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Gesundheit & Fitness: TEST Gesundheitstees: Dr. Tee


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2012 vom 28.09.2012

Ob Thymian, Brennnessel oder Pfefferminze: Viele Kräuter werden zu Arzneitees verarbeitet. Unser Test gängiger Husten-, Magen-, Blasen- und Beruhigungstees zeigt allerdings: Die Wirkung ist eher schwach, Schadstoffe sind hingegen die Regel.


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Foto: Twilight Art Pictures/Fotolia.com

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen.“ Dieser Eindruck drängt sich zumindest beim Blick auf Arzneitees auf. Anscheinend wird fast alles zu Tee verarbeitet, was am Wegesrand wächst. Das Sortiment reicht von Arnikablüten über Eichenrinde bis hin zu Wermutkraut, aber auch Klassikern wie Kamille, Brennnessel, Schachtelhalm und ...

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... Fenchel.

Der heimische Anbau nimmt sich bescheiden aus. In Deutschland werden die Kräuter vor allem in Thüringen, Bayern, Hessen und Niedersachsen kultiviert, auf einer Fläche von gerade einmal rund 10.000 Hektar, das sind nur rund 0,06 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche.

Die Masse der Kräuter wird importiert, viele stammen aus Wildsammlungen. Die aber haben einen großen Nachteil: Die Qualität der Rohware kann je nach Standort, Bodenbedingungen und Verarbeitung stark schwanken. Mindestanforderungen legt das Europäische Arzneibuch fest. Dazu zählen die Prüfung auf Identität und Reinheit sowie unter Umständen eine Gehaltsbestimmung relevanter Inhaltsstoffe.

Pfefferminz-, Kamillen- und etliche andere Tees gibt es sowohl in der Apotheke als auch viel billiger im Supermarkt zu kaufen. Gleich sind sie nur scheinbar. Denn die einen sind Arzneimittel, die anderen Genussmittel. Arzneitees müssen die im Arzneibuch vorgegebene Qualität erfüllen. So sollte arzneilicher Kamillentee nur Kamillenblüten, aber kein Kamillenkraut enthalten, arzneilicher Pfefferminztee nur Pfefferminzblätter, aber keine Stengelanteile. „Wenn man die Beutel aufschneidet und vergleicht, sieht man, was die Stunde geschlagen hat“, erklärt Dr. Marcela Ullmann vom Komitee Forschung Naturmedizin.

Die Anwendung von Arzneitees erfolgt eher kurmäßig. Den Tee sorgfältig zuzubereiten, ihn dann schluckweise über den Tag zu trinken, kann entspannend wirken und dazu führen, die momentane Malaise viel positiver einzuschätzen. Geruch, Geschmack und die Wärme des heißen Aufgusses tragen ihren Teil zum Wohlbefinden bei. Gerade wenn sich die Beschwerden anbahnen oder bei an sich harmlosen Befindlichkeitsstörungen kann man mit der Einstellung „Abwarten und Tee trinken“ zum eigenen Therapeuten werden (siehe auch Interview mit Dr. Thomas Rampp).

Wir wollten wissen, wie es um die Wirksamkeit und Qualität solcher Tees bestellt ist. Dazu hat ÖKO-TEST 23 Arzneitees eingekauft: je fünf Blasen- und Nierentees, Magen- und Darmtees und Schlaf- und Beruhigungstees sowie acht Husten- und Bronchialtees. Wir haben sie begutachten und auf Schadstoffe untersuchen lassen.

Das Testergebnis

Bestenfalls aus Erfahrung gut. Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der untersuchten Tees werden im Wesentlichen aus der traditionellen Anwendung, ärztlicher Erfahrung und Anwendungsbeobachtungen abgeleitet. Moderne klinische Studien sind Mangelware. Wir stufen die Wirksamkeit der Arzneitees gerade noch als „wenig überzeugend“ und nicht als „nicht nachgewiesen“ ein, weil die Bedeutung des Rituals der Teezubereitung nicht zu unterschätzen und uns die subjektiv empfundene Verbesserung der Befindlichkeit bei leichten Beschwerden wichtig ist. Besser kommen nur die Blasen- und Nierentees weg, die bei leichten Harnwegsinfektionen helfen, die Harnmenge zu erhöhen.
Der Blase hilft viel trinken. Goldrutenkraut, Orthosiphon- und Birkenblätter, Hauhechelwurzel, Brennnesselblätter sowie Schachtelhalmkraut wirken harntreibend und unterstützen eine Durchspülungstherapie. Der Effekt dürfte aber vor allem auf der zugeführten Flüssigkeitsmenge beruhen, denn welche Inhaltsstoffe zur Wirksamkeit beitragen, ist unklar. Bei Patienten mit Herz- oder Nierenschwäche, die sich unter anderem in Wassereinlagerungen im Gewebe äußern können, ist eine Durchspülungstherapie nicht angezeigt. Einen entsprechenden Warnhinweis vermissen wir beim H&S Blasen- und Nierentee Arzneitee Nr. 2, Filterbeutel.
■ Bärentraubenblätter desinfizieren die Harnwege. Sie enthalten Arbutin, aus dem Hydrochinon entsteht. Damit gehört es in eine Gruppe von Stoffen, die als krebserzeugend gelten. Wir werten Bärentraubenblätter daher um vier Noten ab. Samenfreie Gartenbohnenhülsen als arzneilich wirksamer Bestandteil sind hingegen ohne erkennbaren Nutzen bei Harnwegsinfektionen und daher überflüssig.
Wärmender Tee bei Husten. Spitzwegerich, Süßholzwurzel, Thymian, Bitterer Fenchel und Isländisch Moos sind häufige, arzneilich wirkende Bestandteile in Husten- und Bronchialtees. Die enthaltenen ätherischen Öle sollen das Abhusten erleichtern, Schleimstoffe und Saponine den Hustenreiz lindern. Allerdings ist unklar, in welchen Mengen die Wirkstoffe überhaupt in den Teeaufguss übergehen. Was mangels Studien bleibt, ist das angenehme Aroma und der wärmende Effekt einer Tasse heißen Hustentees.
Krampflösendes für den Magen. Bei leichten Magenkrämpfen, Blähungen oder Völlegefühl können die ätherischen Öle aus Kamillenblüten, Anis, Fenchel, Schafgarbe, Salbei und Pfefferminze die Beschwerden lindern. Sie wirken krampflösend auf die glatte Muskulatur des Verdauungstraktes. Der Pfefferminze wird zudem nachgesagt, den Gallefluss zu erhöhen. Aussagekräftige klinische Studien fehlen jedoch.

Interview

Moment des Innehaltens

Dr. Thomas Rampp, Leiter des Instituts für Naturheilkunde und Traditionelle Chinesische Medizin an den Kliniken Essen-Mitte

ÖKO-TEST: Welche Bedeutung haben Arznei tees innerhalb der Naturheilverfahren?
Dr. Thomas Rampp: Die Phytotherapie hat einen extrem hohen Stellenwert. Das sieht man schon daran, dass ein Drittel der Zeit, die ein Arzt zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren aufzuwenden hat, darauf entfällt. In der Klinik nutzen wir Tee auch als ordnungstherapeutisches Element. Allein die bewusste Teezubereitung hilft, zur Ruhe zu kommen. Hier in der Klinik gibt es eine Teeküche, die verschiedenen Tees stehen dort in großen Blechdosen. Während ihres stationären Aufenthalts lernen die Patienten, sich selbst den passenden Tee zu kochen.

Wann ist eine Anwendung sinnvoll?
Bei Befindlichkeits- und stressassoziierten Störungen, banalen Infekten und auch bei Magen-Darm-Beschwerden stellen die Tees eine wichtige Selbsthilfe dar. Hibiskustee wirkt blutdrucksenkend, das konnte in klinischen Studien nachgewiesen werden. Wer in Hektik ist oder einen vollgepackten Terminkalender hat, wird vielleicht eine Pille einwerfen. Beim Tee hingegen spielt die Wahrnehmung der Gerüche eine Rolle und der Moment des Innehaltens, wenn man sich den Tee zubereitet.

Kommen Arzneitees auch für Kinder infrage?
Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es praktisch nicht. Wenn die Kinder dem Säuglingsalter entwachsen sind, sind die Tees eigentlich kein Problem. Wegen des bitteren Geschmacks mögen Kinder sie allerdings oft nicht.

Experte

Arzneitees sind schlecht untersucht

„Die wissenschaftlich orientierte Phytotherapie geht hin zu aufbereiteten Pflanzenextrakten. Das große Problem der Tees ist: Sie sind sehr schlecht untersucht. Wir wissen sehr wenig über ihre Qualitätskonstanz, die auch von der Zubereitung abhängt, und ihre Wirksamkeit im Vergleich zu einem Fertigpräparat derselben Pflanze.“

Dr. Rainer Stange, Präsident des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin (ZAEN)

■ Beruhigender Baldrian: Lavendel, Melisse, Hopfen, Passionsblume und Baldrian werden seit Alters her bei nervösen Unruhezuständen und Schlafstörungen angewendet. Der Schlaf lässt sich mit den Kräutern zwar nicht erzwingen. Indem sie aber die nervöse Anspannung vermindern, fördern sie die Schlafbereitschaft. Beruhigungstees sind ein traditioneller, sanfter Ansatz gegen Schlafstörungen.
■ Pestizide sind die Regel: Anscheinend geht es auch im Arzneipflanzenanbau nicht ohne Pestizide. Obgleich keine Höchstmengenüberschreitungen zu verzeichnen waren, hinterlassen gerade Mehrfachrückstände ein ungutes Gefühl, da niemand weiß, ob sie harmlos sind.
Jürgen Steinert

ÖKO-TEST rät

• Bei leichten Befindlichkeitsstörungen kann die kurmäßige Anwendung eines Arzneitees sinnvoll sein. Eine Daueranwendung vermeiden, da die Folgen einer langfristigen Einnahme nicht untersucht sind.
• Die Tasse mit dem frisch aufgegossenen Arzneitee mit der Untertasse abdecken, damit wertvolle flüchtige Inhaltsstoffe nicht so leicht entweichen. Honig kann den Geschmack der Tees verbessern.
• Arzneitees dunkel, trocken und nicht länger als ein Jahr lagern. Lose Teemischungen vor Gebrauch kräftig durchschütteln, da sie sich entmischen können.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Arzneitees werden meist für folgende Anwendungsgebiete gekauft, die auch unser Testfeld vorgaben: Magen und Darm, Blase und Niere, Schlaf und Nerven, Husten und Bronchien. Aus jeder Gruppe haben wir fünf gängige Mittel in Apotheken, Drogerien, Reformhäusern und Naturwarenläden eingekauft; und – die Erkältungszeit steht vor der Tür – sogar acht Hustentees. Die Pharmakologische

Begutachtung

In der Volksmedizin sind viele Heilkräuter seit Jahrhunderten verwurzelt. Doch heilen Tees aus Baldrian, Minze und Co. tatsächlich? Was in modernen Therapiestudien überprüft ist, hat sich unser wissenschaftlicher Berater Professor Manfred Schubert-Zsilavecz, Pharmazeutischer Chemiker an der Universität Frankfurt, angeschaut und seine Erkenntnisse in einem Gutachten zusammengefasst. Auch die Beipackzettel wurden einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Die Schadstoffe

Sanft und natürlich bedeutet nicht automatisch auch frei von Schadstoffen. Wo Pflanzen in Kulturen angebaut werden, sind Spritzgifte nicht weit – das gilt auch für Arzneipflanzen. Viele Tees enthalten Süßholzwurzel, auf der Schimmelpilze häufig das Gift Ochratoxin A produzieren.

Die Bewertung

Nach unseren üblichen strengen Kriterien hätten Arzneitees eigentlich schlechte Karten, denn für sie sprechen fast nur Erfahrungsberichte. Allerdings werden die im Allgemeinen gut verträglichen Tees typischerweise bei leichten Befindlichkeitsstörungen eingesetzt, bei denen es übertrieben wäre, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Zu viele Schadstoffe können allerdings eine mehr oder weniger positive Bewertung in der Pharmakologischen Begutachtung in ein schlechteres Gesamturteil verwandeln.