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Medikamente: Welche Arznei hilft wirklich?


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2014 vom 07.11.2014

Manchmal braucht ein krankes Kind Medikamente, um wieder gesund zu werden. Wichtig ist aber die Rücksprache mit dem Arzt, denn der kindliche Organismus verarbeitet Arzneimittel ganz anders als Erwachsene.


Artikelbild für den Artikel "Medikamente: Welche Arznei hilft wirklich?" aus der Ausgabe 11/2014 von ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: c ia_64/Fotolia

Die meisten Eltern geben ihren Kindern ungern Medikamente. Die Unsicherheit ist groß, ob sie wirklich nötig sind, welche Präparate man geben kann und ob sie dem Kind bekommen. Aus diesem Grund sind auch alternative Behandlungsverfahren wie die Homöopathie bei Eltern so beliebt. Mit „sanften” Methoden hoffen sie, ihrem Kind nebenwirkungsfrei Linderung zu verschaffen.

Tatsächlich ist ...

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... das Misstrauen gegenüber konventionellen Medikamenten teilweise gerechtfertigt. Zum einen vergehen zahlreiche Wehwehchen, die den Nachwuchs in den ersten Jahren plagen, auch wieder von selbst. Nicht bei jedem Schnupfen oder Magengrimmen braucht der Spross gleich Tropfen oder Zäpfchen. Häufig kann man dem Kind mit Hausmitteln gut helfen. Bei Ohrenschmerzen sind zum Beispiel Zwiebelsäckchen hilfreich, bei Durchfall kann schon etwas geriebener Apfel Besserung bringen.

Für Kinder nicht zugelassen

Viele Medikamente sind überdies gar nicht für die Behandlung von Kindern zugelassen. Denn bis vor wenigen Jahren gab es in der Pharmaindustrie keine verbindliche Verpflichtung, Arzneimittel auch für Kinder zu entwickeln. Die aufwendigen und teuren Zulassungsverfahren lohnten sich für die Hersteller nicht, weil Kinder mit schweren Erkrankungen nur eine vergleichsweise kleine Patientengruppe darstellen. Auch ethische Gründe wurden als Argument gegen die Studien an Kindern angeführt. Erst seit Januar 2007 ist eine EU-Verordnung über Kinderarzneimittel in Kraft, die die Hersteller für Neuzulassungen und für die Genehmigung neuer Anwendungs gebiete verpflichtet, Daten aus klinischen Studien an Kindern vorzulegen. Dabei sind alle Altersgruppen, vom Neugeborenen bis zum Jugendlichen, zu berücksichtigen. Es dürften aber noch Jahrzehnte vergehen, bis ausreichend viele zugelassene Arzneimittel zur Behandlung von Kindern zur Verfügung stehen.

Zwar findet man für banale Infekte und andere häufige Krankheiten auch speziell auf junge Patienten zugeschnittene Arzneien. Doch je seltener und auch ernster die Erkrankung ist, desto eher müssen Ärzte bei der Behandlung von Kindern Medikamente für Erwachsene einsetzen.

Kompliziert wird die Geschichte dadurch, dass man für kleine Patienten nicht einfach das geringere Körpergewicht zugrunde legen und die Dosis eines Medikaments reduzieren kann, damit es passt. Medikamente wirken bei Kindern anders. Das liegt unter anderem an ihrem Stoffwechsel, an ihrer körperlichen Entwicklung und an ihrem geringeren Körperfett. Zum Beispiel sind bei Babys noch nicht alle körpereigenen Enzyme ausgereift, und die Verdauungsorgane von Säuglingen können die aufgenommenen Stoffe auch noch nicht so gut verwerten wie fertig entwickelte Organe.

Auch Arzneimittel, die es ohne Rezept in der Apotheke frei zu kaufen gibt, sind für Kinder nicht immer harmlos. Deshalb ist es wichtig, sich mit dem Kinderarzt zu beraten.


Foto: Alexander Raths/iStock/Thinkstock

Das hat zur Folge, dass manche Arzneistoffe entweder zu lange im Körper bleiben und sich dort anreichern oder so schnell ausgeschieden werden, dass sie nicht wirken können.

Aus diesen Gründen ist eine Selbstmedikation nicht ohne Risiken. Manche Eltern denken, dass sie mit frei verkäuflichen und vermeintlich harmlosen Mitteln keinen Schaden anrichten. Doch bei Kindern können Laien die Wirkung und die angemessene Dosis der Medizin kaum kalkulieren. Auch pflanzliche Arzneimittel können Nebenwirkungen haben, vor allem wenn man sie zu hoch dosiert. Selbst eine scheinbar harmlose Salbe kann zu stark wirken, weil durch die dünnere Kinderhaut die Inhaltsstoffe leichter in den Körper gelangen.

Manche frei verkäuflichen Medikamente sind für Kinder tabu. Beispiel Aspirin: Die Tabletten enthalten den Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS), der nichts für Kinder unter zwölf Jahren ist. Denn bei Virusinfektionen wie Grippe, Erkältungen oder Windpocken kann ASS zu dem gefährlichen Reye-Syndrom führen, das sich in Hirnhautentzündungen und Leberversagen äußert. Wer seinem Kind etwas gegen Schmerzen oder Fieber geben will, sollte auf Arzneimittel mit den Wirkstoffen Paracetamol oder Ibuprofen zurückgreifen. Medikamente mit diesen Inhaltsstoffen sollte man aber nicht kombinieren. Mögliche Wechselwirkungen zwischen den Substanzen sind noch nicht ausreichend erforscht. Auch der Nutzen dieser Kombipräparate ist wissenschaftlich nicht genügend belegt.

Bevor man Säuglingen und Kindern Tinkturen, Tabletten oder Zäpfchen verabreicht, sollte man also immer Rücksprache mit dem Arzt halten. Der weiß nicht nur, welche Medizin in welcher Dosierung dem Kind hilft, sondern kann auch Tipps zur Einnahme geben. So kann das Vermischen mit Lebensmitteln bei bestimmten Arzneimitteln problematisch sein. Beispielsweise gehen calciumhaltige Lebensmittel wie Milch und Joghurt mit Antibiotika schwer lösliche Verbindungen ein, wodurch das Medikament an Wirkung verliert. Auch Grapefruitsaft kann bei etlichen Arzneimitteln die Wirkung verstärken oder verlangsamen.

Auf Nummer sicher geht man, wenn man Medikamente immer mit einem Glas Leitungswasser einnimmt.

Wasser statt Saft: Medikamente besser immer mit Leitungswasser einnehmen, da Saft die Wirkung verändern kann.


Foto: baronvsp/iStock/Thinkstock

Antibiotika: Bloß nicht vorzeitig absetzen

Wenn die Eltern den Eindruck haben, dem Kind geht es wieder gut, kann man das Medikament natürlich absetzen. Anders sieht das bei Antibiotika aus: Sie sollten weiter nach Anweisung genommen werden, auch wenn es dem Kind besser geht. Denn wer Antibiotika vorzeitig absetzt, riskiert nicht nur gesundheitliche Rückfälle, weil die Bakterien nicht komplett abgetötet wurden, es können sich auch Resistenzen entwickeln. Früher wurden Antibiotika oft recht sorglos von den Ärzten verschrieben. Dieser unkritische Einsatz trug dazu bei, dass die Resistenzen immer mehr zugenommen haben. Denn die Bakterien versuchen, sich gegen die Antibiotikawirkstoffe zu schützen, indem sie nach und nach natürliche Anpassungsmechanismen entwickeln. Auch durch spontane Erbgutveränderungen (Mutationen) und den Austausch von Genen zwischen verschiedenen Bakterien werden die Krankheitserreger widerstandsfähiger. Neben diesen beiden Gründen trägt der verbreitete Einsatz von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung dazu bei, dass sich vermehrt resistente Keime entwickeln.

Aufgrund dieser Entwicklung sind die meisten Kinderärzte heute bei der Verschreibung dieser Medikamente zurückhaltender geworden – zumal die Bakterienkiller gegen Viren, Auslöser der meisten kindlichen Infektionen, ohnehin nicht helfen. „Wir versuchen, Antibiotika nur dort zu verordnen, wo es notwendig ist, wenn also ein bakterieller Infekt sicher nachgewiesen ist”, sagt Annette Lingenauber, Sprecherin des Berufsverbands der Kinder-und Jugendärzte in Hamburg. Die Medizinerin räumt aber auch ein: „Das ist oft ein Streitpunkt mit den Eltern. Und es kostet natürlich viel Zeit, ihnen zu erklären, warum dieses Medikament jetzt nicht gegeben wird. Manche Kollegen sagen sich dann: Jetzt verordne ich eben ein Antibiotikum.

Das ist der schnellere Weg.” Aus Sicht von Lingenauber sollten Kinderärzte deshalb beim Thema Anti-biotika noch mehr Überzeugungsarbeit leisten. Ihr Tipp: „Ich finde es hilfreich, dass man Eltern schon bei der U 5 oder U 6, wenn das Kind ein halbes oder ein Jahr alt ist, darauf vorbereitet, dass jetzt eine Phase mit vielen Infekten kommt, und sie berät, wie man mit solchen Infekten am besten umgeht. Ich glaube, dass man den Einsatz von Antibiotika so noch weiter reduzieren könnte.”

Kompakt

Notwendige Medikamente richtig verabreichen

■ Je nach Alter des kleinen Patienten kann man eine kleine Belohnung in Aussicht stellen. Unter Zwang sollte man dem Kind die Medizin möglichst nicht einflößen. Sonst lehnt es sie nachher umso stärker ab.
■ Wird die Tablette oder Flüssigkeit aber immer wieder ausgespuckt, hilft der Griff zum Zäpfchen. Da Babys und Kleinkinder noch gar keine Tabletten schlucken können, bieten sich bis zum Schulalter grundsätzlich Zäpfchen oder Saft als Darreichungsformen für Arzneimittel an. Allenfalls Tabletten, die im Mund zergehen sollen, kann man Kindern im Vorschulalter geben, muss aber darauf achten, dass sie nicht wieder ausgespuckt werden.
■ Manche Eltern greifen zu dem Trick, die ungeliebte Pille zu zerkleinern und unters Essen zu mischen. Das darf man auf keinen Fall machen, ohne mit dem Arzt oder Apotheker Rücksprache zu halten. So müssen alle mit einer Schicht überzogenen Tabletten unbeschädigt geschluckt werden, weil der dünne Film den Wirkstoff vor der Magensäure schützt; die Tablette soll sich erst später im Dünndarm auflösen.

Weil kleine Kinder noch keine Tabletten schlucken können, sind Zäpfchen sinnvoller.


Foto: c mady70/Fotolia

■ Was tun, wenn das Kind nach der Einnahme des Medikaments erbricht? Sind erst wenige Minuten vergangen, kann das Mittel kaum eine Wirkung zeigen. Sind aber schon Stunden verstrichen, dann beobachten Sie erst einmal, ob sich die Beschwerden verbessern. Wenn nicht, sind Zäpfchen die bessere Darreichungsform.