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Interview : „Nicht in eine Richtung drängen“


ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 10/2008 vom 01.09.2008
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Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie, Ausgabe 10/2008

Anna von Behr arbeitet als Diplom-Psychologin am Deutschen Jugendinstitut in München.


ÖKO-TEST: Gene, Hormone, unterschiedliche Arbeitsweisen des Gehirns – die Forschung scheint solche Dinge inzwischen höher zu bewerten als die soziale Erziehung von Jungen und Mädchen. Führt das nicht zu einer Verfestigung der alten Rollenklischees?
von Behr: Auch die Neurowissenschaften können nur feststellen, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt Unterschiede gibt – woher diese Unterschiede kommen, ist noch eine ganz andere Frage. Für die Entwicklung einer positiven Geschlechtsidentität ist es kontraproduktiv, ein Kind auf eine Geschlechterrolle festzulegen, weil es große individuelle Unterschiede gibt. Manche Jungen und Mädchen können sich in ihren Eigenschaften und Neigungen viel ähnlicher sein als ein einzelner Junge oder ein einzelnes Mädchen dem Durchschnitt seiner Geschlechtsgruppe. Wichtig ist, dass ein Kind nicht wegen seines Geschlechts eingeschränkt und in eine Richtung gedrängt wird.

ÖKO-TEST: Wie können Eltern verhindern, dass aus ihren Kindern das wird, was sie (vielleicht) nie wollten?
von Behr: Wenn ein kleiner Junge Macho sein will, dann sollte man ihn erst einmal Macho sein lassen. Das kann auch ein individueller Entwicklungsprozess sein. Man muss deshalb ja trotzdem nicht alles akzeptieren, was er tut oder sagt. Es wäre gut, wenn Eltern nicht jedes Verhalten durch die Geschlechterbrille betrachten. Wenn ein Mädchen rosa Spitzenkleider liebt, sollte die Mutter nicht gleich die Emanzipation der Tochter in Gefahr sehen, sondern sie könnte die Neigung des Mädchens so interpretieren, dass sie sich eben gerne mit diesem schönen Stoff beschäftigt.

ÖKO-TEST: Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen, gegen den Strom zu schwimmen, also zum Beispiel den Jungen motivieren, sich zum Ballett anzumelden, wenn er das wirklich will, oder das Mädchen ermutigen, sich für eine jungentypischen Aktivität (Fußball, Physik-AG) zu interessieren?
von Behr: Man kann dem Kind erklären, dass eine bestimmte Aktivität mit dem Geschlecht nichts zu tun hat, also im Grundsatz weder männlich noch weiblich ist. Man kann den Kindern Vorbilder anbieten, die die vermeintlichen Geschlechtsgrenzen überwunden haben, in diesem Beispiel berühmte Tänzer. Aber Eltern können den Druck von Kindern nicht wegnehmen. Gilt Ballett als weiblich, muss sich schon das ganze Umfeld ändern, damit das Kind gegen den Strom schwimmen kann. Manchmal ist das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe wichtiger als die Verfolgung eines spannenden Interesses. Eltern müssen das so akzeptieren.

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