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Gewaltfreie Erziehung: Vom Schlag getroffen


ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 9/2009 vom 08.04.2010

Der Großteil der Eltern lehnt Gewalt in der Erziehung ab. Trotzdem führen vor allem Stress und Überforderung immer noch zu Schlägen, psychischem Druck und Vernachlässigung.


Artikelbild für den Artikel "Gewaltfreie Erziehung: Vom Schlag getroffen" aus der Ausgabe 9/2009 von ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie, Ausgabe 9/2009

Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet? Bis in die 60er- und 70er- Jahre waren solche Ansichten auch in Deutschland weit verbreitet. „Dass die Kindergärtnerin uns den Po versohlte, war für meine Eltern in Ordnung“, erinnert sich die 45-jährige Claudia aus Konstanz. „Für mich aber nicht, ich empfand es schon als Kindergartenkind entwürdigend, dass mir jemand gezielt auf den Po schlug und ich absurderweise auch noch stillhalten ...

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Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet? Bis in die 60er- und 70er- Jahre waren solche Ansichten auch in Deutschland weit verbreitet. „Dass die Kindergärtnerin uns den Po versohlte, war für meine Eltern in Ordnung“, erinnert sich die 45-jährige Claudia aus Konstanz. „Für mich aber nicht, ich empfand es schon als Kindergartenkind entwürdigend, dass mir jemand gezielt auf den Po schlug und ich absurderweise auch noch stillhalten musste.“ Claudias Eltern selbst schlugen die Tochter eher selten, der Mutter rutschte manchmal im Affekt die Hand aus. Der Vater dagegen drohte nur damit, das Mädchen übers Knie zu legen: „Ich spüre noch heute den Ärger über diese Phrasen im Bauch. Es war die reine Machtdemonstration.“

Wenn die Kinder nerven und ihren Trotzkopf ausspielen, einen fast zur Weißglut bringen mit Sturheit und Uneinsichtigkeit, Eltern wütend werden: Das sind die Situationen, wo gebrüllt und geschimpft, beleidigt oder gar geschlagen wird. Dann geht es nicht mehr um Erziehung, sondern um Macht und Ohnmacht. Um die psychische Macht der stärkeren Erwachsenen und ihre Ohnmacht gegenüber dem Kind in Situationen, in denen es Stress gibt.

Gewalt ist immer eine Niederlage – zum einen eine Niederlage des Verstandes, der es in der Regel besser weiß, aber auch eine Niederlage der Kontrolle über die eigenen Gefühle. Wer seinem Kind mit Gewalt begegnet, hat den Respekt vor ihm verloren. Hände rutschen nicht von selbst aus, Beschimpfungen entstehen im Kopf. Das Niederbrüllen eines Kindes und der „nur kleine Klaps“ mögen ein Kind und seine Psyche nicht dauerhaft verletzen, wenn die Beziehung zu den Eltern ansonsten intakt ist. Doch sie sollten Anlass sein, das familiäre Miteinander zu überprüfen.

Für Paula Honkanen-Schoberth, Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, zählen nicht nur körperliche Züchtigungen zur Gewalt, sondern auch ständiges Anbrüllen und Kleinmachen der Kinder. „Viele Eltern kommandieren, kontrollieren, drohen und schimpfen, ohne dass ihnen das richtig bewusst ist. Sie vergessen, welche Auswirkungen es hat, wenn sie ihre Kinder beschimpfen mit Worten wie ‚Du bist blöd‘. Das ist unglaublich beschämend für die Kinder, sie glauben ihren Eltern und nehmen sich schließlich als blöd wahr.“

Viele Erwachsene erinnern sich noch gut an die eigene Kindheit, in der Körperstrafen gesellschaftlich akzeptierter waren als heute, an ihre Beschämung, die Entwürdigung, an die Ausweg- und Lieblosigkeit, an die Angst. „Das wird schon seinen Grund gehabt haben“, heißt es dennoch oft, wenn sie davon erzählen. Mutter und Vater können nicht böse gewesen sein, da müssen die Gründe für die Schläge, für den Liebesentzug in einem selbst gelegen haben, oder nicht? Wer diese Erfahrung verinnerlicht, fühlt sich schlecht und hat häufig Probleme mit dem Selbstwertgefühl – manchmal auch noch als Erwachsener.

Auf einem guten Weg

Doch die Eltern in Deutschland sind auf einem guten Weg, davon ist Paula Honkanen-Schoberth fest überzeugt. Ge walt in der Erziehung gehört nicht mehr zum guten Ton. „Die meisten Eltern sind inzwischen bereit, sich Hilfe zu ho len, wenn sie Probleme haben. Das ist keine Schande mehr.“ Immerhin 57 Prozent aller Eltern, das zeigt eine Stu die des Familienministeriums, rechtfer ti gen ge le gent li che Körperstrafen nicht mehr als erzieherische Maßnahme, son dern als Folge von Stress und Überforderung im Familien alltag, und es tut ih nen leid, dass sie die Beherrschung ver lo ren ha ben. 59 Prozent der Eltern ist bewusst, dass sie ihren Kindern mit Schlä gen ein schlechtes Vorbild geben.

Das Bundesfamilienministerium hat den allmählichen Bewusstseinswandel dokumentiert. Seit 1996 gibt es einen deutlichen Rückgang aller Bestrafungsarten (auch der nicht körperlichen wie Stubenarrest). Fast 90 Prozent der befragten 3.000 Eltern strebten eine gewaltfreie Erziehung an, schafften dies aber nicht immer vollständig. Jungen sind, je älter sie werden, häufiger als Mädchen Leidtragende von Körperstrafen. Die Mütter schlagen, weil sie die meiste Erziehungsarbeit leisten, etwas öfter als die Väter. Trotzdem haben sie zu Schlägen eine kritischere Einstellung als ihre Männer.

1996 empfanden zwei Drittel der Eltern leichte Körperstrafen noch als legitim, im Jahr 2002 war es schon weniger als die Hälfte. Laut einer Einschätzung des Bundesfamilienministeriums sind 28 Prozent aller Eltern „sanktionsfrei“, das heißt, sie verzichten fast völlig auf erzieherische Sanktionen und Körperstrafen, 54 Prozent der Eltern setzen leichte körperliche Strafen ein, sie verzichten aber auf schwerere Körperstrafen. Die gewaltbereiten rund 17 Prozent der Eltern sanktionieren mit schweren Körperstrafen und massivem psychischem Druck.

Deeskalation: Bevor der Konflikt aus dem Ruder läuft, schafft man am besten räumliche Distanz und atmet tief durch.


Gewalt macht krank

Kinder, denen körperliche und psychische Gewalt angetan wurde, haben Angst und sind unsicher. Sie schlafen schlecht, nässen ein, können Depressionen entwickeln. Sie sind häufig verhaltensauffällig und beziehungsgestört, manchmal kontaktarm, und sie können schlecht Vertrauen fassen. Manche werden kriminell, neigen schneller zu Drogen. Sie bleiben schulisch unter ihren Möglichkeiten und sie sind selbstmordgefährdeter als andere in gleicher Situation. Sie verhalten sich aggressiv gegenüber Gleichaltrigen, können sich nur schwer in andere einfühlen und neigen später öfter als andere zu abweichendem Sexualverhalten. Dazu kommt die Gefahr einer Eskalation: Leichte Körperstrafen münden häufig in echte Misshandlungen des Kindes – und aus dem geschlagenen Kind wird oft ein schlagender Erwachsener, weil er oder sie es selbst nicht anders erlebt haben.

Allerdings: Unter finanziellem Druck oder räumlicher Enge, Arbeits lo sig keit, bei Alkohol- und Dro gen missbrauch, Krankheit und anderen Stressfaktoren gedeihen die psychischen Voraussetzungen, unter denen es schneller „knallt“, Kinder zu wenig Zuwendung bekommen oder regelrecht vernachlässigt werden. Sind die Eltern unter Druck, geben sie diesen in vielerlei Form an die Kinder weiter.

Tatsache ist auch, dass in den Herkunftsländern vieler in Deutschland lebender Migranten ein Gewaltverbot gegen Kinder unbekannt ist. Oft herrscht in diesen Familien noch die ehrliche Überzeugung, nur mit strenger Autorität und entsprechenden Maßnahmen richtig erziehen zu können. Was kein Grund ist, sich über andere Nationen zu erheben, denn erst seit dem Jahr 2000 ist in Deutschland körperliche und psychische Gewalt in der Erziehung verboten. Prügel haben auch hierzulande eine lange und ungute Tradition.

Eltern dürfen auch mal laut werden

Doch was tun, wenn Ärger und Zorn übermächtig werden? Wenn der Nachwuchs partout nicht das tut, was man ihm sagt? Wenn der kleine Trotzkopf einfach seinen Willen durchsetzen will, auch wenn er dafür minutenlang schreiend auf dem Boden liegen muss? Dann dürfen Mutter und Vater auch mal laut werden. Wer sauer ist und nur säuselt, ist nicht authentisch.

Reden ja, schlagen nein: Klar dürfen Eltern auch mal laut werden, aber körperliche Bestrafung ist absolut tabu.


Kompakt

■ Entfernen Sie sich zunächst erst einmal räumlich aus der Situation und von Ihrem Kind. Gehen Sie aus dem Zimmer, trinken Sie ein Glas Wasser, gehen Sie auf den Balkon und atmen frische Luft, oder laufen Sie einfach eine Runde um den Block.

■ Gestehen Sie sich und dem Kind Ihre Ohnmachtssituation ein und formulieren Sie es laut: „So – und was machen wir jetzt?“

■ Wenn es dennoch einmal ganz schlimm kommen sollte und der Konflikt droht, völlig aus dem Ruder zu laufen: Scheuen Sie sich nicht, Hilfe zu holen. Rufen Sie eine gute Freundin an oder klingeln Sie bei der Nachbarin.

■ Beugen Sie vor. Jeder kennt sich selbst und seine Wuttreppe und weiß, wie er auf bestimmte Dinge reagiert. Brisante Situationen sind nicht plötzlich da, sie schaukeln sich allmählich hoch. Wo ist Ihre Notbremse, was hilft in einer solchen Situation am besten? Ein Kissen gegen die Wand werfen? Oder sich im Keller einschließen und den Frust rausbrüllen?

■ Versuchen Sie trotz allem, Ihren Humor zu behalten, und probieren Sie, sich und die Konfliktsituation von außen zu betrachten.

■ Hilfe und Beratung gibt es auch telefonisch: In ganz Deutschland ist das Elterntelefon unter der kostenlosen Rufnummer 08 00 / 1 11 05 50 zu erreichen. Beratungszeiten: Montag und Mittwoch von 9.00–11.00 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 17.00–19.00 Uhr. Informationen: www.elterntelefon.org.

Kinder sollen die Gefühle der Eltern spüren. Doch die Erwachsenen dürfen ihre Rolle als Eltern nicht verlassen. Trotz Wut müssen sie bei der Sache, beim Gegenstand des Streites bleiben und nicht die Person des Kindes attackieren, das Kind nicht mit der überlegenen Rhetorik der Erwachsenen klein reden, es beleidigen und herabwürdigen.

Umgekehrt sollten Eltern auch ihren Kindern eine gewisse Wut zugestehen. Kinder wehren sich mit Aggression gegen die in ihren Augen schlechte Behandlung, seien es Sticheleien der Spielkameraden oder eine vermeintlich ungerechte Behandlung durch die Eltern. In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Aggression kontinuierlich zu. Etwa ab einem Alter von drei Jahren lernen die Kinder, ihre Wut in Worte zu fassen - vor allem, wenn die Eltern ihnen dies vormachen.

Das Zauberwort der Bestrafung heißt Konsequenz. Hat ein Kind nachmittags sein Zimmer nicht aufgeräumt,muss es das abends tun und darf nicht fernsehen. Haut es beim Nachbarn die Lampe kaputt, kann es Arbeiten übernehmen, um den finanziellen Verlust auszugleichen. Immer wenn Verbote, Streichungen von Privilegien und andere Strafen in einem inhaltlichen Zusammenhang mit der „Tat“ stehen, haben Eltern gute Chancen, dass der Sinn ihrer Maßnahme auf Einsicht bei den Kindern stößt.

Das ist das Ideal. In der Praxis werden nur wenige Eltern dieses Konzept immer durchhalten können. Kinder zeigen manchmal keine Einsicht, sie sind renitent, und Eltern müssen schnell und ganz klar reagieren. Wer trotz mehrfacher Ermahnung wieder zu spät nach Hause kommt, kann sein Fußballlager am Wochenende absa- gen. Kinder müssen nicht in Watte gepackt werden, sie können und sollen Frustrationen auch aushalten. In diesem Sinn darf Strafe wehtun. Sie könnte helfen, die Worte und Regeln der Eltern beim nächsten Mal zu respektieren.

Das sagt das Gesetz

1973 wurde Lehrern und Erziehern in der Bundesrepublik (in der DDR bereits 1949) untersagt, ihre Schützlinge körperlich zu strafen. Ausnahme: Bayern, dort kam das Verbot 1980. Seit dem Jahr 2000 ist es auch Eltern nicht mehr erlaubt, ihre Kinder zu schlagen. In §

1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) heißt es: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Das Recht umfasst nicht nur körperliche, sondern auch psychische Formen von Gewalt wie Liebes- entzug oder die öffentliche Bloßstellung des Kindes. Jegliche Sanktionierung, die das Kind in seinem Ehr- und Schamgefühl verletzt, ist eine unzulässige Form von Gewalt. Natürlich dürfen Eltern ihr Kind auch weiterhin durch körperliches Eingreifen vor Gefahren schützen, zum Beispiel festhalten, wenn das Kind über die Straße rennen will. Nicht erlaubt ist jede Form der Gewalt, wenn sie zum Zwecke einer Bestrafung erfolgt. Eltern können sich nicht auf ihr allgemeines Erziehungsrecht berufen, wenn ihnen „die Hand ausrutscht“. Insofern sind alle Personen im Recht, wenn sie Übergriffe gegenüber den betroffenen Eltern oder Kindern, aber auch bei Beratungseinrichtungen thematisieren. Eine Pflicht zur Anzeige besteht jedoch nicht.


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