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Geo-Engineering: Die Klimaklempner kommen


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2011 vom 04.11.2011

Weil der Ausstoß von Treibhausgasen nicht sinkt, denken Wissenschaftler über einen Sonnenschirm für die Erde und andere Ideen nach, um das Klima mit technischen Hilfsmitteln zu verändern. Dieses sogenannte Geo-Engineering könnte aber schwere Nebenwirkungen haben – und die Bemühungen zur Rettung des Klimas ausbremsen.


Ist die Rettung des Klimas nur noch „eine nette Utopie“? Diese Formulierung gebrauchte Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energieagentur IEA, als er unlängst ausgesprochen schlechte Neuigkeiten überbrachte: 30,6 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, konstatiert eine im Frühjahr ...

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Ist die Rettung des Klimas nur noch „eine nette Utopie“? Diese Formulierung gebrauchte Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energieagentur IEA, als er unlängst ausgesprochen schlechte Neuigkeiten überbrachte: 30,6 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, konstatiert eine im Frühjahr vorgelegte Studie der Agentur, wurden 2010 weltweit in die Atmosphäre geblasen – so viel wie nie zuvor. Allen Mahnungen und Mühen von Klimaschützern und Politik zum Trotz: Der Ausstoß des Treibhausgases sank selbst im Krisenjahr 2009 nur geringfügig, und kaum sprang der Motor der Wirtschaft wieder an, stieg er auf ein neues Rekordniveau. Vor allem in Entwicklungsländern wachsen die Emissionen rasant. Eigentlich sind sich die Experten einig, dass der CO2 -Ausstoß binnen weniger Jahre deutlich gesenkt werden muss, wenn die Erderwärmung noch auf verträgliche zwei Grad beschränkt werden soll. Das, sagte Birol, werde angesichts der aktuellen Entwicklung aber wohl „extrem schwierig“.

Gelingt die schnelle Umkehr nicht, müsse eher von einer Erwärmung um vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts ausgegangen werden – mit nur schwer vorstellbaren Folgen: Wüste in Italien, tropische Temperaturen in Mitteleuropa, immer häufiger Dürre, Stürme und Fluten, ein Artensterben von enormem Ausmaß. Die Aussichten, so Birol, „verfinstern sich“.

Gibt es also keine Rettung? Doch, sagen einige Ingenieure: Es gibt sie. Das Zauberwort heißt Geo- oder Climate-Engineering. Es geht um gezielte technische Eingriffe, mit denen das Klima im großen Stil verändert werden soll. Erwogen werden Ideen wie die, Billionen kleiner Spiegel in oberste Atmosphärenschichten zu schießen, um auf diese Weise quasi einen künstlichen Sonnenschirm über der Erde aufzuspannen. Vorgeschlagen wurde auch, die Dächer vieler Häuser weiß zu streichen, damit Sonnenlicht reflektiert wird, das jetzt noch die Atmosphäre aufheizt. Diskutiert wird, im Eismeer viele Tausend Tonnen Eisendünger auszustreuen, damit Algen rasant wachsen. Diese, so die Idee, binden Kohlendioxid, das sie nach ihrem Absterben mit in die Tiefen des Ozeans ziehen – ein kühles Grab für den Klimakiller.

Zugegeben: Die Mehrzahl der Vorschläge klingt – höflich formuliert – skurril bis fantastisch und könnte geradewegs einem utopischen Roman von Jules Verne entnommen sein. Bevor der Franzose im technikbegeisterten späten 19. Jahrhundert seine Bücher über Expeditionen zum Mond oder in die Tiefsee veröffentlichte, hatte in den USA der Meteorologe James Espy bereits Theorien über die Atmosphäre als Wärmemaschine aufgestellt und angeregt, mithilfe großer Feuer Regen auszulösen; praktische Versuche waren indes nicht von Erfolg gekrönt.

Foto:

Eine Wiederbelebung erfuhren derlei Bestrebungen, Wetter und Klima zu beeinflussen, in der für allerlei technologische Allmachtsfantasien sehr aufgeschlossenen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ingenieure bastelten an Raketen für den Mondflug, suchten die Kernspaltung zu bändigen – und betätigten sich als Regenmacher, nachdem der Physiker Irving Langmuir das Impfen von Wolken mit Silberiodid vorgeschlagen hatte.

Inzwischen ist der Drang, zu Mond oder Mars zu fliegen, etwas erlahmt; von der Kernspaltung als Energiequelle verabschiedet man sich gerade. Die Bemühungen, das Klima zu beeinflussen, erleben dagegen eine Renaissance. Spätestens seit der Ozonloch-Erforscher und Physik-Nobelpreisträger Paul Crutzen in einem Aufsatz im Jahr 2006 über einen derartigen Vorschlag nachdachte, werden derlei Maßnahmen immer ernsthafter erörtert. Gremien wie die britische Royal Society verfassen Studien, Parlamentsausschüsse befassen sich mit dem Thema; immer mehr wissenschaftliche Konferenzen finden statt – in der Bundesrepublik etwa am Kiel Earth Institute (KEI), das seit 2008 jährlich zu Expertenrunden einlud.

Zunehmend Skepsis gegenüber Klimapolitik

Dessen Sprecher Gernot Klepper nennt einen Grund für die Ernsthaftigkeit, mit der Ansätze zum Geo-Engineering inzwischen verfolgt werden: „Es gibt verbreitete Zweifel daran, dass in den nächsten zehn Jahren ein weltweit funktionierendes Klimaregime zustande kommt.“ Den Bemühungen der Politik, den Ausstoß von Treibhausgasen zu begrenzen, wird vielerorts mit zunehmender Skepsis begegnet – spätestens seit der Klimagipfel in Kopenhagen spektakulär scheiterte. Mancherorts stellt man sich inzwischen ernsthaft die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, den alles andere als preiswerten Ausstieg aus der Kohle- und Ölwirtschaft mitzugehen, wenn die Gefahr besteht, dass einige Länder nicht mitspielen: „Wenn es vermeintlich billigere Alternativen gibt“, sagt Klepper, „tritt die teure Vermeidung von Kohlendioxid in den Hintergrund.“ Dass es Alternativen gibt, behaupten manche Wissenschaftler – auch wenn das Preisargument relativ ist: Um etwa die erwähnten 16 Billionen Spiegel mit der Größe von Kuchenblechen in den Himmel zu schießen, wären 20 Millionen Raketenstarts erforderlich. „Untragbar teuer“, urteilt die Royal Society in ihrer im September 2009 vorgelegten Studie „Geo-Engineering the Climate: Science, Governance and Uncertainty“. Auch den Überlegungen, überschüssiges Kohlendioxid aus der Luft zu filtern – etwa mithilfe künstlicher Bäume – wird aus finanziellen Gründen eher skeptisch begegnet: Bisher seien „keine kostengünstigen Methoden“ vorgestellt worden; viel mehr Forschungs- und Entwicklungsarbeit sei notwendig, urteilt das Papier.

Allerdings: Die britische Akademie wischt die Vorstöße auch nicht als bizarre Fantastereien oder Auswüchse hilfloser Verzweiflung vom Tisch – im Gegenteil. Einige Technologien seien durchaus umsetzbar, und sie müssten womöglich auch angewendet werden, urteilt die Studie: Wenn die Bemühungen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken, in Zukunft nicht deutlich erfolgreicher seien als bisher, „werden zusätzliche Maßnahmen in Form von Geo-Engineering notwendig sein, wenn wir den Planet kühlen wollen“.

Leichten Herzens wurde diese Aussage nicht zu Papier gebracht; schließlich seien die ins Auge gefassten Technologien mit großen Unwägbarkeiten und womöglich unübersehbaren Folgen verbunden. In weiten Teilen liest sich die Studie wie der Beipackzettel eines Medikaments, in dem vor Risiken und nicht kalkulierbaren Nebenwirkungen gewarnt wird. Die Zukunft der Erde, so das Fazit, könne auf „potenziell gefährlichen“ und in ihrer Wirksamkeit nicht bewiesenen Maßnahmen ruhen. Das ändert nichts daran, dass über solche Maßnahmen ernsthaft diskutiert wird – derzeit vor allem über Wege, die Sonneneinstrahlung zu reduzieren und quasi einen Schirm über dem Planeten aufzuspannen. Das stellt einen der beiden zentralen Ansätze beim Geo-Engineering dar; der zweite sind Versuche, Kohlendioxid aus der Atmosphäre abzuscheiden.

Ganz in Weiß: Helle Hausdächer sollen dafür sorgen, dass mehr Sonnenstrahlung reflektiert wird. Für nennenswerte Effekte gibt es aber zu wenig Dachfläche.


Foto: Institution of Mechanical Engineers

Zwar würde mit dieser Methode das Problem bei der Wurzel gepackt und bei der eigentlichen Ursache der globalen Erwärmung angesetzt: Wenn sich weniger Treibhausgas in der Luft befindet, heizt sie sich weniger auf. Doch die derzeit diskutierten Ansätze, von der Aufforstung riesiger Flächen über die Algendüngung im Meer bis zum Bau künstlicher Bäume, haben einen gravierenden Nachteil: Bis ihre Auswirkungen spürbar werden, vergeht sehr viel Zeit. Die aber rinnt der Menschheit beim Kampf gegen den Klimawandel gerade viel zu schnell durch die Finger.

Nur eine Notoperation

Eine Wurzelbehandlung ist der zweite Ansatz, das „Solar Radiation Management“, gerade nicht; es gleicht eher einer Notoperation, mit der die schlimmsten Schmerzen unterdrückt werden. Der fiebrige Patient wird gewissermaßen in den Schatten gesetzt, damit er sich nicht noch weiter erhitzt. Ansatz für derlei Überlegungen ist der Umstand, dass die Luft mehr Sonnenenergie absorbiert, je mehr Kohlendioxid sie enthält. Derzeit beträgt die mittlere Sonneneinstrahlung am Oberrand der Atmosphäre 342 Watt je Quadratmeter. Davon werden rund 235 Watt in der Erdatmosphäre absorbiert. Verdoppelt sich der CO2 -Gehalt, was bereits 2060 eingetreten sein könnte, werden zusätzlich 3,7 Watt je Quadratmeter aufgenommen, rechnet die Schweizer Atmosphärenphysikerin Ulrike Lohmann vor. Wollte man den Effekt ausgleichen, müsste die Sonneneinstrahlung um 1,6 Prozent reduziert werden.

Weiße Dächer helfen dabei nur begrenzt; es gibt dafür schlicht zu wenig Gebäudefläche, sagt Lohmann. Der ebenfalls erwogene Aufbau riesiger Reflektoren in den Wüsten der Erde wäre zwar effektiver, aber auch immens teuer. Allerdings gibt es einen Ansatz, den sich Forscher gewissermaßen in der Natur abgeschaut haben und dessen Wirksamkeit etwa beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen im Juni 1991 demonstriert wurde. Der spie dabei unter anderem große Mengen schwefelhaltiger Asche in die Atmosphäre. In der 20 bis 25 Kilometer hoch gelegenen Stratosphäre bildeten sich dadurch vermehrt Aerosole, die für eine stärkere Reflexion des Sonnenlichts sorgten. Bereits im Jahr nach dem Ausbruch hatte sich die mittlere Temperatur weltweit um 0,5 Grad abgekühlt. Bei früheren, größeren Eruptionen von Vulkanen wurden noch deutlich stärkere Abkühlungen beobachtet.

Die Vorstellung, derlei Naturphänomene absichtlich auszulösen und so gewissermaßen am Erdthermostat zu drehen, elektrisiert nicht wenige Wissenschaftler. Technisch wäre dieses „Abblenden“ des Sonnenlichts wohl zu bewerkstelligen: Rund fünf Millionen Tonnen Schwefel müssten pro Jahr eingesetzt werden, rund zehn Prozent der jetzigen Schwefelimmissionen. In die Luft gebracht werden könnten sie mit Flugzeugen, Kanonen oder Ballons. Die Methode wird, so urteilte die Royal Society in ihrer Studie, „als durchführbar eingeschätzt“.

Regional unerfreuliche Folgen

Ist damit der Ausweg aus der Klimakrise gefunden, das kühlende Sonnensegel, das über den Himmel gespannt wird, während unten die Schlote weiter qualmen? Nicht wirklich, sagt Thomas Leisner, der an der Uni Heidelberg und dem Karlsruher Institut für Technologie die Atmosphäre erforscht. Nicht nur werden Folgen des Klimawandels wie die Versauerung der Ozeane mit dieser Methode nicht bekämpft. Leisner weist zudem darauf hin, dass auch große Eruptionen von Vulkanen regional durchaus unerfreuliche Folgen haben können: Passatwinde wehen in andere Richtungen, Tiefdruckgebiete verändern ihre Bahn, der Monsun bleibt aus.

Künstliche Bäume am Straßenrand könnten Kohlendioxid aus der Luft abscheiden. Das müsste aber unterirdisch gespeichert werden – was umstritten ist.


Foto: Institution of Mechanical Engineers

Ähnliche Folgen dürfte wohl auch der massenhafte Schwefeleintrag in die Stratosphäre haben. Wo sie eintreten ist nicht vorherzusagen. Der gewünschte Effekt stelle sich „vielleicht im weltweiten Mittel ein“, sagt Leisner, „regional aber können die Auswirkungen sehr unterschiedlich sein“ – von großflächigen Dürren in manchen Regionen über Stürme bis zu ungewöhnlich starken Niederschlägen in anderen. Zudem weisen Experten darauf hin, dass der in die Stratosphäre gebrachte Schwefel wieder zur Erde niedersinkt – als saurer Regen.

„Wir wissen extrem wenig“

Diese Unsicherheit über Wirksamkeit und Nebenwirkungen eint praktisch alle Methoden des Geo-Engineering. Das Weltklima ist ein ungemein komplexes und chaotisches System; welche Folgen es hätte, wenn an einer Schraube gedreht würde, ist völlig unklar. „Wir wissen extrem wenig“, räumt Gernot Klepper vom Kiel Earth Institute ein, „etwas mehr über die Potenziale von Geo-Engineering, fast nichts über die möglichen Nebenwirkungen.“ Man lasse sich „auf ein Experiment ein, das globale Auswirkungen hat, die man aber nur zum Teil kennt“, meint auch der Techniksoziologe Ortwin Renn von der Uni Stuttgart.

Die Möglichkeit, Szenarien an Computern durchzuspielen oder Versuchsanordnungen in Labors aufzubauen, um eventuelle Folgen besser abschätzen zu können, ist beschränkt; Experimente in großem Maßstab indes sind heikel: Gewissermaßen, sagt der Greifswalder Umweltethiker Konrad Ott, „wären sie ja bereits der praktische Einsatz“. Eine Art Großversuch hat es bislang nur in einem Fall gegeben – mit ernüchterndem Ergebnis. Im Jahr 2009 wurden von einem Forschungsschiff des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in einem 300 Quadratkilometer großen Gebiet im Südpolarmeer etwa vier Tonnen Eisensulfat ausgebracht. Ziel des „Lohafex“-Experiments, das seinen Namen aus dem Hindi-Wort „loha“ für Eisen ableitete, war es, die Auswirkungen auf das Wachstum von Algen zu beobachten. Ob derlei Experimente in freier Natur zulässig sind, war selbst in der deutschen Bundesregierung umstritten: Das Umweltministerium sprach sich gegen den Versuch aus.

Institutsleiterin Karin Lochte weist zwar darauf hin, dass die gedüngte Fläche nur einen sehr kleinen Anteil des Polarmeers umfasste, räumt aber ein, dass es sich um einen „Grenzfall“ gehandelt habe. Die Befürworter von Geo-Engineering haben die Ergebnisse indes nicht begeistert. Der Effekt sei „sehr viel kleiner gewesen, als ursprünglich angenommen“, sagt Lochte. Die Algen seien meist nicht abgesunken, sondern von Krebsen gefressen worden.

Geo-Engineering ist nur Plan B

Die Idee der Eisendüngung sei damit vorerst vom Tisch, „und ich hoffe, sie kommt nie wieder“, sagt Nadja Ziebarth, die beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) das Projektbüro zum Meeresschutz leitet. Sie kritisiert nicht nur Versuche in der Art von Lohafex, sondern lehnt die unter dem Stichwort Geo-Engineering diskutierten „Ingenieurspielereien“ generell ab. Zwar unterstellt sie im Einzelfall „ehrliche Versuche, den Klimawandel doch noch aufzuhalten“. Allerdings bezweifelt sie, dass Ansätze wie die eines Sonnenschirms für die Erde in großem Stil beherrschbar sind, ohne dass fatale Nebenwirkungen eintreten.

Ziebarth sieht in den Überlegungen eine Verschwendung von Zeit, Geld und Energie und betont, es müsse zwar darum gehen, die verpestete Atmosphäre vor dem Hitzeschock zu bewahren. Das könne aber nicht geschehen, indem nur Symptome bekämpft werden. Ziel müsse es vielmehr bleiben, sie von Klimakillern zu befreien. Geo-Engineering „bleibt der Plan B, und wir wollen dem Plan A zum Erfolg verhelfen“. Ähnlich skeptisch äußert sich der Umweltethiker Konrad Ott, der gemeinsam mit Kollegen die Argumente von Kritikern und Befürwortern des Climate Engineering analysiert. Er selbst lässt keinen Zweifel daran, dass er vor allem der Idee, einen „Sonnenschirm“ aus Schwefelpartikeln aufzuspannen, rundheraus ablehnend gegenübersteht. Sein Hauptargument: Risiken würden einfach in die Zukunft verschoben, „weil wir nicht willens sind, unseren Lebensstil zu ändern“.

Ott weist darauf hin, dass künftige Generationen womöglich vor einem echten Dilemma stehen könnten: So lange der „Sonnenschirm“ aufgespannt sei, könnten weiter Klimagase in die Luft gejagt werden. Zeigten sich aber ungeahnte und unerträgliche Nebenwirkungen des Schwefeleintrags in die Atmosphäre, müssten sich unsere Nachfahren zwischen zwei unerquicklichen Optionen entscheiden: diese Effekte zu ertragen – oder den Schirm zuzuklappen und die noch dramatischere und rasantere Aufheizung des Klimas zu erleben. „Sie vor ein solches Dilemma zu stellen, halte ich nicht für verantwortungsvoll“, sagt Ott, der den Philosophen Hans Jonas und dessen „Prinzip Verantwortung“ zitiert. Wetten, bei denen es ums Ganze geht, dürften nicht abgeschlossen werden, hatte dieser postuliert. Ohne vernünftige Exit-Strategien, fordert Ott, dürfe man den Weg des Geo-Engineering daher nicht gehen.

Soll damit also das Thema zu den Akten gelegt und den Dr. Frankensteins der Forschung überlassen werden? Nein, sagen Ott und viele andere Experten – schon deshalb nicht, weil die in Deutschland verbreitete Skepsis durchaus nicht überall geteilt wird. Vor allem in den USA hat Geo-Engineering viele Befürworter. Das liegt nicht nur am deutlich offeneren Verhältnis zu neuen Technologien, sondern auch an der verbreiteten Skepsis gegenüber Maßnahmen, mit denen der Ausstoß von Klimagasen verringert werden soll. Auch in anderen Staaten wüchsen Zweifel daran, ob es gelingt, die Emissionen im erforderlichen Umfang zu verringern, sagt der Techniksoziologe Renn. Ob und in welchem Umfang etwa auch in Russland und China an Maßnahmen zum Geo-Engineering geforscht wird, halten Experten für völlig unklar.

Beim Lohafex-Experiment sollten durch Eisendüngung Algen zum Wachstum angeregt werden, die dann Kohlendioxid speichern. Die Erfolge blieben aus.


Foto: Alfred-Wegener-Institut

Tatsache ist, dass solche Forschungen auch die skeptischen Deutschen nicht kalt lassen können – schließlich ist es alles andere als unwahrscheinlich, dass dieser Weg von einzelnen Ländern auch im Alleingang beschritten wird. Die Option, das Klima zu beeinflussen, dürfte gezogen werden, „wenn alles andere scheitert“ – oder wenn eine ernsthafte Krise eintritt, sagt Renn. Falls etwa die Häufigkeit und Schwere von Tornados in den USA weiter zunimmt oder gar „die erste Insel unter Wasser steht“, seien „Kurzschlussreaktionen“ denkbar. Es stelle sich dann die Frage, ob die katastrophalen Folgen des Klimawandels nicht noch schlimmer seien als eventuelle Nebenwirkungen der von Ingenieuren geplanten Klimaveränderung, fügt er an.

Die Öffentlichkeit wird dann wohl nach vermeintlichen Strohhalmen rufen, der Einsatz jedes Erfolg versprechenden Mittels politisch als alternativlos dargestellt werden, glauben auch andere Experten. „Die Frage nach Nebenwirkungen“, sagt Gernot Klepper, „wird man dann womöglich nicht mehr stellen. Man wird meinen, nicht mehr anders handeln zu können.“

Neuartige Schiffe sollen Wasser verdampfen, was für dichtere Wolken sorgt. Diese wiederum reflektieren Sonnenstrahlung – was die Atmosphäre kühlt.


Foto: John Mac Neil Illustration

Die Risiken, nicht die Möglichkeiten erforschen

Viele Experten plädieren gerade angesichts dieser brisanten Gemengelage und der Vorstöße in anderen Ländern dafür, die Forschung zum Thema Geo-Engineering auch in Deutschland hochzufahren – wobei der Schwerpunkt darauf liegen solle, „die Risiken zu erforschen und nicht die technischen Möglichkeiten“, betont Klepper. Schon im vergangenen Jahr beantragte ein Netzwerk von Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen daher ein Forschungsprojekt bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Ziel sei es, zu klären, „inwieweit Optionen tatsächlich Optionen sind“, sagt Klepper.

Rückhalt dürfte womöglich auch von der Bundesregierung kommen. Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte angesichts zunehmender Kontroversen ein Sondierungsgutachten in Auftrag gegeben, das die wissenschaftliche und öffentliche Debatte resümieren und kommentieren sollte. Ergebnisse der Studie wurden Anfang Juli in Berlin präsentiert. Klepper drängte bereits vorab auf mehr politische Auf- merksamkeit und höhere Forschungsaufwendungen für das Thema, auch wenn – oder gerade weil – dieses auf so starke Skepsis stoße: „Man kann sich nicht kritisch äußern, wenn man gar nicht weiß, wovon man redet.“

Die Liste der Fragen, die dabei zu klären sind, ist lang. Gefragt sind Physiker und Meteorologen ebenso wie Juristen, Soziologen, Politikwissenschaftler und selbst Psychologen. Letztere müssten beispielsweise klären, welche Auswirkungen es auf die Psyche von Menschen haben könnte, wenn der Himmel nicht mehr blau ist – mögliche Folge eines starken Schwefeleintrags in die Atmosphäre. Zu klären wäre auch, welche rechtlichen Rahmenbedingungen es für Experimente und einen eventuellen Einsatz von Geo-Engineering gibt, welche vertraglichen Regelwerke gelten und welche Institution ihre Einhaltung überwachen könnte.

Was passiert, wenn der Himmel nicht mehr blau ist?

Auf einer Konferenz der Biodiversitätskonvention im japanischen Nagoya wurde im September 2010 ein faktisches Moratorium für Geo-Engineering beschlossen; dieses solle so lange unterbleiben, bis eine „angemessene wissenschaftliche Basis“ bestehe, um Risiken für die Umwelt sowie soziale, ökonomische und kulturelle Folgen bewerten zu können. Forschungsstudien „in kleinem Maßstab“ aber sind ausgenommen. Was das heißt und ob etwa das Lohafex-Experiment von 2009 in diese Kategorie gefallen wäre, ist unklar: „Da muss man sich noch einigen“, sagt Karin Lochte. Erste Bemühungen, internationale Regeln zu erarbeiten, gibt es. Maßgebliche Wissenschaftler haben sich im März 2010 auf einer Konferenz im kalifornischen Asilomar auf „Leitplanken“ für die weitere Forschung geeinigt, sagt Ulrike Potzel, Generalsekretärin der „International Expert Group on Earth System Preservation“ in München. Demzufolge sollen Forschung und Publikation sehr transparent erfolgen; die Ergebnisse müssten von unabhängigen Gutachtern überprüft werden, die Öffentlichkeit solle an allen maßgeblichen Entscheidungen beteiligt werden. Verhindert werden müsse auch, dass eine kommerzielle Nutzung der Erkenntnisse erfolge, damit der Einsatz von Geo-Engineering nicht aus rein ökonomischen Gründen eine Eigendynamik entwickle, sagt Potzel.

Wie dringend darüber hinaus völkerrechtliche Fragen geklärt werden müssen, verdeutlicht der Klimaforscher Thomas Leisner an einem Gedankenspiel. Sollte der Verdacht entstehen, dass eine verheerende Dürre kein zufälliges meteorologisches Ereignis sei, sondern Effekt von Klimaexperimenten eines anderen Landes, „dann mag man sich nicht ausmalen, welche Folgen das in einer immer instabileren Welt haben könnte“, sagte er bei einer Podiumsdiskussion auf dem Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden.

Dass inzwischen auch protestantische Laien bei ihrem Treffen über Geo-Engineering reden, zeigt, dass die Angelegenheit die rein wissenschaftlichen Kreise verlässt. Höchste Zeit, sagen Experten wie Konrad Ott, der die Formierung einer „kritischen Öffentlichkeit“ für dringend geboten hält. Allein die Aussicht, die Erdatmosphäre auch mit anderen Methoden kühlen zu können als durch den schwierigen Abschied von Kohle und Öl, könnte dazu führen, dass Strategien zur Vermeidung von Kohlendioxid mit weniger Nachdruck verfolgt werden.

Die Debatte sei „ein falsches Signal zur falschen Zeit“, sagt daher Umweltethiker Konrad Ott; sie erschwere Entscheidungen zugunsten einer grünen Ökonomie und könne zum Protektionismus für die alten Energieträger und die von ihnen getragene Wirtschaft führen. Der Theologe und Biologe Günter Altner spricht gar vom „großen Tor der Versuchung“. Womöglich hat die Debatte um Geo-Engineering und dessen Nebenwirkungen allerdings auch einen Effekt, der das Pendel zur anderen Seite ausschlagen lässt. Das jedenfalls hofft Ortwin Renn. Wenn deutlicher würde, wie schwerwiegend die möglichen Folgen des Herumdokterns am Klima sein können und dass der Plan B auch nur zu einem hohen Preis zu bekommen ist – dann, sagt der Techniksoziologe, könnte in der Öffentlichkeit durchaus „die Unterstützung für Plan A wachsen“, nämlich die Verringerung von Emissionen. Vielleicht, so seine Hoffnung, ist das Zwei-Grad-Ziel noch nicht ins Reich der „netten Utopien“ verbannt.

Weitere Informationen

• Die britische Royal Society veröffentlichte bereits im September 2009 eine Studie zum Thema, die unter Fachleuten noch immer als sehr fundiert und aussagekräftig gilt. Nachzulesen ist das Papier unter
• Die Zeitschrift politische ökologie widmete dem Thema Geo-Engineering ihr im vorigen Jahr erschienenes Heft 120, in dem zahlreiche Aspekte in gut lesbaren Aufsätzen von anerkannten Fachleuten erörtert werden.
• Zu beziehen unterhttp://www.oekom.de/zeitschriften/politischeoekologie/archiv/archiv/heft/450.html
• Am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg widmet sich ein Forschungsprojekt dem Thema Geo-Engineering und Möglichkeiten einer weltweiten politischen Regulierung:http://www.climate-engineering.uni-hd.de