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Gier nach Meer


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ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 25.11.2021

Aquakultur

Artikelbild für den Artikel "Gier nach Meer" aus der Ausgabe 12/2021 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Unvorstellbar viele Lachse leben in Aquakulturen wie hier in Norwegen dicht an dicht. Die Enge macht sie anfällig für Krankheiten ? nicht selten stirbt jedes vierte Tier während der Aufzucht.

Mehr als 200.000 Lachse, in einem Netz. Eine unvorstellbare Menge an Tieren. Auf dem Meer ist davon nur ein kreisrundes Gebilde zu sehen. Doch unter der Wasseroberfläche brodelt es, schwimmen die Tiere dicht an dicht. Teilweise verletzt, verwundet, im Dauerstress. „Stellen Sie sich vor, Sie sind in Ihrer winzigen Wohnung eingesperrt. Sie stoßen sich ständig an den Wänden. Ein Corona-Lockdown auf kleinstem Raum. Ihre Familie ist auch ständig da und nervt fürchterlich. Es gibt Streit, sie können aber nicht raus, sich nicht einmal irgendwo zurückziehen. Natürlich sind sie gestresst!“ Billo Heinzpeter Studer, Präsident des Vereins fair-fish international, schüttelt den Kopf, als er das Leben eines Lachses in Aquakultur schildert.

Es ist eine Massentierhaltung unter Wasser, die Studer beschreibt. Eine Massentierhaltung, die einen großen Hunger stillen soll: den nach Fisch. Denn dieser wächst ...

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... ständig, weltweit. Während 1961 jeder Mensch im Schnitt noch neun Kilogramm Fisch und Fischerzeugnisse aß, sind es heute über 20 Kilogramm. In Deutschland kommt dabei vor allem Lachs auf den Tisch; es ist der beliebteste Fisch hierzulande – und längst keine Delikatesse mehr. Dieses Jahr, so schätzt die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), wird der weltweite Fischkonsum auf rund 157,1 Millionen Tonnen steigen.

Weltmeere sind am Limit

Aus der freien Natur, so viel steht fest, können diese Tonnen nicht kommen. Denn die Weltmeere sind längst am Limit. Ein Drittel der Fischbestände gilt als überfischt, weitere 60 Prozent als maximal genutzt. Mehr geht nicht. Die Erträge der Fangfischerei stagnieren seit Jahren. Und so hat der Hunger auf Fisch einer anderen Industrie einen enormen Boom beschert: der Aquakultur. Mittlerweile versorgt sie mehr Menschen mit Fisch als die Fangfischerei.

DER WELTWEITE FISCHKONSUM STEIGT 2021 AUF RUND 157,1 MILLIONEN TONNEN

„Aquakultur ist das am schnellsten wachsende Lebensmittelproduktionssystem der Welt“, sagt Karoline Andaur, Generalsekretärin des WWF Norwegen. Und für ihr Land mittlerweile die zweitgrößte Exportindustrie – nach Erdöl. Nach dem Willen der Regierung soll der Wirtschaftszweig fleißig weiter wachsen. Im Juli 2021 stellte sie ihre neue Aquakulturstrategie vor, „Ein Meer von Möglichkeiten“ heißt es. Darin ist ein ehrgeiziges Ziel formuliert: Bis 2050 will das Land fünf Millionen Tonnen Lachs und Forelle produzieren. Das ist rund fünf Mal so viel wie heute.

Schon jetzt ist Norwegen der weltweit größte Produzent und Exporteur von Atlantischem Lachs. Wer in Deutschland im Supermarktregal nach Räucherlachs sucht, wird mit Sicherheit vor einer ganzen Auswahl von Produkten aus norwegischen Fischfarmen stehen. Und es klingt ja zunächst nach einer logischen Lösung: Wenn das Meer nicht mehr hergibt, stillen wir den Hunger auf Fisch besser durch Zucht – um die Wildbestände zu schonen, die Umwelt zu entlasten.

Die norwegische Regierung betont, dass sie ihr Ziel auf nachhaltige Weise erreichen will. Tierschützer wie Billo Heinzpeter Studer halten das jedoch für unmöglich: „Das Ziel an sich ist ja schon nicht nachhaltig, wie kann es dann der Weg dorthin sein?“ Auch Karoline Andaur, die sich im WWF seit Jahren für Reformen in der Lachszucht einsetzt, hält wenig von den Plänen. „Die norwegische Regierung sollte sich zunächst darauf konzentrieren, wie sie nachhaltige Lösungen für bestehende Umweltprobleme der Industrie finden kann, bevor sie über Wachstum nachdenkt.“ Denn wie an Land, bringt auch die Massentierhaltung unter Wasser eine ganze Reihe von Problemen mit sich, die auch das Meer auf Dauer nicht verdecken kann – für die Tiere, die Meere und den Menschen.

DIE FOLGEN FÜR DIE TIERE

„Viele Tiere auf engstem Raum bringen immer viele Probleme mit sich“, sagt Billo Heinzpeter Studer. Egal, ob an Land oder im Wasser. Seit Jahrzehnten setzt sich der Tierschützer für das Wohl der Fische ein. Denn Fische, sagt er, werden von Menschen oft nur als Masse wahrgenommen. Nicht als individuelle Tiere mit einem eigenen Charakter. „Welche Bedürfnisse Fische haben, was ein gutes Fischleben ausmacht – darüber weiß die Forschung noch immer viel zu wenig.“

Aber eines ist für ihn klar: Ein Fisch, der im Süßwasser aufwächst, im Meer später täglich 15 bis 30 Kilometer schwimmt und tausende Kilometer zu seinen Laichplätzen zurücklegt, fühlt sich in einem Netzgehege mit 50 Meter Durchmesser mit Sicherheit nicht wohl. Lachse können in der Zucht keine arteigene Sozialstruktur aufbauen, die Enge und die monotone Umgebung bedeuten für sie dauerhaften Stress. Es gebe durchaus Fischarten, die mit diesen Bedingungen besser zurecht kommen, sagt Studer. „Karpfen etwa oder Tilapia. Aber für den Lachs geht das Leben in Aquakultur komplett gegen seine Natur.“

Sterblichkeitsrate von bis zu 25 Prozent

Wie schlecht die Bedingungen für den Lachs sind, lässt sich an einer erschreckenden Zahl ablesen: Aquakulturen haben eine Sterblichkeitsrate von bis zu 25 Prozent. Es ist also durchaus nicht ungewöhnlich, dass jeder vierte Fisch in diesen Netzgehegen noch während der Mastzeit stirbt. Allein in Norwegen gehen Schätzungen von 50 Millionen toten Fischen im Jahr aus. Eine Zahl, die in der Rinder-oder Schweinezucht nie akzeptiert werden würde – und die deutlich zeigt: Es ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Bei bio-zertifizierten Zuchten sieht die Zahl übrigens nicht anders aus – und liegt manchmal sogar noch darüber. Hier dürfen zwar nur 10 Kilogramm Fisch auf einen Kubikmeter Wasser leben – in konventionellen Zuchten sind es mehr als doppelt so viele – doch die zusätzliche Bewegungsfreiheit scheint das Problem nicht zu lösen. Es gibt nämlich ein Tier, dass sich in dieser Enge pudelwohl fühlt: die Lachslaus. Das kleine Krebstierchen ernährt sich von der Haut der Lachse, wächst quasi in sie hinein. Das macht die Fische anfällig für Infektionen und kann sie töten – aber in den dicht besetzten Netzgehegen findet die Lachslaus schnell einen neuen Wirt. Sie ist derzeit eines der größten Probleme der Aquakultur – noch in den 1980er-Jahren waren das vor allem Krankheiten, die die Produzenten mit einem massiven Einsatz von Antibiotika bekämpft haben. Der Antibiotikaeinsatz ist heute deutlich geringer. „Bevor die Lachse vom Süßwasser ins Meer gesetzt werden, wird jedes einzelne Tier geimpft“, erklärt Professor Ulfert Focken vom Thünen-Institut für Fischereiökologie in Bremerhaven. Eine so effektive Lösung ist bei der Lachslaus nicht in Sicht. An einer Impfung wird zwar ebenso geforscht wie an Lachs-Züchtungen, die gegen den Parasiten resistent sind, doch noch wird die Lachslaus vor allem mit Pestiziden wie Ivermectin bekämpft.

„ES IST NICHT UNGEWÖHNLICH, DASS JEDER VIERTE FISCH IN AQUAKULTUREN NOCH WÄHREND DER MASTZEIT STIRBT.“

Sarah Weik ÖKO-TEST-Autorin

Verabreicht wird es über das Futter oder durch ein Bad, für das die Fische in ein Boot gepumpt werden. Das soll vermeiden, dass das Mittel in die Umwelt gelangt – denn auch für andere Meeresorganismen ist es schädlich. Ganz verhindern kann das in einem offenen System wie den Netzgehegen jedoch keine der Methoden. Zudem passen sich Lachsläuse sehr schnell an und sind teilweise schon resistent.

Der Einsatz von Putzerfischen klingt da deutlich schonender. Sie ernähren sich von den Parasiten und sollen die Lachse davon befreien. Doch wohl fühlen sich die kleinen Fische nicht in den Netzgehegen – sie haben andere Bedürfnisse als Lachse, die Sterblichkeit ist groß. Auch das Umsetzen der Lachse in wärmeres Wasser bringt Probleme mit sich. „Das tötet die Fische zwar nicht, aber stresst sie enorm“, sagt Ulfert Focken. Es gibt auch Versuche, die Netzgehege vom Oberflächenwasser, in denen sich die Lachslaus besonders wohl fühlt, abzutrennen – oder sie mit Laserstrahlen zu beschießen. Ideal, das wird schnell klar, ist keine Vorgehensweise. Die Bekämpfung der Lachslaus ist für die Industrie zu einem enormen Kostenfaktor geworden.

DIE FOLGEN FÜR DIE MEERE

Die Parasiten sind jedoch nicht nur eine Gefahr für die Zuchtfische. „Lachsläuse sind in Norwegen eine der größten Gefahren für den Wildlachs“, sagt Karoline Andaur, Generalsekretärin des WWF Norwegen. Sie kommen zwar auch in freier Wildbahn vor – aber lange nicht in der Konzentration wie in Aquakulturen. Schwimmen Wildlachse an den Anlagen vorbei, oder entkommen Zuchtlachse ihren Gehegen, übertragen sie den Parasiten auf ihre wilden Artgenossen. Zwischen 2010 und 2014 fielen nach einer norwegischen Studie rund 50.000 Wildlachse der Lachslaus zum Opfer. Das ist eine enorme Zahl. 2019 hat der wissenschaftliche Beirat für atlantischen Lachs in Norwegen den Bestand der Wildlachse auf nur noch 481.000 Tiere geschätzt.

481.000 Wildlachse. Über 400 Millionen Zuchtlachse. Dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, verraten die Zahlen auf den ersten Blick. Hinzu kommt, dass diese gigantische Zahl an Zuchtlachsen in Anlagen leben, die auf den Austausch mit ihrer Umwelt angelegt sind und somit natürlich auch ihre Probleme mit der Umwelt austauschen.

Die Londoner Forschungsorganisation Just Economics hat sich die Bilanz der Aquakultur genauer angeschaut und in einer Studie die enormen versteckten Kosten der Industrie aufgedeckt. Zwischen 2013 und 2019 entstanden demnach weltweit Kosten in Höhe von 41 Milliarden Euro. 60 Prozent davon tragen die Betreiber der Anlagen selbst, verantwortlich dafür sind vor allem die hohen Verluste bei der Zucht. 16,4 Milliarden Euro jedoch gehen auf das Konto der Umwelt, durch die Verschmutzung der Gewässer, die Auswirkungen auf den Klimawandel – und den Verlust von Wildfischpopulationen.

Hunderttausende Zuchtlachse fliehen

Daran sind nicht nur die Lachsläuse Schuld. Auch die Zuchtlachse selbst sind eine Gefahr für ihre wilden Artgenossen. 2019 entkamen nach offiziellen Angaben 276.000 Lachse ihren Fischfarmen. Das Norwegische Institut für Meeresforschung geht allerdings davon aus, dass die tatsächliche Zahl zwei-bis viermal so groß ist – und somit unter Umständen sogar größer als die Zahl der Wildlachse. Sie konkurrieren nun mit ihnen um Laich-und Futtergründe – und pflanzen sich mit ihnen fort. Seit Jahren beobachten Forscher, dass entflohene Zuchtlachse das Erbgut der Wildlachse verändern und ihre genetische Vielfalt gefährden. Schließlich wurde der Aquakultur-Lachs für den Teller gezüchtet – nicht für das Leben in der Wildnis.

„LACHSLÄUSE SIND IN NORWEGEN EINE DER GRÖSSTEN GEFAHREN FÜR DEN WILDLACHS.“

Doch nicht nur für die heimischen Fischbestände sind die Zuchtlachse eine Gefahr. Schließlich sind es Raubfische. Zehn bis 15 Kilogramm Fische und Krebse nimmt ein wilder Lachs in seinem Fischleben zu sich. So viel benötigt der Lachs in Gefangenschaft allerdings nicht – er kann sich ja kaum bewegen. Fische gelten als extrem gute Futterverwerter. Als wechselwarme Tiere müssen sie keine Energie in ihren Wärmehaushalt stecken wie Rinder oder Schweine, sondern können fast alles in Wachstum umsetzen. Ein Kilogramm Zuchtlachs benötigt so nur ein Kilogramm Futter. Doch auch wenn diese Bilanz erst mal gut aussieht: Eine enorme Menge an Zuchtlachs braucht dennoch eine enorme Menge an Futter. Aus dem Meer kann das nicht kommen – es schwimmt nicht mehr genug darin.

Ohne Fischanteile geht es im Futter nicht

Noch in den 1980er-Jahren betrug der Fischanteil im Lachsfutter mehr als 50 Prozent. Seitdem sinkt er ständig. Heute beträgt er teilweise nur noch zehn bis 15 Prozent, wie Ulfert Focken vom Thünen-Institut erklärt: „Zum größten Teil besteht Fischfutter heute aus pflanzlichen Inhalten, vor allem aus Soja.“ Die vegetarische Ernährung ist nachhaltiger – vorausgesetzt, das Soja ist nicht gentechnisch verändert und wächst nicht dort, wo eigentlich Regenwald wachsen sollte.

Doch ganz ohne tierische Bestandteile kommt auch das moderne Fischfutter nicht aus. „Eine rein vegetarische Ernährung wäre zwar möglich, etwa über Algenöle und zugesetzte Aminosäuren – aber derzeit ist das schlicht nicht wirtschaftlich.“ Die Aquakulturindustrie ist also nach wie vor auf Fischmehl und -öl angewiesen. Im Idealfall stammen diese aus Schlachtabfällen der Fischindustrie oder aus Beifängen, wie es etwa Naturland für seine Zertifizierung vorgibt. Extra gefangener Fisch ist hier tabu. Andere Label bestehen auf Fischmehl und -öl aus zertifizierten Quellen, die also zumindest nicht aus bereits überfischten Beständen stammen. Dennoch bleibt es Fisch, der eigens dafür gefangen wird, um Zuchtfische zu ernähren – und das meistens vor den Küsten von Entwicklungsländern, wo er dann dem natürlichen Kreislauf im Meer und auch als Nahrungsmittel für die Menschen vor Ort fehlt.

In Chile bereits ganze Fjorde übersäuert

Was rein geht, kommt auch wieder raus. Und bei 200.000 Lachsen ist das eine ganze Menge. Zusammen mit Futterresten können die Fäkalien Gewässer mit Nährstoffen überfluten und überdüngen. Vor allem, wenn die Aquakultur in relativ geschlossenen Öko-Systemen wie Fjorden stattfindet. Der Wasseraustausch ist oft nicht groß genug, um die Nährstoffe weiträumig zu verteilen. Der Sauerstoffgehalt um die Anlagen kann dann so weit sinken, dass kleine Meereslebewesen nicht mehr überleben können. In Chile sind so bereits ganze Fjorde übersäuert. Neue Anlagen, erzählt Aquakultur-Experte Ulfert Focken, entstehen deshalb vor allem in Mündungsbereichen von Fjorden oder im offenen Meer. Die Anlagen müssen sehr viel robuster sein, Strömung und Wellengang aushalten können – doch der Wasseraustausch ist deutlich höher. Im Idealfall achten Betreiber dann noch auf Mindestabstände zwischen den Netzgehegen, um den Befall von Lachsläusen zumindest etwas einzudämmen. „Aber dann kommen wir schnell an einen Punkt, an dem wir uns fragen müssen: Wie viel Platz haben wir denn überhaupt im Meer?“ Gerade in Norwegen wird das Meer durch die Erdöl-Industrie und die Fischerei sowieso schon intensiv genutzt.

Noch besser wäre es natürlich, wenn die Aquakulturen eigene Systeme bilden, die komplett von den Ozeanen getrennt sind. Pläne dafür und Pilotprojekte gibt es, aber ob sich diese Form der Aquakultur durchsetzen kann, das bezweifeln auch Naturschützer. „Landbasierte Lachsfarmen bringen ebenfalls Herausforderungen mit sich, insbesondere in Bezug auf den Energieverbrauch und die Landnutzung entlang der Küste“, sagt Karoline Andaur vom WWF.

DIE FOLGEN FÜR DEN MENSCHEN

Also, wir wissen jetzt: Aquakultur hat enorme Auswirkungen – auf den Zuchtlachs, auf die Wildbestände, auf die Umwelt. Doch wie gesund ist der Fisch aus Aquakulturen für uns? Mit dem Wildlachs hat der Zuchtlachs nicht mehr viel zu tun. Das hat auch mit dem Futter zu tun. „Lachsfutter besteht zu 20 Prozent aus Fett und das Futterfett hat einen großen Einfluss auf die Zusammensetzung des Körperfetts der Lachse“, erklärt Ulfert Focken. Das Fleisch von Wildlachs ist magerer, fester – als „strohiger“ wird es oft bezeichnet. Bei Blindverkostungen schneidet der Zuchtlachs deshalb oft besser ab. Er ist fetter, weicher, der Geschmack genau so buttrig, wie ihn Konsumenten gerne haben. Doch macht ihn das auch gesünder?

Wildlachs ist gesünder

Über ihre natürliche Nahrung im Meer nehmen Lachse jede Menge Omega-3-Fettsäuren auf, genau das macht ihn für die menschliche Ernährung so wertvoll – und ihr Fleisch so schön rosa. Da der Lachs in der Zucht jedoch zum Vegetarier wird, verändert sich auch die Fettsäurezusammensetzung der Fische, wie Focken erklärt. „Es kommt dabei nicht nur auf die Menge an, sondern auch auf das richtige Verhältnis: Zuchtlachs enthält häufig genauso viel Omega-3-Fettsäuren wie Wildlachs – doch auch deutlich mehr Omega-6-Fettsäuren.“ Für eine gute Ernährung ist jedoch eine Balance zwischen den Fettsäuren wichtig. Da Omega-6-Fettsäuren in vielen, vor allem auch fertig verarbeiteten Lebensmitteln, reichlich vorhanden ist – verschlechtert sich die Gesamtbilanz durch Zuchtlachs. Rosa wird dieser übrigens nur durch künstliche Farbstoffe, bio-zertifizierter Lachs durch natürliche Pigmente.

Ethoxyquin ist raus, Problem noch da

Als weiterer problematischer Inhaltsstoff von Zuchtlachsen galt jahrelang der Konservierungsstoff Ethoxyquin. Er macht das Fischfutter auf seinem langen Transport in den Norden haltbar. Als Pflanzenschutzmittel wurde Ethoxyquin schon vor Jahren verboten. Es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Seit 2020 ist der Konservierungsstoff auch in Fischfutter tabu. Die meisten Betreiber scheinen sich daran zu halten – im Gegensatz zu unserem Test 2018, in dem noch sechs von 15 Produkten belastet waren, fanden wir im aktuellen Test (siehe Seite 30) kein Ethoxyquin mehr.

Focken hält das Verbot von Ethoxyquin allerdings für kurzsichtig. „Das Fischfutter muss konserviert werden, sonst oxidieren die Omega-3-Fettsäuren. Ranziges Öl ist zudem toxisch.“ Statt Ethoxyquin kommen nun andere Antioxidantien wie BHA und BHT zu Einsatz. „Und deren Abbauprodukte kennen wir noch gar nicht alle.“ Derzeit läuft am Institut für Fischereiökologie ein Forschungsprojekt zum Thema – auch zu der Frage, ob sich die Antioxidationsmittel in den Fischen anreichern. „Im schlimmsten Fall hat das Verbot von Ethoxyquin das Problem nicht gelöst, sondern einfach verschoben.“

Lachs als Luxus wahrnehmen

Am Ende bleibt eine Frage, die auch Focken aufwirft: „Wozu?“ Wozu muss die Lachsproduktion immer weiter wachsen? Aus reiner Gewinnerwartung? Betreiber von Aquakulturanlagen führen oft das Argument an, dass Zuchtfisch eine wichtige Rolle bei der Ernährung der wachsenden Erdbevölkerung spielt, vor allem bei der Versorgung mit wertvollen Proteinen. Das mag durchaus stimmen – trifft aber beim Lachs nicht zu. Denn dieser landet vorwiegend bei dem Teil der Weltbevölkerung auf dem Teller, der mit Nährstoffmangel sowieso kein Problem hat. Und der seinen Bedarf an Omega-3-Fettsäuren auch aus anderen Quellen decken könnte – wie Nüssen, Hülsenfrüchten, pflanzlichen Ölen oder auch Süßwasserfischen wie Karpfen.

„Es ist doch verrückt, dass wir ausgerechnet einen Raubfisch so massenhaft züchten“, sagt Billo Heinzpeter Studer. „Für den wir immer noch weitere Fische aus dem Meer ziehen müssen.“ Er plädiert dafür, Lachs wieder als das wahrzunehmen, was er vor einigen Jahrzehnten war: ein Luxus, ein Lebensmittel für ganz besondere Anlässe. Für ihn wäre dann auch ein Wildlachs aus gesunden Beständen die bessere Wahl. „Der Lachs wird in Aquakultur doch ein Leben lang geplagt.“

„ES IST DOCH VERRÜCKT, DASS WIR AUSGERECHNET EINEN RAUBFISCH SO MASSENHAFT ZÜCHTEN.“

Bewussterer Konsum

Auch Ulfert Focken spricht sich für einen bewussteren Lachskonsum aus. Mit Tipps an Verbraucher tut er sich allerdings schwer. „Vermutlich kann man sagen, dass die durchschnittliche Produktion von ASC-zertifiziertem Lachs besser ist als die durchschnittliche Produktion von nicht zertifiziertem Lachs.“ Das Label gebe zumindest eine Orientierung, wenn auch keine Garantie. Auch der WWF Norwegen sieht den ASC (Aquaculture Stewardship Council) als ein wichtiges Instrument, um die Transparenz in der Branche zu erhöhen und die Auswirkungen der Anlagen besser zu verstehen. Aber das reiche nicht, sagt Generalsekretärin Andaur. „Einige Herausforderungen für die Umwelt können nur durch strengere Vorschriften in der gesamten Branche gelöst werden.“ Um ihren Einfluss auf die Umwelt zu reduzieren, müsse die Branche auf nachhaltige Zutaten im Fischfutter achten, Ausbrüche verhindern, die Sterblichkeit reduzieren und vor allem die Lachslaus nachhaltig bekämpfen. Doch davon sei die Branche weit entfernt.

Reine Monokulturen

Deutlich strengere Vorschriften als der ASC machen Friend of the Sea und Bio-Label wie Naturland, die ihre Richtlinien ständig nachbessern. „Das ist vielleicht insgesamt etwas nachhaltiger“, urteilt Focken. „Doch die Bio-Lachsproduktion ist so weit weg von der ursprünglichen Bio-Idee, dass ich ein solches Label für reines Marketing halte.“ Die Lachs-Aquakultur sei eine reine Monokultur, in der alle Nährstoffe von außen zugeführt werden. Es gibt keinen Kreislauf, kein Futter, das selbst produziert wird, keine Biodiversität.

Alles, was erreicht werden kann, ist ein Kompromiss. Der zumindest versucht, die Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten. Für Tierschützer Studer gibt es deshalb nur eine sinnvolle Lösung: „Das ganze Geld, das in die Aquakultur-Industrie gepumpt wird, sollte man besser in ein gutes Management der Wildbestände stecken.“ So wäre eine nachhaltige Fischerei möglich. Und die Aquakultur auf Arten beschränkt, die damit besser zurecht kommen.