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Mehrgenerationenprojekt: Ein Haus – vier Generationen


ÖKO-TEST Spezial Erziehung - epaper ⋅ Ausgabe 5/2012 vom 11.05.2012

Mutter, Vater, Kind(er) zusammen in einer Wohnung oder einem Haus – das ist die klassische Konstellation in den meisten Familien. Nicht so in dem Berliner Wohnprojekt Lichte Weiten. Dort haben sich gleich vier Generationen unter einem Dach versammelt. Auch wenn das gemeinsame Wohnen durchaus anspruchsvoll ist, profitieren letztlich alle Bewohner vom Miteinander der Alten und Jungen.


Artikelbild für den Artikel "Mehrgenerationenprojekt: Ein Haus – vier Generationen" aus der Ausgabe 5/2012 von ÖKO-TEST Spezial Erziehung. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Fotos: Kirsten Breustedt

Schnappst du mich mal? “, fragt Edmund. Er sieht nicht mehr besonders gut und bittet darum Jana, ihm den Arm zu reichen. Sie hakt ihn unter, und gemeinsam stapfen sie durch Blätter und Kastanien zu der ...

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Schnappst du mich mal? “, fragt Edmund. Er sieht nicht mehr besonders gut und bittet darum Jana, ihm den Arm zu reichen. Sie hakt ihn unter, und gemeinsam stapfen sie durch Blätter und Kastanien zu der Bank unter der uralten Kastanie. Sie setzen sich und plaudern ein bisschen. Annik hat es sich auf dem Schoß von Jana gemütlich gemacht und brummelt vor sich hin. Sie ist acht Monate alt.

„Eddie“, wie jeder hier Edmund nennt, ist mit 80 Jahren der älteste Bewohner des Wohnprojekts Lichte Weiten in Berlin-Lichtenberg, Annik das jüngste Mitglied. Und Jana liegt mit ihren 32 Jahren irgendwo dazwischen. Außerdem gibt es noch 13 weitere erwachsene Bewohner zwischen Ende 20 und Anfang 60. Zudem tummeln sich hier sechs Kinder zwischen acht Monaten und fünf Jahren. Unter dem Strich leben in dem vor wenigen Jahren sanierten und renovierten Altbau 21 Menschen, die sich über vier Generationen verteilen.

Jeder Bewohner und jede Familie hat eine eigene Wohnung und somit die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und für sich zu sein. Zugleich gibt es im Parterre des vierstöckigen Mietshauses eine schöne großzügige Gemeinschaftswohnung mit gemütlicher Wohnküche, Ofen und Spielzimmer für die Kinder. Hier trifft man sich regelmäßig zum Klönen, hält Besprechungen ab, feiert oder macht einen Kinoabend. Vor der Gemeinschaftswohnung hängt eine schwarze Tafel, die über das Neueste informiert: „Sonntag Brunch“ steht dort. Oder: „Sollen wir Kartoffeln bestellen?“

Das Dorf erzieht das Kind

„Das übliche Kleinfamilienleben war nichts für uns“, erzählt Jana, die mit Daniel verheiratet ist und neben Annik noch die vierjährige Blanka hat. Sie möchte nicht isoliert für sich leben, sondern mit ihrer Familie Teil einer Gruppe sein. Als die erste Tochter drei Monate alt war, sei ihr manchmal die Decke auf den Kopf gefallen. Darum machten sie und ihr Mann sich auf die Suche nach einem Wohnprojekt. Erst schauten sie nach einer Art WG mit anderen Familien. Doch schnell merkten die beiden, dass das nichts für sie ist. „Ich brauche auch einen Rückzugsraum, in dem ich für mich bin und meine eigenen Sachen machen kann“, sagt Jana. Dann kamen die Eheleute über das Internet auf das Wohnprojekt in der Wönnichstraße. Und merkten schnell, dass dies das Richtige für sie ist. Damals, das war 2007, befand sich das Haus noch im Um- und Aufbau. Es gab ältere und jüngere Mieter in spe, das gefiel Jana. Schon im Dezember 2008 zogen Jana, Daniel, Blanka und die anderen Familien ein.

Es gibt ein altes afrikanisches Sprichwort, das Jana gefällt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Nicht nur die Eltern betreuen demnach den Nachwuchs, sondern auch Großeltern, Verwandte und Freunde. Jeder unterstützt die Eltern bei der Kinderbetreuung, die sonst meist an einer Person hängen bleibt, oft an der Mutter. Doch das „Dorf“ gibt es in der Form heute nicht mehr. Oma und Opa wohnen weit weg oder haben keine Zeit. Tanten und Onkels haben mit den eigenen Kindern zu tun. Auch Jana hat keine Familie in Berlin. Sie ist erst vor wenigen Jahren in die Hauptstadt gekommen und kann somit nicht auf ein funktionierendes familiäres Netzwerk zurückgreifen.

Vor allem im Moment ist die Hausgemeinschaft von unschätzbarem Wert für sie. Ihr Mann arbeitet unter der Woche in Frankfurt am Main, sodass sie quasi nonstop für die beiden kleinen Mädchen da sein muss. Doch in ihrem „Dorf“ fühlt sie sich nicht allein und bekommt auch viel Unterstützung: Wenn sie morgens Blanka mit dem Rad in die Kita fährt, kann sie die kleine Annik bei Heike und Gabriele vorbeibringen. Die beiden Frauen wohnen direkt neben ihr und spielen der Kleinen gern etwas auf der Gitarre vor. Die 52-jährige Conny, die im ersten Stock wohnt, bringt Blanka abends öfter ins Bett. Annik schläft dann schon und Jana kann ein paar Stunden weggehen. Es sei gut zu wissen, dass immer jemand da ist. „Auch, für den Fall, dass mal etwas ist“, sagt Jana.

Doch es sei nicht so, dass hier die Omas und Opas Schlange stehen, um die Kinder im Haus zu hüten. Sie hatte sich das anfangs ein wenig erhofft, erinnert sich Jana, dann aber schnell gemerkt, dass die älteren Bewohner sehr aktiv sind, teils noch im Beruf stehen oder ehrenamtlich arbeiten. Doch: „Wenn ich nachts ins Krankenhaus müsste, könnte ich Blanka überall im Haus abgeben“, weiß Jana. Das beruhige sie. Und offen für die jüngsten Bewohner sind alle älteren Leute. Kinderlärm wird hier mit sehr viel Toleranz und Ver-ständnis begegnet. Die Kinder werden von allen als Bereicherung angesehen.

In der Gemeinschaftswohnung treffen sich die Bewohner zu Besprechungen, gemütlichen Mahlzeiten oder auch zu Kinoabenden.


So geht es auch Eddie. Seine Urenkelin Clara wohnt mit ihren Eltern im Dachgeschoss. Im Sommer kommt sie gern bei ihm vorbei, wenn er auf seiner Terrasse sitzt, „um Kekse abzugreifen oder pullern zu gehen“. Er isst außerdem jedes Wochenende mit Catharina, seiner Enkelin, deren Lebensgefährten Daniel Kubiak und Clara in der Gemeinschaftsküche zu Mittag. Die beiden unterstützen den alten Herrn auch beim Einkaufen oder wenn er zum Arzt muss. Mit Daniel war er kürzlich im Schloss Friedrichsfelde in einem Chopinkonzert.

Zu Lichte Weiten ist Eddie durch Catharina und Daniel gekommen. Als seine Frau 2009 starb, stellte sich die Frage, was aus ihm, der nur schlecht sehen kann, wird. Er hätte in ein Altersheim gehen können. Doch das wollte er nicht. Er findet es furchtbar, dass dort immer nur über Krankheiten geredet wird. „Hier im Haus ist es wesentlich sympathischer mit all den Beziehungen.“ Manchmal kommt er sich allerdings „ein bisschen doof“ vor, weil er „so wenig in die Gemeinschaft einbringen kann“, bedauert Eddie. Doch das lässt Jana nicht gelten. Er sei für sie und die anderen Mitbewohner eine große Bereicherung. Nicht nur weil er die Gemeinschaft als Jurist in rechtlichen Dingen kompetent beraten kann. Er ist auch ein echter Zeitzeuge seiner Generation und kann den Kindern viel aus der DDR-Zeit erzählen.

Gegenseitige Rücksicht

Auch seine Lebenserfahrung und Gelassenheit helfen ihr zuweilen. So hat sie manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn sie abends los zu einem Seminar geht und ihre Kinder von anderen betreuen lässt. Doch dann hat ihr Eddie mal erzählt, dass seine Tochter bereits mit drei Monaten in eine Wochenkrippe kam. Dort habe das kleine Mädchen von Montag bis Samstag die Zeit ohne ihre Eltern verbracht – während Eddie und seine Frau, eine Richterin, arbeiten gehen mussten. „So etwas zu wissen, relativiert viel für mich und nimmt mir das schlechte Gewissen.“

Sie findet es auch gut, dass die Kinder durch Eddie lernen, Rücksicht zu nehmen. Wenn er, der ja nicht gut sehen kann, in den Garten kommt, muss der Weg frei sein und kein Kind darf sich ihm in den Weg stellen oder seinen Roller herumstehen lassen.

Die Bewohner von Lichte Weiten verwalten ihr Haus selbst. Die anfallenden Arbeiten werden untereinander aufgeteilt. So müssen die mehr als 1.600 Quadratmeter des schönen großen Nachbarschaftsgartens gepflegt werden. Dass das auch passiert, dafür sorgt die „Garten-AG“. Sie macht im Frühjahr einen Beeteplan, setzt die Tomaten im Gewächshaus und harkt im Herbst das Laub. Daneben gibt es die „Ressourcen-AG“, die unter anderem dafür sorgt, dass das Wassersystem funktioniert. Im Haus wird mit aufbereitetem Brauchwasser und mit Regenwasser geduscht; die Toiletten werden damit gespült und die Wäsche gewaschen. Dafür muss der Durchfluss durch das dreistufige Klärsystem frei und die Tanks müssen regelmäßig gereinigt werden. Die „Verwaltungs-AG“ kümmert sich schließlich um die Mietkonten, die Jahresabrechnungen und die Mietverträge.

Ein Plus für alle: Die älteren Mitbewohner bekommen Unterstützung im Alltag und helfen ihrerseits mit Erfahrung und bei der Kinderbetreuung.


Ein gewisser Knackpunkt sei die Selbstverwaltung schon. „Nicht alle Arbeiten werden regelmäßig abgearbeitet“, schmunzelt Jana. Sie würde gern lästige Aufgaben wie die Jahresabrechnung für die Bewohner an extern vergeben. „Dann bliebe mehr Zeit für das Miteinander.“

Auch gibt es immer wieder Diskussionen um organisatorische Dinge. So war anfangs geplant, dass die Bewohner unten am Eingang ihre Schuhe abstellen, damit nicht so viel Schmutz durchs Haus getragen wird. Doch es funktio-nierte nicht. Während die Bewohner aus den oberen Etagen das Abstellen ganz prima fanden, waren die Bewohner unten genervt. Überall standen Schuhe herum und der Flur müllte zu. Darum wurde das Vorhaben wieder ad acta gelegt.

Ohne Kompromisse funktioniert es nicht

Jana findet das gemeinsame Wohnen schon „anspruchsvoll“. Man müsse die Balance zwischen Regeln und Chaos finden – und immer wieder Kompromisse schließen. Doch an den Auseinandersetzungen könne man auch wachsen. Man lernt die Standpunkte der anderen Mitbewohner kennen, und auch zwischen den Generationen läuft viel. Daraus entstehe das große Plus für alle. Letztlich verstehen die „Alten“ besser, was die heutige junge Generation so antreibt, und die „Jungen“ lernen von der Gelassenheit und der Erfahrung der „Alten“, die ja schon vieles erlebt haben. Gleichzeitig kann das aber auch dazu führen, dass aneinander vorbeigeredet wird, wenn Interessen durchgesetzt werden wollen.

Die seit Jahren stabile Hausgemeinschaft zeigt, dass die Bewohner meist auf einen Nenner kommen. Die Fluktuation ist bisher gering. Zwar ist kürzlich eine Bewohnerin in ein Nachbarschaftsprojekt umgezogen, doch man habe sich in Frieden getrennt. Und dadurch kommen ja auch wieder neue Bewohner oder Bewohnerinnen ins Haus, die die Gruppe neu beleben. Im Herbst ist es soweit. Dann wird eine Wohnung für zwei neue Leute frei.

Wohnprojekte

■ Wer ein Wohnprojekt sucht, findet Angebote in Tageszeitungen, auf Infobrettern in Geschäften und im Internet. Unter www.wohnprojekte-portal.de kann man sich, nach Postleitzahlen sortiert, über Projekte informieren. Schon vorab sollte man aber überlegen, ob man eher in einer Art Kommune oder WG wohnen möchte oder in der eigenen Wohnung.
■ Wer sich für ein Projekt interessiert, sollte sich Zeit zum Prüfen nehmen. Schließlich lebt man enger als üblich mit den Bewohnern zusammen, muss sich auseinandersetzen und Entscheidungen treffen. Bestehende Projekte laden Interessierte meist zu Infotreffen ein. Man bekommt dabei einen guten Eindruck von den potenziellen Mitbewohnern und dem Ton, der dort herrscht.
■ Ob man in ein bestehendes Projekt einsteigt oder selbst eins mit aufbaut, ist vor allem eine Zeitfrage. Besteht das Projekt bereits, kann man sich sozusagen „ins gemachte Nest“ setzen, muss aber die bestehenden Bedingungen akzeptieren. Bei Einzug muss in der Regel eine gewisse Summe Geld je Quadratmeter Wohnfläche eingelegt werden. Das Geld wird bei Auszug zurückgezahlt.

■ Befindet sich das Projekt noch in Gründung, kann man mehr mitreden und -gestalten. Man muss sich aber mit anderen auseinandersetzen, die Rechtsform bestimmen – gemeinschaftliche, nicht wirtschaftlich orientierte Projekte sind oft Genossenschaften oder Vereine – und finanziell in Vorleistung treten. Hilfreich ist es, wenn einige zukünftige Bewohner über finanziellen Sachverstand verfügen. Denn daran, dass man sich verkalkuliert, scheitern auch Projekte.
■ Auch wer kaum Eigenkapital mitbringt, kann in ein Mehrgenerationenprojekt einsteigen. Die Projekte werden oft von Städten und Gemeinden gefördert. Gemeinnützige Stiftungen wie die Trias-Stiftung (www.stiftungtrias.de) stellen zinsgünstige oder zinslose Kredite und teils auch Grund und Boden zur Verfügung. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau gewährt zinsgünstige Kredite (www.kfw.de), die über die Hausbank beantragt werden. Bürgschaftskredite und Leihgemeinschaften werden zum Beispiel durch die GLS-Gemeinschaftsbank (www.gls.de) vermittelt.
■ Teils ist die öffentliche Förderung an Bedingungen wie Barrierefreiheit, ökologische Bauweise und eine bestimmte Wohnfläche je Bewohner geknüpft.