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Gefangen im Gedankenkarussell


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 10/2013 vom 18.10.2013
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Bildquelle: ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit, Ausgabe 10/2013

Immer mehr Menschen mit Schlafstörungen gehen zum Arzt oder Psychotherapeuten. Das hat auch mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Chronische Schlaflosigkeit wird nicht mehr als harmloses Alltags leiden abgetan, sondern als Krankheit akzeptiert.

Millionen Menschen in Deutschland quälen sich Nacht für Nacht mit Schlaflosigkeit herum. Die einen können abends einfach keine Ruhe finden. Andere schlafen zwar gut ein, wachen nachts aber wieder auf, wälzen sich stundenlang in ihren Betten herum und grübeln über banale Alltagsprobleme. Tagsüber fühlen sich die Betroffenen müde, abgeschlagen und ...

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... unkonzentriert. Wenn solche Symptome über Monate oder Jahre andauern, sprechen die Experten von einer chronischen Insomnie, dem lateinischen Begriff für Schlaflosigkeit.

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten psycho somatischen Leiden. Umfragen zeigen seit Jahren ein ähnliches Bild: Jeder dritte Erwachsene plagt sich zumindest zeitweise mit ernsthaften Einoder Durchschlafproblemen herum. „Etwa ein Drittel der Deutschen sind sensible Schläfer, also Menschen, die Schlafstörungen kennen, mal besser, mal schlechter schlafen, empfindlich gegenüber Lärm, Mondlicht oder dergleichen sind“, bestätigt Ingo Fietze, Chef des Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité. „Das sind auch diejenigen, die aufgrund ihrer Genetik eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, irgendwann in ihrem Leben in eine chronische Schlafstörung zu rutschen – mit oder ohne Auslöser.“

Wer schlecht schläft, ist tagsüber nicht nur erschöpft, sondern bekommt bei chronischer Insomnie auch häufig körperliche und psychische Probleme - bis hin zu Depressionen.

Ab wann schlechter Schlaf wirklich eine chronische Erkrankung ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. In der internationalen Fachwelt existieren unterschiedliche diagnostische Kriterien, die sich außerdem ständig verändern. Es geht um die genaue Art und Häufigkeit der Symptome, die Bedeutung der Tagesbefindlichkeit sowie um Ursachen und Dauer der Beschwerden. Je nach Definition gehen die Experten davon aus, dass in Deutschland zwischen 6 und 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an einer chronischen und behandlungsbedürftigen Schlafstörung leiden. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, und mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für eine Schlafstörung.

Kaum untersucht ist dagegen die Frage, ob schlechter Schlaf in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat. Zwar verzeichnen die schlafmedizinischen Zentren und Ambulanzen einen ständigen Zuwachs an Patienten. Doch der Freiburger Psychologe und Schlafexperte Dieter Riemann führt das auch auf einen gesellschaftlichen Wandel zurück: „Psychologische und psychiatrische Sachverhalte werden heute eher als Krankheit akzeptiert.“ Immer mehr Schlafgestörte seien deshalb auch bereit, zum Arzt zu gehen, statt wie früher still vor sich hin zu leiden.

Aufklärung schon im Schulalter

Unstrittig ist: Wer über Monate oder Jahre zu wenig Schlaf bekommt, hat ein wesentlich höheres Risiko, krank zu werden. Bluthochdruck, hormonelle Störungen, eine Schwächung des Immunsystems, vor allem aber psychische Probleme können die Folge sein. Unruhe, Reizbarkeit, Erschöpfung und Niedergeschlagenheit gehören zu den häufigsten Auswirkungen eines chronischen Schlafdefizits. Studien zufolge werden Menschen, die stark über Schlaflosigkeit klagen, später auch häufiger depressiv als ihre normal schlummernden Zeitgenossen.

Der Berliner Schlafmediziner Fietze fordert deshalb auch mehr öffentliche Informationen über die Ursachen von Schlaflosigkeit. „Alkohol, Zigaretten, Drogen – das geht ja alles auch auf den Schlaf. Ich bin deshalb der Meinung, dass wir mehr Aufklärung brauchen, die schon im Schulalter beginnen sollte, damit die jungen Leute gar nicht erst in eine Schlafstörung rutschen.“

Die moderne Schlafmedizin kennt inzwischen über 100 unterschiedliche Formen von Schlafstörungen. Entscheidend für den Schweregrad des Leidens ist dabei nicht, wie viel Schlaf der Betroffene wirklich bekommt, sondern welche Konsequenzen die Störung für die soziale und berufliche Leistungsfähigkeit und körperliche Gesundheit des Patienten hat. Nach dem in Deutschland momentan noch geltendem Klassifikationssystem werden Schlafstörungen im Wesentlichen in drei große Gruppen unterteilt:

Dyssomnien werden alle Störungen des Schlafens oder Wachens genannt, bei denen die Erholungsfunktion eingeschränkt ist. Betroffene leiden darunter, zu wenig Schlaf zu bekommen oder sich während der Nachtruhe nicht richtig zu regenerieren. Am Tage fühlen sie sich gereizt und unkonzentriert. Sie sind nicht in der Lage, durch ein Nachmittagsschläfchen aufzutanken. Andere Patienten schlafen eigentlich lange genug, fühlen sich aber dennoch ständig müde und nicken häufig zur Unzeit ein.
Parasomnien ist der Fachbegriff für ungewöhnliche Verhaltensweisen während des nächtlichen Dämmerzustands oder beim Erwachen – zum Beispiel Schlafwandeln, Schreien oder Zähneknirschen. Die Betroffenen können sich in der Regel hinterher an nichts mehr erinnern. Diese Auffälligkeiten wirken zwar auf andere irritierend, beeinträchtigen aber die Erholungsfunktion des Schlafes normalerweise nicht. Sie sind in den meisten Fällen relativ harmlos und verschwinden häufig von selbst.
Sekundären Schlafstörungen liegt eigentlich ein anderes Leiden zugrunde: Die Schlafprobleme sind hier häufig Begleitsymptome einer Reihe psychiatrischer und neurologischer Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie, Demenz, Epilepsie oder Morbus Parkinson. In den neuesten Diagnosekriterien der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA), die auch für Europa Vorbild sind, wird die Untergliederung in primäre und sekundäre Insomnie allerdings aufgegeben und durch die Kategorie „insomnische Störung“ ersetzt. Es ist gut möglich, dass diese Veränderung demnächst auch in Deutschland gelten wird, wo die Leitlinien zurzeit ebenfalls überarbeit werden.


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