Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Getrennter Unterricht?: Von der Rolle


ÖKO-TEST Spezial Erziehung - epaper ⋅ Ausgabe 5/2012 vom 11.05.2012

Jungs bleiben öfter sitzen, verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss – und es fällt ihnen meist schwerer als Mädchen, sich über längere Zeit ruhig auf den Unterricht zu konzentrieren. Fachleute diskutieren, ob es zur Förderung der Jungen nicht sinnvoller wäre, die Geschlechter getrennt zu unterrichten – zumindest zeitweilig und in bestimmten Fächern.


Da fangen die besten Freundinnen einen Streit an. Die Schule sei überhaupt nicht auf Jungen vorbereitet, macht sich die engagierte Bubenmutter für ihre Sprösslinge stark: „Viel zu wenig Experimente.“ Jungen müsse man mehr Spaß bieten, Unterhaltung im ...

Weiterlesen
Artikel 0,57€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Spezial Erziehung. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Jungs sind anders, Mädchen auch. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jungs sind anders, Mädchen auch
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Von Müttern, Vätern, Töchtern und Söhnen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Von Müttern, Vätern, Töchtern und Söhnen
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Liebe, Zuwendung und Konsequenz. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe, Zuwendung und Konsequenz
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Die zehn wichtigsten Benimmregeln. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die zehn wichtigsten Benimmregeln
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Immer die gleiche Leier. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Immer die gleiche Leier
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Müssen Kinder gehorchen?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Müssen Kinder gehorchen?
Vorheriger Artikel
Jungs sind anders, Mädchen auch
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Von Müttern, Vätern, Töchtern und Söhnen
aus dieser Ausgabe

Da fangen die besten Freundinnen einen Streit an. Die Schule sei überhaupt nicht auf Jungen vorbereitet, macht sich die engagierte Bubenmutter für ihre Sprösslinge stark: „Viel zu wenig Experimente.“ Jungen müsse man mehr Spaß bieten, Unterhaltung im Unterricht, damit sie bei der Sache blieben und nicht das Interesse verlören. Was denn das nur für eine Einstellung sei, wettert die Mädchenmutter zurück. Als ob die Mädels keinen Spaß haben wollten und eine langweiligere Schule für sie gut genug sei.

Die Fakten sprechen gegen den Schulerfolg der jungen Männer und für den der jungen Frauen. In der Leseleistung hinken männliche Grundschüler ihren weiblichen Klassenkameraden um fast ein Jahr hinterher. Jungen bleiben im Lauf ihrer Schulzeit häufiger sitzen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stand am Ende des Schuljahrs 2010/2011 bei 2,3 Prozent der Jungen „nicht versetzt“ unterm Zeugnis, bei den Mädchen waren es lediglich 1,6 Prozent. Hauptschüler sind mit gut 56 Prozent in der Mehrzahl Jungen – und auch die Quote der Schulabbrecher ohne Hauptschulabschluss liegt bei Jungen um drei Prozentpunkte höher als bei den Mädchen (acht im Vergleich zu fünf Prozent). Ebenso werden Förderschulen deutlich häufiger von Jungen (64 Prozent) als von Mädchen besucht.

Das Abitur schaffen mehr Mädchen als Jungen – im Schuljahr 2010/2011 haben 35 Prozent der Mädchen Abitur gemacht – im Vergleich zu 27 Prozent der Jungen. Im selben Schuljahr waren knapp 52 Prozent aller Schüler an Gymnasien Mädchen und gut 48 Prozent Jungen. Zum Vergleich: 2003 waren gut 50 Prozent der Abiturienten männlich, 1992 knapp 52 Prozent. 1970 waren (im Westen Deutschlands) fast 61 Prozent der Abiturienten auf allgemeinbildenden Gym-nasien Jungen. 1950 bestand ein Abiturjahrgang sogar noch zu gut 67 Prozent aus Jungen.

Foto: Kitty/Fotolia.com

Inzwischen haben Mädchen im Schnitt die besseren Zeugnisse, sie siegen oft im Rennen um die Ausbildungsplätze, mehr junge Männer als Frauen sind arbeitslos. Gleichzeitig warnen Ökonomen vor dem wachsenden Mangel an Fachkräften und Ingenieuren, denn noch immer interessieren sich junge Frauen nicht in ausreichender Zahl für männertypische Berufe und Studiengänge.

Jungs als Verlierer?

Die Gesellschaft debattiert das Thema heftig und sucht nach Schuldigen. Da wird dann schon mal dem in der Mehrheit weiblichen Lehrpersonal in seiner Gesamtheit vorgeworfen, für den Ingenieurmangel verantwortlich zu sein. Einen Beweis für diese These gibt es nicht. Doch die Politik ist aufgeschreckt und fordert, den Anteil der männlichen Grundschullehrer zu erhöhen. In Schleswig-Holstein hat man speziell jungengerechtes Unterrichtsmaterial angeschafft und in Bayern einen Arbeitskreis Bubenförderung gegründet. Das Ende der Gemeinschaftserziehung wird auch diskutiert. Diesmal aber nicht, um den Mädchen zu helfen, sondern den Jungen.

Dabei hatte es Jahre gedauert, bis das deutsche Bildungssystem, in sei-nem Ursprung ganz auf die Bedürfnisse der männlichen Klientel eingerichtet, sich den Mädchen öffnete und Chancengleichheit herstellte. Schulbücher voller Rollenklischees mussten erneuert werden. Schutzräume für Mädchen wurden eingerichtet, geschlechtsspezifischer Unterricht in den Naturwissenschaften ausprobiert, damit die Mädchen endlich aufholen. Und nun sind die Jungen die Verlierer des Bildungssystems?

So einfach ist es nicht. Denn die Schulerfolge der Mädchen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass vieles beim Alten geblieben ist. Obwohl es, besonders in der Grundschule, viele weibliche Lehrer gibt, ist das Führungspersonal an den Schulen mehrheitlich männlich. Noch immer unterrichten (in den weiterführenden Schulen) Frauen meist Sprachen und die Männer Naturwissenschaften. So unterstützen die traditionellen Schulstrukturen auch die Selbstbilder und Interessenprofile der heranwachsenden Generation. Studien belegen: Selbst wenn sie genauso gut sind wie ihre Klassenkameraden, halten sich Mädchen in traditionellen Jungenfächern wie Mathe und Physik für weniger fähig.

Mädchen haben es tatsächlich leichter in einem Schulsystem, das immer mehr fordert und wenig Freiraum bietet. Sie sind in der Regel mehr zu Kompromissfähigkeit erzogen worden, können sich leichter anpassen und Druck besser aushalten. Sie haben mehr Disziplin, tun öfter, was man ihnen sagt, freuen sich über gute Noten – im Gegensatz zu vielen Jungen, bei denen jene mit den guten Zeugnissen schnell als „Streber“ gebrandmarkt sind. Der Hamburger Autor und Lehrer Frank Beuster kritisiert in seinem Buch Die Jungenkatastrophe, dass das Lernen in den ersten Jahren der Grundschule zu sehr auf die disziplinierteren Mädchen und nicht auf die verspielteren Jungen abgestimmt sei. Die Buben seien dann entsprechend frustriert und störten, wofür sie bestraft würden – so entstehe ein Teufelskreis.

Langes Stillsitzen fällt Jungen meistens schwerer als den Mädchen. Die sind häufig disziplinierter und kompromissfähiger – und erfüllen damit eher die Anforderungen unseres Schulsystems.


Fotos: irisblende.de (2)

Jungen brauchen Bewegung. Mädchen auch, aber Jungen können das Stillsitzen schlechter aushalten. Das auffälligere soziale Verhalten der männlichen Schüler, so der Hamburger Forscher Jürgen Budde, kann auch bei gleicher Leistung zu einer schlechteren Note führen. Die unruhigeren Jungen beanspruchen außerdem etwa zwei Drittel der Aufmerksamkeit von Lehrern oder Kitaerziehern. Versuchen die Pädagogen, ihre Gunst gleichmäßiger zu verteilen, fühlen sich die Jungen häufig benachteiligt. Und während viele Jungen noch in ihrem bisweilen großspurigen Gehabe gefangen sind, machen sich die Mädchen an die Lerninhalte. Sie sind zielstrebiger und ihre Frusttoleranz ist größer. Zugute kommt den Mädchen auch, dass zunehmend soziale Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit und Einfühlungsvermögen gefragt sind. Hieß es früher über einen guten Schüler gern mal „Er ist begabt“, über eine gute Schülerin dagegen „Sie ist fleißig“, fordert das anstrengende Schulsystem heute ganz klar Fleiß von allen. Begabung allein reicht nicht, es muss geochst werden. Durchhaltevermögen ist gefragt – und das haben mehr Mädchen als Jungen.

Zeitweilige Trennung sinnvoll

Viele Jungen sind verunsichert, sie müssen mit den widersprüchlichen Erwartungen an ihr Geschlecht erst einmal zurechtkommen – ein „ganzer Kerl“ und trotzdem einfühlsam und teamfähig zu sein. Inzwischen werden Rückzugsräume für Jungen gefordert, wo sie sich unbeobachtet geben können, sich nicht (vor den Mädchen) produzieren müssen, vielleicht besser über ihre Gefühle und Ängste reden können. So wie Mädchen in getrennten Physikunterrichtsstunden allmählich ein größeres Zutrauen in ihre Kompetenz erwerben, können sich offenbar auch reine Jungenklassen besser auf den Unterrichtsstoff konzentrieren. Das zeigen Untersuchungen des Heidelberger Pädagogen Marc Böhmann. Er beschäftigte sechs Hauptschulklassen – mal gemischt, mal getrennt – mit Literatur. Das Ergebnis: Ohne Mädchen konzentrierten sich die Jungen besser auf die Inhalte, das Machogehabe ließ nach. Auch die Lehrer gingen bewusster auf die Jungen ein, wählten kürzere Texte mit Abenteuercharakter und männlichen Hauptfiguren. In manchen Altersklassen, zum Beispiel in der Pubertät, könne die sogenannte Monoedukation zeitweilig sinnvoll sein, argumentiert Böhmann.

Zum Weiterlesen für Eltern

Reinhard Winter: Jungen – eine Gebrauchsanweisung. Jungen verstehen und unterstützen, Beltz-Verlag, 2011, 278 Seiten, 16,95 Euro
Vera F. Birkenbihl: Jungen und Mädchen: wie sie lernen, Breuer-&-Wardin-Verlagskontor, 2011, 160 Seiten, 12,95 Euro
Frank Beuster: Die Jungenkatastrophe. Das überforderte Geschlecht, Rowohlt-Verlag, 2011, 351 Seiten, 9,99 Euro
Susan Pinker: Begabte Mädchen, schwierige Jungs – der wahre Unterschied zwischen Männern und Frauen, Pantheon-Verlag, 2009, 448 Seiten, 12,95 Euro