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Leben braucht Vielfalt


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2011 vom 04.11.2011

Die Menschheit ist für die Artenvielfalt das, was ein riesiger Meteorit einst für die Dinosaurier war: Seit 65 Millionen Jahren verschwanden noch nie derart viele Tiere und Pflanzen in so kurzer Zeit. Doch es gibt gute Gründe, den Reichtum von Flora und Fauna zu bewahren.


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Der Artenschutz hat ein peinliches Problem: Niemand weiß, wie viele Arten es auf unserem Planeten gibt – die Schätzungen reichen von drei Millionen bis 20 Millionen. Wer mag da behaupten, 20 Prozent aller Arten seien bedroht, wenn es genauso gut nur drei Prozent sein könnten? Da hilft nur nachzählen, sagten sich einige Biologen ...

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Der Artenschutz hat ein peinliches Problem: Niemand weiß, wie viele Arten es auf unserem Planeten gibt – die Schätzungen reichen von drei Millionen bis 20 Millionen. Wer mag da behaupten, 20 Prozent aller Arten seien bedroht, wenn es genauso gut nur drei Prozent sein könnten? Da hilft nur nachzählen, sagten sich einige Biologen und sprühten kurzerhand einzelne Bäume im brasilianischen Regenwald mit Gift ein – biologisch abbaubarem, versteht sich. Was dann von oben auf sie niederprasselte, überstieg ihre Vorstellungskraft: Unter den Tausenden von Insekten fanden sie allein rund 160 verschiedene Käferarten pro Baum. Hochgerechnet auf den gesamten Regenwald gehen die Wissen- schaftler nun von mehreren Millionen unterschiedlicher Insektenspezies aus. Eine Million davon sind heute wissenschaftlich beschrieben.

Ebenfalls nachgezählt haben Forscher aus 80 Ländern zehn Jahre lang beim „Census of Marine Life“. Anhand der gesammelten Daten gehen die Biologen in der bislang wohl genausten Schätzung von 8,7 Millionen Arten aus – plus/minus 1,3 Millionen. 6,5 Millionen leben demnach an Land, weitere 2,2 Millionen im Wasser – und nur etwa jede zehnte Art ist beschrieben.

Arten sterben heute bis zu zehntausend Mal schneller

Allein der Gedanke an so manches der kriechenden, krabbelnden, fliegenden Viecher lässt den ein oder anderen menschlichen Mitbewohner des Planeten Erde hoffen, nie mit einem dieser Tiere in Kontakt zu kommen. Dieser Wunsch kann Wirklichkeit werden: In den Tropenwäldern sterben derzeit etwa 30.000 Arten pro Jahr aus. Drei pro Stunde. Und in den anderen Regionen der Welt sieht es nicht besser aus. Knapp ein Drittel der bekannten Amphibien ist bedroht, und in Asien soll der Anteil der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten sogar noch darüber liegen.

Einwandernde Arten, Klimaschwankungen und Krankheiten – diese Faktoren setzten den Öko-Systemen schon immer zu und es starben auch schon immer Arten aus. Dennoch beschleunigt der Faktor Mensch das Artensterben deutlich – je nachdem welchem Wissenschaftler man glauben mag, um das Hundert- bis Zehntausendfache. Die Geschwindigkeit könnte weiter zunehmen, denn der Weltklimarat gab in seiner jüngsten Untersuchung, wie der Klimawandel Öko-Systeme und Landwirtschaft betrifft, Anfang 2007 eine besorgniserregende Prognose ab: Wenn die globale Durchschnittstemperatur um mehr als 1,5 bis 2,5 Grad Celsius steigen sollte, was wahrscheinlich ist, werden 20 bis 30 Prozent der Tierund Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sein. Bei mehr als vier Grad Celsius könnte es gar vier von zehn Arten treffen.

Als Folge kämen auch auf die Menschheit ungeahnte Probleme zu. Wir sind in vielen Bereichen direkt von den Serviceleistungen der Natur abhängig: Pflanzen versorgen uns mit Sauerstoff und Energie, regulieren das Klima, dienen als Nahrung, Baumaterial und Heilmittel. Insekten sorgen für die Bestäubung der Pflanzen, Nutztiere für Arbeitskraft und Fleisch. Das komplexe Netzwerk aus Kleinstlebewesen und Mikroben kompostiert unseren Abfall, düngt die Erde, reinigt Flüsse und Gewässer. Betrachtet man die Öko-System-Leistungen maximal umfänglich, übersetzt sich das in einen erheblichen Geldbetrag: Bliebe die Politik untätig, so errechneten Forscher 2008 im Auftrag der europäischen Kommission, gingen 2050 gegenüber dem Jahr 2000 jährliche Leistungen der Ökosysteme im Wert von 14 Billionen Euro verloren. Während der Gesamtbetrag aufgrund unterschiedlicher Definitionen und seiner enormen Komplexität umstritten ist, gibt es für die Leistungen einzelner Öko-Systeme belastbare Zahlen. So „erwirtschaftet“ beispielsweise ein Korallenriff UN Umweltberichten zufolge je nach Region zwischen 100.000 und 600.000 Euro pro Quadratkilometer und Jahr durch Küstenschutz, Fischerei und Tourismus. Alle Riffe zusammen kommen so auf 307 Milliarden Euro jährlich, von denen eine halbe Milliarde Menschen unmittelbar profitieren.

Der Mensch ist der Hauptgrund für das Artensterben, denn er dringt immer weiter in den tropischen Urwald vor. Dort leben die meisten bedrohten Arten.


Nun ist selbst der Bestand unserer nächsten Verwandten, der Menschenaffen, in manchen Regionen um die Hälfte gesunken. Beispiel Orang-Utan: Früher fand man die rotbraunen Affen noch in weiten Teilen Asiens, doch ihre Heimat, die tropischen Regenwälder, wurden zur Holz- und Palmölgewinnung massiv abgeholzt. Heute ist ihr Bestand auf die Inseln Borneo und Sumatra beschränkt. Mit Sorge beobachten Naturschutzorganisationen wie der World Wide Fund for Nature (WWF), dass Wilderer nun auch die wenigen jungen Orang-Utans fangen. Sie sind zu beliebten und hochpreisigen Haustieren geworden – die dann als Erwachsene von ihren Besitzern ausgesetzt oder erschossen werden. Aber nicht jeder Rückgang einer Tier- oder Pflanzenart ist derart einfach auf den Menschen zurückzuführen. Menschliche Einflüsse setzen viele Arten indirekt unter Druck: Siedlungsgebiete und Weideflächen verkleinern ihren Lebensraum, eingeschleppte Arten erhöhen den Konkurrenzdruck und Umweltverschmutzung sowie Überdüngung belasten die Öko-Systeme.

Naturschutzexperten sagen den Orang-Utans ein düsteres Schicksal voraus, denn die Regenwälder ihrer Heimat werden abgeholzt.


Foto: stock xchng/mioawee

Der Service von Flora und Fauna ist unbezahlbar und kostenlos

Aber ist es so schlimm, wenn einige Arten untergehen? Orang-Utans kennen die meisten Menschen schließlich aus dem Zoo und exotische Orchideen finden sich in jedem Blumenladen. Es ist schlimm, sagen Naturschützer. Sie müssen längst nicht mehr zu Bildern schöner Schmetterlinge oder niedlicher Pandabären greifen, um zu belegen, was der Menschheit durch den Artenschwund unwiederbringlich verloren geht. Zahlreiche Studien zeigen, dass wir unsere Gesundheit und Ernährung aufs Spiel setzen, wenn wir den Artenschutz vernachlässigen. Denn die Artenvielfalt kann sich bezahlt machen. Naturforscher streifen längst nicht mehr allein durch die entlegensten Ecken der Erde. Vom Regenwald bis zum Korallenriff folgen ihnen Vertreter der Naturheilkunde und Pharmaindustrie. Tiere, Pflanzen und Mikroben entwickelten sich über Jahrmillionen zu Spezialisten in der Herstellung unterschiedlichster Substanzen – einige davon mit hoher medizinischer Wirkung beim Menschen. Kein Wunder also, dass die Heilkunde Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge etwa 21.000 Pflanzenarten verwendet. Die WHO schätzt den Marktwert der Heilpflanzen auf 65 Milliarden US-Dollar jährlich. Dem Bundesverband der Arzneimittelhersteller zufolge verkauften deutsche Apotheken 2010 pflanzliche Arzneimittel für etwa 1,1 Milliarden Euro. Das entspricht knapp einem Viertel aller rezeptfrei abgegebenen Arzneimittel.

Kompakt

Was ist … eine Art?

Paarungsfähigkeit: Hund und Katze sehen verschieden aus – und bei ihnen handelt es sich auch um zwei eigene Arten. Dass es sich hingegen bei Schäferhund und Dackel um dieselbe Art handelt, ist weniger offensichtlich. Grundregel: Zwei Tiere oder Pflanzen gelten immer dann als eine Art, wenn sie sich miteinander paaren können.Fruchtbarer Nachwuchs: Der Nachwuchs der beiden Partner muss außerdem selbst fruchtbar sein. Daher gelten Pferde und Esel als getrennte Arten, obwohl sie sich paaren können – ihre gemeinsamen Nachkommen, Maultiere bzw. Maulesel, sind untereinander unfruchtbar. Eine zweite Einschränkung berücksichtigt die Gegebenheiten in freier Wildbahn: Tiere oder Pflanzen einer Art müssen sich auch unter natürlichen Bedingungen miteinander paaren. Deswegen zählen Löwen und Tiger zu verschiedenen Arten, obwohl sie durchaus Nachwuchs – Liger oder Tigons genannt – miteinander bekommen können. Sie tun es aber nicht aus eigenem Antrieb.Die Gene: Biologen unterscheiden Arten inzwischen häufig anhand deren Gene. Je stärker die Erbinformation zweier Lebewesen voneinander abweicht, desto wahrscheinlicher ist, dass sie zu verschiedenen Spezies gehören. Aus den genetischen Unterschieden lassen sich auch Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Arten ableiten.

Foto: stock xchng/Stellabo

Schutzgebiete. Damit die Weltmeere wieder gesunden können, müsste gut ein Fünftel der Ozeane unter strenge Aufsicht gestellt werden.


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Dies ist das letzte Jahrhundert mit natürlich gefangenem Fisch

Schätzungsweise drei Viertel der pharmazeutischen Produkte auf dem deutschen Markt gehen direkt oder indirekt auf Naturheilverfahren zurück. Ohne Nachhilfe aus der Natur stünden Ärzte vielen Krankheiten machtlos gegenüber. Auch das berühmteste Medikament der Welt, Aspirin, hat mit einem Wirkstoff aus Weidenrinde ein natürliches Vorbild. Sogar im Kampf gegen Krebs lohnt sich das Stöbern in der Artenvielfalt: Von den 155 seit den 1940er-Jahren zugelassenen Krebsmedikamenten handelt es sich bei drei von vieren um Wirkstoffe, die von der Natur abgeschaut wurden.

Pharmazeuten benötigen nur kleine Mengen einer Art, um sie auf ihre heilende Wirkung hin zu untersuchen. Dennoch steht jede fünfte Heilpflanze aufgrund zu starker Nutzung vor dem Aus. Die Hersteller von Arzneimitteln tragen daran nur eine Teilschuld: Viele der Heilkräuter finden sich auch in Tees, Spirituosen, Süßwaren, Diätzusätzen und nicht zuletzt Kosmetika wieder. Etwa 80 Prozent der Pflanzen, die im nicht medizinischen Bereich verwendet werden, stammen aus Wildsammlungen.

Dieses oft unkontrollierte Pflücken kann die seltenen Gewächse schnell in Bedrängnis bringen. So steht die Pharma- und Kosmetikindustrie vor dem Problem, steigenden Bedarf mit sinkenden Vorkommen in Einklang zu bringen. Nur ein Prozent der genutzten Pflanzenarten, unter anderem Ginkgo und Ginseng, werden auf Feldern und in Gewächshäusern angebaut. Sei es, weil die oft anspruchsvollen Standortbedingungen der Pflanzen nicht ausreichend erforscht sind oder es billiger ist, sie direkt aus der Natur zu holen.

Die Weltnaturschutzunion IUCN hat gemeinsam mit dem WWF und dem Bundesamt für Naturschutz verbindliche Regeln festgelegt, die eine nachhaltige Nutzung des Artenreichtums ermöglichen sollen. 2009 haben die Projektpartner zusammen mit der Industrie das Artenschutzsiegel „Fair Wild“ für nachhaltig erzeugte Produkte entwickelt. Die ersten der bislang 46 zertifizierten Heil- und Medizinalpflanzen sind inzwischen im Handel, vor allem in Form von Kräutertees.

Opfer des Tourismus. Robben werden aus ihren natürlichen Lebensräumen verdrängt, weil sich an den Stränden die Urlauber ausbreiten.


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Drei von vier Medikamenten hatten Nachhilfe aus der Natur

Viele Hersteller von Medikamenten und Kosmetik sind schon aus Eigennutz darauf bedacht, die Vielfalt von Flora und Fauna zu bewahren. Im Gegensatz dazu reduziert die Landwirtschaft die Anzahl der genutzten Arten immer weiter. Inzwischen entstammen mehr als die Hälfte der pflanzlichen Nahrungsmittel aus den drei Arten: Weizen, Mais und Reis, von denen jeweils nur ganz wenige Sorten genutzt werden. Ein Beispiel ist der Reisanbau in Indien. Von den 30.000 Sorten, die früher das Überleben der Bevölkerung sicherten, pflanzen die Bauern heute nur noch etwa zehn an. Für Landwirte scheint es verlockend, alles auf eine Karte zu setzen – bei den weltweit beliebten Reissorten handelt es sich in der Regel um pflegeleichte Arten. Doch die Beschränkung hat zwei Schwachstellen: Zum einen verlangen die Standardsorten stabile Umweltbedingungen – ein Todesurteil bei den Wetterkapriolen, die uns der Klimawandel zukünftig bescheren wird. Zum anderen bieten Monokulturen ideale Angriffsziele für Schädlinge.

Was der für viele Menschen abstrakte Begriff Klimawandel konkret bedeuten kann, bekamen die Länder um den Indischen Ozean nach dem Seebeben im Jahr 2004 zu spüren, bei dem mehr als 200.000 Menschen durch den Tsunami starben: Die Landwirtschaft erlitt in den Küstenregionen einen herben Schlag, denn das zurückfließende Meerwasser trug die dünne, fruchtbare Humusschicht ab und hinterließ einen nährstoffarmen, salzigen Boden. Normale Getreidearten gingen ein.

Das Internationale Reisforschungsinstitut IRRI, das sich der Bewahrung der Artenvielfalt verschrieben hat, stellte besonders salztolerante Reisarten zur Verfügung. Mit ihnen konnten die Landwirte einen Teil des Ernteverlusts ausgleichen. 2006 präsentierte das Institut einen weiteren Spezialisten aus dem Fundus der Natur: eine Reissorte, die eine vollständige Überflutung überstehen kann – für Regionen, die unter Überschwemmungen leiden, eine überlebenswichtige Alternative. Der von der Welternährungsorganisation gegründete Global Crop Diversity Trust schätzt, dass sechs Prozent der wilden Verwandten unseres Getreides und knapp ein Fünftel der Hülsenfrüchte durch Zerstörung ihres Lebensraums und durch sie verdrängende Zuchtformen bedroht sind. Deshalb weihte die Gruppe im Februar 2008 einen gigantischen Saatguttresor in der Arktis ein, den „Svalbard Global Seed Vault“. In ihm lagern inzwischen je 500 Samen von fast 700.000 Nutzpflanzensorten, allein 100.000 davon unterschiedliche Reissorten. Außer Reis umfassen die Proben mehr als 4.000 weitere Arten. Langfristig sollen bis zu drei Millionen Sorten jahrtausendelang sicher verwahrt werden. Dennoch können Gen-Banken, in denen Tier- oder Pflanzenproben lagern, nur ein Hilfsmittel zum Artenschutz sein: Ohne den Erhalt der natürlichen Lebensräume lässt sich die so bewahrte Vielfalt nicht wieder auswildern.

Das Bienensterben ist nicht nur eine Katastrophe für die Imker, die Bienen fehlen auch für die Bestäubung von Pflanzen und Bäumen in der Natur.


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Nach den Prognosen des Weltklimarates steht es zukünftig vor allem um die afrikanische und lateinamerikanische Landwirtschaft schlecht. Neue Wüsten könnten entstehen und der Boden versalzen. Der Klimawandel min dert die Ernten auch indirekt, indem er Schädlinge und Krankheiten begünstigt. Das belegt ein Beispiel aus den USA: Hier sorgte eine Rekordwärme im Frühjahr 2006 dafür, dass sich die Rostfäule rasant über die Sojafelder ausbreitete. Diese Pilzinfektion vernichtet in betroffenen Regionen bis zu 80 Prozent der Erträge und könnte die Landwirte in Zukunft bis zu eine Milliarde Dollar pro Jahr kosten.

Bienen im Stress: Parasiten, Pilze und sehr viel Arbeit

Nur eine größere Vielfalt bei den angebauten Pflanzen schützt vor plötzlich auftretenden Krankheiten und Klimaveränderungen, so die Ansicht der Wissenschaftler des Global Crop Diversity Trust. Jeder Computernutzer kann das nachvollziehen: Monokulturen wie das Windows-Betriebssystem von Microsoft, das weltweit auf der großen Mehrzahl der Rechner zu Hause ist, zieht mehr Computerviren und -würmer an, als seine zahlenmäßig unterlegenen Konkurrenten. In den 1970er-Jahren geschah etwas Vergleichbares auf den Reisfeldern von Indien bis Indonesien: Der Rice-grassy-stunt-Virus breitete sich in Windeseile über riesige Flächen mit einheitlichen Reissorten aus und gefährdete die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. Zum Glück waren noch genügend Wildarten vorhanden und das International Rice Institute fand unter mehr als 6.200 Sorten schließlich eine, Oryza nivara, die gegen das Rice-grassy-stunt-Virus immun war. Die Wissenschaftler kreuzten diese Sorte mit der bislang angebauten Pflanze – mit Erfolg: Die entstandene resistente Mischform ist noch heute eine der verbreitetsten Reisarten in Asien.

Die Abhängigkeit von einigen wenigen Arten wird derzeit auch am Schicksal der Honigbiene deutlich. Bereits seit mehreren Tausend Jahren züchten Menschen die fleißigen Insekten. Mittlerweile hängt etwa ein Drittel der menschlichen Nahrung von der Arbeit der Bienen ab – weltweit werden vier von fünf Obstbäumen von Zuchtbienen bestäubt. Einen Ersatz gibt es nicht mehr in der Natur: Wild lebende Bienen finden sich nur noch äußerst selten, da es ihnen an natürlichem Lebensraum fehlt. Unseren summenden Helfern ging es in der Kooperation lange Zeit sehr gut. Doch in den vergangenen Jahren mehrten sich die Probleme. Aus Asien kamen Varroa-Milben nach Europa. Während ihr ursprünglicher Wirt, die Östliche Honigbiene, sich durch spezielle Putztechniken gegen die Parasiten behaupten kann, ist die europäische Art ihnen schutzlos ausgeliefert. Die Schädlinge zapfen die Hämolymphe, das Blut der Insekten, an und übertragen Viren – viele Völker gingen daran zugrunde.

Interview Existenzgrundlage der Menschheit

Foto: Laurence Chaperon

Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen ist seit 1994 Mitglied des deutschen Bundestages. Seit Oktober 2009 ist er in der Regierungskoalition zuständiger Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Die Wahrung der Schöpfung sieht er auch durch die christliche Ethik geboten.

ÖKO-TEST: Herr Minister, im letzten Jahr beurteilten Sie die UN-Konferenz in Nagoya als positive Trendwende im Artenschutz. Weshalb ist der Artenschutz so wichtig?
Dr. Norbert Röttgen: Biologische Vielfalt ist nicht weniger als die Existenzgrundlage der Menschheit. Sie schützt uns vor Naturkatastrophen und reguliert das globale Klima. Sie liefert Nahrung, bietet fruchtbare Böden und ermöglicht Medikamente. Sie sichert unzähligen Menschen Arbeit und Einkommen. Das heißt, der Schutz der biologischen Vielfalt ist wesentliche Voraussetzung für eine weltweit nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung.

ÖKO-TEST: Deutschland hat keine extrem artenreichen Gebiete wie Regenwälder oder Korallenriffe. Was kann Ihr Ministerium zum Artenschutz beitragen?
Röttgen: Deutschland ist seit Langem einer der wichtigsten internationalen Geber für Biodiversitätsschutz in Entwicklungs- und Schwellenländern: von 2009 bis 2012 werden wir zusätzlich 500 Millionen Euro und ab 2013 dann jährlich 500 Millionen Euro für den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Wäldern und anderen bedeutenden Öko-Systemen bereitstellen. Deutschland hat sein finanzielles Engagement für den globalen Biodiversitätsschutz bereits von mehr als 170 Millionen Euro im Jahr 2008 auf über 260 Millionen Euro im Jahr 2010 erhöht. Mit der Nutzung von Erlösen aus dem europäischen Emissionshandel für den klimarelevanten Biodiversitätsschutz haben wir außerdem ein bisher weltweit einmaliges innovatives Finanzierungsinstrument eingeführt: die Internationale Klimaschutzinitiative. Über diese Initiative werden mit zusätzlichen Geldern weltweit beispielhafte Projekte zum Klimaschutz, unter anderem zur Erhaltung und zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Kohlenstoffsenken (insbesondere Wälder und Feuchtgebiete) in Entwicklungs-, Schwellen- und Transformationsländern gefördert. Seit 2008 wurden im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative Projekte zum klimarelevanten Biodiversitätsschutz in Höhe von über 110 Millionen Euro bewilligt

ÖKO-TEST: Welche Beiträge leisten die Nationen, in denen sich die größte Artenvielfalt findet?
Röttgen: Nationale Biodiversitätsstrategien und Aktionspläne sind die zentralen Instrumente zur Umsetzung des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD). Das Übereinkommen verpflichtet seine Vertragsparteien solche Strategien zu erarbeiten und umzusetzen. Immerhin 173 der 193 Vertragsparteien haben diese Instrumente in ihren Ländern eingeführt, andere sind dabei solche zu erarbeiten. Aus meiner Sicht ein solider Indikator, dass dem Biodiversitätsschutz eine wichtige Rolle bei allen Vertragsparteien beigemessen wird.

ÖKO-TEST: Genügen die ergriffenen Maßnahmen, um das globale Artensterben noch aufzuhalten?
Röttgen: Dass die ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichen, hat das Jahr 2010 gezeigt. Wir mussten feststellen, dass wir das globale 2010-Biodiversitätsziel, den weltweiten Verlust an biologischer Vielfalt bis 2010 entscheidend zu verlangsamen, nicht erreicht hatten. Daher war es so wichtig auf der Vertragsstaatenkonferenz der CBD in Nagoya, Japan, die notwendige Trendwende einzuleiten und einen neuen Fahrplan für Biodiversitätsmaßnahmen für die nächsten zehn Jahre festzulegen. Das ist uns mit der Verabschiedung der sogenannten Aischi Biodiversitätsziele gelungen. Insbesondere soll die Verlustrate von natürlichen Lebensräumen, einschließlich Wäldern bis 2020 mindestens halbiert und wo möglich auf null reduziert werden und deren Degradierung und Fragmentierung soll weitgehend reduziert werden. Darüber hinaus sollen mindestens 17 Prozent der globalen Inlandflächen und 10 Prozent der Küsten- und Meeresflächen bis 2020 durch den Ausbau eines Schutzgebiets-Systems erhalten werden. Weitere Ziele sehen bis 2020 den Stopp von Überfischung und zerstörerischen Fischereipraktiken, sowie die Abschaffung von umweltschädlichen Subventionen und von nicht nachhaltiger Produktion und Konsum vor. Die globale Landwirtschaft und Aquakulturen sollen bis zum Jahr 2020 nachhaltig werden. Wo nötig, sollen Öko-Systeme so restauriert und geschützt werden, dass sie ihre „natürlichen Dienstleistungen“ für den Menschen weiter erbringen können.

Kompakt Vier Strategien

Ursprünglicher Zustand: Das Ziel, alle Ökosysteme zu bewahren, verfolgen nur noch wenige Experten. Zum einen existiert in vielen Gebieten schon seit Jahrhunderten kein natürlicher Zustand mehr, zum anderen wäre ein globaler Artenschutz sehr teuer.

Hotspots: Aus ökonomischen Gesichtspunkten findet diese Strategie die meisten Anhänger. Sie beruht darauf, dass sich in begrenzten Gebieten die große Mehrheit der Arten befindet. Würden diese Gegenden unter Schutz gestellt, könnte eine hohe Biodiversität zu verhältnismäßig niedrigen Kosten garantiert werden.

Ökosystemdienste: Ob ein bestimmtes Gebiet schützenswert ist, lässt sich auch an dessen Wert für die dort lebenden Menschen berechnen. Es wäre ein herber Schlag für den Tourismus, sollte eine große Zahl an Löwen in Afrika aussterben. Mangrovenwälder an den Küsten Thailands verringern wiederum die Zerstörungskraft von Tsunamis. Eine Aufstellung solcher „Dienstleistungen“ der Natur bringt Wirtschaft und Bevölkerung hinter Natur- und Artenschutzprojekte. Die Schutzgebiete orientieren sich dabei anders als die Hotspots nicht zwingend an der Artenzahl.

Gen-Datenbanken: In ihren Kühlkammern lagern Pflanzensamen, Gewebeproben oder genetische Profile von Tausenden Arten. Sollte eine Spezies vom Aussterben bedroht sein, könnten Wissenschaftler den Bestand durch künstliche Aussaat oder geklonte Tiere ergänzen. Bislang sind die Techniken nicht ausgereift genug, als dass man sich auf Genbanken oder Zoos als Arche Noah verlassen könnte. Zumal auch für die ausgesetzten Tiere und Pflanzen geeignete Ökosysteme vorhanden sein müssten.

Ein noch größeres Massensterben erlebten 2007 die Imker in den USA. In einigen Staaten starben mehr als zwei Drittel der Bienenvölker an einer mysteriösen Epidemie – im Englischen Colony Collapse Disorder genannt. Auch die Folgejahre brachten teils herbe Verluste über die Bienenvölker. Die mögliche Ursache des Massentods diskutieren Forscher noch immer kontrovers. Als wahrscheinlich gilt, dass die Tiere durch Pestizide und andere Stressfaktoren ein geschwächtes Immunsystem hatten und an Milben oder Pilzinfektionen starben. Durch die Medien geisterte in diesem Zusammenhang oft ein Zitat, das – vermutlich fälschlicherweise – Albert Einstein zugeschrieben wird: „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“

Ein Zehntel der Landfläche steht inzwischen unter Schutz

Ganz so schnell wird es um die Menschheit wohl nicht geschehen sein. Dennoch verspielt sie das Potenzial, das in wenig beachteten Tier- und Pflanzenspezies steckt. Bauern und Industrie vernichten in Brasilien Regenwald, um Holz zu gewinnen und Platz für Rinderherden und Ackerbau zu schaffen. Das Rindfleisch lässt sich auf den internationalen Märkten gut verkaufen. Durch die großflächigen Rodungen schwindet nicht nur der Artenreichtum, auch das Weltklima wird durch den Verlust an Waldfläche stark belastet.

Der Naturforscher und Harvard-Professor Edward O. Wilson fand noch einen weiteren Grund, warum es unvernünftig ist, Kühe in den Dschungel zu treiben: Die nicht artgerechte Haltung ergibt einfach zu wenig Fleisch. Pro Quadratmeter könnte nach seinen Berechnungen zehnmal mehr wohlschmeckendes Fleisch gewonnen werden, ohne dazu den Regenwald abholzen zu müssen. Sein Ersatzkandidat für den Kochtopf ist ein zwei Meter langes Reptil. Der Grüne Leguan wird auch Baumhuhn genannt und gehört zu den traditionellen Speisen in den amerikanischen Tropen. Als natürlicher Bewohner des Regenwalds ist er perfekt an das dortige Leben und die tropische Pflanzenkost angepasst – und schlägt so die exotischen Rinder in der Fleischleistung um Längen. Doch statt die Möglichkeiten des Reptils zu nutzen und es zu schützen, bedroht der Mensch seinen Lebensraum.

Bedrohter Tiger. Vor 100 Jahren lebten von Indien bis Sibirien noch 100.000 Exemplare. Heute sind es nur noch wenige Tausend.


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Statt 30.000 nur noch zehn Reissorten auf den Feldern

An ein Leguansteak müssten sich die meisten Menschen wohl erst gewöhnen. Da fällt es schon leichter, neue Gemüsesorten auszuprobieren. Die Goabohne aus Neuguinea beispielsweise wächst äußerst schnell und lässt sich von der kartoffelartigen Knolle über die mit Spinat vergleichbaren Blätter bis zu den sojaähnlichen Samen vollständig verwerten. Angesichts des mit der Weltbevölkerung steigenden Bedarfs sollte man den unzähligen ungenutzten Pflanzenarten eine Chance geben. Schließlich beruht die derzeitige Auswahl an Nutzpflanzen eher auf historischen Zufällen als auf einer besonders hohen Leistungsfähigkeit. Experten streiten aber immer noch, welche Ansätze zum Artenschutz den größten Erfolg versprechen. Ein favorisiertes Modell sieht den Schutz von Hotspots vor, weltweit verteilten Gebieten mit hohem Artenreichtum. Diese Strategie könnte mit vergleichsweise geringen Kosten eine hohe Zahl an Spezies retten.

Das derzeit umfangreichste Hotspot-Projekt riefen die Vertragsstaaten auf der Artenschutzkonferenz im Mai 2008 aus: Unter dem Titel „Life Web“ sollen neue und bereits bestehende Schutzgebiete vernetzt werden. Mindestens zehn Prozent ihrer Fläche wollen die Staaten so vor schädlichen Einflüssen bewahren. Bis 2010 sollte das Projekt für Landgebiete und bis 2012 für Ozeane umgesetzt sein. In den ersten drei Jahren sind vom Finanzierungsbedarf in Höhe von etwa 550 Millionen Euro allerdings erst rund 150 Millionen eingegangen. Mehr als die Hälfte des Geldes stammt aus Deutschland. Umgesetzt wurden bislang 58 Vorhaben in 47 Ländern. Sind auf den Meeren Schutzgebiete eher schwer durchzusetzen, fördert auf den Kontinenten oft der Öko-Tourismus die Ausweitung der Reservate. In Costa Rica belegte er schon 1990 den zweiten Platz der wichtigsten Devisenquellen. Und in einigen Ländern Afrikas geht ein beträchtlicher Anteil des Bruttoinlandsprodukts auf Urlauber zurück, die von Löwen, Elefanten und Giraffen angezogen werden. Von den Parks, die für diese Vorzeigearten eingerichtet werden, profitiert auch die übrige Tier- und Pflanzenwelt.

Wir haben das große Glück, in der vermutlich – noch – artenreichsten Zeit in der Geschichte der Erde zu leben. Die jetzt vorhandenen Lebewesen haben sich über Jahrmillionen entwickelt und konnten sich in dieser Zeit auf eine stetig steigende Zahl von Lebensräumen und Nischen spezialisieren. Ein Verlust dieser Vielfalt wäre wohl unwiderruflich. Andere Tiere und Pflanzen können zwar oft den Platz von ausgestorbenen Arten einnehmen – es dauert jedoch zirka zehn Millionen Jahre, bis wieder eine ähnlich produktive und robuste Gemeinschaft in einem zerstörten Ökosystem entsteht. Ob unsere eigene Art das dann noch erlebt, ist stark zu bezweifeln.