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„Ich muss daran glauben, dass alles besser wird“


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Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 07.12.2022

Im Gespräch mit Juma Xipaia, Anführerin des Volkes der X ipaya im A mazonas-Regenwald

DIE WEGE DES WIDERSTANDES SIND MITUNTER SELTSAM VERSCHLUN-GEN, UND SO KOMMT ES, dass die Anführerin des indigenen Xipaya-Volkes aus dem Amazonas-Becken auf einer Bühne im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel im Nordburgenland steht. Hier, beim internationalen Naturfilm-Festival Jackson Wild, erzählt sie Gästen aus aller Welt von den dramatischen Ereignissen in ihrer Heimat – und wirbt um mehr Aufmerksamkeit für die Zerstörung der grünen Lunge der Erde.

Juma Xipaia wuchs im Bundesstaat Pará im Norden Brasiliens auf, im Alter von 24 Jahren wurde sie Anführerin und Botschafterin ihrer Dorfgemeinschaft. Sie beeindruckt auf der Bühne mit ihrer konzentrierten, eindringlichen Rede und noch mehr im direkten Gespräch zwei Tage später. Kurz vor dem Interview erfuhr sie von einem Übergriff auf ihr Dorf, bei dem zwei ...

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... Menschen ermordet wurden. Trotz ihrer Betroffenheit will sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, weiteres Publikum zu erreichen.

Juma Xipaia in der traditionellen Tracht ihres Volkes

Xipaia, 30, ist Anführerin des Xipaya-Volkes, Mutter, Ehefrau, Aktivistin und Medizinstudentin an der Universität von Pará. Im Alter von 24 Jahren wurde sie als erste Frau Häuptling im Mittleren Xingu und leitet das Dorf Xipaya Tukamã. Auf Xipaia wurden bereits sechs Anschläge verübt. Sie floh daraufhin aus Brasilien und verbrachte ein Jahr in der Schweiz. Später sprach sie vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Zurück in Brasilien ist sie jetzt dabei, ihre eigene NGO zu gründen.

„In den vergangenen sechs Monaten w urden 8.000 Quadratk ilometer Regenwald abgeholzt . Dafür ist nicht nur die Regierung von Brasilien verant wortlich, diese Verant wortung tragen v iele Länder.“

Und was nehmen Sie wahr?

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Mein Vater wollte Anfang des Jahres bei Kastanienbäumen arbeiten. Doch weil ein starker Sturm angekündigt war, ließ meine Mutter ihn nicht dorthin gehen, sie war ganz krank vor Sorge. Also arbeitete er woanders. In dieser Nacht brach ein so gewaltiger Sturm los, wie wir ihn noch nie erlebt hatten. Danach lagen 213 Kastanienbäume und viele weitere starke Bäume auf dem Boden. Da ist mein Vater ganz nachdenklich, ganz ruhig geworden: Hätte er dort gearbeitet, wäre es zur Katastrophe gekommen. Und er war traurig, denn diese Bäume haben uns früher ernährt. Wir haben uns alle betrogen, alle angegriffen gefühlt. Nicht vom Regenwald, nicht vom Klima – sondern von den Menschen, die sich nicht um andere und auch nicht um sich selbst kümmern.

Aber können einzelne Menschen überhaupt etwas bewirken?

Darüber denken wir ständig nach. Wie können wir mit der Natur leben, ohne sie negativ zu beeinflussen, zu zerstören? Wie können wir die Natur schützen? Wenn uns das gelingt, haben wir wieder eine viel höhere Lebensqualität.

Wie kann das gelingen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In unserem Fluss, dem Rio Xingu, gibt es sehr viele Fische. Das ist längst nicht mehr in jedem Fluss Brasiliens so. Wir haben dafür einen territorialen Bewirtschaftungsplan mit anderen Dörfern des indigenen Landes vereinbart: Wir fischen an manchen Plätzen ein Jahr lang nicht und geben dem Fischbestand so die Möglichkeit, sich zu erholen. Außerdem verkaufen wir den Fisch nicht, und wir erlauben niemandem von außerhalb, zu fischen und zu jagen. Wir verstehen, dass wir uns nur das nehmen dürfen, was wirklich notwendig ist. Es ist wichtig, dass unsere Kinder den Fisch, das Wasser, den Regenwald haben – und darum müssen wir uns heute kümmern. Wir haben keinen Plan für 2030 oder 2040 – es muss heute passieren.

Der Rio Xingu ist einer der größten Zuflüsse des Amazonas.

Er ist etwa 1.980 Kilometer lang und mündet bei Porto de Moz in den unteren Amazonas. An seinen Ufern lebt eine Gruppe von 14 indigenen Stämmen, in über dreißig Siedlungen. Sie alle haben unterschiedliche Sprachen, aber ähnliche Bräuche. Und für sie alle ist der Rio Xingu Lebensgrundlage.

Warum ist es so wichtig, dass Menschen von außen keinen Zugriff auf den Fluss bekommen?

Momentan ist die ganze Welt, sind alle Menschen eine Gefahr für uns. Sie haben einen viel höheren Verbrauch als wir, nicht nur, was Essen betrifft, sondern sie wollen auch Gold, das sie bei uns illegal schürfen und auf dem Weltmarkt verkaufen. Ihre Methoden sind voller Gewalt. Viele unsere Gemeinden werden rund um die Uhr angegriffen, Kinder werden vergewaltigt! Es ist noch nicht lange her, da wurden wir Indigenen noch wie Tiere gejagt. Daher ist es für mich gar nicht so einfach, hinauszugehen, um aller Welt zu erzählen, was bei uns passiert. Aber genau das zu tun ist wichtig. Wir müssen uns austauschen, nur so kann ein guter Wandel passieren.

Wie verteidigen Sie Ihr Land, wenn Goldschürfer oder Holzfäller kommen?

Das ist eine wichtige Frage. Wir können uns und den Regenwald nur mit unserem eigenen Leben verteidigen. Die Eindringlinge aber kommen mit Maschinengewehren, mit großen Baufahrzeugen. Also was tun? Im April war es wieder einmal so weit. Mein Vater entdeckte am Fluss ein großes Schiff, die „Dragão“. An Bord waren illegale Goldsucher. Als er begann, sie zu filmen, entdeckten sie ihn, und er schaffte es gerade noch, ins Dorf zu laufen, wo wir Internet haben. Ich war damals gerade in der Stadt. Er rief mich an und sagte, dass er alle Krieger zum Boot rufen würde, um die Goldsucher zu vertreiben. Ich weiß, dass diese Menschen schwere Waffen haben, ich wusste, dass es ein Massaker geben würde, und ich bekam Panik. Ich rief die Behörden an, die Ministerien, doch es war ein Wochenende, noch dazu ein Feiertag. So gut wie niemand ging ran. Also nahm ich mein Handy und startete eine Live-Übertragung, in der ich beschrieb, was passierte.

Das hat geholfen?

Ja. Eine halbe Stunde später riefen mich alle an. Die Polizei, Behörden, die Umweltorganisationen – es war das erste Mal in Brasilien, dass eine Operation im Indigenenland innerhalb weniger Stunden durchgeführt wurde und alle illegalen Schürfer an Ort und Stelle verhaftet wurden.

Also sind soziale Medien ein nützliches Werkzeug?

Technologie verbindet uns bei unserem Vorhaben, unser Land zu schützen und die Welt zu informieren. Wir glauben, dass wir mit einem Zugang zu Technologie, Kommunikation und Transport unsere Gebiete überwachen können. Sie bringen uns die Möglichkeit, dass unsere Leute weiterhin dort leben können, dass sie Gesundheit und Bildung haben können und wir unsere jungen Menschen nicht mehr an den illegalen Bergbau verlieren.

Wie können Menschen außerhalb Brasiliens Indigene unterstützen?

In den vergangenen sechs Monaten wurden 8.000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt. Dafür ist nicht nur die Regierung von Brasilien verantwortlich, diese Verantwortung tragen viele Länder. Kanada etwa für das Unternehmen Belo Sun Mining. Ich bin mir sicher, dass die Menschen in Kanada nichts davon wissen, was ihr Land hier tut. Also braucht es Zugang zu Informationen und mehr Öffentlichkeit. Deshalb bin ich hier.

Das Unternehmen Belo Sun Mining Corp. hat an den Ufern des Xingu-Flusses im Bundesstaat Pará die größte Goldmine Lateinamerikas gebaut. 4,5 Tonnen Gold sollen jährlich geschürft werden. Um den Abbau rentabel zu machen, muss das Gold chemisch gebunden werden. Das mit Cyanid verseuchte Wasser soll in einem 35 Millionen Kubikmeter großen künstlichen Stausee aufgefangen werden. Derzeit ist die Bewilligung für dieses Projekt eingefroren, das Unternehmen hat dagegen berufen.

In Brasilien wurden Sie durch Ihren Kampf gegen den Belo-Monte-Staudamm bekannt. Trotz heftiger Widerstände wurde dieses Projekt 2016 fertiggestellt. Wie wirkt …

Juma Xipaia beginnt heftig zu weinen.

Sollen wir eine Pause machen?

Über Belo Monte zu sprechen ist für mich sehr emotional. Nicht nur für mich, sondern für alle Menschen, die dort leben. Der Staudamm wurde gegen unseren Willen gebaut. Darüber zu sprechen setzt so viel Schmerz frei. Nicht nur meinen oder den von meinen Leuten, sondern auch von vielen anderen Familien, anderen Menschen.

Gegen den Bau des Mega-Staudamms Belo Monte wurde seit Beginn der Planungen in den 1980er-Jahren protestiert. Trotzdem wurden für den Stausee 400.000 Hektar Wald gerodet und bis zu 40.000 Menschen umgesiedelt, darunter viele indigene Gemeinschaften. Versprechen, wie langfristige Arbeitsplätze, der Bau eines funktionierenden Abwassersystems oder eines neuen Krankenhauses, wurden nicht erfüllt. Gleichzeitig verringert Belo Monte nicht, wie angekündigt, die Energiearmut im Amazonas, sondern befeuert vor allem den Bergbau in der Region.

Bis heute leiden wir alle enorm unter den Folgen des Staudamms. Menschen, die dort am Fluss gewohnt haben, die vom Fischen gelebt haben, wurden zwangsweise umgesiedelt und weit entfernt vom Fluss wieder angesiedelt. Ihre Häuser wurden von Baggern niedergewalzt, ganze Familienverbände wurden zerrissen. Viele landeten in der Großstadt Altamira. Es gab keine Hilfe bei der Vermittlung von Jobs, keine Schulplätze für die Kinder und Jugendlichen. Altamira ist eine der gewalttätigsten Städte in Brasilien.

Die Lunge der Erde

Im Amazonas-Becken gibt es mehr Pflanzen und Tiere als in jedem anderen Lebensraum dieser Welt. Auf einem Hektar Regenwald wachsen mehr als 200 verschiedene Baumarten. Der Tropenwald nimmt große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid auf und bremst damit den Klimawandel. Der Wald ist Heimat zahlreicher indigener Völker. Bedroht wird die ökologische Vielfalt durch Farmer, Goldschürfer und Holzfäller.

„ Solange ich lebe, werde ich kämpfen. Das ist meine Verant wortung, meine Mission.“

Wie geht es den Vertriebenen heute?

Wir haben viele indigene Völker in der Xingu-Region, alle davon mit eigener Kultur, eigener Architektur – dann kam der Staudamm. Die Menschen wurden umgesiedelt und bekamen als Ersatz kleine Häuschen, die allesamt exakt gleich aussehen. Und sie bekamen industriell gefertigte Nahrungsmittel. Seither kämpfen viele mit gesundheitlichen Folgen wie Diabetes und Krebs. Man hat diesen Menschen nicht nur ihr Territorium weggenommen, sondern auch ihre Träume. Das ist ein großes Problem für die psychische Gesundheit.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihren Kampf?

Was gibt Ihnen Hoffnung? Solange ich lebe, werde ich kämpfen. Das ist meine Verantwortung, meine Mission. Das ist es, was ich mir zur Aufgabe gemacht habe – die Welt so zu hinterlassen, wie ich sie vorgefunden habe, für das Leben der künftigen Generationen. Und über allem steht die Liebe. Ich muss daran glauben, dass alles besser wird. Wenn man ins Dorf geht, Kinder frei herumlaufen sieht – sie haben keine Vorstellung, wie die Welt außerhalb ist, und ich will, dass das weiterhin so bleibt. Das ist die Quelle meiner Kraft, mein Ort, um meine Batterien wieder aufzuladen – in den Regenwald zu gehen, zu meiner Mutter nach Hause, gemeinsam zu lachen, gemeinsam zum Fluss zu gehen. Wenn ich dort bin, ohne Internet, ohne ein klingelndes Telefon, denke ich mir: Es ist perfekt. Alles ist perfekt, weil es ihnen gut geht.

Was fehlt Ihnen, wenn Sie reisen?

Ich will nie weggehen. Eigentlich will ich im Regenwald sein, bei meiner Familie, meinen Kindern, bei meinen Pflanzen. Ich gehe immer mit dem Gedanken, dass ich eigentlich bleiben will. Aber ich habe eine Stärke, die ich mir selbst nicht erklären kann. Etwas in mir sagt mir, dass es noch nicht vorbei ist. Dass ich jetzt noch nicht auf hören kann, egal, wie sehr ich es will – es ist noch nicht die Zeit dazu. Ich muss weiterkämpfen, weiterhin mit anderen Menschen sprechen – daran glaube ich.

Am Höhepunkt Ihres Kampfes gegen den Staudamm überlebten Sie mehrere Mordanschläge und flohen für ein Jahr in die Schweiz. Wie haben Sie nach Ihrer Rückkehr Ihre Heimat wahrgenommen?

Mir wurde bewusst, dass wir hier nicht sicher sind, dass unsere Kinder hier nicht sicher sind. Dieses Gefühl kannten die Menschen in Europa damals gar nicht.

Trotzdem sind Sie zurückgekehrt. Familie ist das Wichtigste für mich.

Und Sicherheit. Niemand auf dieser Welt sollte sich um seine Sicherheit sorgen müssen. Doch diese Sorge belastet mich am meisten. Wie kann ich meine Familie schützen? Dieses Gefühl kennt jeder Anführer in unseren Gebieten. Es hilft mir, wenn ich mich mit ihnen austauschen kann. Wir alle leiden, aber wir alle kämpfen dagegen an und leisten Widerstand. Wir führen den Kampf an der Front. Und nicht nur wir Indigenen sind das Ziel, sondern alle um uns herum. Zu sehen, wie auch andere kämpfen, hat mir Kraft gegeben. Ich will Sicherheit nicht nur für mich. Ich will, dass alle Menschen in unseren Gebieten sicher leben. Ich weiß daher, dass es wichtig ist, diese Vortragsreisen zu machen. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, Menschen zu uns zu bringen, damit sie alles verstehen. Alle sollten diese Schönheit unseres Zuhauses sehen und gleichzeitig von den Bedrohungen erfahren. Unser Land ist so vielfältig. Unsere Angreifer attackieren uns ja nicht, weil sie es einfach wollen, sondern weil sie wissen, wie unglaublich reich und schön unser Land ist. Die, die uns angreifen, wissen genau, welchen Reichtum wir haben.

Wie denken Sie über die Eindringlinge?

Die meisten von ihnen werden selbst ausgenutzt und misshandelt. Sie suchen nach Sicherheit für ihre Familien, Gesundheit, Bildung. Sie wollen ihre Kinder in die Schule schicken, in einem guten Haus leben und Essen auf den Tisch stellen können. Es sind Leute, die mit dem Versprechen auf ein Leben in Reichtum geblendet werden. Ich habe Verständnis für die Leute, die uns überfallen. Ich sage nicht, dass sie richtig handeln.

Wer sind diese Menschen?

Viele von ihnen haben einfach nichts. Das ist mir erst vor Kurzem bewusst geworden. Ich habe begonnen zu versuchen, mich in sie hineinzuversetzen. Ich sehe, dass die meisten von ihnen selbst ausgenutzt und misshandelt werden. Es fällt mir schwer, sie als Feinde, als Eindringlinge zu sehen. Sie nehmen oft im Vorfeld schon Geld an. Also haben sie Schulden, noch bevor sie mit ihrer Landwirtschaft anfangen. Und diese Schulden zurückzuzahlen, das geht sich nie aus. Diese Farmer arbeiten dann wie Sklaven. Das sind keine bösen Menschen. Aber sie sollten darüber nachdenken, warum sie hier sind und wer davon wirklich profitiert.

Juma Xipaia vor heimischem Publikum

Als Umweltschützerin und Bürgerrechtlerin ist sie Teil einer wachsenden Szene von Indigenen, die sich in der brasilianischen Zivilgesellschaft und in politischen Ämtern mit Nachdruck für die Anliegen ihrer Volksgruppen engagieren.

Wer sind die wahren Profiteure?

Ja, wer steckt hinter den Eindringlingen? Das sind diejenigen, die ich weiterhin hassen werde. Ich weiß gar nicht, ob Hass das richtige Wort ist, es löst so hässliche Gefühle in mir aus. Aber diejenigen, die andere unter Vertrag nehmen, die sind nicht unschuldig. Die Siedler wissen oft ja nicht einmal, dass sie Land von uns Indigenen nehmen. Sie bekommen zu hören: „Die Indigenen haben ohnehin viel zu viel Land. Nehmt euch auch davon.“

Was ist langfristig Ihr Ziel?

Ich möchte, dass die Menschen unser Land wirklich sehen. Da ist nicht nur Kampf, da ist auch das Leben. So viel Schönheit, so ein Reichtum, der weit über Mineralien oder Gold hinausgeht. Ich hoffe, dass ich eines Tages viel mehr Zeit bei mir daheim verbringen und unterrichten werde, so wie ich als Kind im Regenwald unterrichtet wurde. Ich will mich eines Tages wieder sicher fühlen.

Wir haben viel vom Kämpfen geredet. Leben Sie in einem Krieg?

Ich komme aus einer Generation, die im Krieg geboren wurde. Ich habe keine Wahl. Entweder wir kämpfen oder wir sterben. Der Unterschied ist allerdings, dass unsere Leute keine Waffen haben, um den Gegner zu erschießen. Unsere größte Waffe ist unsere Sprache. Wir sagen: „Stopp. Respektiert uns. Seht, wie wir es schaffen, dass der Regenwald intakt bleibt. Wie wir hier leben, wie unsere Kinder frei herumlaufen.“ Wir glauben nicht, dass es diesen Krieg geben muss. Wir wollen ein Leben in Frieden.