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Hart, aber herzlich


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Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 29.09.2022

Essay

Maulana Dschelaleddin Rumi – oder kurz Rumi – war das, was wir heute einen Mystiker nennen: ein Mensch, der den Weg zum Göttlichen nicht über die Vernunft, sondern über das Herz gehen wollte. Schon allein aus diesem Grund ist er nicht so bekannt wie Gelehrte oder Philosophen seiner Zeit – denn jemand, der die Herzensweisheit lebt, der hinterlässt wenige Bücher … Was wir von ihm wissen, das wissen wir also zum großen Teil auch von Schriften über ihn.

Rumi wurde im Jahr 1207 im persischen Balch geboren, einer Stadt im heutigen Afghanistan. Seine Familie musste mehrere Male vor kriegerischen Unruhen fliehen und so landete er schließlich in Konya, damals ein wichtiges Kulturzentrum, in dessen Nähe auch Platon gewirkt haben soll. In dieser Region des Vorderen Orients war das platonische Gedankengut weit verbreitet und auch die spätere islamische Mystik ist von neuplatonischen Gedanken durchzogen. ...

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Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 4/2022

? Rumi und Schamseddin von Täbriz, kurz Schams, in einem Manuskript aus der Zeit des Osmanischen Reiches
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... Die Neuplatoniker waren sozusagen die Mystiker unter den Philosophen der abendländischen Antike und beeinflussten auch stark das aufkommende Christentum. Konya spielte jedoch auch eine Rolle als Mittelpunkt des frühen Christentums, weshalb Rumi die Gelegenheit hatte, freundschaftlichen Kontakt zu Mönchen und Priestern zu pflegen. Als sein Vater schließlich im Jahr 1231 starb – Rumi war gerade einmal 24 Jahre alt – nahm er dessen Platz als Professor an einer Medrese (einer islamischen theologischen Hochschule) ein.

Das bedeutete allerdings nicht, dass er sich in die Einsamkeit zurückzog: Rumi hatte in Konya eine hochgeachtete Stellung, er führte ein asketisches Leben mit langen Perioden des Fastens und Betens, wurde um Rechtsgutachten befragt und von Menschen aller sozialen Schichten um Rat gebeten. Er fand auch in der Musik einen Weg in die geistige Welt, sogar mehr als in gelehrten Schriften. Mit der Zeit bildete sich um Rumi ein Kreis von Anhängern unterschiedlicher sozialer Hintergründe, Männer wie Frauen.

Die große mystische Liebe spielte im Leben Rumis eine herausragende Rolle. Dreimal hatte er das Glück, sie zu erleben: einmal in seiner Beziehung zu Schams, einmal in einer Freundschaft zu einem Goldschmied und schließlich in einer Meister-Jünger-Beziehung zu einem jungen Mann namens Husameddin. Dieser folgte seinem Lehrer überall hin und notierte die zahlreichen Verse, die Rumis Mund in mystischer Inspiration entströmten. Er wurde sogar zu seinem khalifa, seinem Stellvertreter und Nachfolger, ernannt. Wir dürfen jedoch diese mystische Liebe nicht mit einer „erotischen“ Liebe vergleichen: Rumi hatte Familie, Frau und Kind, die er ebenfalls liebte – doch die Liebe auf geistiger Ebene ist nocheinmal etwas anderes …!

Am Ende seiner Geschichte konnte er auf ein reiches Leben zurückblicken, in dem er alle Stadien des Pfades durchlebt hatte – vom glühenden Liebesrausch über geistige Einheit bis hin zur Weitergabe seiner Lehre.

Als er schließlich mit 66 Jahren starb, kamen aus der ganzen Provinz Anhänger herbei: Alle Religionsgemeinschaften nahmen an seinem Begräbnis teil, jede ihrem eigenen Ritual gemäß, geeint durch die Kraft der göttlichen Liebe, die in dieser großen Seele ihren Ausdruck gefunden hat.

WAS KÖNNEN WIR VON RUMI LERNEN?

Wir finden in seiner Lehre zahlreiche Hinweise auf die Naturphilosophie, wie wir sie auch in neuplatonischen Schriften, Werken des esoterischen Buddhismus oder Überlieferungen der sogenannten Weisheitsreligion finden. Rumi vertrat die Anschauung, dass die Welt aus dem Nichts erschaffen wurde, gleichsam aus einem Zustand der Nicht-Existenz durch eine göttliche Kraft in die Existenz gebracht wurde.

Der Mensch ist dazu angehalten, sich durch ständiges Ringen mit seinen niederen Eigenschaften zu reinigen, bis er völlig im Einklang mit dem göttlichen Willen handelt.

„Wenn du einen Fehler in deinem Bruder siehst, so liegt der Fehler in dir selbst. Was dich an ihm stört, stört dich an dir selbst.“

Die Spur dieses göttlichen Wirkens zeigt sich in der gesamten Schöpfung: in ihrer Harmonie und Proportion, sowie in der Einheit, die sich hinter der äußeren Vielfalt verbirgt. Insofern ist die irdische Welt nur ein Spiegel der göttlichen Schönheit – mein persönliches Lieblingszitat von Rumi hierzu: „Die Freundlichkeit Gottes zeigt sich in der Sanftheit des Eichhörnchenfells.“ Diese Sicht der Dinge lädt uns dazu ein, das Besondere – wir können es auch das „Göttliche“ nennen – in allen Dingen zu sehen!

Rumi sprach davon, dass der Mensch vor einer besonderen Herausforderung steht: Wir leben im Zwiespalt zwischen zwei Naturen, der tierischen und der göttlichen. Er stellte das sehr bildhaft dar, indem er davon sprach, dass im Menschen die Federn eines Engels an einen Eselsschwanz gebunden wurden. Die Aufgabe des Menschen bestehe darin, seine tierische Natur beherrschen zu lernen und sich in seinem Streben dem Göttlichen anzunähern: Dazu wurden wir mit dem Verstand ausgestattet.

Eines der Probleme der islamischen Theologie war die Streitfrage zwischen vorherbestimmtem Schicksal und Willensfreiheit. Das löste Rumi klar in Richtung der Verantwortlichkeit des Menschen: Wir müssen uns darum bemühen, uns über unsere niederen Teile zu erheben. Vorherbestimmung gibt es nur insofern, als jede Tat ihre Konsequenzen bereits in sich trägt. Wir erhalten Gutes für Gutes und Böses für Böses – ein Hinweis auf das Gesetz von Ursache und Wirkung, in Indien Karma genannt.

Es ist auch interessant zu erwähnen, dass Rumi lehrte, dass der Mensch am Ende seines Lebens Rechenschaft ablegen muss, wobei wir mehr nach unseren Absichten als nach unseren Taten beurteilt werden: Er bringt hier die Macht der Gedanken zum Ausdruck – ebenfalls ein wiederkehrendes Thema im naturphilosophischen Weltbild.

Der Mensch ist also dazu angehalten, sich durch ständiges Ringen mit seinen niederen Eigenschaften zu reinigen, bis er völlig im Einklang mit dem göttlichen Willen handelt. Doch wie kann uns das gelingen? Hier spielt das Zusammenleben mit anderen Menschen eine große Rolle: Aus dem Verhalten der Mitmenschen können wir unsere eigenen Eigenschaften und Fehler und so unseren Charakter korrigieren. Rumi sagte: „Wenn du einen Fehler in deinem Bruder siehst, so liegt der Fehler (…) in dir selbst. (…) was dich in ihm stört, stört dich in dir selbst.“

Auf unserem Weg der Entwicklung ist der Verstand ein wichtiges Werkzeug, da er uns dabei hilft, Licht in das Dunkel der Leidenschaften zu bringen; doch müssen wir ihn irgendwann hinter uns lassen.

Dann tritt die transformierende Kraft der Liebe an seine Stelle. Rumi brachte das natürlich viel schöner zum Ausdruck: „Der Verstand ist gut als Stock für den Blinden in der Finsternis. Der Sehende aber braucht eine Lampe – und das ist die Liebe (…).“ Darum steht für Rumi auch das Herz an höchster Stelle, als Sitz der Liebe.

ÜBER DIE LIEBE

Die Liebe nimmt den Platz der Sonne in Rumis Kosmos ein: Sie erfüllt die gesamte Schöpfung, erwärmt und erhellt sie, nährt sie und führt sie auf dem Weg der Entwicklung. Dieser Weg ist gezeichnet vom Schmerz: Er dient uns zur Reinigung und zeigt uns an, wenn wir überholte Formen zurücklassen müssen – so wie die Nussschale zerbrochen werden muss, damit der nahrhafte Kern befreit werden kann. Auf diese Weise bringt jedes überstandene Leid den Menschen einen Schritt vorwärts auf seiner Seelenreise. Die göttliche Liebe ist der Magnet, der mit seiner Anziehungskraft alles nach oben zieht, damit alle Geschöpfe sich weiterentwickeln können.

„Die Freundlichkeit Gottes zeigt sich in der Sanftheit eines Eichhörnchenfells.“

Wir sehen, wie wichtig die Liebe in der mystischen Lehre von Rumi war. Sie ist die große Alchemie, die alles im Leben verwandelt. Sie ist der Ursprung und das Ziel der Schöpfung sowie die treibende Kraft, die auf dem Weg der Entwicklung nach oben trägt.

Liebe ist jedoch nicht immer nur „angenehm“, nicht einmal die geistige Liebe der Mystiker. Ihre verwandelnde Kraft, die alle negativen Eigenschaften im Menschen veredelt, kann mitunter schmerzhaft sein. Manchmal führt sie dazu, die Formen zu zerstören, die uns beengen, damit wir uns zu höheren Sphären erheben können. Diese zerstörerische Kraft der Liebe ist nichts für die Schwachen, denn sie „vernichtet“ auch den, der liebt: Sie hilft uns zu verstehen, dass wir jenseits der engen Grenzen unseres kleinen Ichs alle miteinander verbunden sind …

Rumi ist „hart, aber herzlich“: Er vermittelt die klare Botschaft, dass die Liebe in ihrer reinsten Form viel mehr als nur Anziehung auf körperlicher Ebene ist. Sie ist eine alles verwandelnde Kraft, die die Seele des Menschen veredeln kann – wenn wir bereit sind, uns ihr hinzugeben, um die Schatten unseres kleinen Ichs hinter uns zu lassen und ans Licht der kosmischen Einheit zu treten.

ap