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Landraub: Einfach bodenlos


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2012 vom 16.11.2012

Immer mehr Land in wenig entwickelten Ländern wird von Investoren oder von Regierungen aufgekauft. Leidtragende dieser Landnahme sind Kleinbauern und Ureinwohner.


Das Räumkommando kam mit schwerem Gerät. Unter dem Schutz von Militärpolizisten und Soldaten walzten Arbeiter die Felder in der kambodschanischen Provinz Koh Kong platt. Dort wo bis zu jenem Mai 2006 rund 400 Familien Reis angebaut und sich einen bescheidenen Lebensunterhalt gesichert hatten, lässt nun der Konzern Khon Kaen Sugar Industry auf ausgedehnten Plantagen Zuckerrohr wachsen. Das thailändische Unternehmen produziert daraus Rohzucker, ...

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... der nach Europa verschifft wird. Die Kleinbauern, die ihre Felder zuvor jahrelang beackert hatten, wurden vertrieben – ein klarer Fall von Menschenrechtsverletzung.

Gewaltsamen Räumungen wie in Koh Kong sind kein Einzelfall, sagt Roman Herre, Agrarreferent bei der Organisation Fian (Food First Informationsund Aktions-Netzwerk). Herre hat ähnliche landwirtschaftliche Projekte in dem südostasiatischen Land besichtigt. Kambodscha, so sein Fazit, gehöre „zu den wildesten Ländern“, wenn es um ein derzeit in vielen Regionen des Südens zu beobachtendes Phänomen geht: die Übernahme riesiger Agrarflächen durch ausländische Investoren. Weil dabei regelmäßig bisherige Nutzer ihre Weideflächen oder Äcker verlieren, hat sich ein prägnanter Begriff eingebürgert: Landraub. Von einer „neuen Form des Kolonialismus“ spricht Beat Dietschy, Zentralsekretär der Schweizer Organisation Brot für alle. Die Hilfsorganisation Oxfam bezeichnet die Vorgänge in einer Studie mit dem Titel Land and Power als „development in reverse“ – sinngemäß: als Entwicklung im Rückwärtsgang. Gänzlich neu sind ausländische Landnahmen in Ländern des Südens nicht. Schon lange bauen Konzerne in Indien und der Karibik, in Lateinamerika und Afrika auf großen Plantagen Kakao und Zuckerrohr, Tee und Bananen an. Allerdings haben sich sowohl das Ausmaß als auch die Strukturen seit wenigen Jahren deutlich verändert. Es gebe „andere Motive, andere Akteure und andere Geschäftsmodelle“, sagt Thomas Fritz vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL) in Berlin. Zu den Unternehmen, die den Appetit auf bestimmte Lebensmittel befriedigen, gesellen sich Schwellenländer, die Nahrungsmittel anbauen, zudem Energiekonzerne und Finanzinvestoren.

Staaten auf Einkaufstour

Ganze Staaten gehen auf Einkaufstour in Sachen Land, um jenseits der eigenen Grenzen Reis oder Weizen anbauen zu können. Bisher hatten diese Länder Grundnahrungsmittel in großem Stil importiert. Als ab 2005 allerdings die Preise rapide zu klettern begannen und Exporteure wie Russland oder Vietnam nach Missernten befristete Ausfuhrsperren verhängten, begann man sich um die eigene Nahrungsmittelsicherheit zu sorgen und Konsequenzen zu ziehen. Etliche Golfstaaten etwa wollen selbst Getreide erzeugen. Weil es im eigenen Land an geeigneten Böden und Wasser fehlt, wird die Produktion ins Ausland verlagert. Von einem „Outsourcing der Lebensmittelerzeugung“ spricht Fritz. Also werden Gesellschaften wie die Foras International Investment Company gegründet, die im Auftrag der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in Ländern wie Senegal, Mali und Sudan nach Flächen für den Reisanbau sucht. Angestrebtes Ziel: bis zu 700.000 Hektar.

Foto: Florian Kopp/Brot für die Welt

Die Konkurrenz freilich ist hart. Um Boden buhlen schließlich auch Ölmultis und Energieunternehmen. Angesichts des stetig steigenden Erdölpreises sowie der Debatten um die Klimaschädlichkeit fossiler Energieträger setzen sie zunehmend auf die Herstellung von Bio-Ethanol und Bio-Diesel. Der Haken: Dazu müssen in enormem Umfang Zuckerrohr und Soja, Jatropha, Mais oder Ölpalmen angebaut werden. Die Folgen sind in Ländern wie Kolumbien zu besichtigen, das fünftgrößter Erzeuger von Palmöl ist. Auf 360.000 Hektar wird die Anbaufläche beziffert. Entstanden ist, was Beobachter „grüne Wüsten“ nennen: Plantagen, auf denen die immer gleichen Pflanzen wachsen, so weit das Auge reicht.

Die Jagd auf Ackerland wird schließlich nicht zuletzt durch Finanzinvestoren angetrieben, die erkannt haben, dass die Produktion von Nahrungsmitteln in einer immer dichter bevölkerten Welt ein lukratives und krisensicheres Geschäftsfeld ist. Also engagieren sich Hedgefonds, Investmentgesellschaften und Risikokapitalfirmen beim Landerwerb oder der Finanzierung von Agrarfirmen, die an eigenen Ländereien interessiert sind. Bis zu 120 derartige Finanzfirmen sind nach Analysen der Nichtregierungsorganisation Oxfam beteiligt. Während in vielen anderen Wirtschaftsbereichen derzeit die Aussichten eher düster sind, gilt die Anlage von Kapital im Agrarbereich als inflationssicher. Den Anlegern werden Renditen von 15 bis 25 Prozent in Aussicht gestellt. Derlei Investitionen, schreibt Thomas Fritz, vom FDCL seien „Dünger für das Depot“.

In der Folge kommt es mittlerweile zu einem beispiellosen Ansturm auf Ackerland, dessen genaues Ausmaß freilich schwer zu beziffern ist. Nach Angaben von Grain, einer auf Themen wie Biodiversität und Landnutzung spezialisierten Nichtregierungsorganisation, wurden in den Jahren 2008/09 rund 46,6 Millionen Hektar Land verkauft oder verpachtet, davon 32 Millionen Hektar in Afrika südlich der Sahara und 8 Millionen in Südostasien. Auf mehr als einem Drittel sollten Nahrungsmittel angebaut werden, auf rund einem Fünftel Pflanzen für die Herstellung von Bio- Treibstoffen. Dazu kamen Flächen für „cash crops“ wie Kakao und Tee sowie für Holzplantagen oder Weideland.

Peak Oil und Peak Soil

Experten zufolge nimmt der Umfang der Geschäfte rasant zu. Die im September 2011 veröffentlichte Oxfam-Studie spricht bereits von 227 Millionen Hektar Land, die seit 2001 verkauft wurden. Das entspricht einem Gebiet von der Größe Westeuropas. Neben Flächen in afrikanischen Staaten wie Tansania, Malawi oder Senegal sind auch Länder wie die Mongolei und Laos, Brasilien und Paraguay, die Ukraine und Rumänien betroffen. Verhandelt wird Schätzungen zufolge über 10 bis 30 Prozent des global verfügbaren Ackerlands. Die Ressource Boden wird immer wertvoller – und knapper. In Anlehnung an den Begriff Peak Oil, der das Maximum der zu fördernden Menge an Erdöl bezeichnet, wird von Peak Soil gesprochen. Der Berliner Wissenschaftler Thomas Fritz, der 2009 ein Buch unter diesem Titel vorgelegt hat, spricht vom „Gipfel der Vernutzung von Boden“.

Dorfbewohner in der Provinz Preah Vihear in Kambodscha protestieren gegen die bevorstehende Vertreibung in ihrem Land.


Foto: LICADHO/www.licadho-cambodia.org

Besondere Brisanz gewinnt das Thema, weil es sich bei den verkauften oder auf lange Zeit gepachteten Flächen in aller Regel nicht um Niemandsland handelt. Vielmehr werden viele der Flächen von Bauern bewirtschaftet, die dort Nahrung für ihre Familien und die regionale Bevölkerung produzieren. Wenn die Neueigentümer beginnen, auf den Flächen Getreide oder Soja anzupflanzen, werden sie verdrängt oder vertrieben. Im günstigsten Fall erhalten sie eine Entschädigung; versprochen werden zudem Arbeitsplätze und ein Ausbau der oft schlechten Infrastruktur. Allerdings zitiert Roman Herre einen kambodschanischen Bauern: „Als die Straße kam, kamen die Bulldozer, um unseren Wald zu zerstören.“

Bulldozer wühlen Gemeindeland um, auf dem kambodschanische Bauern zuvor Reis angebaut hatten.


Foto: FIAN

Formal gibt es für die Kleinbauern oft keine Handhabe gegen die Übernahme ihrer Äcker. Der Grund dafür ist, dass in vielen wenig entwickelten Ländern unterschiedliche Rechtsnormen aufeinanderprallen. Juristisch fixierten Rechten stehen vom Staat anerkannte, aber informelle Landrechte gegenüber. Sie werden etwa erworben, wenn Ackerflächen für eine bestimmte Zeit genutzt wurden. Sie sind aber schwer einklagbar. Oftmals ist deshalb die Enteignung und Vertreibung im Zuge von Landgeschäften „im Sinne formeller Gesetze sogar rechtens“, sagt Jann Lay, Juniorprofessor am German Institute of Global and Area Studies (Giga) in Hamburg. Nur wenn Landrechte „transparent vergeben und administriert werden“, könnten Konflikte vermieden werden – nicht zuletzt, weil Entschädigungen durchgesetzt werden könnten.

Davon sind viele Regionen vor allem in Afrika weit entfernt. Forscher beobachten denn auch, dass Investoren gezielt solche Länder auswählen, in denen Landrechte schlecht ausgeprägt sind – wie auch das Bemühen der Regierungen, das zu ändern. Verwiesen wird auf Länder wie Sambia, wo 94 Prozent der Fläche als „customary land“ von Dorfvorstehern verwaltet werden, die mit den Investoren verhandeln können, in derlei Geschäften aber wenig erfahren sind. Anderswo kooperieren Behörden stillschweigend mit Investoren. Fina- Referent Herre verweist auf Kambodscha. Dort wurden während der Terrorherrschaft der Roten Khmer sämtliche Grundbuchakten vernichtet. Seither müht sich die Regierung zwar mit Unterstützung auch aus Deutschland, die Vergabe von Landtiteln voranzutreiben. Dabei werden oft auch „possession rights“, die durch langjährige Nutzung erworben wurden, anerkannt. Allerdings würden indigene Gemeinschaften ausgeschlossen und Flächen, die für internationale Investoren von Interesse seien, regelmäßig ausgeklammert.

Ein Senator mischt mit

In der Folge werden Geschäfte wie in der Region Kho Kong ermöglicht. Dort schlossen die Firmen Koh Kong Plantation Company und Koh Kong Sugar Industry Company Konzessionsverträge mit dem Agrarministerium. Sie erwarben jeweils Flächen von 9.000 Hektar, die aber direkt aneinandergrenzen. Auf diese Weise, erklärt Herre, wird die eigentlich geltende Höchstgrenze von 10.000 Hektar für solche Landgeschäfte umgangen. Hinter beiden Firmen stehen freilich die gleichen Eigentümer. Neben dem thailändischen Zuckerkonzern ist das auch ein Senator der regierenden Kambodschanischen Volkspartei, was dem Geschäft recht förderlich gewesen sein dürfte. Von ähnlichen Verquickungen zwischen Investoren und Politik ist auch in vielen anderen Fällen auszugehen. „Korrupte Machthaber verhökern so die Ernährungsbasis ihrer Bevölkerung“, stellt Herre fest. „In Trockenregionen werden mit den Latifundien zudem großzügige Wasserrechte vergeben. Es werden also nicht nur Menschen von ihrem Land vertrieben, sondern auch den in der Nachbarschaft verbleibenden Kleinbauern das Wasser abgegraben.“ Trotz solcher Auswirkungen auf die Landbevölkerung werden die Landkäufe in vielen Entwicklungsländern offiziell begrüßt – mit der Begründung, dass so der darbenden Landwirtschaft Schwung verliehen werde. Auch Organisationen wie die Weltbank verweisen gern auf den Kapitalmangel und die niedrige Produktivität in der Landwirtschaft der meisten wenig entwickelten Länder. Sie rechnen vor, dass in den Ländern südlich der Sahara im Jahr 2008 von einem Hektar Ackerfläche nur 1.230 Kilogramm Weizen geerntet wurden; der weltweite Durchschnitt lag bei 3.707 Kilogramm. „Wenn die Welt das Ziel erreichen will, Armut und Hunger bis 2015 zu halbieren, müssen die Entwicklungsländer die Produktivität ihrer Landwirtschaft deutlich steigern“, heißt es in einem im September 2010 veröffentlichten Weltbankpapier über das weltweit wachsende Interesse an Ackerland.

„Unser Land ist unser Kühlschrank.“ Kinder in Papua-Neuguinea protestieren gegen Landraub, bei dem Holzkonzerne 5,2 Millionen Hektar übernehmen.


Foto: Paul Hilton/Greenpeace

Lange zu wenig investiert

Ein Grund für die mangelnde Produktivität ist nach Ansicht der Finanzorganisation fehlendes Geld: Die Weltbank spricht von einer „andauernden Unterinvestition“. Diese hat Gründe, heißt es in einer Analyse des indischen Autors Shambhu Ghatak. Er verweist darauf, dass die öffentlichen Ausgaben für die Landwirtschaft in Südostasien ebenso dramatisch gesunken seien wie die Ent- wicklungshilfe in diesem Bereich. Dies „öffnet den Weg für die Privatwirtschaft, um im Agrarsektor zu investieren“. Dass mehr Geld in den Agrarsektor fließen muss, betont selbst die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO: Die privaten Investitionen in den am wenigsten entwickelten Ländern „müssen um 50 Prozent steigen, wenn eine Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 ernährt werden soll“, heißt es in einem Papier.

Fraglich ist aber, ob Großinvestitionen der richtige Weg sind, um die ländliche Entwicklung in wenig entwickelten Ländern voranzutreiben. Kritiker merken an, dass in vielen der Länder, die den Golfstaaten als Agrarexklaven dienen oder in denen Energierohstoffe für europäische Autos angebaut werden, die heimische Bevölkerung hungert. In Äthiopien baut zum Beispiel laut der Organisation Brot für die Welt ein deutscher Investor auf rund 13.000 Hektar Energiepflanzen an. Derweil sind 41 Prozent der Bevölkerung unterernährt. Im Sudan erwarb Südkorea 690.000 Hektar, um Weizen anzubauen. Gleichzeitig ist jeder fünfte Sudanese unterernährt. Ein Bauernvertreter in Benin spricht von einem Export der Lebensmittel unsicherheit: Damit sich beispielsweise arabische Schwellenländer besser mit Nahrungsmitteln versorgen können, werden Kleinbauern in Afrika vertrieben.

Die Art der Landwirtschaft, die dort oft betrieben wird, hat mit den hehren Zielen der Investitionsbefürworter wenig zu tun. „Peak Soil“-Autor Thomas Fritz geht davon aus, dass oft Monokulturen entstehen. Gentechnisch verändertes Hochleistungssaatgut werde ebenso eingesetzt wie Agrarchemie. Einheimische Bauern fänden kaum eine Anstellung. Fritz nennt Zahlen, wonach auf Maisplantagen ein Mitarbeiter je 100 Hektar beschäftigt wird und selbst auf Zuckerrohrfeldern, die im Vertragsanbau bewirtschaftet werden, nur einer auf drei Hektar. Unterm Strich sei das ein kläglicher Beschäftigungseffekt. Bekämpfung von Armut könne man nicht mit industriell geführten Plantagen betreiben.

Allerdings wird nicht von allen Analysten ein so düsteres Bild gezeichnet. Jann Lay vom Giga-Institut in Hamburg hat ebenfalls ausländische Investitionsprojekte in der afrikanischen Landwirtschaft unter die Lupe genommen. Er fand Negativbeispiele wie eine 20.000 Hektar große Zuckerrohrplantage im Office du Niger, einem Bewässerungsgebiet in Mali, das von einem chinesischen Investor betrieben wird – nicht nur unter chinesischer Leitung, sondern sogar mit Facharbeitern aus Fernost. Lediglich die Hilfsarbeiter waren Einheimische. Hier gebe es „nur geringe Effekte für die lokale und nationale Entwicklung“, sagt Lay. Andererseits verweist er auf die „Dominion Farms“ in Kenia. Dort hat ein US-Investor 3.500 Hektar Sumpfgebiet im Yala Swamp in Ackerland für den Reisanbau verwandelt. Beschäftigt würden 600 Saisonarbeiter sowie 150 Festangestellte aus der Region. Dieses Projekt trage „zur lokalen Versorgungssicherheit bei“.

Auf ähnliche Beispiele verweist die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG), eine Tochter der bundeseigenen KfW-Bank, die unter anderem Agrarinvestitionen in wenig entwickelten Ländern finanziert. Nach Angaben von DEG-Abteilungsdirektor Thomas Koch wurden auf diese Weise 490.000 Arbeitsplätze gesichert; die Zielländer erhielten zudem 630 Millionen Euro an Steuereinnahmen. Auf Anfrage erklärte die DEG, sie unterstützte nur Investitionen, die sich „an internationalen Umwelt- und Sozialstandards messen lassen und zur lokalen Entwicklung beitragen“. Das gilt nicht zuletzt für die Schaffung von Arbeitsplätzen. Die Einbeziehung von Kleinbauern, heißt es, sei „erfolgreich möglich“.

Investoren sichern sich oft gerade dort Anbauflächen, wo ein erheblicher Teil der heimischen Bevölkerung hungert. Während die Käufer versprechen, die Landwirtschaft produktiver zu gestalten, warnen Kritiker, die Vertreibung von Kleinbauern verschärfe das Problem.

Nutzen für Kleinbauern

Ob das in jedem Fall zutrifft, ist schwer nachprüfbar. Berichte zeichnen beispielsweise ein sehr widersprüchliches Bild von einer Zuckerrohrplantage in Sierra Leone, die von der Schweizer Firma Addax für die Erzeugung von Bio-Sprit errichtet wurde und zu deren Finanzierung auch die DEG 20 Millionen Euro beisteuerte. Einerseits wird die Investition als Musterbeispiel für ethisch sauberes Wirtschaften dargestellt. Die Bewohner seien einbezogen worden, es würden keine bereits bewirtschafteten Landflächen beansprucht, eine Untersuchung zu ökologischen und sozialen Auswirkungen wurde erstellt, heißt es. Das Oakland Institute, ein in Kalifornien ansässiges, auf das Thema Landrechte spezialisiertes Institut, warf Addax dagegen im Oktober 2010 vor, seine Versprechen nicht zu halten. Statt versprochener 3.000 seien erst 200 Jobs entstanden, Schulen, Gesundheitszentren und Brunnen noch nicht gebaut. Addax selbst teilte Ende 2011 anlässlich einer Spatenstichfeier mit, es würden 772 Menschen beschäftigt; gezahlt werde das Doppelte des Mindestlohns. Dank großflächigen Reisanbaus gebe es in der Gegend keinen Hunger mehr. Die Firma nennt das Projekt einen Meilenstein für nachhaltige Investitionen. Das Oakland Institut zitiert einen Einheimischen: „Sie kamen und versprachen, uns aus der Armut zu erlösen, statt dessen vergrößern sie sie.“ Bei der Weltbank hat man wohl derartige Beispiele im Sinn, wenn von einer Win-win-Situation durch Agrarinvestitionen gesprochen wird. Die Projekte, heißt es, nützten den an Gewinnen interessierten Investoren ebenso wie den Ländern, in denen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen entstünden und die Infrastruktur ausgebaut werde. DEGAbteilungs direktor Koch betont in einem „Brot-für-die-Welt“-Dossier, eine Pauschalverurteilung sei „nicht berechtigt“. Giga-Forscher Jann Lay findet, dass das „schlichte Bild des Landraubs“ nicht zutreffe. Noch lägen nur wenige Studien zu Projekten und Folgen vor. Derzeit sei es wenig sinnvoll, eine abschließende Antwort auf die Frage zu suchen, ob Agrarinvestitionen generell als gut oder schlecht zu bewerten seien. Allerdings, fügt er hinzu, sei es nicht von der Hand zu weisen, dass manche der Transaktionen Elemente eines Diebstahls hätten.

Foto: Musa Dube/Fotolia.com

Zuckerrohr statt Reis : Wo Kleinbauern vorher ihre Felder bestellten, entstehen Monokulturen für Agrotreibstoff.


Foto: Thomas Lohnes/Brot für die Welt

Viele Beobachter bleiben skeptisch. „Die vermeintlichen Potenziale sind bis jetzt Potenziale geblieben“, sagt Fian-Referent Roman Herre, „die Befürchtungen über negative Effekte aber wurden schon zigfach bestätigt.“ Die Organisation Oxfam hat in ihrer Studie Kriterien dafür formuliert, wann von Landraub zu sprechen sei. Das ist der Fall, wenn Menschenrechte verletzt werden, indem zum Beispiel Bauern vertrieben und so in ihrem Recht auf Nahrung beschnitten werden, oder wenn es keine auf ausreichend Informationen beruhende Vorabzustimmung der örtlichen Bevölkerung gab, oder auch wenn soziale oder ökologische Folgen nicht berücksichtigt wurden oder transparente Verträge mit für die Investoren bindenden Verpflichtungen fehlten.

Weil das häufig der Fall sei, gehen manche Kritiker so weit, ein generelles Ende des Landraubs zu fordern. Eine im Februar 2011 beim Weltsozialforum in Dakar entstandene Erklärung, die von rund 500 Bauern- und Entwicklungsorganisationen getragen wird, fordert die Rückgabe verkauften oder verpachteten Landes an lokale Gemeinschaften. Künftig müsse Landraub dank verbindlicher Regeln verhindert werden. Andere setzen auf strengere Bedingungen. Die Weltbank hat sieben Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren im Agrarsektor formuliert. Es gehe darum, nicht nur mehr Investitionen, sondern bessere Investitionen anzuziehen. Kritiker wenden ein, es handele sich nur um freiwillige Verhaltensregeln. Brigitte Reisenberger von Fian Österreich glaubt, solche Selbstverpflichtungen dienten dazu, den

„Landraub lediglich weißzuwaschen“. Leitlinien erarbeitet auch die Welternährungsorganisation FAO. Sie wenden sich an Firmen, Regierungen, die Zivilgesellschaft und NGOs. Es geht um Prinzipien wie informierte Vorabzustimmung oder wirksame Kontrolle von Verpflichtungen in den Verträgen. Die Investoren, mahnte FAO-Generalsekretär Jacques Diouf, müssten „die Rechte der örtlichen Vertreter ebenso anerkennen wie die Belange der heimischen Nahrungsmittelsicherheit und der ländlichen Entwicklung“. Nur so lasse sich vermeiden, dass Landgeschäfte zu einer Konfliktquelle würden.

Wie wirksam die FAO-Leitlinien wären, ist umstritten. Sie sind ebenfalls freiwillig, wären aber verbindlicher als die Weltbankprinzipien, meinen Befürworter. Immerhin bezögen sie sich auf internationale Menschenrechtsnormen und müssten von den Regierungen unterzeichnet werden. Während das entwicklungspolitische Netzwerk Inkota der FAO eine zwiespältige Rolle attestiert, sieht Thomas Fritz deren Leitlinien als gewissen Fortschritt: „So ließen sich zumindest die übelsten Auswüchse unterbinden“, sagt der „Peak Soil“-Autor. Generell hält er freilich am Urteil fest, dass Beispiele für Landnahmen mit positiven Effekten „sehr spärlich gesät“ seien. Und investieren, fügt er hinzu, „kann man auch ohne Landerwerb.“