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Männer jenseits der vierzig


ÖKO-TEST Spezial Schönheit & Pflege - epaper ⋅ Ausgabe 11/2008 vom 24.05.2008

Ab vierzig stecken sie angeblich in der Midlifekrise. Denkste. Klar, es wachsen graue Haare. Und Fragen tauchen auf. Aber auch die Antworten.


Artikelbild für den Artikel "Männer jenseits der vierzig" aus der Ausgabe 11/2008 von ÖKO-TEST Spezial Schönheit & Pflege. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Bausparkasse Schwäbisch Hall

Am liebsten wäre Frank Posiadly vor seinem vierzigsten Geburtstag geflohen, ein paar Tage Urlaub, bloß weg. Er hat ihn doch gefeiert, aber niemandem verraten, dass er vierzig wird. „Bis dahin habe ich die Jahre als verlängerte Jugend empfunden“, sagt er. Doch plötzlich wurde ihm klar: „Die Zeit des Ausprobierens ist vorbei.“ Er hatte mehrmals den Beruf gewechselt, seinen heute elfjährigen Sohn großge-zogen und eine dicke ...

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Am liebsten wäre Frank Posiadly vor seinem vierzigsten Geburtstag geflohen, ein paar Tage Urlaub, bloß weg. Er hat ihn doch gefeiert, aber niemandem verraten, dass er vierzig wird. „Bis dahin habe ich die Jahre als verlängerte Jugend empfunden“, sagt er. Doch plötzlich wurde ihm klar: „Die Zeit des Ausprobierens ist vorbei.“ Er hatte mehrmals den Beruf gewechselt, seinen heute elfjährigen Sohn großge-zogen und eine dicke Beziehungskrise überstanden.

Ganz gut in Schuss. Frank Posiadly und Boris Rogawski haben beide die vierzig überschritten und kommen prima damit klar.


Fotos: Cordula Kropke

Jens Winterkorn (Name geändert) überlegt, was in seinem Leben noch passieren soll. Zwei gescheiterte Beziehungen hat er hinter sich, die Wochenenden verbringt er mit seinen beiden Söhnen, die dreizehn und vier Jahre alt sind. Seine neue Freundin möchte eigentlich auch Kinder haben. Das macht ihn nachdenklich: „Ich weiß nicht, ob ich noch einmal von vorne anfangen will.“

Auch für Boris Rogawski war der Vierzigste eine Schwelle. „Man ist nicht mehr jung“, sagt er. Ihn hat das schmerzlich daran erinnert, dass seine Altersversorgung äußerst dürftig ist: „Da kriege ich jetzt Panik“. Er ist zum zweiten Mal verheiratet und hat einen dreijährigen Sohn. Als selbstständiger Tischler verdient er gerade so viel, dass es für die Familie reicht, aber nicht für Rücklagen.

Männertypen

Ein Haus bauen, ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen – was ein Mann in seinem Leben tun soll, wurde früher auf diese einfache Formel gebracht. Mit vierzig war das meist erledigt.

Das Männerleben ist vielfältiger geworden. Noch gibt es die traditionellen Männer, die auf Karriere und Konkurrenz setzen, familiäre Entscheidungen gern alleine fällen und ihren Frauen die Kinder und die Küche überlassen. Vor fünfzehn Jahren dachte noch ein Viertel aller Männer so, vor fünf Jahren nur noch 17 Prozent, das haben Befragungen des Männerforschers Paul M. Zulehner gezeigt.

Gleichzeitig steigt die Zahl der neuen Männer. Sie nehmen den Beruf weniger wichtig und widmen sich stärker der Familie. Von 1992 bis 2002 ist ihre Zahl von 14 auf 23 Prozent gestiegen. Dazwischen ordnet Zulehner die pragmatischen Männer ein, die im Alltag gern die Rosinen picken, also lieber mit den Sprösslingen spielen als die Windeln wechseln. Die größte Gruppe aber, 42 Prozent, sind die unbestimmten Männer, die sich entwickeln möchten, aber nicht recht wissen wohin.

Familienväter unter Druck

Frank Posiadly würde sich wohl als neuen Mann bezeichnen. Einer, der Beruf und Familie unter einen Hut bekommen will. Es ist ihm mehr als einmal misslungen. Als sein Sohn zur Welt kommt, verabschiedet er sich gerade von einer Wissenschaftskarriere als Psychologe und tritt eine Stelle als Journalist bei einem Anzeigenblatt an. „Es gab nur Stress“, sagt er. Er will seine Stunden reduzieren und bekommt zu hören: „Dann können Sie gleich gehen.“ Er geht – vom Regen in die Traufe. Beim Volontariat mit anschließender fester Stelle wiederholt sich das Spiel. Untergründig nagt das Gefühl, die kleine Familie absichern zu müssen. Er und seine langjährige Freundin heiraten. Posiadly probiert es mit Drehbuchschreiben, gewinnt einen Wettbewerb und ergattert zusätzlich einen Studienplatz. Eigentlich wünscht er sich einen Beruf, in dem er flexibel auf die Familie und die Beziehung reagieren kann. Doch das Drehbuchstudium verschärft die Unvereinbarkeit noch. „Ich war der Älteste und der Einzige mit Kind“, erzählt er. Als der Sohn fünf Jahre alt ist, spitzen sich die familiären Konflikte zu.

Konflikte zwischen beruflichen und familiären Anforderungen, zu wenig Zeit für die Kinder und Beziehungsprobleme erlebten auch die 360 Väter, die kürzlich im Auftrag der Hessenstiftung zur Familienfreundlichkeit von Arbeitgebern befragt wurden. 70 der Väter befürchten negative Folgen im Job, wenn sie Eltern- oder Teilzeit anstreben. Die meisten sorgen sich um einen Karriereknick – und fragen lieber gar nicht erst nach. Wundern muss das nicht: Derzeit gehen Männerjobs verloren, während Frauenjobs entstehen.

Männer scheuen die Vaterschaft

Job und Kinder konnte Jens Winterkorn immer gut vereinbaren. Seit dreizehn Jahren arbeitet der Bauingenieur bei der gleichen Firma. Als seine erste Trennung anstand, hat ihm der Chef erlaubt, jeden zweiten Freitag schon mittags Schluss zu machen – wegen des Sohnes und später wegen der Söhne. Demnächst allerdings wird es heikel. Sein Chef hört auf und übergibt die Firma jüngeren Mitarbeitern. „Ich habe viel hin und her überlegt, ob ich auch einsteigen sollte“, sagt Winterkorn. Er hat sich dagegen entschieden – für mehr Freizeit und Zeit für die Kinder. Ob ihm komfortable Arbeitszeiten auch woanders winken, ist mehr als fraglich. 57 Prozent aller Väter müssen mehr als 40 Stunden arbeiten, stellte kürzlich die Hans-Böckler-Stiftung fest.

Nach Tischlerlehre und vielen Jahren am Theater steht Boris Rogawski jetzt im eigenen Betrieb mit seinem Filius an der Säge.


Foto: Cordula Kropke

Es ist nicht allein die Sorge um die Karriere, die Männer umtreibt, sondern auch die Angst vor der Verantwortung. Vier von zehn Männern zwischen 18 und 39 Jahren halten Sport, Hobbys und Urlaub für wichtiger als Heiraten und Familie gründen – doppelt so viele Männer wie Frauen. Das ergab eine Befragung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts. Viele junge Leute betrachteten die Familie als „Lebensrisiko“, das mit Verzicht auf Wohlstand verbunden ist. Immer mehr Männer weigern sich daher, eine Familie zu gründen – von 2003 bis 2006 ist ihr Anteil von 34 auf 43 Prozent gestiegen, während nur ein Viertel der jungen Frauen kinderlos bleiben möchte.

Wohlstand ist für Boris Rogawski weniger das Thema, umso mehr die Altersvorsorge. Auch Rogawski hat ein wechselvolles Berufsleben hinter sich. Nach der Tischlerlehre besucht er eine Schauspielschule und hangelt sich anschließend an Theatern durch. „Zu viel Arbeitslosigkeit, zu schlechte Engagements“, lautet sein Fazit nach sieben Jahren. Seit zwölf Jahren tischlert er wieder. So glücklich er über seinen Sohn ist, ein zweites Kind, so meint er, könnten sie sich kaum leisten. „Wir müssen jetzt beide arbeiten, damit etwas übrig bleibt.“ Die ersten zwei Jahre nach der Geburt des Kindes hat er allein die Familie ernährt. Es ging. Aber jetzt ist er froh, dass der Kleine im Kindergarten ist und seine Frau wieder arbeitet. So wird es leichter.

Die aktuelle Krise ist vertagt

Angeblich schleicht sich ab 40 Jahren die Midlife-Crisis an. Gründe gäbe es genug: Die Karriereleiter ist erklommen. Ab jetzt rücken jüngere nach. Solche, die reichlich Überstunden mit links wegstecken und dabei noch hoch motiviert sind. Oder aber: Mit der Karriere hat es nicht geklappt. Dann ist es jetzt sowieso zu spät. Die Ehe steckt – statistisch gesehen – im verflixten siebten Jahr. Die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus. Verfolgen beide Partner ihre berufliche Entwicklung, dann sind sie vielleicht mit dem „ganz normalen Chaos der Liebe“ konfrontiert, das der Soziologe Ulrich Beck und seine Frau Elisabeth Beck-Gernsheim schon vor Jahren beschrieben haben. Die meisten Ehen werden zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr geschieden, wobei wesentlich mehr Frauen als Männer die Scheidung einreichen. Da sollte man schon nachdenklich werden. Aber muss es gleich eine Krise sein?

Es ist ein dummes Klischee, dass sich Männer ab 40 junge Frauen angeln, in enge Lederklamotten zwängen und auf dem Motorrad gen Süden brausen. Genauso wenig stellt sich automatisch das Gefühl ein, einfach alles hinschmeißen zu wollen, weil der Ärger über die täglichen Zwänge am Selbstbewusstsein nagt und die besten Jahre vorbei zu sein scheinen. Das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können, das komme ja vielleicht mit 50 oder erst mit 60, grübelt Boris Rogawski. Derzeit freut er sich an dem, was er hat: eine schöne Frau, einen süßen Sohn und genügend Aufträge im Beruf. Seit sein Sohn da ist, haben sich für ihn alle Sinnfragen erübrigt: „So ein kleines Würstchen macht alles wett.“ Auch Jens Winterkorn kann sich gar keine Krise leisten. Sein pubertierender Sohn fordert ihn eigentlich schon zu hundert Prozent. Der Jüngere darf dabei nicht zu kurz kommen. Missen möchte er die Kinder auf keinen Fall, aber er gibt zu: „Es ist manchmal schon echt heftig.“

Zu viel zu tun für eine Midlifekrise. Frank Posiadly ist froh, dass ihm inzwischen für Familie und Beruf genug Zeit bleibt.


Foto: Cordula Kropke

Der unperfekte Hausmann

Paschas sind sie nicht. Männer zwischen 25 und 45 packen an im Haushalt, bestätigt ihnen das Statistische Bundesamt. Das wollte nämlich im Jahr 2002 wissen, wo die Zeit der Deutschen bleibt. Das Ergebnis: Der deutsche Mann im mittleren Alter arbeitet acht Stunden und 40 Minuten, weitere zweieinhalb Stunden widmet er sich dem Haushalt und der Familie. Männer mit Kindern – das waren 30 Prozent der Befragten – reservieren ihnen eine Stunde und fünfzehn Minuten Vaterzeit. Ist der Nachwuchs unter drei Jahren alt, dann hält die Familie den Vater sogar fast vier Stunden in Trab.

Und was tut der Mann im Haushalt? Bügeln nein, Steckdose reparieren ja. Die Textilpflege ist nicht sein Ding, die Blumenpflege auch nicht. An den Herd stellt er sich schon lieber, er kauft auch recht gern ein und das Autowaschen und Heimwerkern ist weitgehend sein Terrain.

Auslaufmodell: Traditionelle Männlichkeit

Männer verdienen immer noch 22 Prozent mehr als Frauen, nach Ansicht von Männerforscher Walter Hollstein sind sie trotzdem arm dran: Als Alleinverdiener sind sie nur noch selten gefragt. Im Berufsleben rücken die Frauen nach. Verunsichernd sei, dass in der Dienstleistungsgesellschaft weibliche Eigenschaften verlangt würden, wie etwa Kooperationsfähigkeit, Freundlichkeit und Empathie. Dafür seien die Männer nur unzureichend erzogen worden. Männlicher Lebenserfolg wird, so Hollstein, nach wie vor eher in Geld und Status gemessen, als in persönlicher Befriedigung und zwischenmenschlicher Erfüllung. Das führe zu äußeren und inneren Konflikten. Insgesamt bescheinigt der Forscher den Männern eine Identitätskrise.