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Kuschelwetter


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ramp - epaper ⋅ Ausgabe 58/2022 vom 17.08.2022
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Bildquelle: ramp, Ausgabe 58/2022

Das ist kein Spaß mehr, liebe Freunde, das ist der pure Ernst des Lebens, auf den uns Lehrer und Großeltern mit bedeutsamer Miene immer vorbereitet haben.

Der Regen war stark und wollte nicht mehr enden. Das Wasser tropfte einem von den Augenbrauen auf das Jochbein, und rückwärts rann es bis in den Nacken. Hund und Katz’ verkrochen sich in ihre letzten Winkel. Insekten suchten Schutz in Baumkronen, Sträuchern und Mauerritzen. Unter der Erde ersoffen die Maulwürfe. Die Straßen schimmerten schwarz vor Nässe und hatten sich mancherorts in Bäche verwandelt.

Aber Hauptsache, der McLaren hatte Semislicks drauf.

Das war, um es ganz vorsichtig auszudrücken, eher ungünstig. Man könnte es eventuell mit der Besteigung des Mount Everest in Lackschuhen vergleichen. Semislicks sind halb Renn-, halb Straßenreifen mit besonders weicher Gummimischung. Nur so viel Profil wie unbedingt nötig. Immense Haftung ...

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... garantiert. Im Regen jedoch nahezu unbrauchbar. Mit 765 PS plus Heckantrieb erst recht. An diesem McLaren, so hört man, drehen die Hinterräder ja selbst auf trockenem Belag noch durch – im vierten Gang! Das ist kein Spaß mehr, liebe Freunde, das ist der pure Ernst des Lebens, auf den uns Lehrer und Großeltern mit bedeutsamer Miene und erhobenem Zeigefinger immer vorbereitet haben. Und da musste man jetzt eben durch. Was sollte man denn sonst machen? Kneifen? (»Also nein, mit Semislicks auf Nassem, da fürchte ich mich aber, es könnte ja was passieren.«) Sag das – dann darfst du bei der ramp höchstens noch das Geschirr abwaschen und einmal im Jahr was Spannendes über Kindersitze schreiben. Hat man das nötig?

Freilich, der Niki (für alle Nicht-Österreicher: Herr Lauda) stellte am 24. Oktober 1976 beim Grand Prix von Japan in Fuji seinen Ferrari in der zweiten Runde ab, bei strömendem Regen, aus Angst vor einem Unfall – und ermöglichte dadurch James Hunt den F1-WM-Titel. Wenn also selbst der Niki … Nein, nein, hören wir auf damit, der Vergleich hinkt leider gewaltig.

Wäre es denn im Gegenteil nicht viel gescheiter, fragte man sich, für die unvermeidliche Bootsfahrt im 765LT Spider aus ein paar sagenhaften Darbietungen der F1-Regengötter Mut zu schöpfen, vor dem inneren Auge die Gischt vergangener Jahre nochmals aufsprühen zu lassen?

Gesagt, getan.

Regengott Nr. 1

Jackie Stewart. Gewann 1968 die härteste Wasserschlacht in der Geschichte des Rennsports – Nürburgring 1968 – mit vier Minuten (!) Vorsprung vor Hill und Rindt. Der Regen spülte Schlamm auf die Strecke, die Sicht war wegen des Nebels gleich null. Stewart und sein Tyrrell glitten wie ein U-Boot mit Echolot durch die Flut.

Regengott Nr. 2

Ayrton Senna. In seinem ersten F1-Jahr, 1984, fuhr er bei Regen in Monaco auf Platz zwei – im hoffnungslos unterlegenen Toleman-Hart. Er hätte gewonnen, wäre das Rennen nicht in der letzten Runde abgebrochen worden. Im April 1985 schlug dann beim Portugal-GP in Estoril endgültig die Geburtsstunde von »The Magic«. An der Atlantikküste ging eine Regenfront nieder, aber Ayrton fuhr in seinem schwarzen Lotus, als wäre es trocken! Er überrundete die anderen mühelos und je nach Belieben innen und außen und dachte sich dabei vermutlich, ob er nicht irrtümlich in ein F2-Rennen geraten sei. Die Herren Prost, Piquet und Rosberg bekamen von diesem Tag an leichte Panikattacken, wenn sie den Namen »Senna« hörten. Und dann gab es ja noch Donington 1993: Sennas erste Runde im Regen gilt als eine der besten jemals in der F1 gefahrenen. Er bremste später als die anderen und kämpfte sich innerhalb von nur vier Kilometern von Platz vier bis an die Spitze vor. Wie war es möglich, dabei nicht die Kontrolle über das Auto zu verlieren? Auf diese Frage gibt es – wie auf die, warum Zugvögel ohne GPS und Google Earth den Weg von Buxtehude nach Südafrika finden – keine richtige Antwort.

Regengott Nr. 3

Stefan Bellof. Kam 1984 auf der Rutschbahn von Monte Carlo hinter Senna als Dritter ins Ziel – mit 300 PS weniger im Nacken als die Fahrer der Spitzenteams. Im Regen zählte sein Talent viel mehr als die schwache Motorleistung des Tyrrells. Die Fachwelt ist sich einig: Das herausragende Fahrgenie Bellof wäre lange vor Michael Schumacher erster deutscher F1-Weltmeister geworden – hätte er 1985 den Unfall beim Langstreckenrennen in Spa überlebt. Die Fachwelt ist sich aber auch einig: Diesen Unfall konnte man nicht überleben (ÜBERHOLEN IN EAU ROUGE!)!

Regengott Nr. 4

Michael Schumacher. Beim Spanien-GP 1996 in Barcelona herrschte Land unter. Nur sechs Fahrer kamen in der Drehorgie ins Ziel. Michael Schumacher als Erster – 45 Sekunden vor Alesi. Der Deutsche erklärte den Reiz von Regenrennen einmal so: »Die ganzen Millionen, die in die ausgefeilte Aerodynamik fließen, spielen in solchen Rennen keine Rolle mehr. Das Auto rutscht wie auf Seife. Aber das macht auch am meisten Spaß.«

Regengott Nr. 5

Sebastian Vettel. Am 14. September 2008 rast ein 21-jähriges Milchgesicht im Aquarium von Monza in seinem Toro Rosso zum Sieg. Die »Bild«-Zeitung nennt den damals jüngsten GP-Sieger der Geschichte »Baby-Schumi«. Heute fragt man sich: Wie konnte der vierfache Champion Vettel so tief fallen?

Regengott Nr. 6

Max Verstappen. Der regierende Weltmeister fuhr schon in der F3 im Regen zwei bis drei Sekunden schneller als die anderen. Nach einem Rennen auf dem Norisring sagte Red Bull-Motorsportchef Helmut Marko: »Da hab ich gewusst, mit dem Max brauchen wir uns gar nicht mehr in der F2 aufzuhalten, wir gehen gleich in die F1.«

Wie war es möglich, nicht die Kontrolle über das Auto zu verlieren? Auf diese Frage gibt es – wie auf die, warum Zugvögel ohne GPS den Weg von Buxtehude nach Südafrika finden – keine richtige Antwort.

Okay, alles schön und gut, aber ehrlich gesagt: Weiter brachte einen das jetzt auch nicht, die Regengötter waren schließlich alle (welch Luxus!) mit Regenreifen unterwegs.

Der nächste, entscheidende Tag brach an. Die blonde Frau, die unter freiem Himmel das Wetter im Frühstücksfernsehen ansagte, hielt einen Regenschirm in der Hand und raubte einem die letzte Hoffnung. Sie sagte: »Das Schmuddelwetter hält an.« Und dann, mit kurzzeitig zusammengekniffenen Augen, womit sie wohl neckisch wirken wollte: »Aber ist Schmuddelwetter nicht auch Kuschelwetter?« Komm schon, Baby, dachte man, halt einfach die Schnauze, Du hast keine Ahnung vom Leben.

Ein Blick aus dem Fenster. Der blaue Engländer stand wie ein begossener Pudel vor dem Hauseingang. Noch eine Tasse Kaffee. Koffein macht glücklich und fördert das Schöpfertum. Gab es nicht doch noch irgendeine Möglichkeit, aus der Nummer rauszukommen, »Mission Impossible« elegant zu umkurven? Heißt es nicht »ramp – Auto. Kultur. Magazin.«? Lässt das nicht per se einen gewissen kreativen Spielraum zu, ja Narrenfreiheit? Wie wäre es denn mit einer lyrischen Abhandlung, ohne einen Meter zu fahren?

»Armer Mäci, du Patschnasser – stehst gar bis zum Hals im Wasser! Hast ja drauf die Semislicks – so wird das aber nix. Ich müsst ja bangen dann vor jeder Pfütze – dass mein Talent mich gut beschütze. Nein, ich werd’ Dich ganz bestimmt nicht fahren – mir Schimpf und Schand dadurch ersparen. Denn stell Dir vor, uns schmeißt’s in die Botanik – dann krieg ich Asthma gleich vor lauter Panik! Drum bleib ich lieber nett im Bett, sing fröhlich »Bi-Ba-Butzemann« und schau mir Pippi Langstrumpf an.« Als der Koffeinschub nachließ, wurde einem sofort klar: Das geht überhaupt gar nicht, Wilhelm Busch für (ganz) Arme.

Der Regen trommelte wie wild auf das Carbon-Hardtop. Öffnete man es, säße man schon nach ein paar Minuten in der teuersten Badewanne der Welt.

Also hinaus unter die himmlische Dusche und hinein in den höllischen Spider. Nachdem er angegurtet und startklar war, sagte sich der Autor wieder einmal: »Der McLaren ist halt doch mein liebster Sportwagen.« Als er vor ein paar Wochen in einem Ferrari saß, sagte er sich: »Der Ferrari ist halt doch mein liebster Sportwagen.« Bald wird er wieder in einem Lamborghini sitzen und sich sagen: »Der Lambo ist halt doch mein liebster Sportwagen.« Warum tut er das? Er würde antworten: »Weil ich keinem wehtun will.« Aber das ist verlogen durch und durch. Er ist eine charakterschwache Kreatur, ein Gesinnungslump, ein Wendehals, einer, der sein Fähnlein nach dem Wind hängt, ein Vaterlandsverräter noch dazu, der sich einst vor dem Wehrdienst drückte und deshalb von Österreich nach Deutschland floh, er ist, um es kurz zu machen: ein schlechter Mensch. Das sollte man schon wissen.

Der Regen trommelte wie wild auf das Carbon-Hardtop. Öffnete man es, säße man schon nach ein paar Minuten in der teuersten Badewanne der Welt. Nur 765 Stück wurden gebaut, und die waren schon letztes Jahr ausverkauft. Zufällig kennt der Vaterlandsverräter einen der glücklichen Besitzer persönlich. Man darf aber dessen Namen nicht nennen, nur so viel: Er hat frappierende Ähnlichkeit mit Nosferatu und lebt in einem mittelgroßen Schloss, von dem aus man das Meer sieht. Weil der Mann große Angst davor hat, entführt zu werden, schläft er mit einem Revolver der Marke Smith & Wesson (9 mm) unter dem Kopfkissen. Er misstraut jedem Menschen wie einst die byzantinischen Herrscher und ist überzeugt davon, alle seien nur hinter seinem Geld her, selbst seine Frau und die inzwischen erwachsenen Söhne (was absolut der Wahrheit entspricht). Echtes Vertrauen hat der arme reiche Kerl nur in die elektronischen Fahrhilfen seiner knapp zwei Dutzend Sportwagen. Diese Assistenzsysteme braucht es aber auch dringend, denn er überschätzt sein Können in geradezu lebensbedrohender Manier. Mit dem 765er-Spider, so erzählte Nosferatu dem Vaterlandsverräter kürzlich in einem Telefonat, habe er sich auf der Küstenstraße nahe seines Anwesens ein Duell mit einem lilafarbenen Pagani Zonda geliefert. Als er den Pagani habe überholen wollen, habe dessen Fahrer zu seinem Entsetzen aber offensichtlich Vollgas gegeben. »Du Hund, du gemeiner!«, habe er, Nosferatu, geflucht. Na gut, dann würde er ihn eben vor der nächsten Kurve »auf der Bremse schnupfen«. Aber auch dieses Vorhaben habe der »nicht gerade auf der Nudelsuppe dahergeschwommene« Pagani-Pilot vereitelt. So seien sie dann zu zweit auf die Kurve zugeschossen gekommen, Nosferatu im McLaren leider außen, und vor dem Schleudern und dem Sturz über die Klippen habe ihn nur der auf höchste Sicherheit ausgelegte »Comfort«-Modus bewahrt.

In solche Sphären wird man heute nicht annähernd vordringen. Na, Hauptsache, man hockt in den Senna-Rennschalen aus dem Hypersportwagen McLaren Senna. Und Hauptsache, der 765er-Spider schafft es in 19 Sekunden aus dem Stand auf 300. Und Hauptsache, die Voll-Titan-Auspuffanlage wiegt nur knappe 11 Kilo. Oder Hauptsache, für das Ritzel und das Kronenrad im Endantrieb des Getriebes wurde 20NiCh-Nickelchrom aus der F1 verwendet. Die Liste der High-End-Ausstattung dieses Wagens würde das halbe Telefonbuch einer mittleren Kreisstadt füllen – aber leider Perlen vor die Säue bei »Kuschelwetter«.

Der schlechte Mensch beschallte jetzt die ganze Nachbarschaft, indem er nach Betätigung des Startknopfes den V8-Biturbo-Motor im Leerlauf bis auf 6.000 Umdrehungen hochjagte. Er kam sich vor wie in einem Kampfbomber und dachte, dass es gleich Fliegeralarm geben müsste. Auf der anderen Straßenseite wurde ein Fenster geöffnet. Ein Spießbürger im karierten Pullunder gestikulierte mit den Armen und deutete ihm den Vogel. Der schlechte Mensch machte die Flügeltür auf und stieg aus. Mehrere Windstöße hintereinander peitschten ihm den Regen ins Gesicht, aber er stand unbeeindruckt da wie Raimund Harmstorf alias »Kapitän Larsen« bei rauer See auf der »Ghost«. »Was haben Sie gesagt? Ich habe Sie nicht verstanden?«, rief er und spuckte auf den Boden. Ob er sie nicht alle beisammen habe, so einen Krach zu machen!, gab der Spießbürger lautstark zurück. Der schlechte Mensch machte eine gelangweilte Miene: »Leg Dich gehackt. Und wenn nicht, komm runter. Ich warte.« Der andere reckte beide Mittelfinger und schloss das Fenster. Kapitän Larsen stand noch ein paar Sekunden regungslos da und sehnte sich, um Dampf abzulassen, nach einer rohen Kartoffel, um sie mit seiner Hand zu zerdrücken. »Verdammtes Pack«, zischte er verächtlich und stieg wieder ein.

Der schlechte Mensch beschallte die ganze Nachbarschaft, weil er den V8-Biturbo-Motor im Leerlauf bis auf 6.000 Umdrehungen hochjagte.

Er aktivierte die Scheibenwischer und fuhr los. Dabei behandelte er das Gaspedal mit ausgesuchter Feinfühligkeit. Aber das konnte nicht verhindern, dass er nach nicht einmal einem halben Kilometer in eine tiefe, bis obenhin mit Wasser und Dreck gefüllte Spurrille geriet. Ein ganzer Schwall ergoss sich über das Volk am Bürgersteig. Einen Moment lang überlegte er, ob er anhalten solle, um den bis auf die Unterhosen Durchnässten Visitenkarten zu überreichen (»Es tut mir unendlich leid, schicken Sie mir bitte Ihre Wäscherei-Rechnungen und Ihre Kontonummern, mein Butler überweist umgehend.«). Jedoch besann er sich eines Besseren. Die sollen sich nicht so haben, fand er, es möge ihnen zur Ehre gereichen, von einem McLaren nass gemacht zu werden, exklusiver geht’s ja kaum. Und was den Seltenheitswert betrifft: Jeder von uns dürfte zumindest ein Mal eine Sonnenfinsternis erleben. Aber eine McLaren Dusche, gratis? Also wenn das nichts ist! Er bog in die Umgehungsstraße ein und wollte nun wissen, was Sache sei mit diesen Semislicks: während des Lenkens deshalb ein kurzer, heftiger Gasstoß. Traktion war nur noch ein Wort. Umgehend gerieten die Dinge auf die schiefe Bahn. Aus Sicht des Steuermanns war, weil das Heck nach LINKS Reißaus nahm, was vorne war, auf einmal RECHTS. Aber für einen Wendehals, der seinen Kopf flink in jede erforderliche Richtung drehen kann, stellte das – bis auf ein stressbedingtes, etwas länger anhaltendes Druckgefühl im Thorax – kein Problem dar. Der ungewollte Driftwinkel lag knapp unterhalb von neunzig Grad. Altbewährte Maßnahmen brachten die Angelegenheit wieder ins Lot. Nur war eines gewiss: Mit diesen Reifen ist’s ein echtes Trauerspiel. Wenig später bestätigte dies eine bei 120 km/h absichtlich eingeleitete Vollbremsung. Hier die Gedanken des Fahrers nach dem Manöver: »Gott sei Dank ist die Erde keine Scheibe und liegt dieses Baden-Württemberg nicht am Rand davon, denn sonst wäre man von dort schnurstracks ins Fegefeuer runtergepurzelt, so weit, wie der McLaren gerutscht ist.«

Auf der Autobahn – die Scheibenwischer kamen kaum noch gegen die Wassermassen an – ließ er Fiat 500er und Nissan Qashqais an sich vorbeiziehen, lauter Sennas und Bellofs und scheinbar immun gegen Aquaplaning.

Aber so unfahrbar der Wagen bei diesen Verhältnissen auch war – abstellen wollte er ihn keinesfalls. Mit einem Mal erfreute ihn der Gedanke, Protagonist einer so außergewöhnlichen Handlung zu sein. Jedoch war auf weitere riskante Experimente unbedingt zu verzichten. Mehr als 80 km/h erschienen ihm nicht ratsam.

Auf der Autobahn – die Scheibenwischer kamen kaum noch gegen die Wassermassen an – ließ er Fiat 500er und Nissan Qashqais an sich vorbeiziehen, lauter Sennas und Bellofs und scheinbar immun gegen Aquaplaning. Er selbst rechnete jeden Moment mit dem Aufschwimmen der Reifen auf einem Wasserkeil. Kein Problem, bei dem Tempo sollte das beherrschbar sein. Und als er eben dies zu Ende gedacht hatte, schlug es ihm die Niagarafälle gegen die Windschutzscheibe! Jemand aus der Senna-Bellof-Fraktion war durch eine Monsterlache gerauscht und hatte ihm von dort einen schönen Gruß geschickt. Er lächelte nur in sich hinein und dachte darüber nach, wann er sich das letzte Mal so ausgeliefert gefühlt habe. Die Antwort: während des Qualifyings für die Startaufstellung zum Ford Fiesta Cup auf dem Lausitzring. Es war das letzte Mal, dass er in einem richtigen Rennauto saß, als Gaststarter. Aber was heißt schon »richtiges Rennauto«, ein hochgezüchteter Fiesta halt mit Slicks und bretthartem Fahrwerk. Alles andere als die Pole Position und ein ungefährdeter Start-Ziel-Sieg lagen für den Hochmütigen außerhalb des Vorstellbaren. Denkste, es reichte gerade mal zum viertletzten Startplatz! Die Konkurrenten fuhren ihm nur so um die Ohren, er wirkte hilflos und fand kein Rezept für eine bessere Rundenzeit. Und das Allerschlimmste: Eine Frau, die Schweizerin Christina Surer, gebürtige Bönzli, Ex-Gattin des früheren F1-Piloten Marc Surer, stand vor ihm! Nach dem Qualifying sprach der Gedemütigte zur Schnelleren: »Ich hätte mich in Dich verlieben können. Aber Du hast alles zerstört. Ich will Dich nie mehr wiedersehen.« Christina sagte nur drei Worte: »Mein Gottchen, Nasenbärchen.« Der Lausitzring und die Bönzli waren sein Waterloo. Waterloo! Dort hatte es Mitte Juni 1815 ja auch wie aus Kübeln geschüttet. Victor Hugo meinte gar: »Hätte es in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni 1815 nicht geregnet, wäre die Zukunft Europas anders verlaufen. Ein ungewöhnlich bewölkter Himmel reichte aus, um den Zusammenbruch einer Welt zu bewirken.« Napoleon war Geschichte. Der McLaren Fahrer dachte sich: Besser mit 765 Pferdestärken und Semislicks durch den Regen Süddeutschlands als mit einer Pferdestärke und einem Bajonett im Bauch durch den Morast Waterloos.

Ihn fröstelte. Die nasse Kleidung, unter anderem dieses schnittige, orange McLaren Shirt, klebte an seinem Leib. Er lenkte den Spider von der Autobahn runter und fuhr wieder in die Stadt, wo er ein vornehmes und traditionelles Herrenmodegeschäft ansteuerte. »Bitte eine trockene Garnitur«, sagte er zum Verkäufer. »Oh, ein McLaren Fahrer«, sagte dieser. »Ja, zumindest heute.« – »Was fahren Sie denn sonst so?« – »Porsche, Ferrari, Maserati, Lamborghini.« Der Verkäufer machte große Augen: »Beneidenswert! Und ich finde es richtig gut, wenn jemand ein Shirt von McLaren trägt und auch tatsächlich McLaren fährt. Peinlich finde ich dagegen Menschen, die solche Shirts tragen – und in Wahrheit sind sie Lada fahrende Ladendiebe. So was sieht man ja gleich.« – »Wie sehen Sie das denn gleich?« – »Aber ich bitte Sie! Es ist die gesamte Erscheinung, das Auftreten.« – »Ich möchte bezweifeln«, erwiderte unser Protagonist, »dass man vom Habitus eines Menschen sogleich Rückschlüsse auf seinen fahrbaren Untersatz ziehen kann. Passen Sie auf: Ich habe einen Bekannten, der ist hässlich wie die Sünde und bewaffnet obendrein. Vor dem rennen Sie schreiend davon, weil Sie denken, der schießt Sie über den Haufen und reißt Ihnen dann mit seinen bloßen Pranken das Herz raus und frisst es gleich und schmatzt dabei. Der fährt aber McLaren und Porsche und noch ein paar andere von der Sorte. Was sagen Sie denn bitte dazu?«

Der Verkäufer suchte eine halbe Minute nach Worten. »Ausnahmen gibt es immer«, antwortete er dann knapp. Der Gesinnungslump verließ das Geschäft in einem langärmeligen Oberteil mit dem Krokodil drauf und einer kurzen Hose, aus der seine grotesk dürren Beine wie Pleuelstangen herausstakten.

Während des Lenkens ein kurzer, heftiger Gasstoß. Traktion war nur noch ein Wort. Umgehend gerieten die Dinge auf die schiefe Bahn.

Was wollen wir denn jetzt noch Schönes erleben?, überlegte er, nachdem er wieder eingestiegen war. Es regnete immer noch in einem fort. Er holte sein Handy hervor und tippte die Wetter-App an. Weiter südlich, am Bodensee, klarte es langsam auf, und im Österreichischen, seiner Heimat, schien bereits die Sonne. Nun denn, man muss nur wollen! Er begab sich auf die 200 Kilometer lange Route nach Lindau, wofür er sage und schreibe zweieinhalb Stunden benötigte, da er viele Male noch von den Niagarafällen heimgesucht wurde. Kurz vor dem Grenzübergang fiel ihm ein, dass er in Bregenz seine Tante Hildegard besuchen könnte. Er hatte sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, Vorarlberg ist für einen Wiener nämlich so weit weg wie der Mars. Bevor er zu ihrem Haus fuhr, kaufte er eine mit roter Masche geschmückte Pralinenschachtel. Dann parkte er den McLaren direkt vor dem Eingang. Die feine alte Dame öffnete die Tür. Sie stand auf einen Stock gestützt und trug eine Kette mit Anhänger aus Edelstahl, auf dem eine Madonnenfigur zu sehen war. Aber als sie den Neffen erblickte, versteinerten ihre Gesichtszüge: »Du wagst es, hier aufzutauchen?« – »Aber Tante Hildegard, was …?« – »Du hast geschrieben, Du hättest als junger Mann alles getan, nur um ein dummer Rennfahrer werden zu können, Du hättest Deine Großmutter, ja glaubt man’s, nach Nordkorea verkauft! Du schreibst auch sonst ekelerregende Texte, von Deinem abscheulichen Buch will ich gar nicht reden, Du bist die Schande unserer Familie! Sei mir nicht bös, aber geh mir jetzt aus den Augen, der Herrgott möge Dir vergeben.« Sie schloss die Tür.

Da stand er nun, fassungslos. Er legte die Pralinen auf den Briefkasten, kroch schamgebeugt in den Wagen und zündete das Triebwerk. Der Himmel war blau und die Straßen trocken und sein Gemüt war ihm schwer. »Schöner, böser McLaren, Du bist mir halt doch der Liebste«, sprach er. Und da er bei Tante Hildegard nichts mehr zu verlieren hatte, drückte er den »ESC off«-Knopf und malte ihr zum Andenken zwei zwanzig Meter lange schwarze Striche vor das Haus.

Jeder von uns dürfte zumindest einmal eine Sonnenfinsternis erleben. Aber eine McLaren Dusche, gratis? Also wenn das nichts ist!