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Jeder Mensch isst anders


ÖKO-TEST Ratgeber Essen und Trinken - epaper ⋅ Ausgabe 8/2008 vom 01.09.2008

Die einen bevorzugen Bio- Produkte, unterstützen den Wunsch nach angemessenen Preisen und kaufen viel aus der Region. Die anderen sind Stammkunden beim Billigdiscounter und wollen so wenig wie möglich für Lebensmittel ausgeben. Was bei wem auf den Tisch kommt, hängt aber längst nicht nur vom Einkommen ab.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Essen und Trinken, Ausgabe 8/2008

Freitagabend , in der Schlange vor der Supermarktkasse: Mit einem Blick auf den Wageninhalt der Umstehenden lassen sich fast soziale Milieustudien anstellen. Der Single deckt sich fürs Wochenende mit einigen Fertiggerichten und zwei Flaschen Wein ein. Die Mutter mit den zwei kleinen Kindern hat den ...

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Freitagabend , in der Schlange vor der Supermarktkasse: Mit einem Blick auf den Wageninhalt der Umstehenden lassen sich fast soziale Milieustudien anstellen. Der Single deckt sich fürs Wochenende mit einigen Fertiggerichten und zwei Flaschen Wein ein. Die Mutter mit den zwei kleinen Kindern hat den ganzen Einkaufswagen voller Lebensmittel, darunter viel Obst und Gemüse sowie etliche Bio-Produkte. Die Rentnerin dagegen begnügt sich mit einem halben Brot, einer Schale Fleischsalat, ein wenig abgepacktem Käse und einer Dosensuppe. Die beiden jungen Frauen am Ende der Schlange scheinen einen asiatischen Abend zu planen: In ihrem Korb liegen Basmatireis, verschiedene Gemüse, Sprossen, Sojasauce und Sushi.

Während sich hier das Gedrängel an den Kassen noch in einem überschaubaren Rahmen hält, werden beim Billigdiscounter gegenüber langsam die Einkaufswagen knapp. Dicht an dicht schieben sich dort die Kunden durch die Regale, eingeladen wird im großen Stil. Nachdem die Kassiererin in einem atemberaubenden Tempo die Artikel über die Scannerkasse geschoben hat, wird der Wochenendeinkauf in Taschen verstaut – und nicht selten in den Kofferraum eines ansehnlichen Mittelklassewagen gehoben.

Du bist, was du isst, heißt eine alte Weisheit. Was also sind wir? Die Aussagen sind durchaus widersprüchlich. Bio liegt im Trend, heißt eine. In keinem anderen Land der Europäischen Union wird so viel Bio-Kost verkauft wie hierzulande. Nach einer Studie der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung kaufen 90 Prozent aller Haushalte zumindest hin und wieder ökologisch angebaute Ware. Auch der Faire Handel meldet enorme Umsatzsteigerungen. Und noch eine Nachricht: Mehr als die Hälfte der deutschen Verbraucher wünscht sich ein größeres Angebot an regional erzeugten und vermarkteten Lebensmitteln, meldet die Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA).

Was ist denn heute im Angebot? Die Auswahl jedenfalls ist riesig.


Foto: ccvision.de

Aufschrei bei Preiserhöhungen

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite sieht so aus: Immer mehr Leute kaufen in Discountern ein, wollen möglichst viele billige Produkte für möglichst wenig Geld. Die Schlacht um die Gunst der Verbraucher und um ihr Geld wird weniger über die Qualität als über möglichst niedrige Preise geführt – seit Jahren liefern sich die Lebensmittelketten einen offensiven, fast soruinösen Preiskampf. Werden dann wie im vergangenen Sommer doch einmal Grundnahrungsmittel wie Milch, Butter oder Brot teurer, geht ein Aufschrei durchs Land, ist von Abzocke die Rede.

Die Deutschen geben heute prozentual gesehen viel mehr für Wohnen, Energie, Verkehr, Telefon und Freizeitvergnügungen aus als vor 40 Jahren. Dagegen wird beim Essen gespart. Gingen 1962 noch zwei Fünftel aller privaten Ausgaben für Lebensmittel drauf, ist es heute noch nicht einmal ein Siebtel. Auch bei Bekleidung und Schuhen wird in der Regel auf den Preis geachtet.

Tischlein, deck dich – aber möglichst preiswert. Ist uns das Gefühl für faire Preise verloren gegangen?


Foto: ccvision.de

Wie sensibel gerade der Butterpreis ist, hat zuletzt der Discounter Aldi gemerkt, der im vergangenen Jahr den Preis für ein Päckchen Butter von 79 Cent stufenweise auf 1,19 Euro anhob. Inzwischen kostet das halbe Pfund wieder die ursprünglichen 79 Cent. Der Butterpreis hat auch im wohlgenährten Deutschland scheinbar immer noch einen hohen symbolischen Wert. Dass weltweit die Nachfrage für Milch und Milchprodukte steigt und die deutschen Bauern eigentlich einen besseren Preis für ihre Produkte erzielen müssten, um gut über die Runden zu kommen, interessiert vor dem Kühlregal längst nicht alle Kunden. „Der enorme Preisdruck im Einzelhandel hat dazu geführt, dass bei vielen Verbrauchern das Gefühl für faire Preise verloren gegangen ist“, meint auch Gerd Billen, Vorstand beim Verbraucherzentrale Bundesverband.

Ausgerechnet bei Lebensmitteln, unserem täglichen Brot, sparen wir Deutschen. Im Jahr 2003 hat ein durch- schnittlicher deutscher Haushalt etwa 303 Euro pro Monat für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren ausgegeben. Das entspricht etwa 13,9 Prozent der gesamten privaten Konsumausgaben. Bei der ersten Einkommens- und Verbraucherstichprobe des Statistischen Bundesamtes in den Jahren 1962/63 waren es zwar auch nur 294,21 Euro pro Haushalt und Monat – allerdings waren die Löhne damals auch viel niedriger. Rechnet man den Betrag auf den prozentualen Anteil an den privaten Ausgaben um, kommen dabei stolze 40,3 Prozent heraus.

Niedrige Preise in Deutschland

Dabei sind Nahrungsmittel in kaum einem anderen Land Westeuropas so preiswert wie in Deutschland. Das belegte erst vor Kurzem erneut eine Studie des Statistikamtes Eurostat, in der die Lebensmittelpreise in den 27 Staaten der Europäischen Union miteinander verglichen wurden. Unter den 15 westeuropäischen EULändern liegt Deutschland demnach auf dem fünften Platz. Noch günstiger sind Lebensmittel nur noch in den Niederlanden, Portugal, Spanien und Griechenland. Vor allem in den Gruppen „Milch, Käse und Eier“ soruinösen wie „Öle und Fette“ waren die Preise in Deutschland besonders niedrig. Am teuersten ist es nach diesem Vergleich im EU-Land Dänemark, das nur noch von Island, Norwegen und der Schweiz preislich übertroffen wird.

Kompakt

Alles wird teurer

Die Preise für Nahrungsmittel sind zwar in der zweiten Jahreshälfte 2007 ordentlich gestiegen. Gefühlt ist das allerdings sehr viel dramatischer als in der Realität, weil die Preise fürs tägliche Essen zuvor jahrelang stabil blieben. Nach den Erhebungen des Statistischen Bundesamtes waren Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im September 2007 um 18 Prozent teurer als vor 16 Jahren. Die allgemeinen Lebenshaltungskosten aber legten im gleichen Zeitraum um etwa 37 Prozent zu.

Was ist das Essen wert?

An der Frankfurter Uni im Fachbereich Wirtschaft/ Marketing lief ein ungewöhnliches Projekt mit dem NamenPay what you want . Die Doktorandin Ju-Young Kim hatte tatsächlich Restaurants gefunden, die sich darauf einließen: Die Gäste zahlen keinen festgelegten Preis, sondern nur das, was ihnen das Essen wert ist. Im Restaurant Kish in Frankfurt hat es zumindest bestens funktioniert. Die Gäste, die für ein Mittagessen nur 50 Cent zahlten, waren extrem selten. Zufriedene Kunden, die das Preis-Leistungs- Verhältnis einschätzen konnten und sich für das Vertrauen und das gute Essen bedankten, zahlten überdurchschnittlich. Am Ende stimmte die Bilanz aber vor allem deshalb, weil die Aktion viele neugierige Neukunden angelockt hatte.

Zwei Klassen beim Essen?

Das legt die Frage nahe: Sind wir auf dem Weg in eine Zwei-Klassen- Gesellschaft beim Essen? Die einen kaufen Bio und Fair, die anderen HMilch, Tütensuppen und Konserven? Manchmal ist es sicher auch eine Frage des Geldes, was im Einkaufswagen landet. Wenn nur wenig in der Haushaltskasse ist, kann eben auch nicht viel ausgegeben werden. Doch die Einkaufsvorlieben hängen nicht nur vom schnöden Mammon ab, das zeigte auch die Nationale Verzehrsstudie, deren erste Ergebnisse Ende Januar 2008 von Verbraucherminister Horst Seehofer vorgestellt wurden. Zwar wird deutlich, dass vor allem die Leute Öko-Ware einkaufen, die viel Geld in der Tasche haben. Aber: Auch Haushalte, denen maximal 750 Euro netto monatlich zur Verfügung stehen, kaufen zu etwa einem Drittel Bio-Produkte. Neben dem Geldbeutel spielen eben auch andere Dinge eine Rolle. Erstens: Frauen greifen eher zu ökologisch erzeugten Lebensmitteln als Männer. Zweitens: Je höher die Schulbildung, desto eher wird die Bio-Ware bevorzugt.

Denn Bio muss nicht unbedingt teuer sein. Wer zu saisonalem Obst und Gemüse greift und nicht jeden Tag Fleisch auf dem Teller haben will, der kann sich und seine Familie durchaus auch preiswert ernähren, wenn er Öko-Ware kauft. Nudeln mit einer fruchtigen Tomaten-Gemüse-Sauce, Kartoffelgratin mit einem frischen Salat, ein Gemüsegericht aus dem Wok – es gibt jede Menge Rezepte ohne Fleisch, die gut schmecken und satt machen. Man muss ja nicht gleich zum Vegetarier werden. Schließlich war auch für die Generation unserer Großeltern Fleisch noch ein Luxus, den man sich nur selten leistete. Heute dagegen will kaum jemand die tägliche Fleischportion missen. Die Massentierhaltung ist eine logische Folge dieser Fleischeslust, schließlich will die Nachfrage nach so viel Fleisch befriedigt werden – und das möglichst preiswert.

Unterschiedliche Esstrends

Aber auch hier gibt es gegenläufi- ge Tendenzen. Seit einigen Jahren ist die Nachfrage nach Bio-Fleisch deutlich gestiegen. Auch die Zahl derjenigen, die öfter mal fleischlos essen, nimmt zu. Wer Wert auf gutes Essen legt, achtet nicht auf billige Lebensmittel, sondern auf Produkte, die ihren Preis im wahrsten Sinne des Wortes wert sind. „Wenn klar ist, dass der Aufschlag auch wirklich bei den Landwirten ankommen und in die Qualität und Sicherheit der Lebensmittel investiert werden, sind viele Leute bereit, mehr zu zahlen“, meint Gerd Billen vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Das zeigten beispielsweise die Eierkennzeichnung und das Bio-Siegel: Hier habe sich das Kaufverhalten deutlich verändert.

Dicht an dicht: Wer täglich billiges Fleisch essen will, unterstützt so auch die Massentierhaltung.


Foto: Mathias Himberg/Ökotest

Fleisch ist heute kein Luxus mehr, sondern Massenware.


Foto: grzesieck/sxc

So liegt denn auch wahrscheinlich einige Wahrheit in den Prognosen von Hanni Rützler, Trend- und Zukunftsforscherin des Zukunftsinstituts Kelkheim. Sie sieht als Coautorin der StudieFood-Styles die Entwicklung völlig unterschiedlicher Esstypen auf uns zukommen: „Da gibt es – pointiert formuliert – etwa den Prot-Ess-tler, der mit ökologischer und ethischer Verantwortung genießt, oder den Besser- Esser, der immer auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen ist.“ Aber auch den „Garfield-Gourmand“, der alles esse, worauf er gerade Lust habe, während der „Food-Phobiker“ beim Essen primär seine Gesundheit im Auge habe. Der „Jekyll-and-Hyde- Gourmet“ hingegen fröne spontan und kompromisslos verschiedenen Trends. Und nicht zuletzt erwähnt sie die „Ess-Theten“ und die „Essertainment- Fans“, für die Essen vor allem sinnliche oder unterhaltsame Aspekte erfüllen muss. Na dann, guten Appetit.