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HUMOR UND HIRN: Bitte recht fröhlich!


Gehirn & Geist Spezial - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 24.05.2019

GELOTOLOGIE Lachen ist die beste Medizin, weiß der Volksmund. Forscher bestätigen: Das Leben von der komischen Seite zu betrachten, ist Balsam für Körper und Psyche.


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Bildquelle: Gehirn & Geist Spezial, Ausgabe 1/2019

Warum guckst du so ernst?


SERGEY PRISTYAZHNYUK / STOCK.ADOBE.COM

UNSER AUTOR

Steve Ayan ist Psychologe und Redakteur bei »Gehirn&Geist«. Seinen Alltagsstress lindern häufig Bonmots wie dieses: »Es ist schon alles gesagt – nur noch nicht von allen« (Karl Valentin).

Für Norman Cousins gab es kein besseres Schmerzmittel als einen Auftritt der »Blues Brothers«. Der 1990 verstorbene US-Journalist und Autor litt jahrelang an Spondylarthritis, einer ...

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... chronischen Entzündung der Wirbelsäulengelenke. Nichts schien seine Beschwerden ohne unangenehme Nebenwirkungen lindern zu können – außer den Gags des Komikerduos John Belushi und Dan Aykroyd. Zehn Minuten herzhaften Lachens bescherten Cousins nach eigenem Bekunden rund zwei Stunden Schmerzfreiheit.

In seinem Buch »Anatomie einer Krankheit« schilderte der gelernte Arzt den Erfolg seiner selbst verordneten Lachkur. Sie dämmte anscheinend sogar die körperliche Entzündungsreaktion ein – und der schließlich genesene Cousins engagierte sich fortan als Humorforscher an der University of California in Los Angeles.

Das Kredo der von solchen Wunderheilungen inspirierten Medizinergemeinde lautet: Frohsinn schützt nicht nur vor körperlichen und seelischen Krankheiten, sondern kann diese sogar kurieren. Wie das vonstattengeht, blieb allerdings lange Zeit unklar. Und so fand der »therapeutische Humor« meist nur außerhalb der Kliniken und Labors Anhänger. Angesichts vieler ermutigender Befunde setzen Ärzte und Psychologen neuerdings jedoch verstärkt auf die Schutz- und Heilwirkung unseres Sinns für Komik.

Schon der antike Philosoph Aristoteles sah im Lachen »eine körperliche Übung von großem Wert für die Gesundheit«. Diese Wertschätzung gilt nach wie vor – wenngleich es sich als schwierig erweist, den reklamierten Zusammenhang zwischen Erheiterung und Fitness wissenschaftlich nachzuweisen. Das Haupthindernis: Die messbaren Folgen jener stakkatoartigen Vokalsalven sind in der Regel nur von kurzer Dauer. Die akuten Begleiteffekte des Lachens ähneln denen körperlicher Aktivität – die Muskeln kontrahieren, das Herz schlägt schneller, Blutdruck, Atemfrequenz und Sauerstoffumsatz steigen. Aber selbst das schallendste Gelächter dauert kaum länger als einige Sekunden.

Wie man bereits in den 1930er Jahren herausfand, ist der Muskeltonus noch bis zu eine Dreiviertelstunde nach dem Lachen erniedrigt. Sprich: Der Körper entspannt. Und auch die Schmerzempfindlichkeit bleibt zunächst vermindert. Dies geht vermutlich auf die Ausschüttung von Endorphinen zurück, die im Gehirn Lustgefühle auslösen und gleichzeitig die Weiterleitung von Schmerzreizen dämpfen. Doch schon bald darauf ist, physiologisch betrachtet, alles wieder beim Alten – bis zur nächsten Frohsinnsattacke. Die oft kolportierte Rechnung, ein kräftiges Haha wirke so gesundheitsförderlich wie 15 Minuten Joggen, erscheint folglich aus der Luft gegriffen. Jedenfalls, was die Wirkung auf das Herz- Kreislauf-System betrifft.

Eine weitere Fährte führt hingegen zu den körpereigenen Botenstoffen. So gibt es Hinweise darauf, dass die Konzentration des Stresshormons Kortisol im Blut erheiterter Personen sinkt. Da ein dauerhaft erhöhter Kortisolspiegel nachweislich die Immunabwehr schwächt, kann dieser Mechanismus den Körper gegen Krankheit wappnen.

Laut einer Untersuchung von Forschern der Universität in Osaka (Japan) sinkt die Konzentration des Botenstoffs Chromogranin A (CgA) im Speichel von Probanden, die zuvor einen lustigen Film sahen. CgA wird vor allem vom Nebennierenmark ausgeschüttet, wenn unser vegetatives Nervensystem durch psychische Belastung in Aufruhr gerät. Die unterhaltsame Komödie wirkte dem offenbar entgegen.

Vielfalt des Komischen

Allerdings konnten andere Studien den Einfluss von Humor auf die hormonelle Stressreaktion nicht bestätigen. Ein möglicher Grund für diese uneindeutigen Befunde: Die Erscheinungsformen des Komischen sind sehr vielfältig – vom Cartoon und Kalauer über Selbstironie, Sarkasmus, Wortwitz, Lachen aus Verlegenheit oder Schadenfreude bis hin zu Slapstick à la »Dick und Doof«. Humorforscher, auch Gelotologen genannt (von griechisch gelos = Lachen), unterscheiden bis zu 2500 Funktionen. Vieles von dem, was wir komisch finden, amüsiert uns zwar oder regt zum Schmunzeln an – doch lauthals lachen muss man dabei noch lange nicht.

Umgekehrt lässt auch nicht jedes Gelächter auf Humor schließen. Der Psychologe Robert Provine eruierte, dass nur etwa jeder fünfte der 20 Lacher, die ein Erwachsener an einem durchschnittlichen Tag ausstößt, auf Komik beruht. Der größte Teil unseres Kicherns übermittelt vielmehr Botschaften: Wir lachen etwa, um Zustimmung, Sympathie und Offenheit zu signalisieren, um Aggressionen oder Langeweile zu überspielen oder um Zusammengehörigkeitsgefühl zu stiften.

Auf einen Blick: Witz wirkt

1 Wer einen ausgeprägten Sinn für Komik und Humor besitzt, ist im Schnitt auch körperlich und geistig robuster.

2 Gesundheitsfördernd ist vor allem der Entspannungseffekt des Lachens, der sogar Schmerzen lindern kann. Die Beschäftigung mit Witzigem kann zudem negative Denkmuster zu überwinden helfen.

3 Verschiedene Arten von Komik wie Pointen, Slapstick oder Nonsense lassen sich neuronal unterscheiden. Ein wichtiges Hirnzentrum der Belustigung ist der präfrontale Kortex.

Wissenschaftlich erwiesen: Humor macht attraktiv und stärkt die Abwehrkräfte.


SERGEY PRISTYAZHNYUK / STOCK.ADOBE.COM

Was die medizinischen Effekte des Unernstes betrifft, gilt es also genauer zwischen Lachen und Humor zu unterscheiden. Letzterer bezeichnet vor allem eine geistige Leistung – die Fähigkeit, Situationen oder Menschen auf ganz bestimmte Weise zu betrachten. Viele Forscher suchen den Schlüssel zur Wohltat des Witzes folglich eher im Denken als in unmittelbaren physiologischen Reaktionen.

In Krisen oder Niederlagen das Positive zu sehen, macht resilient

Das psychologische Äquivalent zur Widerstandskraft des Körpers heißt Resilienz. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Art seelische Robustheit, wie beispielsweise das Talent, Krisen oder Niederlagen zu verkraften und selbst bitteren Erlebnissen noch etwas Positives abzugewinnen – ob dem Scheitern einer Beziehung oder dem Verlust des Jobs.

Der Psychologe Willibald Ruch sieht auf diesem Gebiet den größten Nutzen einer ausgeprägten Neigung zur Heiterkeit: »Humor stärkt die Psyche«, ist der Persönlichkeitsforscher von der Universität Zürich überzeugt. In dieselbe Richtung deutete bereits 1990 eine Studie von Nancy Yovetich und Kollegen an der University of North Carolina in Chapel Hill (USA). Die Forscher lotsten Collegestudenten zu einem Schmerztest ins Labor. Während die Probanden einen unangenehmen Stromschlag erwarteten, hörte ein Teil von ihnen eine lustige Geschichte vom Band; der Rest bekam einen staubtrockenen Bericht vorgespielt.

Sowohl bei den »bespaßten« Opfern als auch bei den bloß abgelenkten blieb die Herzfrequenz – das Zeichen ihrer Ängstlichkeit – unverändert hoch. Dennoch sahen die Teilnehmer aus der Witzgruppe dem zu erwartenden Schmerz gelassener entgegen, wie die anschließende Befragung zeigte. Den Unterschied machte demnach der Inhalt der Hörprobe: Komik wirkte angstlösend; neutrale Ablenkung nicht. Dafür sprach im Übrigen auch, dass jene Teilnehmer, die sich im vorherigen Persönlichkeitstest als lachfreudiger erwiesen, insgesamt eine größere Schmerztoleranz bewiesen.

Zum gleichen Ergebnis kamen Ruch sowie seine Mitarbeiterinnen Karen Zweyer und Barbara Velker 2004 bei ihrem Eiswasserversuch. Die Probanden mussten dabei ihren Unterarm in einen Eimer voll eiskalten Wassers tauchen, was binnen Kurzem ein unangenehmes Stechen verursacht. Wer erduldete die Prozedur im Schnitt länger? Diejenigen mit viel Sinn für Humor – gemessen an ihrer Reaktion auf eine siebenminütige »Mr. Bean«-Vorführung: Personen mit regem mimischem Ausdruck der Freude während des Sketches ertrugen den Kältereiz hinterher stoisch.

Das individuelle Gespür für Komik ermittelt etwa das State-Trait-Heiterkeitsinventar (STHI), ein Fragebogen zur Erhebung der Humorneigung. Mitte der 1990er Jahre hatte ihn Ruch mit Kollegen entwickelt. Die Testfragen des STHI differenzieren zwischen der momentanen Stimmungslage (englisch: state) – ausgelöst etwa durch Witziges – sowie der dauerhaften Neigung (trait), auf solches zu achten oder es sogar selbst zu produzieren. Wie eine Internetbefragung von mehr als 2500 Personen zeigte, wächst mit dem Humorfaible auch die Lebenszufriedenheit: Wer Komik schätzt, ist unterm Strich glücklicher.

In einem früheren Versuch hatte der Humorforscher Ähnliches bereits experimentell gezeigt. Probanden lösten eine Reihe simpler Aufgaben in einem ausnehmend tristen, schwarz gestrichenen Raum – eine zweite Gruppe dagegen durfte den gleichen Test in einem behaglichen, hellen Zimmer absolvieren. Die jeweilige Umgebung tat ihre Wirkung: Im anschließenden Stimmungstest schnitten Probanden aus dem »Gruselraum« deutlich schlechter ab. Und wieder waren Zeitgenossen mit hoher Humorneigung im Vorteil. Ihnen setzte das kärgliche Ambiente weniger zu.

Doch was genau unterscheidet eine humorvolle von der »seriösen« Sicht der Dinge? Nach der Inkongruenztheorie liegt Witz und Komik meist ein gedanklicher Dreh zu Grunde, eine Paradoxie oder Deplatzierung: Lustig ist, wenn zusammenkommt, was nicht zusammengehört. Einfaches Beispiel: »Können Sie mir sagen, wie spät es ist?« Knappe Antwort: »Ja.« – Eine nicht besonders originelle, aber im doppelten Sinn komische Replik.

So wie hier entsteht Komik oft, wenn Erwartungen darüber, was andere denken oder wollen, ins Leere laufen. Wer nicht versteht, dass die Frage auf die Uhrzeit abzielte, dem bleibt die Pointe verschlossen. Mangels empathischer Fähigkeiten erkennen zum Beispiel Autisten den Humor solcher Äußerungen meist nicht.

Allerdings bedarf es noch einer weiteren Zutat, damit etwas amüsiert. Schließlich entlockt uns nicht jedes Missverständnis oder Rätsel fröhliche Gluckser. Was hier fehlt, ist die überraschende Auflösung der Unregelmäßigkeit, der Clou, der das Ganze in neuem Licht erscheinen lässt. Dazu ist ein geistiger Perspektivwechsel nötig – und zwar innerhalb weniger Augenblicke. Danach wirkt die Wendung allenfalls geistreich, aber nicht mehr lustig.

Diesen »anderen Blick« hält Michael Titze – Gründer von HumorCare, einem Verein zur Förderung des therapeutischen Humors – für entscheidend, denn er helfe, eine kognitive Distanz zu sich und der jeweiligen Situation einzunehmen. Komik durchbreche festgefahrene Muster, relativiere die eigene Sichtweise und nehme somit vielen Situationen die Bedrohlichkeit. Mit einem Wort: Worüber man lacht, das geht einem nicht an die Nieren.

»Kein Zweifel«, schrieb schon Sigmund Freud in einem Aufsatz von 1928, »das Wesen des Humors besteht darin, daß man sich die Affekte erspart, zu denen die Situation Anlaß gäbe, und sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher Gefühlsäußerung hinaussetzt.« Im Humor als Druckventil der Psyche sah Freud einen Verwandten von Neurose und Wahn – und belegte seine These am Beispiel eines zum Tod Verurteilten, der an einem Montag zum Schafott geführt wird und unterwegs sinniert: »Die Woche fängt ja gut an!« Wer so über das eigene Schicksal scherzen könne, erhebe sich über sein Los.

UNSPLASH / YAN MING (UNSPLASH.COM/PHOTOS/ W1MRSC_JMS8)


MEHR WISSEN AUF »SPEKTRUM.DE«

Eine Sammlung weiterer spannender Artikel finden Sie auf unsererThemenseite »Glücksforschung« :www.spektrum.de/t/ gluecksforschung

Kinder lachen öfter – bis zu 400-mal am Tag

Freilich hat nicht jeder Gag das Zeug dazu, uns über die Übel der Welt hinwegzutrösten. Auch stellen Inkongruenz und deren überraschende Auflösung keine stets notwendigen Bestandteile von Komik dar. Der Spaß am Absurden etwa kommt ohne gedankliche Neubewertung aus: Rutscht jemand auf einer Bananenschale aus oder gebärdet sich tolpatschig, reizt uns das zum Lachen, weil es den Rahmen des Gewohnten oder sozial Akzeptablen sprengt. Solcher Nonsens amüsiert vor allem Kinder – die übrigens viel öfter lachen als Erwachsene, nämlich bis zu 400-mal am Tag!

Beim so genannten Lachyoga gibt es eigentlich gar keinen Anlass für Frohsinn. Die in den letzten Jahren populär gewordene Zwerchfellgymnastik beinhaltet Gegacker auf Kommando, ohne dass irgendetwas komisch wäre – außer vielleicht die Situation selbst, wenn eine Gruppe von Leuten plötzlich in kollektives Gelächter ausbricht. Ist die Lawine einmal losgetreten, offenbart das Lachen eine ähnliche Wirkung wie Gähnen: Es steckt an.

Viele Teilnehmer solcher Kurse berichten von der gelösten Stimmung, ja den Glücksgefühlen, die sie erleben – und die Anbieter werben mit dem so zu erreichenden Wohlbefinden. Reicht das »So-tun-als-ob« etwa schon aus, um den Humorschutzschild zu aktivieren?

Laut einer klassischen Emotionstheorie wurzeln unsere Gefühle in körperlichen Reaktionen: Der amerikanische Psychologe William James (1842–1910) und der dänische Physiologe Carl Lange (1834–1900) argumentierten schon Ende des 19. Jahrhunderts, dass der Mensch nicht weint, weil er traurig ist, sondern dass er traurig wird, wenn ihm die Tränen kommen. Zunächst entstehe die physiologische Erregung – die Muskeln kontrahieren, der Puls rast, Schweiß- und Tränendrü sen öffnen die Schleusen –, und danach erst ergebe sich daraus der jeweilige Gefühlszustand.

Zwar haben spätere Psychologen diese Sicht relativiert: So können Menschen ein künstlich ausgelöstes Herzrasen mal als Freude und mal als Ärger interpretieren; der Weg vom Körper zum Geist ist keine Einbahnstraße. Dennoch haben Muskeln und Mimik durchaus die Macht, uns in eine bestimmte Laune zu versetzen.

Der Sozialpsychologe Fritz Strack von der Universität Würzburg wies das einst in einem simplen Experiment nach. Er steckte seinen Probanden einen Stift in den Mund und bat sie, diesen entweder mit den Zähnen oder mit den Lippen einzuklemmen. Im ersten Fall ziehen die Betreffenden unwillkürlich die Mundwinkel zu einem Lächeln hoch, im zweiten dagegen machen sie ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Schon diese kleine Manipulation bewirkte, dass die grinsenden Probanden nachfolgend präsentierte Comics deutlich lustiger fanden als diejenigen, die ihre Mundwinkel herunterzogen. Wenn also schon die Kontraktion der Gesichtsmuskeln zu entsprechenden Gefühlsregungen verleitet, wie froh muss es erst stimmen, wenn der ganze Körper vor Lachen bebt?

Die Humorforscherin Barbara Wild ist trotzdem skeptisch, ob gespieltes Lachen über den Moment hinaus ausgeglichener macht. Es diene eher dazu, ein Gruppengefühl zu erzeugen. Beim gemeinsamen Herumalbern fallen Ängste und Hemmungen, die Teilnehmer fühlen sich einander nah – einfach gut. Gackern als soziales Schmiermittel.

Ein ironischer Seitenhieb baut Spannungen ab

In dieser Funktion liegt laut Anthropologen auch der evolutionäre Ursprung des Lachens: Es deeskaliert Konflikte, beschwichtigt und baut Spannungen in besonders stressigen Momenten ab. Lachend lassen sich negative Gefühle zügeln. So ist es meist von Vorteil, sich auf einen ironischen Seitenhieb zu verlegen, statt dem nervtötenden Nachbarn oder Kollegen an die Gurgel zu gehen.

Ob und wie psychisch kranke Menschen von den kognitiven, emotionalen und sozialen Aspekten des Hu- mors profitieren können, untersuchte Wild zusammen mit Appletree Rodden und Irina Falkenberg, die heute an der Philipps-Universität Marburg forscht, in Pilotprojekten (siehe auch das Interview ab S. 48). Dabei konzentrierten sich die Forscher auf depressiv verstimmte Patienten, in deren Behandlung sie ein Programm auf Basis des vom US-amerikanischen Mediziner Paul McGhee entwickelten Humortrainings für Gesunde integrierten.

Zunächst geht es darum, die Patienten im Gespräch für Komisches zu sensibilisieren: Was finden sie selbst witzig? Können sie sich an ein kurioses Ereignis aus der letzten Zeit erinnern? Wann haben sie das letzte Mal schmunzeln müssen? Später sollen die Patienten versuchen, bewusst auf Komisches zu achten, Cartoons, Bilder oder lustige Verse zu sammeln oder sogar selbstständig Pointen zu ersinnen.

Die Humorsitzungen finden in der Gruppe statt. Dabei ist wichtig, dass aus dem Lachen kein Auslachen wird. So darf weder der Patient noch sein Befinden Gegenstand der Belustigung sein. Einen Depressiven dazu bewegen zu wollen, leichthin über seine Lage zu scherzen, erscheint bestenfalls »witzlos« – schlimmstenfalls verstärkt es die Krankheitssymptome.

Bekanntlich gehen sehr viele Späße, die wir im Alltag treiben, auf Kosten anderer – seien es Blondinen, Ostfriesen oder sonstige Bevölkerungsgruppen. Die Lust am Witz entspringt eben oft der Möglichkeit, ungestraft verbal »auszuteilen«. Negative Humorstile wie selbstentwertende oder aggressive Scherze haben in der Depressionstherapie jedoch selten Platz.

Die Resonanz der Patienten ist ermutigend, aber verlässliche klinische Wirksamkeitsstudien stehen noch aus. Wild und Falkenberg ziehen ein positives Fazit: Witz in der Therapie heile zwar keine psychische Störung, gebe Depressiven allerdings eine mögliche Hilfe an die Hand. Humorvolle Strategien für den Alltag stellen eine Ressource dar, die die Patienten nutzen können, um negative Gedanken abzuwehren.

Der Baseler Psychiater Marc Walter berichtet in einer Untersuchung mit 20 älteren depressiven Patienten, die Humortrainings absolvierten, von einer stärkeren Verbesserung der allgemeinen Zufriedenheit als in der Vergleichsgruppe mit Standardtherapie. Walter sieht in den Witzsitzungen vor allem einen mittelbaren Nutzen: »Die Patienten öffnen sich eher, werden lebhafter im Kontakt.« Humor und Lachen führten aber nicht per se zu einer Linderung – Psychotherapie mit begleitender Medikamentengabe bleibe dafür unverzichtbar.

Auch die Bochumer Psychotherapeutin Jennifer Ueckermann will Depressiven dabei helfen, ihren Witz wiederzuentdecken. Dabei stieß sie allerdings auf unerwartete Hürden: Probleme beim Wahrnehmen von Humor. Manche Patienten (vor allem schwerer betroffene) litten oft über die Gefühlsstörung hinaus an einem verminderten Arbeitsgedächtnis oder eingeschränkter Empathie. Die Fähigkeit, sich den Anfang eines Witzes bis zur Pointe zu merken und die »wahre« Absicht einer Person zu bedenken, sind aber häufig essenziell, um Komik zu verstehen. Bevor man psychisch entlastenden Humor einüben könne, müssten solche Hemmnisse etwa mit Hilfe kognitiver Trainings abgebaut werden.

Psychotiker nehmen es eher wörtlich

Schizophreniepatienten zeigen ebenfalls oft Auffälligkeiten im Umgang mit Freude und Humor – nur eben andere als Depressive. Psychotiker messen unernsten Äußerungen schnell eine überzogene, allzu wörtliche Bedeutung bei oder beziehen sie auf sich selbst. Zudem lassen sich Schizophrene schlechter vom Lachen ihrer Mitmenschen anstecken, womit ihnen ein wichtiges Element der Gruppensitzungen entgeht.

Irina Falkenberg testete dies in einem Experiment: Sie setzte Gesunde und Kranke vor einen Computerbildschirm, auf dem mal eine fröhliche Miene, mal eine traurige erschien. Nachdem das Gesicht verschwunden war, zeigten zwei Pfeile die Richtung an, in die der Testkandidat selbst seine Mundwinkel bewegen sollte. Deuteten die Pfeile nach oben, sollte er sie heben (also lächeln); waren die Pfeile nach unten gerichtet, galt es einen Trauermund aufzusetzen.

Gesunden gelingt die Freudemimik leichter und schneller, wenn ein entsprechendes Gesicht sie darauf vorbereitet. Das Gleiche gilt für die Trauermiene. Bei den inkongruenten Bedingungen dagegen kommt es zu Verzögerungen. Nicht so bei Schizophrenen: Sie neigen stets dazu, die Mundwinkel hochzuziehen – egal, welche Porträts man ihnen präsentiert.

Dies zeuge nicht etwa von einer positiven Grundhaltung der Patienten, betont Falkenberg. Vielmehr sei die Lächelneigung Ausdruck der Verunsicherung: Die Betroffenen verfielen beinahe automatisch in den »Lächelmodus«, um potenziell bedrohliche Situationen abzumildern. Und potenziell bedrohlich erscheint Schizophrenen vieles. Zudem zeigen sie größere Schwierigkeiten als Gesunde, die mimischen Signale ihrer Mitmenschen richtig zu deuten.

Doch nicht nur in der Psychiatrie, auch in der Pflege alter Menschen oder unheilbar Kranker kommt inzwischen vermehrt Humor zum Einsatz. Von Clownerie- Abenden auf der Krebsstation bis zu Lachkursen mit Demenzpatienten: In einem Fachartikel zum Thema berichtete Barbara Wild davon, wie sie und ihre Kollegen Clowns zu Besuchen in die geriatrische Abteilung der Tübinger Universitätsklinik einlud. Das Echo der Patienten war durchweg positiv: Die Sketche und Slapstick- Einlagen ließen die Betreffenden zumindest eine Weile lang ihren Alltag vergessen.

Lachseminare sind beliebt. Ob sie über den akuten Wohlfühleffekt hinaus die Gesundheit fördern, erscheint jedoch fraglich.


ROBERT KNESCHKE / STOCK.ADOBE.COM

Nicht mehr als Anekdoten?

Im Rahmen einer Überblicksarbeit werteten die schottischen Gesundheitsforscherinnen May McCreaddie und Sally Wiggins insgesamt 88 Studien über Humor in der Pflege aus. Demnach herrscht nach wie vor ein Mangel an guten, »evidenzbasierten« Untersuchungen. Viele Berichte über positive Auswirkungen hätten lediglich anekdotischen Charakter oder beruhten auf nicht viel mehr als gutem Glauben.

Es bleibt für die Forscher also noch eine Menge zu tun. Immerhin aber scheint die frühere Skepsis gegenüber »humorbasierten« Ansätzen einem regen Interesse gewichen zu sein. Klinikflure und Praxen waren zwar noch nie Horte von herzerfrischender Witzigkeit und dürften das so schnell auch nicht werden. Jedoch basiert Psychotherapie mindestens zum Teil auf Lernprozessen wie dem Umdeuten kritischer Situationen (Stress im Beruf, Angstreize, persönliche Niederlagen) oder der Distanzierung von ungünstigen Emotionen. Ähnliches findet oft in der Komik statt – da ist es den Versuch wert, sie stärker als bisher in die therapeutische Arbeit zu integrieren.

Und was ist mit den Gesunden? Humorvolle Menschen neigen weniger zu Dogmatismus und können Widersprüche eher tolerieren – eine nützliche Fähigkeit in einer immer komplizierter werdenden Welt. Ironischerweise stärkt aber offenbar auch eine ganz andere Geisteshaltung die Resilienz: Feste religiöse Überzeugungen helfen ebenfalls, Schicksalsschläge zu verkraften, und mindern das Depressionsrisiko, wie der Psychologe Sebastian Murken von der Universität Marburg berichtet. Stehen Glückssucher somit vor der Wahl, sich dem Glauben zu verschreiben – oder alles dem Gelächter preiszugeben?

Wenn man sich das so einfach aussuchen könnte! Im Notfall sind wir heilfroh über jeden Strohhalm, den wir im Strudel des Alltags zu fassen kriegen. Und deren Auswahl ist begrenzt, denn nur drei Dinge, so der Philosoph und Aufklärer Immanuel Kant (1724–1804), kann der Mensch gegen die Mühsal des Lebens aufbieten: Hoffnung, Schlaf und das Lachen.

ATTRAKTIVE SPASSVÖGEL

Laut Umfragen glauben rund zwei Drittel der Deutschen, sie würden überdurchschnittlich häufig über sich selbst lachen. Das geht statistisch kaum auf: Offenbar hält sich also mancher für witziger, als er ist. Das ist allerdings auch kein Wunder, denn Humor macht sexy! So finden Frauen meist Männer attraktiver, deren Porträtbild ein witziges Zitat ziert. Ein Mann dagegen bevorzugt im Schnitt Frauen, die weniger selbst scherzen als über seine Witze lachen.

Bressler, E., Balshine, S.: The influence of humor on desirability. Evolution and Human Behavior 10.1016/ j.evolhumbehav.2005.06.002, 2006

QUELLEN

Bartolo, A. et al.: Humor comprehension and appreciation: An fMRI study.Journal of Cognitive Neuroscience 18, 2006

Falkenberg, I. et al.: Sense of humor in patients with schizophrenia.Schizophrenia Research 95, 2007

Raskin, V. (Hg.): The primer of humor research.DeGruyter, 2008

Ruch, W. (Hg.): The sense of humor. Explorations of a personality characteristic.DeGruyter, 2007

Uekermann, J. et al.: Executive function, mentalizing and humor in major depression.Journal of the International Neuropsychological Society 14, 2008

Walter, M. et al.: Humor therapy in patients with late-life depression or Alzheimer’s disease.International Journal of Geriatric Psychiatry 22, 2007

Wild, B.: Humor ernst genommen: Lächeln, Erheiterung und das Gehirn.Nervenheilkunde 25, 2006

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/969436

WEBLINKS

Gesellschaft zur Förderung von Humor in Therapie, Pflege, Pädagogik und Beratung: www.humorcare.com

Das Heiterkeitsinventar STHI und andere Tests der Positiven Psychologie zur Onlinebearbeitung: www.charakterstaerken.org

Echter Witz und gespieltes Lachen

Neuroforscher untersuchen, was im Kopf passiert, wenn uns die Pointe eines Witzes bewusst wird – nicht aber, was geschieht, wenn wir lachen. Denn die hierbei unvermeidliche Bewegung verhindert die Messung der Hirnaktivität im Tomografen. »Was bei Lachattacken vor sich geht, kann man per Hirnscan nicht abbilden«, so Humorforscherin Barbara Wild. Sie präsentiert Testpersonen daher lieber Gary-Larson-Cartoons. »Die entlocken eher ein Lächeln als kräftige Lacher.«

Studien zeigen:Das Humorzentrum im Hirn gibt es nicht. Vielmehr gewährleistet ein komplexes Netzwerk verschiedener Teile der Großhirnrinde sowie tiefer liegender Kerngebiete, dass wir Witze verstehen, dass sie uns erheitern und Reaktionen wie Lächeln und Lachen auslösen. Drei Aspekte von Humor – ein kognitiver, ein emotionaler sowie ein motorischer – lassen sich unterscheiden. Eine Inkongruenz und ihre Auflösung in der Pointe zu erkennen, gehen mit erhöhter Aktivität im oberen Temporallappen sowie im präfrontalen Kortex (rechts im Bild gelb markiert) einher. Die Amygdala sowie der Nucleus accumbens, die beide zum Belohnungssystem zählen, lösen Erheiterung aus (rot). Diese Emotion wiederum bewirkt Lachen – über motorische Signale des Nucleus facialis im Hirnstamm (blau).

Das willkürliche Lachen ohne witzigen Anlass steuert der somatomotorische Kortex. Die so initiierte Kontraktion der Gesichtsmuskeln erscheint jedoch oft aufgesetzt, da beim gespielten Lachen die Ringmuskeln um die Augen eher entspannt bleiben. Wer also nur höflich mitlacht, trägt dabei besser eine Sonnenbrille! In Laborexperimenten können Forscher auch Unterschiede zwischen Nonsense und Komik nachvollziehen. Dazu lassen sie das Ende einer Cartoonfolge oder eines Witzes einfach weg. Der Proband entscheidet selbst, welche aus einer Reihe vorgegebener Alternativen den lustigsten Schlusspunkt setzt. Zum Beispiel: Der nervige Nachbar, der ständig etwas will, klingelt am Sonntagmorgen an Herrn Schmidts Tür und fragt: »Brauchen Sie heute Nachmittag Ihren Rasenmäher?« – »Ja«, antwortet Herr Schmidt knapp. Wie geht es weiter? Hier vier verschieden Antwortmöglichkeiten:

A: »Gut, dann können Sie bestimmt Ihre Golfschläger entbehren – die leihe ich mir mal aus.«

B: »Hm, vielleicht kann ich ihn ausleihen, wenn Sie fertig sind.«

C: »Autsch!«, ruft der Nachbar, als ihn die Harke am

Kopf trifft, auf die er versehentlich trat. D: »Die Vögel picken dauernd das frisch gesäte Gras auf.«

Klarer Fall, Variante A ist die witzige Pointe. B ist zwar sinnvoll, aber nicht witzig, C entspricht Slapstick, und D ist sowohl witzlos als auch deplatziert. Wer Variante C dennoch am amüsantesten findet, könnte Probleme mit dem Arbeitsgedächtnis haben, welches den Witzanfang bis zur Pointe mental präsent hält. Laut Studien von Andrea Samson, Psychologieprofessorin an der FernUni Schweiz in Brig, ist an der Verarbeitung von »normwidrigem « Nonsense der hintere zinguläre Kortex beteiligt (rechts im Bild nicht markiert).

THOMAS BRAUN, HEIDELBERG