Anbauverband aber rein gar nichts zu tun hatte. Nicht nur Schweine, sondern auch über 8.500 Tonnen hormonbelastetes Futtermittel wurden nach Deutschland geliefert.

Januar/Februar 2003: Bereits Mitte Januar stellen die Überwachungsbehördenerhöhte Dioxingehalte in einer Probe aus einem Thüringer Futtermittelbetrieb fest – doch das Berliner Verbraucherschutzministerium und die EU erfahren erst drei Wochen später davon. Mehr als 1.100 Tonnen kontaminiertes Schweinefutter sind bis dahin verkauft. Das Dioxin war durch nasse Holzscheite im Trocknungsofen des Herstellers entstanden.

Mai 2004: Bei einer Routinekontrolle eines sächsischen Futtermittelherstellers werden Rückstände vonpolychlorierten Biphenylen (PCB), das sind giftige und krebsauslösende chemische Chlorverbindungen, entdeckt. Die daraufhin alarmierten Behörden finden bei weiteren Untersuchungen die Quelle: Die Rückstellprobe eines aus Hessen angelieferten Futteröls ist hochgradig mit PCB verseucht. In Hessen jedoch können die Kontrolleure bei der vom Hersteller gelagerten Probe keine PCB-Rückstände feststellen. Kein Wunder, denn die beiden Proben stimmen nicht überein. Auf jeden Fall sind mit den 25 Tonnen belastetem Öl insgesamt 1.270 Tonnen Hühnerfutter hergestellt worden – und bis auf lächerliche zehn Tonnen auch schon ausgeliefert.

November 2004: Nur wenige deutsche Höfe sind von dem mitDioxin verseuchten Futtermittel betroffen, das vor allem in den Niederlanden für Aufregung sorgt. Die Belastung kommt diesmal über Kaolin-Ton ins Futter. Zwar war bekannt, dass der aus einer rheinland-pfälzischen Grube stammende Ton eine natürliche Dioxinbelastung aufweist – deshalb darf er auch nicht als Futtermittel verwendet werden. Der belastete Ton wurde aber als Hilfsmittel bei der Pommes-frites-Herstellung genommen, um schlechte und bessere Kartoffeln voneinander zu trennen. Während die besseren absinken, bleiben die schlechten oben, werden abgeschöpft und zusammen mit den Schalen der Pommeskartoffeln als Futtermittel verkauft – inklusive Ton.

Dezember 2008: In irischem Schweinefleisch werden extrem hohe Werte derkrebserregenden polychlorierten Biphenyle festgestellt. Die irische Regierung ruft daraufhin alle im eigenen Land hergestellten Schweinefleischprodukte aus Geschäften, Restaurants und Verarbeitungsbetrie-Anzeige ben zurück. Doch auch andere Länder sind betroffen, nach Deutschland wurden rund 2.000 Tonnen möglicherweise verseuchtes Fleisch geliefert. Wieder ist eine Futtermittelfabrik die Quelle: Bei der Trocknung gelangte ein kontaminiertes Industrieöl in die Produktion.

Mai 2010: Zahlreiche Höfe in neun Bundesländern werden gesperrt, nachdemDioxin in Bio-Eiern und Futtermitteln gefunden wird. Schuld ist belasteter Mais, der von der Ukraine an ein niederländisches Unternehmen geliefert und von dort nach Deutschland verkauft wird. Wer verantwortlich ist für die Kontamination, bleibt vorerst ungeklärt.

Dezember 2010/Januar 2011: Der Futterfetthersteller Harles und Jentzsch aus Schleswig-Holstein verkauft Ende 2010 etwa 3.000 Tonnen mitDioxin belastetes Industriefett als Futterfett an verschiedene Futtermittelhersteller in Deutschland. Bundesweit werden Höfe mit kontaminiertem Mischfutter beliefert, über 4.700 Betriebe müssen zwischenzeitlich gesperrt werden, ein Großteil davon in Niedersachsen. Gefunden wird das Gift in Eiern und Geflügelfleisch, auch belastetes Schweinefleisch gelangt wahrscheinlich in den Handel. Der Futtermittelhersteller hat inzwischen vorsorglich Insolvenz angemeldet. Ihm drohen erhebliche Schadensersatzforderungen.