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KLIMAFORSCHUNG ZWISCHEN BESCHRÄNKUNG UND HERAUSFORDERUNG


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skeptiker - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 16.09.2022

Klimaforschung zwischen fachlicher Beschränkung und politischer Herausforderung

In der wissenschaftlichen Forschung wie auch in politischen Debatten spielt der menschengemachte Klimawandel eine gleichermaßen dominierende Rolle. Anlässlich von Hitzewellen, Dürren und Unwettern kommt es zu engagierten Diskussionen über die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Begrenzung des CO 2-Ausstoßes und zur Eindämmung der Folgen. Nicht selten ist in der Debatte über die besten Handlungsoptionen eine problematische Vermengung von Wissenschaft und Politik zu beobachten, etwa wenn Akteure Forschungsergebnisse heranziehen, um eigene wertebasierte Programme zu rechtfertigen – einige Wissenschaftsphilosophen sprechen hier auch von einer postnormalen Lage. Der folgende Beitrag beschreibt den aktuellen Forschungsstand und plädiert für eine Besinnung der beiden sozialen Akteure, Wissenschaft und Politik, auf ihre ...

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... gesellschaftlichen Rollen – mit der Wissenschaft, die kalt beste Erklärungen für komplexe Vorgänge erarbeitet, und der Politik, die Lösungen unter Berücksichtigung divergenter Interessen ermöglicht.

> Communalism: Wissenschaftliches Wissen ist Gemeineigentum der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

» Postnormalität verändert die wissenschaftlichen Organisationen. «

> Universalism: Wissensansprüche werden nach universellen personenunabhängigen Kriterien beurteilt – Eigenschaften des Erzeugers wie Ethnizität, Geschlecht, Klasse, Religion oder Alter sind ohne Bedeutung.

> Disinterestedness: Ergebnisse werden in unpersönlicher Weise ohne Vorurteile oder versteckte Agenden und unabhängig von persönlichen Werten erarbeitet.

>Organized skepticism: Alle Ergebnisse werden durch die wissenschaftliche Gemeinschaft rigoros und gründlich geprüft. Diese Normen werden allerdings nur bedingt gelebt (Kritik von N. Stehr (1978)), allerdings legen Umfragen unter Klimaforschern nahe, dass sie grundsätzlich als leitende ethische Prinzipien anerkannt werden, aber im Detail davon doch abgewichen wird (Bray, von Storch 2017).

Postnormalität

Wenn Wissenschaft argumentativ in die Politik eingreift, dann ist die Situation oft dadurch gekennzeichnet, dass die Fakten unsicher, Werte betroffen, Entscheidungen dringend sind, und es um vielgeht. Funtowicz und Ravetz (1985) bezeichnen Wissenschaft in dieser Lage als „postnormal“. Bei Postnormalität wird Wissenschaft nicht primär zur Befriedigung von Neugier betrieben, sondern zur Unterstützung von wertebasierten Agenden (siehe auch Ravetz 2006). Die postnormale Lage der Klimawissenschaft ist offenkundig (Bray, von Storch 1999):

> Unsichere Fakten – etwa: die Stärke des Anstiegs der global gemittelten Lufttemperatur als Folge einer Verdoppelung der CO 2-Konzentration.

> Widersprüchliche Werte – etwa: Soll die Welt entsprechend unseren derzeitigen Präferenzen gestaltet werden oder erwarten wir, dass zukünftige Generationen andere Werte priorisieren könnten?

> Es geht um viel – etwa: erheblicher Aufwand für eine globale Energiewende, aber auch für mögliche zukünftige Klimaschäden.

> Dringlichkeit der Entscheidungen – und etwa: Um wirksam zu sein, muss die Dekarbonisierung jetzt angegangen werden.

In einer postnormalen Lage wird die Wissenschaft oft „ent-wissenschaft- licht“ und „politisiert“, während Politik „ent-politisiert“ und „verwissenschaftlicht“ wird. Entscheidungen werden als „alternativlos“ geframt – wissenschaftliches Wissen führt demnach zu eindeutigen „Lösungen“, die es ohne weitere demokratische Verhandlung in der Sache umzusetzen gilt. Einige Wissenschaftler agieren als Aktivisten zugunsten einer bestimmten Politik, unter Einsatz ihrer öffentlichen Autorität als Wissenschaftler. Und schließlich werden verschiedene Wissensansprüche vorgebracht, u. a. auch „alternative Fakten“.

Wissenschaftliches Wissen gilt als „gut“, wenn es für gesellschaftliche Anwendung geeignet ist – nicht nur im technischen Sinne, sondern auch in der Stärkung kultureller Wissensansprüche. Andererseits treten Tugenden wie methodische Solidität oder Offenheit gegenüber alternativen Erklärungen in den Hintergrund.

Postnormalität verändert die wissenschaftlichen Organisationen – also Programme, als führend wahrgenommene Wissenschaftler – was wiederum die sozial konstruierten Vorstellungen stärkt. In der Klimaforschung findet sich eine große Zahl an Akteuren, die die Motivation der Bevölkerung, in der Klimafrage aktiv zu werden, als Hauptaufgabe der Klimaforschung verstehen (siehe dazu von Storch et al. 2018; von Storch, Gualdi 2019).

Gerade unter Naturwissenschaftlern wird argumentiert, dass wissenschaftliche Notwendigkeiten nicht beachtet würden, weil die Öffentlichkeit diese nicht kennt oder nicht versteht. Die Öffentlichkeit ist aber weder dumm noch uninformiert. Die Vorstellung des „gap models“, wonach die Öffentlichkeit die „richtigen“ Schlüsse ziehen wird, sobald sie ausreichend informiert bzw. unterrichtet worden ist, ist falsch. Das liegt daran, dass andere Wissensansprüche auf dem „Wissensmarkt“ um Deutungshoheit ringen. Dort wird wissenschaftlich gewonnenes Wissen von anderen Formen von Wissen herausgefordert (vor-wissenschaftliches Wissen, überholtes Wissen, traditionelles Wissen, an Interessen angepasstes Wissen …). Dass wissenschaftliches Wissen diese Konkurrenz gewinnt, ist nicht sicher, möglicherweise sogar eher unwahrscheinlich.

Natürlich sind Wissenschaftler nicht unbeeinflusst von diesen anderen Wissensformen – vielmehr beeinflussen sie den sozialen Prozess „Wissenschaft“. In der Klimaforschung sieht man immer wieder Biologen, die Aussagen über physikalische Zusammenhänge erfinden oder Erklärungen politischer Interessengruppen unkritisch übernehmen. Andererseits sollte man sich klar sein, dass Naturwissenschaft nicht strikt „objektiv“ sein kann, sich aber darum bemühen sollte.

Wie damit umgehen?

Auf die Frage, wie man als Klimawissenschaftler mit dieser Gemengelage umgehen kann oder sollte, gibt es keine eindeutige Antwort. Meine Antwort ist:

> Anerkennen, dass Postnormalität existiert. Sie ist nicht „schlecht“, aber auf sie sollte reagiert werden durch - die Begrenzung der wissenschaftlichen Expertise auf den methodisch abgesicherten Kern („Re-Verwissenschaftlichung“), und - die Implementierung eines offen wertebasierten demokratischen Willensbildungsprozesses („Re-Politisierung“).

> Akzeptieren, dass Naturwissenschaft nicht absolute Wahrheit enthüllt, sondern diese in einem schwierigen Erkenntnisprozess allenfalls mehr oder weniger gut approximieren kann. Entsprechend müssen wir uns mit den derzeit besten Erklärungen, die widerspruchsfrei gegenüber gegenwärtig verfügbaren Daten und anerkannten Theorien sind, zufriedengeben. Sie werden bis auf Weiteres als vernünftige Approximierungen anerkannt, bis bessere Erklärungen vorliegen.

> Bestehen auf methodischer Strenge.

> Offenheit gegenüber alternativen Ideen; Versuch, eigene Erklärungen zu falsifizieren.

> Wenn die Forschung den eigenen Kompetenzbereich verlässt, dann Kooperation ausbauen, wenn nötig, auch mit Sozialwissenschaftlern – aber dafür verstehen, welche Art von Wissen bei den Partnern unter welchen Voraussetzungen entsteht (extended peer review).

> Wenn das Interesse den Kernbereich der Wissenschaft verlässt und sich der Öffentlichkeit / Politik zuwendet, akzeptieren, dass das eigene Wissen zwar tief, aber eng ist und nur einen kleinen Teil des angebrachten Wissens umfasst.

> Akzeptieren, dass die politische Willensbildung kein Optimierungsproblem ist, sondern ein Prozess, in dem widerstreitende soziale Interessen einander gegenüberstehen – im Gegensatz zu Wissenschaft, wo es um beste Erklärungen geht.

Klimawissen

Das gegenwärtige Wissen über Klimadynamik, -statistik, -veränderungen, -wirkung und kausale Wechselwirkungen wird in den Berichten des UNO-Klimarats IPCC im Abstand von jeweils einigen Jahren kritisch zusammengestellt und eingeordnet. Ähnliche Berichte gibt es auch für die Metropolregion Hamburg und den Nord- und Ostseebereich (NOSCCA und BACC). Diese Berichte beschreiben Wissen, das in wissenschaftlich legitimer Weise veröffentlicht worden ist. Stichpunktartig zusammengefasst sieht der weitgehend konsensuale wissenschaftliche Wissensstand so aus:

> Detektion: Die Änderungen in den Temperaturen in den letzten Jahrzehnten sind stärker, als man es aufgrund rein natürlicher Vorgänge erwarten sollte. Also gibt es nicht-natürliche Ursachen.

> Attribution: Ohne die Wirkung der deutlich erhöhten Treibhausgaskonzentrationen können wir die Erwärmung der letzten Jahrzehnte nicht erklären.

> Die Temperaturen werden bis auf Weiteres weiter ansteigen.

> Wegen der natürlichen Variabilität ist diese Erwärmung nicht gleichmäßig; sie geht manchmal schneller, manchmal langsamer vonstatten.

> Der langfristige Anstieg der Temperaturen ist in erster Näherung proportional zur Summe der Gesamtemissionen seit Beginn des 20. Jahrhunderts (Budgetansatz). Unsere bisher einzige widerspruchsfreie Einschätzung also:

– Der Klimawandel ist real und der überwiegende Anteil geht auf die erhöhte Konzentration von Treibhausgasen zurück.

Der Budgetansatz: Zusammenhang zwischen kumulativen Emissionen von CO2, summiert seit 1870, in Milliarden Tonnen Kohlenstoff (untere horizontale Achse) bzw. CO 2(o bere Achse) und der resultierenden globalen Erwärmung relativ zum mittleren Zustand 1861 – 1880. Die schwarze Linie beschreibt die beobachteten Zustände, die farbigen die Ergebnisse von Szenarienrechnungen mit Klimamodellen. Der rot bzw. grau schraffierte Bereich zeigt die Variabilität der Szenarienrechnungen. Quelle: IPCC

– Der Anstieg der Temperaturen kann durch die Emission von Treibhausgasen gesteuert werden. Die Konzentration von CO2in der Atmosphäre ist durch die Freisetzung dieses Treibhausgases durch den Menschen von ca. 280 ppm auf 410 ppm (parts per million, d. h. Anteile pro Million) angestiegen. Diese Konzentrationen sind absolut klein, aber mit großer Wirkung verbunden. Die Konzentration wird erst dann nicht mehr ansteigen, wenn die menschlichen Emissionen zum Ende kommen. Weiterhin weiß man:

> Der Meeresspiegel steigt. Die Eisschilde (Antarktis, Grönland) verlieren Masse (Wasser).

> Das Meereis in der Arktis vermindert sich deutlich, ebenso das Meereis in Randmeeren.

> Stürme im Nordatlantik/Europa haben sich bisher in Häufigkeit und Stärke nicht verändert.

> Der Jahresgang der Abflüsse von Flüssen in mittleren und hohen Breiten verändert sich.

> Marine Ökosysteme: Artenspektrum verändert sich.

> Terrestrische Ökosysteme: Artenspektrum verändert sich.

> Phänologische Abfolgen verändern sich, so kommt es zur Verfrühung der jahreszeitlichen Pflanzenaktivität.

> Klimawandel wirkt zusammen mit anderen Änderungen (z. B. veränderte Aerosollast, Urbanisierung;

sonstige lokale Veränderungen). Bei vielen Veränderungen in Risiken und Extremen sind „andere“ Faktoren dominant (z. B. oft bei Überschwemmungen, Sturmschäden). Der Anstieg von Temperaturen und Meeresspiegel wird sich über die Phase des Anstieges der Treibhausgaskonzentrationen hinaus fortsetzen. Stabile Zustände (auf höherem Niveau als in der vorindustriellen Phase) treten erst dann wieder ein, wenn die globale Netto-Emission vollständig aufhört. Alle Szenarien, die eine Stabilisierung bei 1,5 oC oder 2 oC beschreiben, gehen von negativen Emissionen ab spätestens ca. 2050 aus. Der Klimawandel entfaltet sich weiter – in Bezug auf Temperaturen könnte es per 2100 zum Stillstand kommen, in Bezug auf den Meeresspiegel erst später. Noch nicht abschließend geklärt sind u. a. diese Sachverhalte: Geschwindigkeit des Anstieges des Meeresspiegels (Eisschilde sind beteiligt, und das Wissen über ihr Verhalten ist begrenzt). Starkniederschlag: Es ist plausibel, dass Starkniederschläge zunehmen und weiter zunehmen werden, aber die Intensität der Änderung ist noch unklar. Niederschläge: Die regionalen Muster der Niederschläge werden sich ändern; wann und wie, ist aber noch unklar. Tropische Wirbelstürme – zeigen bisher kein klares Bild. Sonstige Wirkungen auf marine und terrestrische Ökosysteme. Wirkung auf menschliche Gesundheit. Migration.

Optionen der Klimapolitik

Auf die derzeitigen und für die Zukunft erwarteten Klimaänderungen aufgrund der erheblichen Freisetzungen von insbesondere Kohlendioxid müssen die Menschen reagieren – durch Minderung der Klimaänderungen oder durch Anpassung, meinen viele. Tatsächlich wird die Frage des „Ob?“ im gesellschaftlichen Diskurs leidenschaftlich diskutiert, die Frage des „Wie?“ aber wird in Deutschland weitgehend auf die Beendigung der nationalen Emissionen reduziert. Es muss aber das „Wie?“ in seiner globalen Dimension diskutiert werden. Diese Diskussion findet öffentlich nicht statt. International wurde vereinbart, dass der Klimawandel so beschränkt werden soll, dass die Maßzahl „globale Mitteltemperatur“ deutlich unter dem Wert von 2 oC verbleibt. Deutschland (und die EU) hat sich dieses Ziel zu eigen gemacht. Dies ist ein politischer Beschluss.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen alle Netto-Emissionen von Treibhausgasen, also insbesondere von CO2, bis ca. 2050 zu einem Ende kommen. Die „positiven Emissionen“ können im geringeren Maße durch „negative Emissionen“ aufgefangen werden, also etwa durch Aufforstung. Großtechnische Angebote zur Entfernung von CO 2aus der Atmosphäre gibt es bisher nicht. Durch die in näherer Zukunft unvermeidlichen und vergangenen Freisetzungen sind bereits Klimaänderungen in Gang gesetzt worden, auf die man sich, geplant oder ungeplant, wird einstellen müssen. Der Klimawandel ist zu deckeln, da die Änderungen sonst immer erheblicher und gefährlicher würden. Es kann also nicht heißen „Vermeidung oder Anpassung“, sondern „Vermeidung und Anpassung“. So viel Minderung, wie vereinbar mit anderen Zielen, so viel Anpassung wie möglich und nötig.

Optionen sind die Minderung und schlussendlich Beendigung der Emissionen von Treibhausgasen, die aktive Herausnahme von Treibhausgasen aus der Atmosphäre („negative Emissionen“) und schließlich technische Maßnahmen, die den Veränderungen des Klimas entgegenwirken. Bei letzterem, dem „Geoengineering“, denkt man oft an die Erhöhung des Anteils der Sonneneinstrahlung, der von der Erde reflektiert wird. Grundsätzlich könnte es auf diese Weise gelingen, das Anwachsen der „global gemittelten Temperatur“ zu begrenzen, aber die Klimaänderungen würden sich dennoch möglicherweise regional gravierend manifestieren, etwa im Niederschlag.

Die negativen Emissionen sind nach Einschätzung des UNO-Klimarats unverzichtbar, um den Klimawandel mit weniger als 2 Grad zu deckeln – ab ca. 2050 müssen sie nicht nur die verbliebenen positiven Emissionen ausgleichen, sondern wesentlich größer sein. Bis dato weiß man nicht, wie das gelingen kann; Wälder allein können das jedenfalls nicht leisten. Und die Minderung der Emissionen selbst kann nur zielführend sein, wenn dies überall auf der Welt geschieht; der mögliche europäische Beitrag ist dabei relativ gering.

Klimawandel als nationale Herausforderung

Deutschland emittiert derzeit 0,8 Gt (Gigatonnen) CO 2pro Jahr, die EU 4 Gt CO2pro Jahr. Tatsächlich verantworten Deutschland (und die EU) einen größeren Anteil an den globalen Emissionen, weil ein Teil der konsumbedingten Emissionen ins Ausland verlagert wurde.

Die Weltemissionen belaufen sich derzeit auf ca. 35 – 40 Gt CO 2pro Jahr. Ein sofortiges Einstellen aller Emissionen in Deutschland hätte also nur einen geringen, fast vernachlässigbaren Effekt. Moralische Ansprüche sind weitgehend wertlos im „Rest der Welt“. Vielmehr geht es um wirtschaftliche Attraktivität. Einen wirksamen globalen Beitrag kann Deutschland (bzw. die EU) leisten, wenn wirtschaftlich attraktive Wege zur Minderung/Beendigung der globalen Emissionen von derzeit 38 Gt CO 2/Jahr angeboten werden können (vgl. von Storch 2022).

Anpassung

Da im öffentlichen Diskurs wenig über Anpassung gesprochen wird, will ich hier noch etwas genauer darauf eingehen:

> Unabhängig davon, ob das Dekarbonisierungsziel erreicht wird, ergibt sich eine Notwendigkeit der Anpassung an nicht vermiedene Klimaänderungen.

> Anpassung ist auch eine globale Herausforderung, die aber vor allem sektor- und regionenspezifisch ist.

> Die Anpassung hat in der öffentlichen Wahrnehmung den Ruch des Defätismus, des Verwaltens des „Scheiterns der Moral“.

> Tatsächlich gibt es zahlreiche auch sehr konkrete Überlegungen zur Anpassung im regionalen Rahmen insbesondere in Behörden, die aber öffentlich kaum thematisiert werden.

> Das Wissen über die tatsächlichen geophysikalischen Veränderungen, das Wissen über die Zusammenhänge, die Optionen und die sozialen Präferenzen und Bedarfe ändert sich im Laufe der Zeit. Als Beispiel von Folgerungen für einen konkreten Fall mag die Modernisierung des Hamburger Hafens dienen (von Storch 2018):

> Die Zeitdimension ist ein signifikanter Faktor bei der Prüfung der Eignung von anpassender Planung. Zu einem späteren Zeitpunkt wird das Wissen über die Herausforderungen robuster sein, es wird mehr Optionen geben und die gesellschaftlichen Präferenzen werden stabiler sein.

> Daher sollten Entscheidungen über Anpassung und Details möglichst spät gefällt werden, sofern Sicherheit und andere wesentliche Aspekte davon nicht berührt sind.

> Die Planung von Modernisierung sollte so geschehen, dass zukünftige weitere Anpassungen für unerwartete Entwicklungen nicht verunmöglicht werden.

> Der Bau von Infrastruktur sollte so geplant werden, dass sie im Kontext unsicherer Erwartungen vom zukünftigen Meeresspiegelanstieg Sinn ergibt.

Für die Planung sollte ein expliziter Zeithorizont für die Nutzungsdauer der neuen Infrastruktur angesetzt werden. Dies hängt ab von der Art der Infrastruktur. Fortsetzung bzw. Installation von Überwachung des geophysikalischen Wandels. Konstruktion von Grenzen des möglich gehaltenen, zeitabhängigen zukünftigen Wandels.

Resümee

Das Klimaproblem drückt sich in wenigen Zahlen aus: Derzeit werden 35 – 40 Gt CO 2global emittiert; um das politische Ziel von 1,5 oder 2 oC zu erreichen, muss diese Zahl bis ca. 2050 auf Netto-Null zurückgehen, und dann durch deutliche negative Emissionen ersetzt werden. Das wirtschaftliche System, das hinter den weltweiten Emissionen steht – Industrie, Verkehr, Energie und Mikroklimate (Heizung, Kühlung) – ist träge und nur auf Zeitskalen von vielen (Kohlendioxid) und wenigen (Aerosole) Jahrzehnten veränderbar.

Da die Treibhausgasemissionen in ihrer Summe wirken, kann eine merkbare Steuerung des globalen menschengemachten Klimawandels nur gelingen, wenn die großen Emittenten (China, Indien, USA und EU) teilnehmen. Innovative, aber isolierte Maßnahmen, die in Deutschland zur Emissionsminderung implementiert werden, bleiben weitgehend wirkungslos, sofern diese nicht zur Nachahmung durch andere Akteure führen. Diese Nachahmung kann durch ökonomische Vorteile initiiert werden, nicht durch moralische oder politische Ansprüche. Technologische Innovationen sind eine Perspektive, eine ökonomisch motivierte Nachahmung in signifikantem Ausmaß zu erreichen. Anpassungen sind in jedem Falle nötig. Da wir es schon jetzt mit einer nennenswerten Klimaänderung zu tun haben und diese nur in optimistischen Szenarien auf 2 oC (seit Beginn der Industrialisierung) zu begrenzen sein wird, wird sich die Notwendigkeit der Anpassung an veränderte Klimabedingungen weltweit verschärfen. Wird das 2-oC-Ziel nicht erreicht, so nimmt dieser Druck weiter zu. Wie kann man mit dieser Gemengelage umgehen und dabei sowohl dem Charakter des sozialen Prozesses „Politik“, nämlich Interessenausgleich widersprüchlicher Bedarfe und Deutungen in der Gesellschaft zu ermöglichen, als auch dem von Wissenschaft, nämlich ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Befindlichkeiten beste Erklärungen für komplexe Vorgänge zu konstruieren, Genüge tun? Ich habe für mich Antworten sowohl für Wissenschaftler als auch „normale“ Bürger formuliert. Zunächst für Wissenschaftler:

> CUDOS-Normen von Merton (z. B. 1973) beachten, wonach die Deutung wissenschaftlicher Einsichten für die gesellschaftliche Willensbildung nicht Sache des Urhebers, sondern offen für alle ist, einschließlich unfreundlich gesinnter Kollegen; die Gültigkeit von Wissensansprüchen nicht von persönlichen Merkmalen abhängt, etwa der beruflichen Position oder Einrichtung; die Gültigkeit von Ergebnissen unabhängig von der eventuellen politischen Nützlichkeit ist; alle Ergebnisse einer Begutachtung durch ggfs. konkurrierende Kollegen ausgesetzt werden.

> Unterscheiden zwischen Klimawirkung und anderen Einflüssen, einschließlich anderer Umweltaspekte. Der Fall der Ahr-Flut im Sommer 2021 zeigte, wie sehr Wissenschaftskommunikation hier Desinformation sein kann (siehe dazu z. B. von Storch 2021b).

> Beachten von Detektions- und Attributionsstudien (einschl. Event Attribution, d. h. Untersuchungen, inwieweit ein bestimmtes Wetterereignis, etwa ein Hochwasser, durch den Klimawandel verschärft wurde), bevor klimatische Zusammenhänge postuliert werden.

> Anerkennen, dass Wissenschaft ein

» Anpassungen sind in jedem Falle nötig. «

sozialer Prozess ist, in dem interessengeleitete und kulturell konstruierte Wissensansprüche wirkmächtig sind. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Sozialwissenschaften in die Klimawissenschaft zu integrieren (s. Ibrahim, Rödder 2022), ohne diese zu vernaturwissenschaftlichen.

> Beachten der unterschiedlichen sozialen Rollen von Politik und Wissenschaft.

Bürgern empfehle ich anzuerkennen, dass

> Wissenschaftler keine politische Linie oder Notwendigkeiten vorgeben, wohl aber Bedingungen für das Erreichen von gesellschaftlich formulierten Zielen angeben können.

> es die Wissenschaft nicht gibt, sondern einen Wettstreit von Ideen unter Wissenschaftlern. Aber: Der IP-CC ordnet in seinen Berichten mit einigem Erfolg ein, was davon belastbar ist und was nicht.

> das Argument „Klima“ auch eingesetzt wird, um andere, nicht-klimarelevante Absichten umzusetzen (etwa in Bezug auf Fluglärm, Plastik im Meer), wie es auch aus der Gegenwart einer postnormalen Lage zu erwarten ist.

> das Klimaproblem nicht durch regionale symbolische Akte „gelöst“ werden kann, sondern Anstrengungen mit globaler Wirkung bei Emissionsreduktionen in der Gigatonnen-Klasse erfordert.

> ein Lösungsweg durch die Bereitstellung wirtschaftlich attraktiver, klimaneutraler Technologie ermöglicht werden könnte. Hier können helfen: technologische Durchbrüche durch direkte Finanzierung (wie seinerzeit mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz geschehen), der Verzicht auf das St.-Florians-Prinzip

(Klagen gegen neue Bahnlinien etwa) und die Erprobung neuer Technologien (z. B. LED-Lampen), die sich dann auf der Welt durchsetzen können (vgl. „Apollo-Projekte“ bei von Storch 2022).

> die Anpassung an bestehende und sich verändernde Risiken lokal eine Daueraufgabe ist, die oft mit Modernisierung verbunden werden kann.

Literatur

Bray, D.; von Storch, H. (1999): Climate Science. An empirical example of postnormal science. Bull. Amer. Met. Soc. 80: 439-456. Bray, D.; von Storch, H. (2017): The Normative Orientations of Climate Scientists. Science and Engineering Ethics 23:1351-1367 DOI 10.1007/s11948-014- 9605-1.

Funtowicz, S.O.; Ravetz, J. R. (1985): Three types of risk assessment: a methodological analysis. In: Whipple, C.; Covello, V.T. (Hrsg.): Risk Analysis in the Private Sector, New York, Plenum, 217-231.

Grundmann, R. (2012): „Climategate“ and The Scientific Ethos. Science, Technology, & Human Values 38, 67-93, .

Ibrahim, Y.; Rödder, S. (Hrsg.) (2022): Schlüsselwerke der sozialwissenschaftlichen Klimaforschung. Transcript Verlag, ISBN 978-3-8376-5666-4.

Merton, R. K. (1973): The Normative Structure of Science. In: Storer, N. W. (Hrsg.): The Sociology of Science. University of Chicago Press, 267-273.

Ravetz, J., (2006): The no-nonsense guide to science.

New Internationalist, Oxford, ISBN 10:904456-46-4. Stehr, N. (1978): The norms of science revisited: social and cognitive norms. Sociological Inquiry 48: 172. von Storch, H. (2018): The temporal dimension of coastal adaptation to climate change. Extended abstract for CG-JOINT Symposium, National Cheng Kung University, Tainan, Taiwan, 53-58.

von Storch, H. (2021a): Covid-19 und menschgemachter Klimawandel als postnormale wissenschaftliche Objekte. Naturwissenschaftliche Rundschau 03/2021, 132-136. von Storch, H.( 2021b): Das Narrativ der deutschen Flutkatastrophe 2021. Globkult, blogs/hans-von-storch-zur-sache-klima/2091-das-narrativ-der-deutschen-flutkatastrophe-2021.

von Storch, H.( 2022): Climate Change in the attention arena of the middle class. In: Siegmann, A.H. (Hrsg.): Climate of the Middle – Understanding Climate Change as a Common Challenge. Springer Publisher, ISBN: 978- 3-030-85321-1; 73-91.

von Storch, H.; Chen, X.; Pfau-Effinger, B.; Bray, D.; Ullmann, A. (2019): Attitudes of young scholars in Qingdao and Hamburg about climate change and climate policy – the role of culture for the explanation of differences. Advances in Climate Change Research, 10, 158-164; online: . accre.2019.04.001.

von Storch, H.; Gualdi, S. (2019): What do climate scholars think about climate science and its role in society? A survey at CMCC. Forsight,

Das wissenschaftliche Interesse von Prof Dr. Dr. h.c. Hans von Storch gilt dem menschengemachten Klimawandel, seiner Feststellung und regionalen Manifestation sowie der Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Seinen fachlichen Hintergrund – statistische Methoden, Küstenklima, Klimamodellierung und Konstruktion von Wissen – hat er bei Klaus Hasselmann erworben und dann als Direktor des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz Zentrum Geesthacht, als Professor am Meteorologischen Institut und als Zweitmitglied an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg in der Klimaforschung eingesetzt. Seit seiner Pensionierung 2015 beschäftigt er sich mit Restaufgaben am Institut für Küstenforschung und arbeitet als Editor-in-Chief der Oxford University Press Research Encyclopedia Climate Science sowie als Gastprofessor an der Ocean University of China (Qingdao). Er ist ein gern gesehener Gesprächspartner für Medien und interessierte Öffentlichkeit. Seine Publikationsliste umfasst zahlreiche Bücher und über 200 „weiße“ Publikationen mit einem h-Index von 58. Nach einer Reihe weiterer Auszeichnungen wurde seine Leistung in der Klimaforschung 2019 mit dem Bundesverdienstkreuz anerkannt.