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Gründer*innen im (Un-) Gleichgewicht


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Businessart - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 22.09.2022
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Nadina Ruedl redet viel. Und schnell. Über den Duft von gebackenem Leberkäse beim Metzger in ihrer Kindheit. Darüber, wie der Gusto auf Leberkäse nicht verschwinden wollte, obwohl sie seit Jahren überzeugte Veganerin ist. Über die verrückte Idee, veganen Leberkäse zu produzieren, und deren Umsetzung mit einem Metzger aus dem Weinviertel. Im Besprechungszimmer des Impact-Hub, einem Co-Working-Space in Wien Neubau, sprudeln die Worte nur so aus der 36-Jährigen mit der schwarzen Hornbrille, und es ist schnell klar: Ruedl hat eine Vision, die sie in die ganze Welt hinaustragen möchte. „Der Markt für vegane Fleischersatzprodukte wächst. Nur, dann stehst du im Supermarkt und versuchst die endlosen Listen an Inhaltsstoffen zu studieren und herauszufinden, was da alles drin ist.“ Auf Intransparenz, importierte Lebensmittel und geringe Qualität hatte die studierte Betriebswirtin irgendwann keine Lust mehr. ...

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... Warum nicht selbst ein Produkt entwickeln, das ihren Ansprüchen an Qualität und Regionalität genügt, dachte sie sich. Die Idee zum „Gustl“, dem ersten veganen „Leverkas“ war geboren. Und mit dem Gustl die „Pflanzerei“, das Unternehmen, das Ruedl gründete, nachdem sie ihren Angestelltenjob bei einer Non-Profit-Organisation kündigte.

Das Start-up-Leben ist extrem dynamisch, da ist es gut, wenn man sieht, dass es auch anderen so geht, dass das Extreme ganz normal ist.

NADINE RUEDL

JONGLIEREN MIT ZEHN BÄLLEN

Nadina Ruedl führte bald erste Gespräche mit Investoren und schaffte es binnen kürzester Zeit mit dem „Gustl“ in die Feinkosttheke einer großen Supermarktkette. Ihren Arbeitsplatz verlegte sie in den Co-Working-Space im 7. Bezirk, wo sie eine unter vielen Gründer*innen eines Impact-Start-ups ist, die mit ihren innovativen Ideen die Welt verändern möchten. Hier arbeiten Menschen an ihren Laptops, trinken Kaffee und plaudern, besprechen Wichtiges oder telefonieren in einer der schalldichten Telefonboxen. Oder im Innenhof vor dem Eingang des Hub, wie Nadina Ruedl, die am Handy mit einem Fotografen über sein Honorar für eine „Gustl“-Fotoserie verhandelt. „Ich habe das Gefühl, mit zehn Bällen zu jonglieren, von denen keiner runterfallen darf“, sagt sie nach dem Telefonat. Das Umfeld im Impact-Hub helfe ihr, wenn es besonders stressig ist. „Das Start-up-Leben ist extrem dynamisch, da ist es gut, wenn man sieht, dass es auch anderen so geht, dass das Extreme ganz normal ist.“ Nadina Ruedls Arbeitstag beginnt nach dem Aufstehen und endet abends vor dem Schlafengehen. Mit dem Laptop ist Arbeiten überall möglich. Gesprächsthema Nummer eins mit ihrer Familie und vielen ihrer Freund*innen sei die „Pflanzerei“. Urlaub ist im Moment nicht drin.

„Mein Wochenende verteidige ich absolut und der Freitag ist mein Fokustag, an dem ich keine Termine annehme. Und ich feiere mich für meine, auch kleinen, Erfolge.“

EVA GRUBER

ÜBER DIE EIGENEN GRENZEN GEHEN

Gibt es so etwas wie eine ausgeglichene Work-Life-Balance in ihrem Leben? Bleibt sie selbst vor lauter Arbeit nicht auf der Strecke? „Meine Mama sagt, ich bin eine Grenzgängerin. Und ja, es stimmt, ich gehe an meine Grenzen und bin in den vergangenen Monaten sicher auch darüber hinausgegangen.“ Sie arbeite wahnsinnig gerne und wollte schon immer selbstständig sein. Mit der „Pflanzerei“ geht also auch ein lang gehegter Traum in Erfüllung. „Ich finde mein Leben großartig und würde es mir nicht anders wünschen.“ Gedanken, die sich nur um das Business drehen, dauernd am Handy, vor dem Bildschirm, in der Werkstatt, permanent unter Strom, kaum Freizeit: Das ist der Alltag vieler Gründer*innen. „Es ist ganz normal, sich mit voller Leidenschaft reinzuhängen, wenn man ein Unternehmen gründet“, sagt die Psychologin Claudia Altmann. So sei das eben, wenn man für etwas brennt, so dürfe das auch sein. Zumindest eine Zeit lang. In der Anfangsphase des Start-ups, zwei, drei Monate, ein halbes Jahr. „Aber chronischer Stress über einen langen Zeitraum hinweg ist nicht gut“, betont die Psychologin. Irgendwann sollte es wieder gelingen, ein gesundes Gleichgewicht von Arbeit und Entspannung zu etablieren.

DAS GEHIRN BRAUCHT PAUSEN

Grundbedürfnisse wie genügend Schlaf, regelmäßige, gesunde Nahrungsaufnahme und Bewegung sollten nicht auf Dauer vernachlässigt werden. Das ist nicht nur ungesund, sondern wirkt sich auch auf die eigene Leistungsfähigkeit aus. Denn: „Um kreativ zu sein und sich konzentrieren zu können, muss man hin und wieder abschalten“, sagt Claudia Altmann. Nicht nur der Körper, auch das Gehirn braucht Pausen, um volle Leistung bringen zu können. Sind die Energiereserven aufgebraucht, geht die Rechnung „viel Arbeit ist gleich viel Output“ nicht mehr auf. Wer auf lange Sicht die eigenen Grundbedürfnisse ignoriert, riskiert auszubrennen. Die Folgen von chronischem Stress: Man vergisst Dinge, weil das Gehirn überfordert ist, leidet unter Schlafstörungen und Verspannungen, grübelt viel. Man ist gereizt und hat das Gefühl, den nie enden wollenden Aufgaben nur noch hinterher zu hetzen.

Die Unternehmerin Eva Gruber musste diese Erfahrung schmerzhaft machen. Als COO in einem Social-Start-up arbeitete sie sprichwörtlich und über eine zu lange Strecke ohne Ende. Zwischen neun und siebzehn Uhr Meetings im Team, davor und danach alleine wichtige Themen abarbeiten. Fünf bis sieben Tage die Woche, kaum Erholung am Wochenende, nachts nur fünf Stunden Schlaf. Das über lange Etappen innerhalb von vier Jahren.

ENORMER DRUCK

Eva Gruber pendelte in dieser Zeit auch zwischen Österreich und der Schweiz und stand mit ihren Kolleg*innen im Führungsteam unter enormem Druck: „Wir wollten und mussten sicherstellen, dass es den anderen im Team gut geht und alle am Ende des Monats ihr Gehalt bekommen“, erinnert sich die gebürtige Steirerin, die in Wien lebt. Erfolge im Start-up stellten sich ein, für Gruber und ihr Team war das ein Grund, noch mehr Gas zu geben. „Wir haben uns kaum gefeiert. Nur ein kurzes Abklatschen – ‚High five‘ – und weiter ging’s.“ Sie schlief schlecht und ab Mitte der Woche plagte sie ein Stresskopfschmerz . Ihr Körper fühlte sich taub an, für Beziehungen und Freundschaften hatte sie kaum Energie. Im Start-up-Umfeld sah Gruber, wie auch andere fast bis zum Burnout arbeiteten. „Die Dynamik rundherum war groß“, sagt die heute 41-Jährige. „Dazu kam meine Persönlichkeitsstruktur – ich bin perfektionistisch, habe viele Ideen und arbeite sehr gern – und die Leidenschaft für das Thema. Ein gewisser Suchtfaktor war da.“

TABU-THEMA BURNOUT

Gerade im sozialen Start-up-Sektor, sagt Gruber, werde nach wie vor der Mythos des „Hero-Preneurship“, der Gründer*innen zu Held*innen stilisiert, gepusht. Voller Einsatz ist die Norm, über mögliche Folgen für die physische und psychische Gesundheit spreche man kaum. „Auszubrennen ist im Start-up-Umfeld immer noch ein Tabu-Thema“, sagt Gruber. Sie selbst hielt lange durch und realisierte erst nach und nach, dass sie ein Leben in diesem Tempo nicht mehr führen konnte. Eine Gesprächstherapie half nur bedingt, über bewusste Körperarbeit und Yoga samt Meditation konnte sie sich Schritt für Schritt von ungesunden Gewohnheiten befreien. Bis sie sich wieder ganz hergestellt fühlte, dauerte es fast drei Jahre. Heute ist Gruber als Habit Coach selbstständig. Sie arbeitet nach wie vor viel und gern, hat aber Phasen der Entspannung in ihrem Alltag integriert. „Mein Wochenende verteidige ich absolut und der Freitag ist mein Fokustag, an dem ich keine Termine annehme. Und ich feiere mich für meine, auch kleinen, Erfolge.“

VERANTWORTUNG FÜR SICH UND DIE MITARBEITER*INNEN

Auch Psychologin Claudia Altmann betont: „Selbstfürsorge ist nicht egoistisch, sondern zeigt, dass man Verantwortung übernimmt. Für sich, aber auch für das Unternehmen und die Mitarbeiter*innen, die man hat. Selbstausbeutung hingegen heißt letztlich, dass man sich weniger wichtig nimmt als die anderen.“ Viel arbeitenden Unternehmer*innen rät sie, sich bewusst zu machen, dass die To-Do-Liste nie aufhört, egal wie viel man arbeitet. Nicht alles selber zu machen, sondern sich zu überlegen, welche Dinge man abgeben kann. Sich sinnvolle Projekt- und Zeitmanagementtools anzueignen. „Auch ein bezahltes Coaching als Investition in sich selbst ist eine gute Sache.“ Entspannungsphasen baue man am besten in den Alltag ein. Denn ein freies Wochenende alle paar Monate reiche meist nicht aus, um den Energietank wieder zu füllen. Auf Knopfdruck entspannen, wenn man sonst permanent unter Strom steht, sei für die meisten Menschen schwer. „Man muss nicht jeden Tag zwei Stunden nichts tun. Kleine regelmäßige Routinen, um zu entspannen, sind schon hilfreich.“ Eine Yogaeinheit am Morgen, dreimal die Woche laufen gehen, einen Augenblick am Ende des Tages, um in sich hineinzuspüren und sich zu fragen: „Wie geht’s mir eigentlich?“ „Den Blick einfach mal in die Ferne schweifen lassen, statt ständig auf den Computer zu starren. Und drauf schauen, dass man neben dem Start-up auch noch etwas anderes hat, Zeit für die Familie und mit Freund*innen.“

FINANZIELL GUT AUFSTELLEN

Einen ganz praktischen Ratschlag hat auch Gründerin Eva Gruber. Sie empfiehlt Gründer*innen und Führungskräften im Start-up, sich finanziell so gut es geht aufzustellen. Persönliche Fixkosten reduzieren, einen Puffer für magere Zeiten und unvorhergesehene Notfälle – rund drei Monatsgehälter – aufbauen, alle Förderungsmöglichkeiten für junge Unternehmen ausschöpfen. Der große Druck, mit dem Unternehmen rasch finanziell erfolgreich zu sein, lasse sich so etwas mindern. Rückschläge lassen sich leichter verkraften. „Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, dass viele Unternehmen drei bis fünf Jahre brauchen, bis sie stehen.“ Phasen der Unsicherheit und Selbstzweifel seien ganz normal. „Es braucht auf diesem Weg viel Selbstempathie und es ist gut, sich vor Augen zu halten, dass die Gründung eines Start-ups keine rosarote Reise ist.“ Eine rosarote Brille hat auch Nadina Ruedl nicht auf. Dass es harte Arbeit ist, ein Start-up aufzubauen, weiß sie, schwierige Momente erlebe sie jeden Tag, sagt die Gründerin der „Pflanzerei“: „Es sind ja auch so viele Dinge, die ich gerade das allererste Mal mache.“ Bis Ende des Jahres sucht Ruedl fünf Mitarbeiter*innen. Denn eines hat sie in den vergangenen Monaten gelernt: Sie kann nicht alles selbst machen. „Es fällt mir aber schwer, etwas abzugeben, weil ich alles so gerne mache.“ Zumindest in einigen Bereichen ist es ihr bereits gelungen. Bei der Homepage zum Beispiel: „Die habe ich nicht gemacht, sondern das Ergebnis dann abgesegnet.“

„Selbstfürsorge ist nicht egoistisch, sondern zeigt, dass man Verantwortung übernimmt. Für sich, aber auch für das Unternehmen und die Mitarbeiter*innen, die man hat. "

CLAUDIA ALTMANN