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»Ich habe viel lernen müssen«


Spiegel Biografie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 20.11.2018

Vom vaterlosen Arbeiterkind zum Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger – Willy Brandt prägte eine deutsche Epoche.


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Bildquelle: Spiegel Biografie, Ausgabe 4/2018

PROTEST
Auf einer Massenkundgebung am 16. August 1961 wandte sich Brandt vehement gegen den Bau der Berliner Mauer, der drei Tage zuvor begonnen hatte.

WAHLVERWANDTE
Der gemeinsame Auftritt mit US-Präsident John F. Kennedy in West-Berlin im Juni 1963 steigerte Brandts Beliebtheit.

Tagelang, wochenlang quälte er sich mit der Entscheidung, beriet sich mit Freunden, Mitarbeitern und auch politischen Mitstreitern, die sich nun als Fallensteller und Konkurrenten erwiesen. Dann, am 7. Mai ...

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... 1974, zog sich ein enttäuschter, entmutigter und zorniger Willy Brandt in sein Amtszimmer zurück und entwarf mit grünem Filzstift mehrere Fassungen seines Demissionsschreibens an den Bundespräsidenten Gustav Heinemann, bis stehen blieb: »Ich übernehme die politische Verantwortung für Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume und erkläre meinen Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers. «

Wenige Wochen zuvor, im April, war sein Kanzleramtsreferent Günter Guillaume in Bonn als Agent der DDR verhaftet worden. Jahrelang hatte sich Guillaume im engsten Umfeld Brandts bewegt, kannte intime politische und private Details aus dem Leben seines Chefs.

Es war eine der größten Politaffären der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Und es war das tragische Ende eines Kanzlers, der gegen jede Wahrscheinlichkeit seiner Herkunft und seiner Biografie den Aufstieg an die Macht geschafft hatte. Eines Kanzlers, der so ganz und gar anders war als die typischen Parteifunktionäre im spießigen Nachkriegsdeutschland – elegant, intellektuell, unabhängig, nachdenklich, unnahbar und bürgerfreundlich zugleich, authentisch gerade in seinen Widersprüchen. Es war das Ende eines Kanzlers, der bewundert und gefeiert worden war wie ein Popstar, der die Menschen faszinierte und bewegte und auch seine Feinde nicht gleichgültig ließ. »In Willy Brandts Lebenslauf liegt Stoff für eine Legende, fast für ein Märchen, das wahr wurde«, schrieb der Schriftsteller Heinrich Böll.

Das Märchen begann 1913 in Lübeck. Dort wurde Willy Brandt als unehelicher Sohn einer 19-jährigen Verkäuferin geboren, auf seiner Geburtsurkunde war kein Vater vermerkt, sein Nachname – er hieß eigentlich Herbert Frahm – stammte von der Mutter. Heute ist kaum noch vorstellbar, welchen Makel diese Geburt bedeutete, welche Schande; auch getauft werden durfte der kleine Herbert nicht in der Gemeindekirche. Arm, vaterlos, illegitim – viel weiter unten konnte man im deutschen Kaiserreich nicht ins Leben starten. Brandt litt lange darunter. »Die Herkunft und die Nachrede, die daran ein langes politisches Leben lang knüpfte – darauf antwortete ich unbeholfen, weil ich nichts dafür konnte und einem doch ein Stachel eingepflanzt war«, gab er später zu.

Ob er Gerechtigkeit wollte, weil ihn selbst die Gesellschaft als Kind so ungerecht behandelt hatte? Ob das spätere Verständnis für die gesellschaftlich Benachteiligten aus seiner eigenen Zurücksetzung und Kränkung rührte? Mit politischem Bewusstsein für die Arbeiterklasse wuchs er jedenfalls auf. Sein Stiefgroßvater nahm ihn auf, als er sechs Jahre alt war, und wie Brandts Mutter war auch dieser ein überzeugter Sozialdemokrat. »Sie steckten mich, kaum dass ich laufen konnte, in die Kindergruppe des Arbeitersports, sodann in einen Arbeiter-Mandolinenklub. Bald bereicherte ich auch das einschlägige Bühnen- und Puppenspiel.«

Der Weg zum jungen Feuerkopf war damit vorgezeichnet. Kennzeichnend für Brandts Haltung war ein Transparent, das er als Jugendlicher bei einer Demo in Lübeck trug: »Republik, das ist nicht viel. Sozialismus ist das Ziel«. Als sich linke Sozialisten im Oktober 1931 von der SPD trennten und die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) gründeten, war er dabei. Im SAP-Blatt »Sozialistische Arbeiterzeitung « schrieb er als gerade 18-Jähriger mit dem Ernst eines Erwachsenen. Und er erkannte, dass die Nazis an der Macht Deutschland in Terror und Krieg treiben würden.


Ob er Gerechtigkeit wollte, weil ihn selbst die Gesellschaft als Kind so ungerecht behandelt hatte?


Als Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte, gehörte Brandt zu denen, die zum Widerstand aufriefen. Am 19. Februar 1933 war er »bei bitterer Kälte« dabei, als Lübecks Linke auf dem Burgfeld noch einmal aufmarschierte. Die letzte Demo gegen Hitler in der Hansestadt hatte etwas Gespenstisches. Vor 150000 Demonstranten trat der Sozialdemokrat Julius Leber auf, den er gut kannte. Leber war zuvor von den Nazis misshandelt worden. Sein zerschnittenes Nasenbein und ein verbundenes Auge gaben einen Eindruck davon, was Nazigegnern bevorstand.

Brandt entschloss sich zur Flucht. In der Nacht vom 1. auf den 2. April 1933 fuhr er auf einem Fischkutter zunächst zur dänischen Insel Lolland. Von dort aus reiste er weiter nach Oslo, wo er eine SAP-Exilgruppe gründete.

FAMILIE
Brandts Ehefrau Rut verfolgt 1961 mit den Söhnen Peter (l.) und Lars die Bericht - erstattung zur Bundestagswahl.


In der Berliner SPD wurde Brandt bald ein Star. Er war ein begnadeter Rhetoriker und genoss das Vertrauen der Amerikaner.


Bald sprach er so gut Norwegisch, dass er seinen Lebensunterhalt mit Artikeln für norwegische Zeitungen bestritt. Für sie berichtete er 1937 auch aus dem Spanischen Bürgerkrieg.

Für seine politische Tätigkeit im Exil legte er sich den Decknamen Willy Brandt zu. Seine Aktivität blieb den Nazis, deren Spione die Exilszene bespitzelten, nicht verborgen. Im September 1938 bürgerten sie ihn aus. Brandt beantragte die Einbürgerung in Norwegen. Darin bestärkte ihn auch seine norwegische Lebensgefährtin und spätere erste Ehefrau Carlota Thorkildsen, Mitarbeiterin eines Instituts für Kulturforschung.

Als sie ihm am 9. April 1940 mitteilte, dass sie schwanger war, wurde die freudige Nachricht von dramatischen Ereignissen überschattet. Die Nazis begannen, Norwegen zu besetzen. Brandt floh wenige Wochen später nach Stockholm. Dorthin folgte ihm Carlota, dort wurde Tochter Ninja im Oktober 1940 geboren. Das Paar heiratete im Mai 1941.

Die Ehe ging in die Brüche, als Brandt 1944 die wichtigste Frau in seinem Leben kennenlernte, Rut Bergaust, geborene Hansen, die spätere Mutter seiner drei Söhne Peter, Lars und Matthias. Die sieben Jahre jüngere norwegische Sozialistin war ebenfalls nach Schweden geflüchtet.

PERSONENKULT
Auf einer Kundgebung in Bonn trat ein Brandt-Anhänger 1972 mit einem selbst gebastelten Transparent auf – die Schreibweise von Brandts Vornamen hat er offenbar nachträglich korrigiert.

MODERNISIERUNG
Auf dem SPD-Parteitag in Bad Godesberg im November 1959 schlug die SPD den Weg zur Volkspartei ein.

Brandts schärfste Waffe im Kampf gegen die Nazis war sein Talent, politische Vorgänge zu analysieren. So schrieb er in Stockholm auch Dossiers für Geheimdienste der Anti-Hitler-Koalition, vor allem für die Briten. Er berichtete über den Terror der Gestapo im besetzten Norwegen, die »gelockerte« Disziplin deutscher Soldaten in Dänemark und die schwedische Abwehrbereitschaft. Berichte schrieb er auch für den amerikanischen Geheimdienst OSS. Brandt, so der damalige US-Botschafter in Schweden, sei ein »junger, aber offensichtlich kluger und gewissenhafter Beobachter der deutschen Szene«.

In Skandinavien wurde der junge Feuerkopf zum Pragmatiker. Willy Brandt beobachtete die Reformpolitik der regierenden Sozialdemokraten in Norwegen und Schweden. Sie bestärkte ihn darin, für das Nachkriegsdeutschland nach neuen Wegen für linke Politik zu suchen. Weg von der Zersplitterung, hin zu einer breiten Volkspartei als Stütze einer stabilen Demokratie, das wurde seine Grundrichtung.

Nach dem Krieg ging Brandt nicht nach Lübeck zurück, sondern nahm eine Stellung als norwegischer Presseattaché in Berlin an. Es war eine Zeit wachsender Spannungen. Ost- und West-Berlin drifteten auseinander. Von Juni 1948 bis Mai 1949 versuchten die Sowjets, durch die Berlin-Blockade die Westmächte aus den Westsektoren der Stadt zu vertreiben. Sozia - listen, die nicht auf Stalins Linie waren, sammelten sich in und bei der SPD – im Lager des Westens. In der Berliner Frontstadt-SPD wurde Brandt bald ein Star. Er hatte den örtlichen Funktionären vieles voraus: Er sprach neben Norwegisch auch gut Englisch und passabel Französisch. Brandt war ein begnadeter Rhetoriker, kannte sich mit Pressearbeit aus und genoss das Vertrauen der Amerikaner.

WAHLABEND
Im November 1972 verfolgten Helmut Schmidt, Herbert Wehner und Willy Brandt in der Bonner SPD-Parteizentrale die Stimmenauszählung der Bundestagswahl am Fernseher.


Ihm kam zugute, dass er ein Gespür hatte für die Gerechtigkeitsdefizite der Wirtschaftswunderwelt.


So wurde er mit 43 Jahren im Oktober 1957 Regierender Bürgermeister und ein Vierteljahr später Vorsitzender der Berliner Sozialdemokraten (siehe »Ein Mann will nach oben«, Seite 40). Dort entfaltete er rasch sein Potenzial.

Bei den West-Berlinern war Brandt populär, auch wegen seiner scharfen Töne gegen die SED, die er nach dem Mauerbau 1961 als »Kerkermeister unseres Volkes« geißelte. Zugleich wusste Brandt, dass die SPD, geführt von Veteranen aus der Weimarer Republik, als Traditionsverein erstarrt war. Bei der Bundestagswahl im September 1957 war die SPD weit abgeschlagen gegenüber der CDU von Kanzler Konrad Adenauer. Um Erfolg zu haben, musste die Partei moderner und jünger werden.

Diese Riesenaufgabe reizte Brandt. Im November 1960 kürte ihn die SPD zum Kanzlerkandidaten. Die Delegierten beeindruckte er auch, indem er bekannte: »Ich habe kein einfaches Leben hinter mir. Meinen Weg habe ich mir durchweg selbst ebnen und ich habe viel lernen müssen.«

So machte er die harte Schule seiner Kindheit zum Startkapital seines politischen Erfolgs. Dabei kam ihm zugute, dass er ein Gespür hatte für die Gerechtigkeitsdefizite der Wirtschaftswunderwelt. Unter dem Beifall der Genossen kritisierte er auf dem Parteitag 1960 den »egoistischen Materialismus «, der »über dem Gewinnstreben die Gemeinschaftsaufgaben ignoriert«. Und er mahnte, zur »Lösung der deutschen Frage« reiche es nicht, »die Hände in den Schoss zu legen und auf ein Wunder zu warten«. Damit umriß er sein Langzeitprogramm: soziale Reformen im Innern und eine flexible Außenpolitik gegenüber dem Osten.

Bei der Bundestagswahl 1961 gewann er für die Partei rund fünf Prozent hinzu. Als er rund zwei Jahre später mit dem US-Präsidenten John F. Kennedy in West-Berlin auftrat, wurde er in den Augen vieler Deutscher zu einer Art »deutscher Kennedy«, so die Biografin Carola Stern.

Mit diesem gewachsenen Ansehen wurde Brandt im Februar 1964 auf einem Sonderparteitag der SPD zum Vorsitzenden der Partei gewählt. In einer Rede präsentierte er sich als gemäßigt linker Reformer. Er kritisierte den »Bildungsnotstand« und monierte, in der Bundesrepublik sei der »Wohlstand allzu ungleich verteilt«. Er bekannte sich zur »Stärke des Westens« und zugleich zu einer »Strategie des Friedens«.

Unter seinen Vorgängern war die Nachkriegs-SPD im Bund nur Oppositionspartei gewesen. Damit wollte Brandt brechen. Bei der Bundestagswahl 1965 wurde die SPD unter seiner Führung erstmals stärker als die CDU. Ein Jahr darauf bildete die SPD eine Große Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Brandt wurde Außenminister. Damit konnte er seine Stärken ausspielen: Auslandserfahrung, seine Vita im antifaschistischen Widerstand und sein gutes Englisch.

Bald stellte er den betulichen CDU-Kanzler Kiesinger in den Schatten. 1967 wurde unübersehbar: Der eloquente Willy Brandt mit der sonoren Stimme, oft eine Zigarette in der einen Hand und ein Glas in der anderen, war der kommende Mann der Bundesrepublik.


Leicht verspätet nahm die SPD unter Brandt die Impulse der 68er-Bewegung auf.


WAHLKAMPF
In Frankfurt am Main zog Brandt im November 1972 massenhaft Wähler an – dass er »Kanzler bleiben« müsse, war das zentrale Wahlkampf argument der SPD.

VOLKSTRIBUN Als Redner, hier im November 1972 in Köln, fesselte Brandt Arbeiter und Intellektuelle zugleich.

MAIFEIER
Die Tradition der Arbeiterbewegung, mit der er auf gewachsen war, pflegte Brandt auch auf Kundgebungen zum 1. Mai, hier 1962 in West-Berlin.

Zwei Jahre später konnten die Sozialdemokraten mit dem Außenminister Willy Brandt auftrumpfen. Durch sein »Handeln als Staatsmann«, so ein SPD-Wahlfilm, stehe Brandt für die »Aussöhnung mit allen unseren Nachbarn«.

Hinzu kam, dass er durch Gespräche mit seinem damals 21-jährigen Sohn Peter ein Gespür hatte für das Lebensgefühl der jungen Generation (siehe SPIEGEL-Gespräch auf Seite 112). Leicht verspätet nahm die SPD unter Brandt die Impulse der 68er-Bewegung auf. Tausende junge Leute strömten in die Partei. Begeisterung weckte Brandt im Januar 1969 bei Teilnehmern eines SPD-Jugendkongresses. »Bloßes Zuhören«, sagte er, sei »für uns Ältere nicht genug«. Nötig sei, so Brandt, die »Bereitschaft, uns selbst infrage zu stellen und hinzuzulernen«. Und fügte hinzu: »Vollauf verstehe ich, wenn die Jugend scharf reagiert auf den Widerspruch zwischen alten Strukturen und modernen Möglichkeiten.«

Das blieb zwar im Vagen wie auch sein Appell zum »Mut zur Unbequemlichkeit«. Aber es reichte, um neben Stammwählern Hunderttausende junge Linker aus der Studentenbewegung an den Wahlurnen für die SPD zu mobilisieren.

Bei der Bundestagswahl im September 1969 trug der Atem der neuen Zeit die SPD zu einem Stimmenanteil von 42,7 Prozent, ein sensationelles Ergebnis. Willy Brandt, der schlaue, zornige Junge aus dem Lübecker Proletariat, der mit dem unguten Gefühl der Zurücksetzung aufgewachsen war und nie ein Studium abgeschlossen hatte, wurde zum Bundeskanzler gewählt, in einer Koalition aus SPD und linksliberal gewendeter FDP. Jetzt bestimmte er die Richtlinien der Politik.

In der Außenpolitik setzte er rasch andere Akzente. Erstmals traf er sich im März 1970 in Erfurt mit dem Ministerpräsidenten der DDR, Willi Stoph. Massenhaft bekundeten DDR-Bürger in Erfurt ihre Sympathie für Brandt. Vor seinem Hotel Erfurter Hof ertönten die Rufe Tausender: »Willy Brandt ans Fenster! « Spätestens jetzt war er mehr als ein normaler deutscher Politiker – er war einer, der Geschichte machte und dadurch zum Helden wurde.

Fünf Monate später unterzeichnete er im Katharinensaal des Kreml mit dem sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew ein Abkommen über Gewaltverzicht – ein großer Schritt weg vom Kalten Krieg. Das Abkommen, wie auch ein ähnlicher Vertrag mit Polen, bedeutete die faktische Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze. Die DDR hatte sie bereits 1950 anerkannt.

Bevor das Abkommen in Moskau unterzeichnet wurde, ließen Brandts Mitarbeiter Breschnew eine wichtige Warnung zukommen: Er solle nicht versuchen, den Bundeskanzler zu umarmen. Brandt wollte nicht nur den Eindruck von Kumpanei vermeiden. Er mochte körperliche Nähe nicht.

Mit der DDR schloss Brandts Regierung 1972 einen Grundlagenvertrag. Millionen Westdeutsche, darunter auch viele »Republikflüchtlinge« aus der DDR, konnten danach wieder ihre Heimat im Osten Deutschlands besuchen. Brandt ging dabei »von der fortdauernden und lebendigen Wirklichkeit einer deutschen Nation aus«, und zwar »frei von nationalistischen Vorstellungen vergangener Zeiten«.

Wie ernst er die Verantwortung angesichts der Vergangenheit nahm, demonstrierte er im Dezember 1970 mit einem überraschenden Demutsbeweis. Bei einem Besuch in Warschau fiel er vor dem Denkmal für die Ermordeten im Warschauer Getto auf die Knie (siehe »Wo er kniet, war Hölle«, Seite 70). Ausgerechnet er, der keine Schuld trug an der deutschen Barbarei, sondern sie unter Lebensgefahr bekämpfte hatte. Darüber schrieb Brandt später: »Es war eine ungewöhnliche Last, die ich auf meinen Weg nach Warschau mitnahm.«


Gespannt verfolgten Millionen Deutsche 1972 das Misstrauensvotum gegen Brandt vor Fernsehern und Radios.


Der Kniefall, der Rechtsnationale erboste, war Brandts spontane Entscheidung. Viele Deutsche akzeptierten sie nicht, weil sie sich als Opfer etwa der Vertreibung sahen. Aber die große Geste bestätigte einmal mehr eine Eigenart des Grüblers Brandt: Er war unberechenbar, manchmal unergründlich, machte Dinge mit sich selbst ab –und war in seinen Handlungen dann doch stets glaubwürdig, weil sie zu seinem Charakter und zu seiner Geschichte passten.

Honoriert wurde die Geste in Brandts früherer Wahlheimat Norwegen. Im Oktober 1971 erhielt Willy Brandt vom Osloer Komitee den Friedensnobelpreis, denn er habe, so die Begründung, »seine Hand zur Versöhnung zwischen den Völkern ausgestreckt, die lange Feinde waren«.

In Deutschland aber wurde der Reformer Brandt immer umstrittener. Die CDU unternahm am 27. April 1972 den Versuch, ihn als Kanzler durch ein Misstrauensvotum zu stürzen. Gespannt verfolgten Millionen Deutsche die Abstimmung vor Fernsehern und Radios. In Schulen, Universitäten und Betrieben standen dicht gedrängt Menschen vor den Geräten. Die Bundesbürger waren aufgewühlt, das Schicksal ihres Kanzlers ging ihnen nahe. Den einen galt Brandt als Bote des Fortschritts, anderen als Bannerträger eines Linksrutsches.

Um mäßigend auf das Wahlvolk einzuwirken, sprach Brandt im Fernsehen vom »verfassungs - mäßigen Recht« der Opposition. Und er zeigte sich am Tag nach der Abstimmung mit dem Herausforderer Rainer Barzel von der CDU bei einem Glas Bier im Bundestagsrestaurant. Die Botschaft war klar: Er wollte versöhnen, nicht spalten.


Mit Brandts Rücktritt ging eine Ära zu Ende – für die SPD, aber auch für Deutschland.


Nach dem gescheiterten Misstrauensvotum ging eine Welle der Sympathie für Brandt durchs Land, bei Kundgebungen mit bis zu 100000 Teilnehmern wie am 1. Mai 1972 in Dortmund. Der orangefarbene »Willy wählen«-Button verband ordnungsliebende Beamte und langhaarige Studenten. Brandts Wählerschaft reichte von reumütigen Wehrmachtssoldaten bis zu radikalen Linken. Ältere und eher konservative Wähler umwarb Brandt mit der plakatierten Parole: »Deutsche! Wir können stolz sein auf unser Land«. Bei der Bundestagswahl am 19. November 1972 erhielt die SPD mit 45,8 Prozent der Zweitstimmen das beste Ergebnis ihrer Geschichte. Brandt setzte die sozial - liberale Koalition fort. Die SPD war unter seiner Führung von 650000 Mitglieder auf rund eine Million Genossen angewachsen. Allein 1972 traten 160000 Mitglieder in die SPD ein, darunter zwei Drittel unter 35 Jahren – vor allem wegen Willy.

Doch das breite Bündnis der 17,2 Millionen Willy-Wähler, die »für Frieden, Sicherheit und eine bessere Qualität des Lebens« (SPD-Wahlspot) votiert hatten, konnte Brandt nicht lange zusammenhalten. Den SPD-Parteirechten, geführt von Finanzminister Helmut Schmidt und Fraktionschef Herbert Wehner, galt er deshalb als führungsschwach. So höhnte Wehner 1973 über Brandt: »Der Kanzler badet gern lau – so in einem Schaumbad.« Schmidt, zupackender als Brandt und ihm an volkswirtschaftlichem Wissen überlegen, wartete auf seine Stunde.

Die kam mit der Guillaume-Affäre 1974. In seinen »Erinnerungen« schrieb Brandt dazu: »Die Nachricht war ein Hammer, wenn auch nicht einer, der mich hätte betäuben können.« Aussitzen wollte er den Skandal nicht. Dennoch notierte er, mit seinem Rücktritt habe er viel mehr auf sich genommen, »als ich zu verantworten hatte«. Womöglich hatte ihn einmal mehr der Sinn für Gerechtigkeit getrieben. Er wollte die Verantwortung nicht auf andere abwälzen (siehe »Wichtigere Dinge«, Seite 80).

Mit Brandts Rücktritt ging eine Ära zu Ende – für die SPD, aber auch für Deutschland.

Der Lübecker Grübler blieb Vorsitzender der SPD und wurde 1976 zusätzlich Chef der Sozialistischen Internationale. In diesem Amt wandte er sich Themen zu, die ihn schon als jungen Sozialisten bewegt hatten: Armut und Unterentwicklung, Hunger und Krieg, internationale Solidarität. Und er bewegte sich wieder ein Stück weit nach links. So war konsequent, dass er im Oktober 1983 im Bonner Hofgarten an einer Kundgebung der Friedensbewegung gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen teilnahm. Auf die Frage, ob die Friedensbewegung nicht Moskau nütze, antwortete er trocken: »Ich habe schon Schlimmeres erlebt, als dass junge Leute in Deutschland für den Frieden demonstrieren.«

Im November 1989 sah er mit dem Mauerfall, wie seine Politik Früchte trug. Während jüngere SPD-Funktionäre noch versuchten, die deutsche Frage zu ignorieren, prägte er die plakative Formel: »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.« Zwar profitierten von den ersten freien Wahlen in der DDR nicht die Sozialdemokraten, sondern die CDU unter Helmut Kohl. Brandts nachhaltiger Erfolg aber lag darin, dass auch der christdemokratische Bundeskanzler seine Ostpolitik fortsetzte.

ZWECKBÜNDNIS
Mit seinem Amtsnachfolger Helmut Schmidt verband Brandt, hier 1981, eine komplizierte Beziehung.

Unter der Führung Willy Brandts hat die Bundesrepublik sich aus der verdrucksten, restaurativen Stimmung der Nachkriegszeit befreit und zu einer offeneren, modernen Gesellschaft entwickelt.

Die SPD hat Brandt zwei Jahre länger geführt als der legendäre August Bebel. Der war im August 1913 gestorben, vier Monate vor Brandts Geburt. Fasziniert hatte dieser als Junge alte Genossen von Bebel erzählen hören. Und dabei nicht geahnt, dass er einmal sein wohl größter Nachfolger werden würde.