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MACHT MIKROPLASTIK KRANK?: UNSER TÄGLICHPLASTIK


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 90/2019 vom 29.08.2019

Mikroplastik ist eine enorme Umweltbelastung – und es ist überall: in Flüssen, in den Meeren, in Böden und selbst in der Luft, die wir atmen. Forscher haben nun winzige Plastikteilchen in menschlichem Kot nachgewiesen. Wir essen also Plastik. Was macht das mit uns?


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Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 90/2019

Die Sache mit dem Menschen und der Umwelt ist wie ein Bumerang: Es kommt alles zurück. Jagen wir jahrzehntelang Treibgase in die Luft, erwärmt sich das Klima und lässt unsere Ernten verdorren. Müllen wir jahrzehntelang die Meere mit Plastik zu, fressen es die Fische und es landet irgendwann wieder auf unseren Tellern.

Das Plastik kommt zurück – ...

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... und es ist inzwischen überall. Böden, Flüsse und Meere sind voll davon, selbst auf Eisschollen und im Schnee in der Arktis haben Forscher Plastikteilchen gefunden. Plastik steckt in dem Wasser, das wir trinken, in den Lebensmitteln, die wir essen, und sogar in der Luft, die wir atmen. Bis zu fünf Gramm Plastik nimmt der Mensch im globalen Durchschnitt pro Woche (!) auf, so eine aktuelle Studie der australischen University of Newcastle im Auftrag des World Wide Fund for Nature (WWF). Das entspricht etwa dem Gewicht einer Kreditkarte. Eine. Kreditkarte. Pro. Woche. Nun ist es natürlich nicht ein Stück Plastik, das wir essen. Es sind Tausende winzige Plastikteilchen, die wir aufnehmen. Mikroplastik.


Wir essen Plastik, wir trinken Plastik und wir atmen Plastik ein: Im globalen Durchschnitt nehmen wir bis zu fünf Gramm Mikroplastik pro Woche auf.


Die allermeisten Teilchen entstehen durch Zerfall – wenn also etwa eine Plastiktüte sich langsam zersetzt. Oder ein Autoreifen sich auf der Straße abreibt. Hersteller setzen Mikroplastik aber auch ganz bewusst in Produkten ein: in Wasch-u nd Reinigungsmitteln, Funktionskleidung und Peelings etwa. Die Minipartikel gelangen dann über das Abwasser in die Meere – und dort in die Mägen ihrer Bewohner. Dass Plastik auch in den Mägen von Menschen steckt, haben nun erstmals österreichische Forscher nachgewiesen. Genauer gesagt: Sie haben nicht die Mägen, sondern den Kot untersucht und sind fündig geworden. Ja, die „Studie” ist keine wirkliche Studie, sondern ein Pilot. Die Forscher haben erst einmal den Stuhl von nur acht Probanden untersucht – das ist alles andere als repräsentativ. Aber: In jeder der acht Proben steckten winzige Plastikteilchen. Und davon nicht wenig, im Mittel waren es 20 Partikel pro zehn Gramm Kot. „Das war tatsächlich eine Überraschung für uns”, sagt Dr. Bettina Liebmann, Expertin für Mikroplastik am österreichischen Umweltbundesamt, das die Pilotstudie gemeinsam mit Forschern der Universität Wien durchgeführt hat. „Wir hatten nicht erwartet, in allen acht Stuhlproben Plastikteilchen zu finden.” Die Pilotstudie zeige, „dass unser Alltag, in dem Plastik eine wichtige Rolle spielt, Spuren in unserem Körper hinterlässt”, sagt die Expertin. Nun planen die Forscher eine umfangreichere Studie. Forschungsziel: Erkenntnisse darüber, ob Mikroplastik sich im Körper ablagert und welche gesundheitlichen Auswirkungen das für uns hat.

Mit dem Abwasser landet ein Teil des Mikroplastiks aus unseren Abflüssen in den Meeren. Und die sind schon vollgemüllt mit Plastik, das sich dort langsam zersetzt. Die Meerestiere fressen die Plastikteilchen, viele werden davon krank.


Überraschen kann der Fund erst mal nicht. Dass Lebensmittel mit Plastik verunreinigt sein können, weiß man. Dass es im Wasser steckt, besonders wenn es in PET-Flaschen verpackt ist, auch. Auch in Meersalz, Honig und Bier ha-ben Wissenschaftler schon Mikroplastik nachgewiesen. Deswegen kann man natürlich fragen: Ist das nicht erst einmal eine gute Nachricht? Dass unser Körper offenbar in der Lage ist, das Plastik wieder auszuscheiden? Nun ja, so mittelgut. Natürlich: Was raus ist, ist raus. Aber die Frage ist: Ist alles raus? Das ist, was den Menschen betrifft, bisher nicht erforscht: „Wir wissen derzeit nicht, ob alle aufgenommenen Teilchen ausgeschieden werden”, sagt auch die österreichische Mikroplastikexpertin Liebmann. Was Tiere betrifft, ist die Antwort ein klares Nein. Untersuchungen haben gezeigt, dass zwar die größte Menge der in Tieren nachgewiesenen Plastikteilchen im Magen-Darm-Trakt steckt. Forscher haben aber auch im Blut, in der Lymphflüssigkeit und in der Leber von Tieren Plastikteilchen nachgewiesen.


Wer viel Plastik isst, isst auch viele Schadstoffe.


Und einige reagieren empfindlich darauf: Bei Austern etwa litt in einer Untersuchung die Fortpflanzungsfähigkeit, in einer anderen starben Würmer an den Umweltgiften, die sich an den Plastikteilchen abgelagert hatten. Miesmuscheln zeigten starke Entzündungsreaktionen, Krabben und Krebse hatten weniger Energie und brüteten weniger Eier aus, auch bei ihnen litt also die Fortpflanzungsfähigkeit. Ob einige dieser Folgen auf den Menschen übertragbar sind?

WAS IST EIGENTLICH MIKROPLASTIK?

„Feste, wasserunlösliche Kunststoffpartikel, die fünf Millimeter und kleiner sind” – so lautet die Definition des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) für Mikroplastik. Dabei unterscheiden die Experten zwischen primärem Mikroplastik, das Hersteller Produkten bewusst zufügen, wie etwa Kunststoffpartikel in Peelings, und sekundärem Mikroplastik. Letzteres entsteht beim Zerfall von Plastik, also wenn sich Plastikverpackungen langsam zersetzen, oder beim Abrieb von Schuhsohlen und Autoreifen etwa. ÖKO-TEST und viele andere Verbraucher-u nd Umweltschützer gehen in ihrer Kritik allerdings weiter. Denn Kunststoffe in der Umwelt sind nicht nur in ihrer festen Form ein Problem. Es gibt etwa auch flüssige, lösliche synthetische Polymere, die Hersteller etwa Kosmetika oder Waschmitteln in gelartiger oder flüssiger Konsistenz zufügen. Sie sind für die Umwelt ein großes Problem, weil sie, je nach Verbindung, mehr oder weniger schwer abbaubar sind. Auch ihre gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen sind unzureichend untersucht.

Unklar. Die Forschung steht hier erst ganz am Anfang. Es gibt aber erste Hinweise darauf, dass die dauerhafte Aufnahme von Plastik alles andere als harmlos ist. Der erste: Das Plastik, das wir essen und trinken, ist nicht einfach nur Plastik. Mit den Partikeln nehmen wir auch Chemikalien auf, weil viele Kunststoffe Weichmacher, Stabilisatoren oder Flammschutzmittel als Zusätze enthalten. Außerdem können die kleinen Plastikteilchen auch Schadstoffe binden, die längst verboten, aber immer noch in der Umwelt sind – krebserregende Chlorverbindungen wie polychlorierte Biphenyle (PCB) etwa. Mikroplastik wirkt wie ein Magnet für Schadstoffe. Heißt: Wer viel Plastik isst, isst auch viele Schadstoffe.

Der zweite Hinweis: Erste Forschungsarbeiten zum Thema deuten auf Entzündungsreaktionen im Körper hin. Eine dieser Studien führt das deutsche Umweltbundesamt (UBA) aktuell durch. Die Forscher untersuchen „humanrelevante Zelllinien” aus Haut, Lunge und Leber. „Humanrelevant” heißt, dass diese Zellen den menschlichen sehr ähnlich sind. Die ersten Zwischenergebnisse der Kurzzeittests: Die Plastikpartikel dringen in die Zellen ein und verursachen dort Entzündungsreaktionen – je mehr Partikel und um so kleiner die Partikel, desto stärker die Reaktion. „Diese Ergebnisse beinhalten noch keine Aussage darüber, ob dies auch einen schädlichen gesundheitlichen Effekt nach sich zieht”, betont Jochen Kuckelkorn vom UBA. Denn: „Entzündungsreaktionen gehören zu den ersten Maßnahmen des Körpers gegen die Fremdkörper”. Aber: Lang anhaltende Entzündungen können Leberzirrhose verursachen – und Krebs. Ob Gefahren wie diese drohen, sollen nun Langzeittests zeigen.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erforscht mögliche Auswirkungen von Mikroplastik auf den Menschen. Aktuell meldet die Behörde: „Keine Hinweise auf Darmschädigungen durch Mikroplastik aus Polystyrol im Labor.” Zwar seien sehr kleine Plastikpartikelchen „vereinzelt in den untersuchten Darmepithelzellen nachzuweisen” gewesen, heißt es. Aber schädigende Wirkungen habe man nicht festgestellt. Die Polystyrolkügelchen, die die Forscher im Zell-u nd Tierversuch verwendet haben, sind allerdings deutlich größer als die, deren Auswirkungen das UBA untersucht hat. Das BfR stellt selbst fest: „Die Forscherinnen und Forscher weisen ausdrücklich darauf hin, dass weiterhin große Datenlücken existieren, was die Größe und das Material von Mikroplastik betrifft.”


Der „derzeitige Stand des Wissens, nachdem angeblich keine Risiken drohen, ist eher ein Stand des Unwissens.


Und trotzdem gibt sich die Behörde, wie so oft, gelassen. „Nach dem derzeitigen Stand des Wissens ist nicht davon auszugehen, dass von den Plastikpartikeln in Lebensmitteln gesundheitliche Risiken für den Menschen ausgehen”, heißt es dort. Der „derzeitige Stand des Wissens” ist allerdings eher ein Stand des Unwissens – es gibt viel zu wenige verlässliche Studien zu den Auswirkungen von Mikroplastik auf den Menschen. Das räumt die Behörde ja sogar selbst ein. Der Schluss hier ist also: Es gibt nicht ausreichend Untersuchungen, die belegen, dass Mikroplastik krank macht – also macht uns Mikroplastik wohl auch nicht krank. Das ist eine recht entspannte Haltung, keine Frage. Aber angesichts der erwiesenen gesundheitlichen Auswirkungen auf Tiere und der Hinweise auf Entzündungsreaktionen im menschlichen Körper, vielleicht eine etwas zu entspannte Haltung.

In einem Punkt aber schließen wir uns dem BfR an: Es ist „mehr Forschung notwendig”. Dringend sogar.

5 TIPPS, MIKROPLASTIK ZU MEIDEN

Manchmal ist die Lösung so einfach wie naheliegend: Auf Plastik, so weit es geht, verzichten. Klar, das heißt erst einmal Plastiktüten und -verpackungen durch wiederverwendbare Tüten ersetzen. Und sonst?

1AUCH IN KLEIDUNG stecken Kunstfasern, die durch die Wäsche ins Abwasser und damit in die Meere gelangen. Das Plastik versteckt sich hinter Begriffen wie Polyamid, Polyester, Acryl oder Nylon. Wer statt Kunstfasern natürliche Textilien wie Baumwolle oder Leinen kauft, kann hier schon einmal einen Beitrag leisten.

2WER SCHON FLEECEPULLIS und andere Funktionskleidung im Schrank hängen hat, sollte diese so selten wie möglich waschen. Und möglichst lange verwenden.

3VIELE PUTZTÜCHER UND WASCHLAPPEN enthalten Mikrofasern, die sich beim Putzen und Waschen lösen und ins Abwasser geraten. Wer ein bisschen sucht, findet aber auch welche aus natürlichen Materialien wie Baumwolle.

4IN KOSMETIKA sind Kunststoffverbindungen zwar deklariert, aber dafür müsste man Hunderte von Bezeichnungen auswendig lernen. Wer keine Lust auf Vokabeln lernen hat, greift auf zertifizierte Naturkosmetik zurück. Der BUND hat zudem einen Einkaufsratgeber zusammengestellt, der Kosmetika mit Mikroplastik und anderen Kunststoffen auflistet (www.bund.net, in die Suche „Einkaufsratgeber Mikroplastik” eingeben).

5 WER WASCHMITTEL ohne Kunststoffverbindungen kaufen will, hat es schwerer: Die Hersteller müssen die Stoffe nicht einmal auf der Verpackung deklarieren, auf der Homepage reicht aus. Unser ÖKO-TEST Waschmittel zeigt aber ab Seite 18, welche Produkte Sie guten Gewissens kaufen können.

PLASTIK IN ZAHLEN

3,2 Millionen Tonnen Mikroplastik gelangen laut Weltnaturschutzunion (IUCN) jedes Jahr in die Umwelt.

977 Tonnen Mikroplastik geraten jedes Jahr allein in Deutschland aus Kosmetika, Putz-u nd Waschmitteln ins Abwasser. Hinzu kommen

46.900 Tonnen lösliche Polymere – so das Ergebnis einer Studie des Fraunhofer-Instituts.

37,6 Kilogramm Plastikmüll verursacht jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr laut Statista. In Schweden sind es nur

24 Kilo. Mehr als 1 Tonne Plastikmüll pro heute auf der Welt lebender Mensch haben wir seit 1950 weggeworfen – laut einer Studie im Fachblatt Science Advances sind es insgesamt

8,3 Milliarden Tonnen

450 Jahre benötigt eine PETFlasche, bis sie zerfallen ist. Der WWF beobachtet den Zerfall der PET-Flasche als „longest livestream ever” seit April 2019. Fehlen nur noch schlappe 449 Jahre und rund 200 Tage. Bei einer Plastiktüte dauert es 10 – 20 Jahre.

15,6 Prozent der in Deutschland anfallenden Kunststoffabfälle wurden laut dem Plastikatlas von Nabu und Heinrich-Böll-Stiftung 2017 recycled – mehr nicht. Von wegen Recyclingweltmeister.