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Mehr Schaden als Nutzen


ÖKO-TEST Kompakt Ernährung und Genuss - epaper ⋅ Ausgabe 3/2012 vom 09.03.2012

Gesundheit und Schönheit durch Pillen – das wird zwar versprochen, bleibt aber eine schöne Illusion. Vitamin- und Mineralstoffpräparate nutzen vor allem den Herstellern, die damit viel Geld machen. Inzwischen mehren sich die warnenden Stimmen, die nicht nur keinen Nutzen, sondern sogar gesundheitsschädliche Auswirkungen der Mittel sehen.


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Foto: dondoc-foto/Fotolia.com

Milliarden nimmt die Pharmabranche jedes Jahr mit Vitaminprodukten und Pflanzenextrakten ein. Die Hersteller der Pillen, Pulver, Kapseln und Tropfen profitieren vom guten Ruf der lebenswichtigen Nährstoffe. Mit Vitaminen und Mineralstoffen ...

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Milliarden nimmt die Pharmabranche jedes Jahr mit Vitaminprodukten und Pflanzenextrakten ein. Die Hersteller der Pillen, Pulver, Kapseln und Tropfen profitieren vom guten Ruf der lebenswichtigen Nährstoffe. Mit Vitaminen und Mineralstoffen werden positive Begriffe wie Wohlbefinden, Stärke, Energie und ein gesundes Immunsystem verbunden. Zu Recht. Doch die Präparate sind weder eine Alternative noch eine sinnvolle Ergänzung zu natürlichen Nährstofflieferanten wie Obst und Gemüse, Vollkorn, Fisch oder Milchprodukten. Im Gegenteil: In jüngster Zeit mehren sich die Hinweise, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht nur überflüssig sind, sondern anscheinend sogar schaden können. ÖKO-TEST hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengestellt.

Leiden wir an Nährstoffmangel?
Fast 77 Kilo frisches Obst und rund 60 Kilo Frischgemüse aus dem Handel verbraucht ein deutscher Haushalt im Schnitt - die Ernte aus dem eigenen Garten oder der Einkauf auf dem Markt nicht eingerechnet. Zudem trinken wir 37 Liter Fruchtsaft und -nektar pro Kopf und Jahr und gelten damit als Saftweltmeister. In der Nationalen Verzehrstudie II hat das Max-Rubner-Institut akribisch erfasst und ausgewertet, was bei den Deutschen auf den Tisch kommt. Das Ergebnis: „Bei den meisten Vitaminen entspricht die Zufuhr den Referenzwerten, deutlich darunter liegt die Zufuhr bei Vitamin D und Folsäure.“ Von den meisten Mineralstoffen nehmen die Deutschen mehr als genug zu sich. Lediglich weibliche Jugendliche und alte Menschen bräuchten etwas mehr Calcium. Frauen im gebärfähigen Alter nehmen im Schnitt zu wenig Eisen zu sich.

Statt bunte Pillen und Kapseln zu schlucken lieber einen bunten Obstsalat und knackiges Gemüse essen - das ist gesünder.


Foto: Stocdisc

Wer sollte Nahrungsergänzungsmittel einnehmen?
Niemand. Grundsätzlich sind Nahrungsergänzungsmittel für gesunde Personen, die sich normal ernähren, mehr als überflüssig. Zwar gibt es Menschen, die mehr Vitamine und Mineralstoffe brauchen - wie beispielsweise Raucher oder FastFood-Junkies. Aber auch hier ist es ratsamer und gesünder, die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten zu ändern, als mithilfe von Vitaminpillen die Schäden einer ungesunden Lebensweise zu begrenzen. Nur bei wenigen Nährstoffen und in speziellen Fällen ist eine Ergänzung manchmal sinnvoll. Schwangeren etwa wird Folsäure empfohlen. Auch chronische Krankheiten wie Krebs oder Magen-Darm-Erkrankungen, die die Nährstoffaufnahme behindern, können zu Mangel erscheinungen führen. Dagegen helfen Arzneimittel, die gezielt vom Arzt verschrieben werde.

Was dürfen Nahrungsergänzungsmittel enthalten?
Die EU-Richtlinie für Nahrungsergänzungsmittel erlaubt den Einsatz von 13 Vitaminen und 17 Mineralstoffen. In Deutschland lässt die Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel (NemV) neben den 13 Vitaminen nur 15 Mineralstoffe zu. Daneben ist laut EU-Richtlinie auch der Zusatz von „Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung“ gestattet. Genauer definiert sind diese Stoffe nicht. Nur in der Begründung werden als Beispiele „Aminosäuren, essenzielle Fettsäuren, Ballaststoffe und verschiedene Pflanzen- und Kräuterextrakte“ genannt. Die deutschen Überwachungsbehörden versuchen, diese Rechtslücke mit einem Verweis auf die Zusatzstoffverordnung zu füllen. Sie regelt, welche Substanzen einem Lebensmittel - und das sind Nahrungsergänzungsmittel ja - zugesetzt werden dürfen. Für Pflanzenextrakte wie Ginseng gilt, dass sie nicht wegen ihrer medizinischen Wirkungen eingesetzt werden dürfen, sondern nur wegen ihres Nährwerts, ihres Genusswerts oder wegen des typischen Geschmacks. In der Praxis sorgen diese Regelungen für eine Reihe von Rechtsstreitigkeiten und eine große Grauzone.

Mit Vitamin- und Mineralstoffpräparaten wird nicht nur in Apotheken, sondern auch in Drogerieketten viel Geld gemacht.


Foto: irisblende.de

Wie viel darf drin sein?
Bisher hat die EU noch keine Werte für die Vitamin- und Mineralstoffgehalte in Nahrungsergänzungsmitteln festgelegt. Deshalb verfahren die deutschen Behörden nach der Faustregel, dass die empfohlene Tagesdosis eines Präparats maximal drei Mal so hoch sein sollte, wie die von der DGE empfohlenen Werte für die tägliche Aufnahme. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät vorsorglich zu noch geringeren Konzentrationen. Noch keine Regelungen gibt es für Pflanzenextrakte, Eiweiße, Öle und andere Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln.

Kann eine Überdosis schaden?
Bei längerer Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln kann es zu problematischen Überdosierungen mit gesundheitlichen Schäden kommen. Denn die oft hohen Konzentrationen in den Präparaten kommen zu den Nährstoffen hinzu, die man mit Lebensmitteln zu sich nimmt.

Betacarotin/Vitamin A: 20 Milligramm Betacarotin täglich führten bei Rauchern in einer groß angelegten Studie zu einem höheren Lungenkrebsrisiko. Auch die Zahl der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Krankheiten stieg. Das BfR empfiehlt, „Betacarotin in Nahrungsergänzungsmitteln nur mit großer Vorsicht einzusetzen“. Eine dauerhaft hohe Einnahme von Vitamin A lässt Knochen brüchig werden. In Studien zeigte sich nach längerer Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Vitamin A und Betakarotin eine erhöhte vorzeitige Sterblichkeit.
Vitamin D: Starke und dauerhafte Überdosierung kann Erbrechen, Durchfall und Kopfschmerzen auslösen. In schweren Fällen drohen Kalkablagerungen in Gefäßen und Organen sowie Nierenschäden. Hohe Vitamin-D-Spiegel können das Risiko, an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, verdoppeln.
Vitamin E: Sehr hohe Dosierungen erhöhen das Risiko für Prostatakrebs bei gesunden Männern. Außerdem können hohe Gaben zu einer Störung der Blutgerinnung führen. In Studien führten Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin E zu einer erhöhten vorzeitigen Sterblichkeit.
Vitamin B6: Bei sehr hohen Tagesdosen gab es Fälle von Nervenstörungen in Armen und Beinen. Nach einer neuen Studie erhöht die Einnahme von Vitamin B6 als Nahrungsergänzungsmittel das Risiko, früher zu sterben um 4,1 Prozent.
Vitamin C: Mehr als 1.000 Milligramm täglich können bei anfälligen Menschen das Risiko für Nierensteine vergrößern.
Folsäure: Bei Männern erhöht die Einnahme von Folsäurepräparaten das Prostatakrebsrisiko. Außerdem steigt mit der langfristigen Einnahme von Folsäure die Wahrscheinlichkeit, vorzeitig zu sterben, um fast sechs Prozent.

Viel hilft viel? Von wegen: Wer Nahrungsergänzungsmittel nimmt, kann froh sein, wenn sie der Gesundheit nicht schaden.


Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com

Calcium: Obwohl Calcium einerseits für den Knochenaufbau wichtig ist, kann es andererseits auch zur Verkalkung der Blutgefäße beitragen.
Magnesium: Wer große Mengen an Magnesium zu sich nimmt, riskiert Durchfall.
Kalium: Bei Überdosierungen durch zusätzliche Mineralstoffpräparate sind Schwäche- und Schweregefühl der Muskeln, Unregelmäßigkeiten des Herzschlags oder ein Kreislaufkol laps mögliche Folgen. Besonders Nierenkranke müssen vorsichtig sein, da ihre Nieren weniger Kalium ausscheiden.
Eisen: Eine Überversorgung mit Eisen kann das Risiko von Herz- und Gefäßerkrankungen steigern. Die Eisenaufnahme über Nahrungsergänzungsmittel kann nach einer neuen Studie das Risiko, vorzeitig zu sterben, um fast vier Prozent erhöhen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt, auf Eisen in Nahrungsergänzungsmitteln ganz zu verzichten.
Mangan: Eine Überversorgung über Nahrungsergänzungen kann zu negativen Auswirkungen im zentralen Nervensystem führen. Das BfR rät, auf Mangan in Nahrungsergänzungsmitteln zu verzichten.
Kupfer: Extrem hohe Dosen greifen die Darmflora an. Außerdem hat eine neue Studie gezeigt, dass die Kupferaufnahme über Nahrungsergänzungsmittel das Risiko, vorzeitig zu sterben, um 18 Prozent erhöht. Das BfR rät, auf Kupfer in Nahrungsergänzungsmitteln zu verzichten.
Selen: In einer sieben Jahre dauernden Studie erhöhte die tägliche Einnahme von 200 Mikrogramm Selen das Risiko für Diabetes um 50 Prozent.
Zink: Bei starker Überdosierung mit Nahrungsergänzungsmitteln über einen langen Zeitraum kann die Aufnahme von Kupfer und Eisen gestört werden. Das kann zu Störungen des Blutbildes führen. Außerdem hat eine neue Studie gezeigt, dass die Zinkaufnahme über Nahrungsergänzungsmittel das Risiko, vorzeitig zu sterben, um drei Prozent erhöht.

Was muss draufstehen?
Die deutsche Verordnung schreibt vor: die Bezeichnung „Nahrungsergänzungsmittel“, die genaue Nährstoffzusammensetzung, die täglich empfohlene Verzehrsmenge sowie die Warnhinweise, dass die empfohlene Verzehrsmenge nicht überschritten werden sollte und Nahrungsergänzungsmittel kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung sind. Angeben müssen die Anbieter zudem das Verhältnis zwischen ihrer empfohlenen Tagesdosis und den Referenzwerten für die tägliche Aufnahme des jeweiligen Nährstoffes. Ausdrücklich verboten ist jeder Hinweis, „mit dem behauptet oder unterstellt wird, dass bei einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung im Allgemeinen die Zufuhr angemessener Nährstoffmengen nicht möglich sei“.

Wie unterscheiden sich Nahrungsergänzungs-von Arzneimitteln?
Die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln müssen ihre Präparate beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) registrieren lassen. Studien über die Wirkung oder mögliche Nebenwirkungen brauchen sie dafür nicht. Denn die Produkte gelten als Lebensmittel. Für Arzneimittel dagegen gelten die weit strengeren Zulassungsvorschriften des Arzneimittelrechts. Sie werden, nach Vorlage der notwendigen Studien, vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen. Erkennbar ist dies durch eine Zulassungsnummer auf der Verpackung. Das BfArM gibt für die Inhaltsstoffe Mindest- und Höchstgehalte der Tagesdosis vor. In einem Beipackzettel muss auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen werden.