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Man of the Match


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Mehr als ein Spiel Brasilien Deutschland 2014 - epaper ⋅ Ausgabe 1/2014 vom 18.12.2014
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18 Minuten können sehr, sehr lang sein. Im WM-Halbfinale in Belo Horizonte schoss Deutschland zwischen der 11. und 29. fünf Tore gegen Brasilien. Zwei davon erzielte Toni Kroos selbst, das erste durch Thomas Müller bereitete er mit einem punktgenau getretenen Eckstoß vor, ein weiteres leitete er ein.

Jetzt sagt der Mann, der beim Deutschen Fußball Bund (DFB) die Exklusiv-Interviews rund um die Spiele der Nationalmannschaft koordiniert : „Toni ist auf dem Weg. Aber es hat sich leider alles etwas verspätet. Im Anschluss hat er noch einenTermin. Und um halb ist bereits das Mittagessen angesetzt. Wir haben 15, maximal 18 Minuten. Sorry.“ 18 Minuten können sehr, sehr kurz sein. Und es gibt Gesprächspartner, da würde man den Termin an dieser Stelle absagen. Bei Toni Kroos lassen wir uns auf den „Interview-Quickie“ ein. Weil man bereits ahnt, dass der 24-Jährige spricht, wie er spielt: sehr präzise. ...

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...

Die Nummer 18 (!) des Weltmeisters – es gibt keine Zufälle – kennt das Thema. Eine Aufwärmphase ist nicht nötig. Zeit läuft ... Durch das 1:0 in Rio über Frankreich zogen Sie ins Halbfinale. Täuschte der Eindruck, oder war der Sieg schon mit Abpfiff abgehakt? Unser Ziel war es nie, das Viertelfinale oder das Halbfinale zu gewinnen, sondern das Finale. Insofern war es schön, mit Frankreich wieder eine große Fußballnation in einem wichtigen Spiel geschlagen zu haben. Aber die Beobachtung ist korrekt. Spätestens, als wir zurück im Campo Bahia, unserem WM-Quartier, waren, ging der Blick, gingen alle Gedanken nur noch nach vorne. Wir wussten, dass im Halbfinale nicht nur eine starke Mannschaft, sondern ein ganzes Land auf uns wartet.

Springen wir gleich hinein in dieses Spiel. Oder besser: In die Kabine. Links von Ihnen saß Per Mertesacker. Der sagt: „Toni ist immer total ruhig. Er hört ein bisschen Musik ist ansonsten entspannt. Da weiß ich: Der spielt wieder ne ruhige Kugel.‘ Wie war das vor dem WM-Halbfinale? Auch so.

Bei derWM 2010 war im Halbfinale Schluss. Bei der EM 2012 auch. Sie vergaben 2010 gegen Spanien sogar selbst eine große Chance. Schießen einem da keinerlei negative Gedanken durch den Kopf?

Überhaupt nicht. Woher nehmen Sie diese Selbstsicherheit? Vielleicht ist das in meiner Herkunft begründet. Man sagt uns Norddeutschen ja nach, dass wir etwas mehr in sich ruhen. Aber bei aller Wichtigkeit eines solchen WM-Halbfinals – am Ende ist es doch nur ein Fußballspiel. Und Fußball spiele ich nun mal wahnsinnig gerne.

So sehen Sie das? So sehe ich das. Und vielleicht fühle ich daher weniger Druck, sondern eher eine Vorfreude auf die neunzig oder vielleicht auch mehr Minuten. Es ist ja nicht so, dass ich nicht konzentriert bin. Aber warum sollte ich in diesen Momenten nervös werden? Ich habe ein gewisses Grundvertrauen in meine Qualitäten. Und speziell vor diesem Spiel hatte ich ein großes Vertrauen in die Stärke unserer Mannschaft. Es ist ja eine enorme psychische Herausforderung, über einen so langen Zeitraum – vom Beginn der WM-Vorbereitung bis zum Finale sind es über sechs Wochen – die Spannung zu halten. Da wir durchgehend als Mannschaft agiert haben, konnten wir einen Großteil unserer mentalen Stärke und viel Selbstvertrauen aus eben diesem Teamgeist entwickeln. Der Zusammenhalt war der Schlüssel zum Erfolg. In den Minuten vor dem Brasilien-Spiel war dieses Wir-Gefühl in der Kabine förmlich greifbar. Das war super.

Im WM-Film „Die Mannschaft“ hört man Joachim Löws Ansprache kurz vor dem Anpfiff. Der Bundetrainer klingt sehr intensiv, fast scharf. Kein Akzent. Waren Sie erstaunt? Nein.Wir kennen ihn ja schon ein bisschen länger und wissen, dass er sehr viele Facetten hat. Seine Ansprachen vor wichtigen Spielen sind extrem auf den Punkt. Er beherrscht diesen Wechsel der Tonalitäten perfekt. Erreicht er die Spieler so unmittelbar vor dem Spiel überhaupt noch mit Inhalten? Oder ist das mehr ritualiertes Heißmachen? Ich kann da nur für mich sprechen. Bei mir kommt das alles an, ich kriege da alles mit. Auch die Zwischentöne. Andere stecken zu diesem Zeitpunkt möglicherweise schon im Tunnel. Ich nicht.

Die Atmosphäre vor dem Anpfiff war beeindruckend. Die Fans im Stadion schmetterten die Hymne in einer solchen Lautstärke habe ich das noch nie erlebt. Die Spieler wirkten aufgepeitscht. David Luiz und Torwart César hielten Neymars Trikot wie eine Reliquie in die Kameras. Selbst die Einlaufkinder schienen etwas überdreht.

Das war schon beeindruckend. Aber wir hatten vor dem Spiel einigeTage Zeit, um uns mental auf genau diese Atmosphäre einzustellen. Wir haben uns in Erinnerung gerufen, wie sehr ganz Deutschland sich 2006 auf das Halbfinale gegen Italien heiß gemacht hat. Wie groß damals der Wunsch im gesamten Land war, dass die eigene Mannschaft das Finale in Berlin spielt. In Brasilien, das war uns bewusst, war die Sehnsucht nach dem sechsten WM-Titel noch mal drei Stufen intensiver. Es klingt vielleicht verrückt, aber ich konnte diese Energie, die dort herrschte, wirklich genießen. Je inbrünstiger die Fans die Hymne sangen, desto ruhiger wurde ich. Ich habe das alles aufgesaugt und auf meiner Festplatte abgespeichert. Wir hatten einen klaren Plan für dieses Spiel. Und den hatten wir auch nach der Hymne noch.

Die Brasilianer begannen mit viel Herz und großer Leidenschaft. Die ersten zehn Minuten machten sie mächtig Druck.

Dass sie mit ihren Fans im Rücken nach vorne spielen, dass sie attackieren, pressen – das hatten wir erwartet. Dass sie versuchen würden, sich Respekt zu verschaffen. Das ist ja ihre grundsätzliche Idee von Fußball. Aber nüchtern betrachtet, hatten sie in dieser Phase doch keine wirkliche Chance, wo man hätte sagen können: Das musste die Führung sein. Zudem habe ich schon in diesen ersten Minuten die riesigen Räume gesehen, die sich hinter ihren Defensivleuten immer wieder auftaten. Sobald wir nach einer Balleroberung mal schneller nach vorne spielten, gerieten sie in große Unordnung. Es gab zu Beginn bereits zwei, drei Konterchancen, die wir einfach nicht gut zu Ende gespielt haben. Die waren für die Fans nicht so offensichtlich – aber als Spieler merkst du sofort, was da los ist, was da geht.

Das 1:0 fiel nach einer Ecke. Hummels, Höwedes und Klose zogen auf den ersten Pfosten, Müller schlich sich in der ihm eigenen Art nahezu unbemerkt im Rücken der Abwehrspieler weg. Der Ball landet genau vor seinem Fuß. War dies so einstudiert?

Wir haben während des Turniers sehr viel Standards trainiert, was sich ja auch in vielen Toren ausgezahlt hat. In diesem Fall allerdings war das keine eingeübte Variante. Ich habe lediglich versucht, den Ball in der Gefahrenzone zu platzieren. Dass Thomas dort so blank steht – da gehört natürlich auch ein Gegner dazu. Nach einer Ecke einen Treffer aus etwas mehr als fünf Metern Entfernung mit dem Fuß zu erzielen – das kannst du nicht trainieren.

Das 1:0 fiel in der 11. Minute. Auf derTribüne hatte ich ehrlich gesagt zu diesem Zeitpunkt das Gefühl: Das war‘s. Das Spiel ist entschieden. Sie auch?

Ich hatte von Beginn an nicht das Gefühl, dass wir das Spiel verlieren können. Und dieses Grundgefühl hat sich zu keiner Sekunde des Spiels großartig verändert. Nach dem 1:0 nicht. Nach dem 2:0 nicht. Nach dem 5:0 nicht. Wir hatten eine gute Idee für dieses Spiel, einen klaren Plan. Wir wussten um die Stärken der Brasilianer, die wir gut eindämmen konnten – aber wir kannten eben auch ihre Schwächen, die sie zweifelsohne hatten. Auch schon in den vorangegangenen Spielen mit Neymar und Thiago Silva. Brasilien ist in dem Turnier nie so richtig ins Rollen gekommen. Wir hingegen hatten eine Phase, wo alles passte. Dann entwickeln sich Spiele auch mal so, selbst in einem WM-Halbfinale.

Zwischen der 23. und 29. Minute ist das Geschehen auf dem Rasen förmlich eskaliert. Wie kann ein Team, gespickt mit Weltklassespielern, derart die Ordnung verlieren?

Niemand übernahm bei den Brasilianern in diesen Minuten Verantwortung, niemand begann zu reagieren. Sie fanden keine Antworten auf unser Offensivspiel. Fast gewann man den Eindruck, als würden sie es nicht einmal mehr versuchen. So etwas spürst du auf dem Platz natürlich. Wir haben die Möglichkeit, die sich uns da urplötzlich bot, entschlossen genutzt.

Vergleichbar mit einem Boxer, der den Gegner angeschlagen wähnt und zum finalen Knockout nachsetzt? Haben Sie als Mannschaft ab der 23. Minute den K.o. gesucht?

Ja, vielleicht kann man das so sagen. Nach dem zweiten Tor hatte ich das Gefühl: Jetzt müssen die erst mal einen Plan entwickeln. Sie müssen im Team nun die Frage beantworten: Wollen wir das zunächst so halten? Vielleicht mit einem 0:2 in die Halbzeit gehen? Wollen wir versuchen, uns erst einmal zu stabilisieren? Oder schlagen wir sofort zurück? In den entscheidenden Fragen schienen sie uneins. Sie agierten nicht mehr im Verbund.

Wie wirkt sich das auf dem Rasen aus?

Man hat gemerkt, dass die Spieler Brasiliens sehr verunsichert waren, weil sie nicht erwartet hatten, dass das Spiel so laufen könnte. Und wir haben in dieser Phase gemerkt, dass es nicht viele Spieler bei Ihnen gab, die den Ball überhaut noch haben wollten. Dieses Momentum haben wir toll ausgenutzt.

Wie läuft die Kommunikation innerhalb der Mannschaft in solchen Phasen ab?

Man redet da nicht viel miteinander. Das sind eher kurze Blicke, aufpushende Gesten und Zeichen. Es geht ja auch alles sehr schnell. Nach dem 2:0 durch Miroslav Klose hatte ich auf derTribüne aber sehr wohl den Eindruck, als würden Sie ihm etwas sagen. (lacht) Das stimmt. Ich kenne Miro schon so lange. Bei meinem allerersten Bundesliga-Spiel für den FC Bayern, ich war damals gerade mal 17 Jahre alt, habe ich ihm gleich zweiTore aufgelegt. Über die Jahre sind wir echte Freunde geworden. Ich bewundere seine Leistung. Eine großartige Karriere. Und als Typ ist Miro mit seiner Bescheidenheit und seiner Gelassenheit ohnehin eine Ausnahmeerscheinung in diesem viel zu oft überdrehten Fußball-Business. Wissen Sie noch, was Sie ihm gesagt haben? Ich habe natürlich zum Rekord gratuliert. Was genau? (lacht) ‚Glückwunsch zum Rekord, Miro. So viel Zeit muss sein. Der Ronaldo wird nicht erfreut sein.‘

Sprechen wir über das 4:0. Über Ihre Balleroberung gegen Fernandinho, Sekunden nach dem Wiederanstoß der Brasilianer. Die Süddeutsche Zeitung formulierte es so: „Der Moment, in dem ausToni Kroos ein Habicht wurde ...“ – Sie schnappten sich den Ball tatsächlich wie ein Greifvogel, quasi imVorbeilaufen. Gerät man bei einem so irrealen Spielverlauf in einen Rausch?

Da wir merkten, dass sie in dieser Phase überfordert mit eigenem Ballbesitz waren, haben wir einfach weiter attackiert und ihnen keine Luft zum Atmen gelassen. So auch bei dieser von Ihnen beschriebenen Aktion. Und natürlich spielt man sich, wenn es so läuft, auch in eine Art Rausch. Dennoch sind wir, was unsere Spielweise angeht, nüchtern geblieben.

In den unglaublichen sechs Minuten, in denen die Seleção zusammenbrach, platzte der Traum einer Fußball-Nation. Auf den Fernsehschirmen zeigte die Weltregie immer wieder einen Jungen, der sich schluchzend an seinem Becher festhielt. Alte Männer in gelben Trikots und kurzen Hosen weinten. Mitten hinein in diese unwirkliche Stimmung schallte es aus dem deutschen Fanblock: „Oh, wie ist das schön.“ Und später – durchaus lustig: „Ihr seid nur ein Karnevalsverein!“ Registriert man das auf dem Platz?

Zu diesem Zeitpunkt nicht. Erst weit in der zweiten Halbzeit, nach dem siebten Treffer, hatte ich das Gefühl, dass die brasilianischen Fans zu uns umschwenkten. Aber ohne die eigene Mannschaft mit Häme zu überschütten. Es fühlte sich eher aufrichtig an. Dass sie unsere Leistung an demTag und somit die schmerzhafte Niederlage ihrer Jungs nun anerkannt hatten. In einigen Szenen erhielten wir sogar Applaus. So etwas erlebt man als Spieler außerhalb des eigenen Stadion selten.

Was geschah eigentlich in der Halbzeitpause? Wer sprach? Wie war die Stimmung?

Die Stimmung war positiv, nicht euphorisch. Der Bundestrainer hat kurz gesprochen, auch der ein oder andere Spieler. Aber eigentlich war jedes Wort überflüssg. Unser Kader hatte nicht nur diesen Zusammenhalt, sondern auch ein feines Gespür für besondere Situationen. Wir waren uns einig, dass wir das Ding seriös zu Ende spielen. Kein Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Schon aus Respekt vor dem Gastgeber.

Hat Joachim Löw die Taktik zur Halbzeit geändert? Die Mannschaft stand im zweiten Durchgang deutlich tiefer. Prompt drängte Brasilien nach der Halbzeit wieder.

Das ist ja normal, dass man das eigene Spiel bei 5:0-Führung etwas nach hinten verlagert. Der Gegner hatte ja auch nach wie vor offensiv einiges an Qualität auf dem Platz. Sie haben dann versucht, ein schnelles Tor zu erzielen, um so vielleicht noch mal eine positivere Stimmung im Stadion zu erzeugen. Sie hatten dann auch zwei, drei wirklich gute Chancen.

Gegen Schweden wurde in der WM-Qualifikation in Berlin eine 4:0-Führung verspielt. Binnen 28 Minuten fielen damals vier Gegentore, am Ende stand es 4:4.Wäre ein „zweites Schweden“ in Belo Horizonte möglich gewesen?

Nein. Definitiv nicht. Andreas Bourani singt in „Auf uns“, dem Song, der in Deutschland zur inoffiziellen WM-Hymne wurde: „Hier geht jeder für jeden durchs Feuer. Im Regen stehen wir niemals allein. Und solange unsere Herzen uns steuern, wird das auch immer so sein.“ Die versöhnenden Gesten mit den Brasilianern nach Spielende haben der deutschen Mannschaft weltweit Sympathien eingebracht. Geschah dies intuitiv? Steuerten die Herzen? Es ist natürlich schwer, nach so einem historichen Ergebnis die richtigen Worte zu finden oder überhaupt etwas zu sagen. Ich habe mit Dante bei den Bayern große Erfolge gefeiert, wir haben uns in dem Jahr vor der WM täglich gesehen, saßen in der Kabine direkt nebeneinander. Ich weiß natürlich, mit welch’ großem Herz Dante in jedes Fußballspiel geht. Dieses Halbfinale war noch dazu sein erstes Spiel von Beginn an bei dieser WM. Da muss man kein Prophet sein, um zu ahnen, wie ihm in den Minuten nach dem Abpfiff zumute war. Entsprechend tat es mir für ihn persönlich wirklich aufrichtig leid. Aber auch klar: Auf Freundschaften kannst du während eines Halbfinals keine Rücksicht nehmen. Und viel mehr als ‚Kopf hoch’ oder ‚Komm, geht weiter’ kann man nach so einem Spiel auch nicht sagen. Alles andere wäre geheuchelt. Das will auch keiner hören. Die Fifa kürte Sie nach dem Spiel zum „Man of the match“.

Ja, aber ganz ehrlich: Das war in diesem Moment zweitrangig. Unser großes Ziel an diesem Tag hieß: Wir wollen ins WM-Finale! Wir wollen nach Rio! Unser langer Weg sollte nicht am 8. Juli enden, sondern mit einem Sieg am 13. Juli. Dass es im Halbfinale zu diesem Ergebnis kam, gibt dem Spiel natürlich eine besondere Note. Und dass es auch für mich persönlich toll war, in diesem außergwöhnlichen Spiel zwei Tore zu erzielen – natürlich freut mich das. Aber die individuelle Auszeichnung war nicht mehr als ein positiver Randaspekt.

Nach den offiziellen Zahlen und Daten der Spielstatistiker waren Sie sogar der beste Spieler des gesamten Turniers! Schauen Sie sich solche Daten an? 84,8 Prozent der Pässe angekommen, 20 zurückeroberte Bälle, nur sieben Fouls in 690 Spielminuten, vier Torvorlagen, zwei Tore ...

Wenn der Schiedsrichter das Spiel abpfeift, weiß ich sehr genau, wie ich gespielt habe. Da brauche ich keine Zahlen und Daten. Weder zur Bestätigung, noch, um ein schwaches Spiel im Nachhinein anhand von möglicherweise guten Daten schön zu färben.

84,8 Prozent angekommene Pässe in sieben WM-Spielen klingt aber mächtig.

Aufgrund meiner Position im Mittelfeld, muss ich bei der absoluten Anzahl der Pässe weit oben stehen, sonst ist eher mächtig was falsch gelaufen. Da man ja auch nicht ausschließlich Risikopässe spielt, sollte die Quote der angekommenen Pässe auch deutlich über 80 Prozent liegen. Aber was nutzt es, wenn ich eine Quote von 95 Prozent oder mehr erreiche, aber die drei, vier Bälle, die das Spiel hätten entscheiden können, nicht durchstecken konnte. Wenn ich die Daten nach einem Spiel mal zufällig in die Hände bekomme, schaue ich mir das an. Aber ich kann das einordnen.

Wie verlief „der Tag danach“? Wie verarbeitet man ein 7:1 in einem WM-Halbfinale?

Och, das war alles sehr entspannt. Man hat natürlich mitbekommen, dass dieses Ergebnis den Medien die ein oder andere Schlagzeile wert war. Aber so weit ich das erinnere, saß keiner von den Jungs über dem Pressespiegel und hat sich feixend mit seinem Nebenmann abgeklatscht. Im Gegenteil: Die Gedanken kreisten abTag eins nach dem Halbfinale nur noch um Rio, um das Finale. Wir haben uns am Abend natürlich gemeinsam das zweite Halbfinale zwischen Argentinien und Holland angeschaut. Die Stimmung war entsprechend gelöst, und das Spiel an sich hat daran auch nichts geändert. Ich bin an dem Abend mit einem richtig guten Gefühl zu Bett gegangen ...

Haben Sie amTag nach Ihrem bis dato größten Fußballspiel mit Ihrer Lebensgefährin Jessica und Ihrem im Sommer 2013 geborenen Sohn geskyped?

Ja, wie eigentlich jeden Tag.

Und? Gab‘s einen Sonderapplaus und Kusshändchen über den Laptopschirm?

Ach, das ist ja das schöne an Familie. Da ist ein Fußballergebnis eher zweitrangig. Wenn wir mit 1:7 verloren hätten, hätten wir genau so liebevoll miteinander telefoniert. Selfie mit Sohnemann: Dieses Foto postet Toni Kroos nach der Geburt seines Sohnes Leon auf Facebook.

Sie bezeichnen den Moment, als Sie Jessica nach dem Sieg im Finale im Maracanã in die Arme schließen konnten, als Ihren ganz persönlichen Big Moment dieser WM.

Durch den Fußball bin ich ohnehin viel unterwegs – aber über so viele Wochen von dem Kleinen und Jessy getrennt zu sein, das war nicht leicht. Deshalb habe ich mir während des Turniers oft zum Spaß gesagt: ‚Wenn du schon so lange weg bist, dann bring‘ wenigstens was Schönes mit nach Hause.‘ Wenn man so will, hat Leon zu seinem ersten Geburtstag den WM-Pokal geschenkt bekommen. Wird natürlich schwer, das zum Zweiten zu toppen.

Macht ein WM-Titel satt oder macht er hungrig?

Eine interessante Frage, die ich mir in den Urlaubswochen nach dem Turnier auch gestellt habe. Er macht ganz sicher zufrieden. Alles andere wäre ja auch komisch. Wenn man als Kind anfängt, im Verein gegen die Kugel zu treten, träumt man von großen Titeln. Wenn man dann den größten aller Fußball-Titel mit der Mannschaft gewinnt, muss man das auch mal genießen. Diese Zeit sollte sich jeder geben. Das gilt nicht nur für den Fußball, sondern generell. Es geht doch ohnehin heute alles viel zu schnell. Sich nach einem großen Erfolg und einem sehr kurzen Urlaub direkt wieder neu zu motivieren, ist nicht einfach. Für mich war es ein wenig leichter ...

... weil Sie mit demWechsel zu Real Madrid ein neues Karriere-Kapitel aufgeschlagen haben.

Genau. Es gibtTitel in Spanien zu gewinnen, die ich noch nicht erreicht habe. Wir hatten mit Real gleich den ersten Clásico gegen Barcelona. Ich muss sehen, dass ich schnell die Sprache lerne. Neue Mitspieler, eine neue Stadt. Jeden Tag passiert etwas Neues. Das ist natürlich leichter, als wenn es sofort wieder in den gleichen Trott zurück geht. Aber auch ohne diesen Wechsel hätte ich natürlich nun nicht die Füße hochgelegt. Wenn ich mit 24 Jahren völlig satt wäre, würde ja auch etwas nicht stimmen.

Haben Sie sich das 7:1 eigentlich noch mal komplett angesehen?

Nein. Das werde ich auch nicht. Ich bekomme nach wichtigen Spielen von meiner Berateragentur einen Zusammenschnitt auf DVD. Darauf sind alle Szenen, an denen ich beteiligt war, hintereinander geschnitten. Das sind meistens so zehn, zwölf Minuten. Alle guten, aber auch die schlechten Szenen. Die schaue ich mir in Ruhe an. Aber ohne das groß zu analysieren.

In der Rangliste Ihrer größten Spiele wo ordnen Sie das 7:1 ein?

Schon oben, klar! Sehr weit oben. Aber ich glaube: Da geht noch was.