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Krank vor Angst


ÖKO-TEST Kompakt Fit & Gesund - epaper ⋅ Ausgabe 16/2008 vom 01.08.2008

Angst ist normal. Sie verhindert, dass wir beim Überqueren der Straße vor ein Auto laufen, und zwingt uns vor Prüfungen zum Lernen. Schlägt sie aber Alarm, wenn keine reale Gefahr droht, dann kann sich das bis zur Angststörung steigern.


Artikelbild für den Artikel "Krank vor Angst" aus der Ausgabe 16/2008 von ÖKO-TEST Kompakt Fit & Gesund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Dr. Peter Jäger/Forschungsinstitut Senckenberg Frankfurt am Main

Da war sie, die Angst. Sie schwappte wie eine Welle bis in ihren Kopf. Das Herz schlug im Hals. Die Brust war verschnürt. Der Atem stockte. Sie japste. Nein, schrie sie innerlich. Nicht das. Sie wusste, was es war. Die Angst war ihr gefolgt. Sie hatte die Fahrstühle und engen Toiletten verlassen und ...

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Da war sie, die Angst. Sie schwappte wie eine Welle bis in ihren Kopf. Das Herz schlug im Hals. Die Brust war verschnürt. Der Atem stockte. Sie japste. Nein, schrie sie innerlich. Nicht das. Sie wusste, was es war. Die Angst war ihr gefolgt. Sie hatte die Fahrstühle und engen Toiletten verlassen und folgte ihr jetzt auf Schritt und Tritt. Keine Hilfe in Sicht. Sie war allein. Zwischen ihr und den Menschen auf der Straße schien eine gläserne Wand zu sein. Sie war eingeschlossen mit sich und ihrer Angst.

Vom auslösenden Angstreiz bis zur körperlichen Reaktion vergehen nur Sekundenbruchteile.


Foto: iJameek/Photocase

Foto: 5dat/pixelio

Sibylle Meyer (Name geändert) kannte Ängste von klein auf. Trennungsängste peinigten sie, wenn die Eltern abends weggingen. Manchmal war die Angst so stark, dass sie zu den Nachbarn lief. Sie hatte Angst, allein im Dunkeln den kurzen Weg von der Freundin in der Nebenstraße bis nach Hause zu gehen. Und irgendwann, als sie Anfang zwanzig war, kam auch die Angst, Fahrstuhl zu fahren. Sie fand sie gar nicht so besonders, ein bißchen lästig vielleicht, aber: „Fahrstühle kamen in meinen Leben eher selten vor“, sagt die heute 52-Jährige. Erst als sie Mitte zwanzig war und nach Amerika reisen wollte, war klar: In New York komme ich an Fahrstühlen nicht vorbei. Es gelang ihr mithilfe eines Psychologen, der auf Verhaltenstherapie und Hypnose spezialisiert war, die Sache in den Griff zu bekommen. „Ich bin sogar aufs Empire State Building gefahren“, erzählt sie, aber die Fahrt sei doch ziemlich lang gewesen.

Grafik: Peter Palm, Berlin

Auf Stress folgte Panik

So ganz losgeworden ist sie die Angst nie, aber sie hat sie im Zaum gehalten. Bis auf damals, vor 15 Jahren, als sie den Job wechselte und zu ihrem Freund in eine andere Stadt zog. „Der Job war schwierig, die Beziehung war schwierig und ich kannte kaum jemanden“, erzählt Sibylle Meyer: „Alles, was mir Sicherheit gegeben hatte, war plötzlich weg.“ Da tauchten sie dann auf, die Angstattacken auf offener Straße, die Angst, die kam und so lange blieb, bis sie unter einigermaßen vertrauten Menschen war.

Offenbar hatte der emotionale Dauerstress dazu geführt, dass sich die sorgsam kontrollierte Angst von Sibylle Meyer selbstständig gemacht hatte. Wie eine Schraube war ihre ohnehin schon hohe Angstbereitschaft um einige Windungen weitergedreht worden und mündete in Angstanfällen. Das heißt: Das Gehirn sendet die falschen Signale. Obwohl real keine Gefahr lauert, schlägt es Angstalarm. Schuld daran ist eine Ansammlung von Zellen im Vorderhirn, die wie ein Mandelkern aussieht: die Amygdala. Wittert sie Gefahr, löst sie das unangenehme Gefühl von Angst aus.

Angstalarm im Gehirn

Was da im Gehirn passiert, lässt sich vereinfacht so beschreiben. Ein Signal, vielleicht sieht das Auge eine Schlange, wandert zum Thalamus. Diese Zwischenhirnregion sammelt alle Signale der Sinnesorgane. Normalerweise schickt sie die Information an die Großhirnrinde weiter. Dort wird die Information entschlüsselt und entschieden, was zu tun ist. Eine Schlange ist hierzulande nicht gefährlich. Der Befehl könnte also lauten: Schön ruhig bleiben. Bei angstanfälligen Menschen kann es anders kommen. Ihnen ist offenbar eine urzeitliche schlechte Erfahrung mit Schlangen ins Gehirn geschrieben, die das Gehirn zu einem Trick greifen lässt: Bei akuter Gefahr dauert es ihm zu lange, auf Bewertung und möglicherweise Entwarnung auf der Großhirnrinde zu warten. Deshalb schickt der Thalamus vermeintlich oder tatsächlich überlebenswichtige Informationen gleich an die Amygdala, die das uralte Lebensrettungsprogramm in Gang setzt. Das mag sinnvoll sein, wenn wir vor einem abbiegenden Auto zurückspringen, bei Schlangen ist es eher lästig.

Die Amygdala nennt man auch Angstzentrum. Denn sie steuert das angstgeleitete Verhalten. Sie befehlt dem Körper, Stresshormone auszuschütten, die ihrerseits das vegetative Nervensystem anspornen. Blitzschnell steigt die Atemfrequenz, das Herz schlägt schneller, die Augen weiten sich, die Muskeln sind angespannt und der Körper ist schweißgebadet. Kurzum: Der Körper mobilisiert alle Kräfte, um rasend schnell wegzulaufen oder um zu kämpfen. Stellt sich eine bedrohliche Lage dann doch als harmlos heraus, dann läutet eine andere Region des Gehirns zur Entwarnung: der Hippocampus. Er hemmt die Hormonausschüttung und der Körper entspannt sich – leider dauert das eine Weile. Bei Angstpatienten kann es sehr lange dauern, bis der Fehlalarm gestoppt wird.

Bei Panikattacken werden vom Körper Stresshormone ausgeschüttet und das vegetative Nervensystem in Erregung versetzt.


Foto: Yemaija/Photocase

Foto: DAK/Wigger

Die Angst vor der Angst

Werden, wie bei Panikattacken, die körperlichen Symptome als lebensbedrohlich erlebt, dann sendet der Hypocampus keine Entwarnung. Im Gegenteil: Das Gehirn deutet Herzrasen und Atemnot vielleicht als Zeichen eines Herzinfarktes. Lebensgefahr denkt der Patient und gerät noch weiter in Panik. So peitschen die Gedanken die Angst immer weiter hoch, bis der Körper schließlich so erschöpft ist, dass er von selbst aufgibt und die Angst herunterfährt. Auch unheilsschwangere Gedanken wie „das Flugzeug könnte abstürzen“ oder „die Prüfung schaffe ich bestimmt nicht“ oder „die finden mich alle langweilig“ können Angst anheizen – bis sie sich verselbstständigt. Wenn schon allein der Gedanke an die Angst neue Angst auslöst, schließt sich der Teufelskreis. Die Angst vor der Angst regiert.

Um nicht wieder die quälenden Angstgefühle mit all ihren körperlichen Folgen erleben zu müssen, meiden viele Angstpatienten die angstauslösenden Situationen. Einer Umfrage der DAK zufolge wählen 38 Prozent der Deutschen die Vermeidungsstrategie, um ihre Ängste in den Griff zu bekommen. Das mag bei Schlangen funktionieren, vor öffentlichen Reden kann man sich drücken und zur Not auch noch Treppen steigen. Für viele aber engt sich der Radius immer mehr ein. Manche leben wie Gefangene in ihrer eigenen Wohnung.

Sybille Meyer wollte sich nicht verkriechen und alles Angstauslösende meiden. Wie auch? Die Angst ließ sich nicht mehr aussperren. Sybille Meyer suchte Hilfe bei einer Therapeutin. Die erzählte ihr, was sie eigentlich schon wusste: „Durch Angst muss man durchgehen, sonst wird man sie nicht los.” Sie hatte gelesen, wie Menschen auf hohe Türme klettern mussten oder in enge Räume gesperrt wurden, um ihre Angst zu überwinden. Sie wusste, dass sie immer wieder in extrem angstauslösende Situationen geschickt wurden, um zu spüren, dass die Angst irgendwann weggeht. „Mir kam das vor wie ein einziger Horrortrip“, sagt Sybille Meyer. Sie entschied sich für einen sanfteren Weg: Latente Angstgefühle aushalten und Schritt für Schritt das eigene Leben wieder in den Griff kriegen. Als sie der Therapeutin gestand, dass sie als verängstigtes Kind immer Hilfe bei Nachbarn gesucht hatte, sagte die nur: „Das war wirklich schlau.“ Wie? Schlau? Sie begriff. Wenn schon nicht die Angst, so verschwand wenigstens die Scham wegen der Angst. Mit der Zeit nahm das Selbstvertrauen zu und die Angst wurde weniger.

Körperliche Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche und Atemnot machen Angstattacken zusätzlich bedrohlich.


Foto: DAK/Wigger

Viele Angstkranke wissen nicht, dass sie unter einer Angststörung leiden. Vor einigen Jahren rechneten Therapeuten noch damit, dass Panikpatienten erst nach sieben Jahren Ärzteodyssee bei ihnen landeten. Zuvor suchten bis zu zehn Ärzte nach den Ursachen für das Herzrasen, das Zittern, die Atemnot. Sie checkten wieder und wieder den Körper durch, ohne etwas zu finden. So blieben die vermeintlichen Hypochonder ihrem Schicksal überlassen oder wurden mit Beruhigungsmittel versorgt.

Heute hat sich das vermutlich geändert – neuere Erhebungen dazu gibt es nicht.
Vieles aber deutet darauf hin, dass Hausärzte und Notärzte sensibler geworden sind. Ist eine körperliche Krankheit ausgeschlossen, tippen auch sie inzwischen eher auf Angststörung. Das gilt in erster Linie für Panikattacken. Wer unter einer sozialen Phobie leidet, etwa extremer Schüchternheit, der wird sich wahrscheinlich länger durchhangeln – oft genug mit dem Angstlöser Alkohol. Der Bundesgesundheitssurvey 1998 ergab, dass weniger als die Hälfte aller Menschen mit einer therapiebedürftigen Angsterkrankung tatsächlich in Behandlung gegangen sind, die meisten der Behandelten litten unter einer Panikstörung oder einer generalisierten Angststörung.

Gesteigertes Problembewusstsein. Heute werden Angsterkrankungen vom Arzt meist früher als solche erkannt.


Foto: irisblende.de

Behandlung: Je früher, desto besser

Einmal noch kam die Angst zurück. Jahre später. Sybille Meyer stand vor der Drehtür eines Hotels und wollte drinnen die Sauna besuchen. Doch die Angst versperrte ihr den Weg. Tränen schossen hoch. Nicht das, nicht jetzt. Sie traute sich nicht, durch die Tür zu gehen. Am nächsten Tag meldete sie sich bei einer Angstambulanz an.

Sie landete in einer Angstgruppe. Da begriff sie, wie heimtückisch die Angst ist. Sie schlägt oft dann zu, wenn Menschen ohnehin schon fast am Boden liegen. Eine Frau hatte gerade ihren Vater verloren, ein junger Mann war von der Arbeit überfordert. Man erklärte ihnen, wie der Teufelskreis der Angst entsteht und dass sie nur eine Chance haben: Üben. Die Angst aushalten. In der Situation bleiben. Die Horrorfantasien stoppen. Warten bis die Angst weniger wird. Nicht fliehen. So trainierten sie alle.

Angst hat viele Gesichter

Manche Menschen überfällt die Angst aus heiterem Himmel, andere fürchten, sich vor anderen zu blamieren, wieder andere haben Angst vorm Fliegen oder Autofahren. Allen gemein ist, dass sie äußerst unangenehme körperliche Angstreaktionen erleben, begleitet von Befürchtungen und der Tendenz zu vermeiden. Angstneurose, Herzneurose, frei flottierende Angst – während früher jede Fachrichtung ihre eigene Bezeichnung für Angststörungen hatte, hat sich die Fachwelt auf einheitliche Bezeichnungen und Diagnosekriterien geeinigt. Sie unterscheidet grob in Panikstörungen, Phobien und generalisierte Angststörungen.

Der Körper schlägt Angstalarm

Bei Angst bereitet sich der Körper auf Flucht oder Kampf vor. Das kann zu vielfältigen Symptomen führen:
• Herzklopfen, Herzrasen, Herzstolpern
• Schweißausbrüche, Zittern oder Beben
• trockener Mund
• Atemnot, Enge in der Brust, Erstickungsgefühle, Schwindel
• Taubheits- und Kribbelgefühle
• Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall
• Derealisation: das Gefühl, dass die Umgebung fremd und unwirklich ist
• Depersonalisation: das Gefühl, sich selbst von außen zu beobachten
• Angst, die Kontrolle zu verlieren und verrückt zu werden
• Angst zu sterben