Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Gesunde Geschäfte


ÖKO-TEST Kompakt Ernährung und Genuss - epaper ⋅ Ausgabe 1/2009 vom 15.02.2009

Glänzende Haare, entspannte Nerven, geschützte Zellen: Die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln versprechen viel und können wenig belegen. Sinnvoll sind die Präparate nur in wenigen Fällen, gekauft werden sie dennoch.


Artikelbild für den Artikel "Gesunde Geschäfte" aus der Ausgabe 1/2009 von ÖKO-TEST Kompakt Ernährung und Genuss. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: irisblende.de

Milliarden nimmt die Pharmabranche jedes Jahr mit Vitaminprodukten und Pflanzenextrakten ein. Die Hersteller der Pillen, Pulver, Kap seln und Tropfen profitieren vom guten Ruf der lebenswichtigen Nahrstoffe. Mit Vitaminen und Mineralstoffen werden positive Begriffe wie Wohlbefinden, Starke, Energie und ein gesundes Immunsystem verbunden. Zu Recht. Doch sind die ...

Weiterlesen
Artikel 1,14€
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Kompakt Ernährung und Genuss. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2009 von Kleine Helfer – ganz groß. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kleine Helfer – ganz groß
Titelbild der Ausgabe 1/2009 von Starke Partner. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Starke Partner
Titelbild der Ausgabe 1/2009 von Das gibt Power. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das gibt Power
Titelbild der Ausgabe 1/2009 von Bin ich gut versorgt?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bin ich gut versorgt?
Titelbild der Ausgabe 1/2009 von Vitamincheck. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Vitamincheck
Titelbild der Ausgabe 1/2009 von Auswertung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Auswertung
Vorheriger Artikel
Iss dich gesund?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Wirkung kaum bewiesen
aus dieser Ausgabe

Milliarden nimmt die Pharmabranche jedes Jahr mit Vitaminprodukten und Pflanzenextrakten ein. Die Hersteller der Pillen, Pulver, Kap seln und Tropfen profitieren vom guten Ruf der lebenswichtigen Nahrstoffe. Mit Vitaminen und Mineralstoffen werden positive Begriffe wie Wohlbefinden, Starke, Energie und ein gesundes Immunsystem verbunden. Zu Recht. Doch sind die Praparate wirklich eine Alternative oder zumindest eine sinn volle Erganzung zu naturlichen Nahrstofflieferanten wie Obst und Gemuse, Vollkorn, Fisch oder Milchprodukten? OKO-TEST antwortet auf die wichtigsten Fragen:

Foto: Banana Stock

Enthalten Obst und Gemüse weniger Nährstoffe als früher?

Dazu hat die Deutsche Gesellschaft fur Ernahrung (DGE) Ex perten aus 60 Forschungsinstituten befragt. Das Fazit: Der Nahrstoffgehalt pflanzlicher Lebensmittel ist seit Jahrzehnten unverandert. Das zeigte auch ein Vergleich internationaler Nahr werttabellen aus den Jahren 1972 bis 2000 durch die DGE. Den Nahrstoffgehalt der Boden schatzen die Experten auf grund intensiver Dungung sogar hoher ein als fruher. Tierische Produkte enthalten heu te eher mehr Vitamine und Mineralstoffe als fruher, weil dem Tierfutter Vitamine und Mineralstoffe beigemischt werden.

Leiden wir an Nährstoffmangel?

Hierzulande isst jeder im Schnitt 250 Kilogramm Obst und Gemuse im Jahr und damit mehr als in den vergan ge nen 50 Jahren. Zudem trin ken wir 40 Liter Fruchtsaft und Fruchtnektar pro Kopf und Jahr und sind damit Saftwelt meister. In der Nationalen Verzehrstudie II hat das Bundesf orschungsinstitut fur Er nahrung und Lebensmittel akribisch erfasst und ausgewertet, was bei den Deutschen auf den Tisch kommt. Das Ergebnis: „Bei den meisten Vitami nen entspricht die Zufuhr den Referenzwerten, deutlich da runter liegt die Zufuhr bei Vitamin D und Folsaure.“ Von den meisten Mineralstoffen neh men die Deutschen mehr als genug zu sich. Lediglich weibliche Jugendliche und al te Menschen brauchten etwas mehr Calcium. Frauen im gebarfahigen Alter nehmen im Schnitt zu wenig Eisen zu sich.

Wer sollte zusätzlich Nahrungsergänzungsmittel einnehmen?

Grundsatzlich sind Nahrungserganzungsmittel fur gesunde Personen, die sich normal er nahren, uberflussig. Abweichend vom Durchschnitt gibt es Menschen, bei denen der Nahrstoffbedarf erhoht ist oder die sich zu einseitig und damit nahrstoffarm ernahren. In den meisten Fallen gilt, dass sich auch ein erhohter Bedarf durch eine bewusste Ernahrung decken lasst. Bei Rauchern, Gewohnheitstrinkern oder Fast-Food-Junkies ist es gesunder, die Lebens- und Ernahrungsgewohnheiten zu andern, als mithilfe von Vitaminpillen die Schaden einer ungesunden Lebensweise zu begrenzen. Nur bei wenigen Nahrstoffen und in speziellen Fallen halten Ernahrungswissenschaftler eine Erganzung fur sinnvoll (siehe Seite 41). Auch chronische Krankheiten wie Krebs oder Ma gen-Darm-Erkrankungen, die die Nahrstoffaufnahme behindern, konnen zu Mangelerscheinungen fuhren.

Wer kauft solche Mittel?

28 Prozent der Deutschen nehmen Nahrungserganzungspraparate oder Medikamente mit Vitaminen und Mineralstoffen ein. Darunter sind deutlich mehr Frauen als Manner. Mit dem Alter und dem Grad der Bildung steigt der Griff zur Nahr stoffpille, ermittelte das Bundesforschungsinstitut fur Ernahrung und Lebensmittel. Marktforscher haben herausge funden, dass die eine Halfte der Verwender die Mittel das ganze Jahr uber nimmt; die andere Halfte beschrankt sich auf die kalte Jahreszeit oder Stress situationen. Nur einem Viertel hat ein Arzt die Einnahme von Praparaten empfohlen. Das Robert-Koch-Institut und die Fachhochschule Hamburg haben festgestellt, dass sich die typischen Pillenkaufer be sonders gesund ernahren, mehr Sport treiben als der Durchschnittsburger und auch nicht so dick sind. Die Autoren der Studie vermuten, dass diese Menschen „aber immer noch meinen, durch die Einnahme der artiger Praparate zusatzlich etwas fur ihre Gesundheit zu tun“.

Foto: irisblende.de

Was dürfen Nahrungsergänzungsmittel enthalten?

Die EU-Richtlinie fur Nahrungserganzungsmittel erlaubt den Einsatz von 13 Vitaminen und 15 Mineralstoffen. Daneben ist auch die Verwendung von „sonstigen Stoffen mit ernahrungsspezifischer oder physiologischer Wirkung“ gestattet.

Genauer definiert die Richtlinie diese Stoffe nicht. Nur in der Be grundung sind als Beispiele „Ami nosauren, essenzielle Fett sauren, Ballaststoffe und verschiedene Pflanzen- und Krauterextrakte“ genannt. Die deutschen Uberwachungsbehor den versuchen, diese Rechts lucke mit einem Verweis auf die Zusatzstoffverordnung zu fullen. Sie regelt, welche Substanzen einem Lebensmittel – und das sind Nahrungserganzungsmittel ja – zugesetzt werden durfen. Fur Pflanzenextrakte wie Ginseng gilt, dass sie nicht wegen ihrer medizinischen Wirkungen eingesetzt werden durfen, sondern nur wegen ihres Nahrwerts, ihres Genusswerts oder wegen des typischen Geschmacks. In der Praxis sorgen diese Regelungen fur eine grose Grauzone.

Wie viel darf drin sein?

Bisher hat die EU noch keine Werte fur die Vitamin- und Mineralstoffgehalte festgelegt. Deshalb verfahren die deutschen Behorden nach der Faust regel, dass die empfohlene Tagesdosis eines Praparats maximal drei Mal so hoch sein sollte, wie die von der DGE empfohlenen Werte fur die tagliche Aufnahme. Das Bundesinstitut fur Risikobewertung (BfR) rat vorsorglich zu noch geringeren Konzentrationen. Sie liegen bei 225 Milligramm Vitamin C, 500 Milligramm Calcium oder 2,25 Milligramm Zink. Noch keine Regelungen gibt es fur Pflanzenextrakte, Eiweise, Ole und andere Inhaltsstoffe von Nah rungserganzungsmitteln. Medizinische Wirkstoffe durfen nicht in einer so hohen Kon zentration vorliegen wie in Arzneimitteln.

Kann eine Überdosis schaden?

Bei dauerhafter Einnahme von Nah rungserganzungsmitteln kann es zu problematischen Uberdosierungen kommen. Denn die oft hohen Dosierungen der Praparate kommen zu den Nahrstoffen hinzu, die man naturlicherweise oder in zu gesetzter Form mit den Lebensmitteln zu sich nimmt.

Betacarotin: 20 Milligramm taglich fuhrten bei Rauchern in einer gros angelegten Studie zu einem hoheren Lungenkrebsrisiko. Auch die Zahl der To desfalle durch Herz-Kreislauf -Krankheiten stieg. Das BfR em pfiehlt, „Betacarotin in Nah rungserganzungsmitteln nur mit groser Vorsicht einzusetzen.“

Vitamin A: Hohe Gaben im ersten Drittel der Schwangerschaft konnen zu Missbildungen des Foto: irisblende.de Kindes fuhren. Eine dauerhaft hohe Einnahme lasst Knochen bruchig werden.

Foto: News-Reporter.net

Vitamin D: Starke und dauerhafte Uberdosierung kann Er brechen, Durchfall und Kopf schmerzen auslosen. In schwe ren Falle drohen Kalkabla gerungen in den Organen oder Nierenschaden.

Vitamin B6: Bei sehr hohen Tagesdosen gab es einzelne Falle von Nervenschaden.

Vitamin C: Mehr als 1.000 Milligramm taglich konnen bei anfalligen Menschen das Risiko vergrosern, Nierensteine zu bekommen.

Calcium: Zu viel Calcium und Natrium konnen bei empfindlichen Personen das Risiko er hohen, an Nierensteinen zu erkranken. Auserdem behindern hohe Calciumdosen die Aufnahme anderer Mineralstoffe. 2.500 Milligramm Calcium taglich empfiehlt deshalb der zustandige wissenschaftliche Ausschuss der EU-Kommission als Obergrenze.

Magnesium: Durchfall riskiert, wer grose Mengen an Magnesium zu sich nimmt.

Eisen: Bei einer Uberversorgung mit Eisen konnen nicht be notigte Eisenionen zur Bildung aggressiver Radikale beitragen und so das Risiko von Herz- und Gefaserkrankungen erhohen. Auserdem werden sie von Mikroorganismen fur de ren Stoffwechsel benutzt. Ein Eisenuberschuss macht also anfalliger fur Infektionen. Das BfR empfiehlt, auf Eisen in der Nahrungserganzung zu verzichten.

Mangan: Zu viel Mangan schadigt die Nerven. Das BfR rat deshalb, auf Mangan in der Nahrungserganzung zu verzichten.Selen: In einer sieben Jahre dauernden Studie erhohte die tagliche Einnahme von 200 Mi krogramm Selen das Risiko, an Diabetes zu erkranken, um 50 Prozent. Uber Nahrungserganzung sollte man taglich nicht mehr als 30 Mikrogramm Selen zu sich nehmen, schreibt das BfR.

Was muss draufstehen?

Die deutsche Verordnung schreibt vor: die Bezeichnung „Nahrungserganzungsmittel“, die genaue Nahrstoffzusammensetzung, die taglich empfohlene Verzehrsmenge sowie die Warnhinweise, dass die empfohlene Verzehrsmenge nicht uberschritten werden sollte und Nahrungserganzungs mittel kein Ersatz fur eine aus ge wogene Ernahrung sind. An geben mussen die Anbieter das Verhaltnis zwischen ihrer empfohlenen Tagesdosis und den Referenzwerten fur die tagliche Aufnahme des jeweiligen Nahrstoffes. Ausdrucklich ver boten, auch in der Werbung fur ein Mittel, ist jeder Hin weis, „mit dem behauptet oder unterstellt wird, dass bei einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernahrung im Allgemeinen die Zufuhr angemessener Nahrstoffmengen nicht moglich sei“.

Wie unterscheiden sich Nahrungsergänzungsvon Arzneimitteln?

Die Hersteller von Nahrungserganzungsmitteln mussen ihre Praparate beim Bundesamt fur Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) anmelden. Studien uber die Wirkung oder mogliche Nebenwirkungen braucht es dazu nicht. Denn die Produkte gelten als Lebensmit- tel. Fur Arzneimittel dagegen gel ten die weit strengeren Zulassungsvorschriften des Arzneimittelrechts. Sie werden, nach Vorlage der notwendigen Studien, vom Bundesinstitut fur Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen. Erkennbar ist dies durch eine Zulassungsnummer auf der Verpackung. Zusatzlich steht dort die Chargen-Bezeichnung, „Ch.- B.“ abgekurzt. Das BfArM gibt fur die Inhaltsstoffe Mindestund Hochstgehalte der Tagesdosis vor. Auf mogliche Risiken und Nebenwirkungen muss ein Beipackzettel hinweisen.

Was ist in der Werbung erlaubt?

Nahrungserganzungen durfen nicht mit gesundheitlichen Wir kungen werben. Selbst Aussagen wie „zur Starkung der Abwehrkrafte“ sind rechtlich nicht zulassig. Deshalb beschranken sich viele Hersteller darauf, die ge sunden Wirkungen des jeweiligen Nahrstoffes und seine Be deutung fur den Stoffwechsel zu beschreiben. Mangelerscheinungen schildern sie so, dass sich der Leser betroffen fuhlt. Nervos oder abgespannt ist man schnell einmal. Das Mittel selbst verspricht keine direkte Abhilfe, sondern dient dazu, die Versorgung sicherzustellen oder die Korperdepots aufzufullen. Abgesehen davon gibt es zahlreiche Hersteller, die ungeniert mit gesundheitlichen Wirkungen werben. Doch dies durfen nur Arzneimittel und auch nur fur die zugelassenen Indikationen.

Die Vitaminmacher

Rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr machen weltweit die Hersteller von Vitaminen. Uber die Halfte der Produkte wird nicht von Menschen konsumiert, sondern dem Viehfutter zugesetzt. Marktfuhrer ist der hollandische Konzern DSM vor BASF und dem Schweizer Unternehmen Lonza. In den letzten Jahren haben die europaischen Hersteller starke Konkurrenz aus China bekommen. Etwa zwei Drittel des weltweit benotigten Vitamin C werden inzwischen in der Volksrepublik hergestellt. Der Preisdruck sorgte dafur, dass trotz steigender Produktionsmengen die Erlose sanken. Erst 2008 erholte sich der Vitaminmarkt wieder.

Fruher hatten die grosen Hersteller solche Probleme nicht. Von 1989 bis 1999 sprachen acht Firmen, darunter der Schweizer Branchenriese Hoffmann-La Roche (heute DSM) und die BASF illegal ihre Preise ab. Experten schatzen, dass im Laufe dieser zehn Jahre allein in den USA Gewinne von funf bis zehn Milliarden Dollar zusatzlich in die Pharmakassen flossen. Als das Kartell aufflog, verhangten die USA und die EU zusammen uber eine Milliarde Euro an Busgeldern.

Viel wertvoller werden Vitamine, wenn man sie zusammen mit anderen Nahrstoffen als Nahrungserganzung weiterverkauft. Der weltweite Markt fur Nahrungserganzungsmittel betragt rund 40 Milliarden Euro.