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MIKROPLASTIK: PLASTIKSUPPE


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 25.10.2018

Es ist nicht zu übersehen: Plastik ist zu einem globalen Umweltproblem geworden. Weniger offensichtlich: In Form von Mikroplastik ist es inzwischen in der Nahrungskette angekommen. Die gesundheitlichen Folgen sind unklar.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 11/2018

Im Mineralwasser in PET-Mehrwegflaschen schwimmen Partikel aus PET und Polypropylen – aus Letzterem bestehen die Deckel der Flaschen.


Von Jürgen Steinert

Sie kauften 259 Flaschen Wasser an 19 Orten in neun verschiedenen Ländern. Und wurden fündig: In 93 Prozent aller Proben fanden Professorin Sherri A. Mason und ihre Mitarbeiter von der Fredonia State University of New York mindestens ...

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... Hinweise auf eine Kontamination mit Mikroplastik. Die Bandbreite reichte von 0 bis über 10.000 Mikroplastikpartikel pro Liter, von denen 95 Prozent zwischen 6,5 und 100 Mikrometer maßen.

Durchschnittlich schwammen in einem Liter der untersuchten Wässer gut zehn Partikel mit einer Größe von mehr als 100 Mikrometer sowie weitere 325 kleinere Partikel. Aufgrund analytischer Schwierigkeiten nennt Mason diese Zahlen „sehr konservativ“ und „wahrscheinlich zu niedrig gezählt“.

Zwar wurde die Studie von verschiedenen Seiten kritisiert, unter anderem auch deshalb, weil sie keine Begutachtung von Fachkollegen durchlaufen hat. Doch andere Forscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen, beispielsweise Wissenschaftler vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emsche-Lippe (CVUA-MEL) und der Universität Münster. Sie wiesen bei der Untersuchung von Mineralwässern in 22 verschiedenen Mehrweg- und Einwegflaschen aus Polyethylenterephthalat (PET), drei Getränkekartons und neun verschiedenen Glasflaschen in allen Verpackungsarten Mikroplastik im Größenbereich von 1 bis 500 Mikrometer (μm) nach. Zirka 80 Prozent aller identifizierten Partikel gehörten dem kleinsten untersuchten Größenbereich von 5 bis 20 μm an.


Auffällig viele Mikroplastikpartikel schwimmen in PET-Mehrwegflaschen.


Stellt sich die Frage, wie die Partikel ins Wasser gelangen. Auffällig waren in der Münsteraner Untersuchung vor allem die Mehrwegflaschen, in denen 118 Mikroplastikpartikel pro Liter Wasser schwammen, während es in den Einwegflaschen und Getränkekartons nur 14 beziehungsweise 11 Teilchen waren. Da die gefundenen Partikel in den PET-Mehrwegflaschen überwiegend aus PET bestanden und nur zu einem geringen Anteil aus Polypropylen (PP, dem Deckelmaterial), schlussfolgert Darena Schymanski vom CVUA-MEL, dass neben den bisher bekannten Mikroplastikquellen „Kunststoffverpackungen ebenfalls Mikroplastikpartikel emittieren können“.

Ob in den USA, in Indien oder in Deutschland: Egal wo Forscher auf der Erde Wasserproben untersuchen, fast immer finden sie darin Mikroplastikpartikel.

IMMER MEHR PLASTIK

Erst seit rund 70 Jahren werden Kunststoffe im industriellen Maßstab hergestellt. Rund acht Milliarden Tonnen wurden bis heute produziert. Davon sind schätzungsweise noch 30 Prozent im Einsatz, der Rest hingegen ist zu Abfall geworden. Von diesem Abfall wiederum wurde nur ein Fünftel wiederverwertet oder verbrannt. Das heißt, knapp fünf Milliarden Tonnen allen jemals produzierten Plastiks sind im günstigen Fall auf der Mülldeponie, im ungünstigen in der Umwelt gelandet. Halten die gegenwärtige Plastikproduktion und die Trends im Abfallmanagement an, werden bis 2050 rund 12 Milliarden Tonnen Plastikabfälle auf Müllkippen und in der Umwelt herumliegen. Allein im Jahr 2015 sind 407 Millionen Tonnen Plastik produziert worden und zum Einsatz gelangt, während 302 Millionen Tonnen ausgedient hatten. Polyethylen (PE, 36 Prozent), Polypropylen (PP, 21 Prozent) und Polyvinylchlorid (PVC, 12 Prozent) machen die Masse aus, es folgen Polyethylenterephthalat (PET), Polyurethan (PU) und Polystyrol mit jeweils weniger als 10 Prozent. Bei Fasern für Textilien dominieren Polyester, Polyamid und Polyacrylate.

FORSCHER WURDEN AUCH IM LEITUNGSWASSER FÜNDIG.

Doch selbst Leitungswasser ist nicht mehr frei von diesen Verunreinigungen. In 81 Prozent von 159 weltweit gezogenen Proben, darunter je eine in Berlin und Tübingen, fand Sherri A. Mason „anthropogene Partikel“, vor allem zwischen 0,1 und 5 mm lange Fasern, im Mittel gut fünf Partikel pro Liter. Das klingt nach nicht viel, sind hochgerechnet aufs Jahr dann aber doch rund 5.000 Partikel allein aus Leitungswasser.

Sollten wir uns Sorgen machen?, fragen sich Stephanie L. Wright und Frank J. Kelly vom King’s College in London im Fachblatt British Medical Journal. Zwar seien die Zahlen relativ klein verglichen mit anderen Verschmutzungsquellen wie dem Verkehr. Jedoch seien bislang nur wenige Lebensmittel – Schalentiere, Salz, Honig und Bier – auf Mikroplastik untersucht worden und die Analyse der Proben gelte immer noch als technologische Herausforderung. Nichtsdestotrotz sei die ständige Aufnahme von Mikroplastik ein reales Problem.

AUSTERN BEKOMMT DAS MIKROPLASTIK NICHT

In Miesmuscheln und Pazifischen Austern wiesen Lisbeth van Cauwenberghe und Colin R. Janssen von der Universität Gent in Belgien bereits vor vier Jahren Plastikteilchen nach: 90 Partikel in einer durchschnittlichen Portion Muscheln (250 g) und rund 50 Partikel in sechs Austern.

Den Austern bekommt das Mikroplastik nicht gut: Mikropolystyrolkügelchen veränderten deren Energieaufnahme und beeinträchtigten die Fortpflanzung. Die Anzahl der Eizellen und die Beweglichkeit der Spermien sanken, was sich wiederum auf den Nachwuchs auswirkte: Die Larven wurden weniger und sie wuchsen langsamer. Als Erklärung bieten die Wissenschaftler vom Meeresforschungsinstitut in Plouzané, Frankreich, eine hormonelle Wirkung des Mikropolystyrols an. Zwar seien im Meerwasser der Austern keine Umwelthormone nachweisbar gewesen. Doch könnten in biologischen Untersuchungen (Bioassays) selbst unterhalb der Bestimmungsgrenze chemischer Nachweisverfahren noch Effekte festgestellt werden.

WAS IST MIKROPLASTIK?

Eine häufig benutzte Definition stammt aus dem internationalen Meeresschutz. Demnach handelt es sich bei Mikroplastik um feste, wasserunlösliche, nicht abbaubare Plastikpartikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. Der Blaue Engel für kosmetische Produkte fasst Mikroplastik konkreter: Kunststoffpartikel, zwischen 100 Nanometer und 5 Millimeter klein, geringe Wasserlöslichkeit und nach bestimmten Polymerisationsverfahren gewonnen.
Unterschieden wird zwischen primärem Mikroplastik wie Granulate zur Weiterverarbeitung, welches als solches hergestellt, in industriellen Prozessen eingesetzt wird und als solches in die Umwelt gelangt, und sekundärem Mikroplastik, das durch Zersetzung oder Abrieb, zum Beispiel von Reifen oder Textilien, aus größeren Plastikteilen entsteht. Zu primärem Mikroplastik zählen auch die in Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmitteln eingesetzten Partikel.
Bedeutendste Quellen für die Freisetzung von Mikroplastikpartikeln sind hierzulande verlorengegangene Kunststoffpellets sowie der Reifenabrieb.

Quelle: „Quellen für Mikroplastik mit Relevanz für den Meeresschutz in Deutschland“, Umweltbundesamt (2015).

Sarah-Jeanne Royer von der Universität Hawaii zeigte, dass Plastikabfälle unter Sonnenlicht Treibhausgase freisetzen.


Foto: Olivier Poirion/University of Hawaii

Doch es ist nicht nur das Mikroplastik an sich. Auch im Kunststoff enthaltene Weichmacher, Stabilisatoren und Flammschutzmittel zeitigen Effekte. So setzten an PVC haftende Umweltgifte beispielsweise dem Wattwurm zu. War das PVC mit dem antimikrobiellen Wirkstoff Triclosan beladen, starb jeder zweite Wurm, war es mit einem Flammschutzmittel aus der Gruppe der polybromierten Diphenylether (PBDE-47) beladen, fraßen die Würmer 30 Prozent weniger. Der Stabilisator Nonylphenol schränkte die Immunantwort ein.

Was ist zu tun? „Obwohl – oder gerade weil – wissenschaftliche Erkenntnisse über die ökologischen Auswirkungen von (Mikro)Plastik noch weitgehend fehlen, sollten im Sinne des Vorsorgeprinzips frühzeitig Maßnahmen zur Reduktion weiterer Einträge eingeleitet werden, um eine fortschreitende Akkumulation dieser hochpersistenten Materialien zu vermeiden“, fordern die Autoren einer länderübergreifenden Untersuchung zu Mikroplastik in Binnengewässern Süd- und Westdeutschlands.

JETZT AUCH NOCH TREIBHAUSGASE

Kürzlich haben US-Forscher auf ein bis dato noch unerkanntes Problem von Kunststoffabfällen hingewiesen: Treibhausgase. Wie das? Dem Sonnenlicht ausgesetzt, zersetzen sich Kunststoffe unter Bildung von Methan und Ethylen, allen voran der weltweit am meisten produzierte Kunststoff Polyethylen. Zwar sei der Beitrag aus der Plastikzersetzung derzeit noch eher unbedeutend, schreiben Sarah-Jeanne Royer und Koautoren im Fachmagazin PLOS One. Berücksichtige man jedoch die weiterhin zunehmende Plastikproduktion und den Anteil, der letztlich in der Umwelt landet, könnte es sich über kurz oder lang zu einem globalen Problem entwickeln. Zumal der Zerfall von Plastik in der Umwelt zu Mikroplastik mit vergrößerter Oberfläche führt, was die Kohlenwasserstoffproduktion beschleunigen könnte.

Quelle: Royer S-J, Ferrón S, Wilson ST, Karl DM (2018) Production of methane and ethylene from plastic in the environment. PLOS ONE 13(8):e0200574. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0200574

Foto: University of Hawaii

DIE GESUNDHEITLICHEN FOLGEN SIND NOCH UNERFORSCHT.

Doch nicht nur die Forschung zu ökologischen Auswirkungen von Mikroplastik steht am Anfang, auch zu den gesundheitlichen Folgen ist bislang nur wenig bekannt. „Aufgrund des Fehlens belastbarer Daten über stoffliche Zusammensetzung und Konzentration von Mikroplastik in Lebensmitteln ist eine gesundheitliche Bewertung für Verbraucher bei oraler Aufnahme von mit Mikroplastikpartikeln kontaminierten Lebensmitteln derzeit nicht möglich“, hieß es in einer Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vom April 2015, die auch heute noch aktuell sei, wie das BfR auf Nachfrage von ÖKO-TEST mitteilt. Begründung: Es lägen keine gesicherten Daten zur chemischen Zusammensetzung, zur Partikelgröße oder zum Gehalt von Mikroplastikpartikeln in Lebensmitteln vor.

„Mikroplastikpartikel dringen in die Zelle ein, setzen sich zwischen die Zellen und lagern sich auf deren Oberfläche an“, erklärt Dr. Tamara Grummt vom Umweltbundesamt. Bei Kurzzeitversuchen an humanrelevanten Zelllinien aus Haut, Lunge und Leber seien Entzündungsreaktionen beobachtet worden, langfristig könnten chronischen Erkrankungen wie Krebs oder Leberzirrhose die Folge sein (siehe Interview auf S. 21).

„Zerfallende Mikroplastikpartikel in Nanogröße können über Lunge, Darm oder Haut aufgenommen werden und Entzündungen auslösen, Zellbarrieren durchdringen und selektive Membranen wie die Blut-Hirn-Schranke oder die Plazenta überwinden“, warnt Professor Hans Schweisfurth, Vorsitzender des Arbeitskreises Medizin der Deutschen Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie (DGUHT). Entscheidend sei vor allem der Zeitpunkt der Belastung: „Während Erwachsene wesentlich unempfindlicher reagieren, kann die gleiche Menge an Plastikpartikeln oder den freigesetzten chemischen Verbindungen bei Föten und Kleinkindern zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden führen.“

„Obwohl zur Wirkungsweise von Mikroplastik noch Wissenslücken bestehen, ist nach gegenwärtigem Wissensstand aufgrund der, wenn überhaupt, sehr geringen Konzentrationen in Lebensmitteln eine Gesundheitsgefährdung durch Mikroplastikpartikel nicht zu befürchten. Zudem kann davon ausgegangen werden, dass Partikel mit einer vergleichbaren Größe zu Sand oder auch zu Samen von Beeren problemlos vom Körper wieder ausgeschieden werden.“

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit,bmu.de/FA65

INTERVIEW: CHRONISCHE ERKRANKUNGEN KÖNNEN DIE FOLGE SEIN

Foto: privat

Dr. Tamara Grummt, Leiterin des Fachgebiets Toxikologie des Trink- und Badebeckenwassers des Umweltbundesamtes in Bad Elster

ÖKO-TEST: Wie lässt sich der aktuelle Forschungsstand in Sachen Mikroplastik zusammenfassen?
Grummt: Es laufen sehr viele Forschungsprojekte. Im Vordergrund steht zum einen die Analytik, der chemische Nachweis der Mikroplastikpartikel, zum anderen wird versucht, die Öko- und die Humantoxikologie zu erfassen. Es gibt erste orientierende Ergebnisse.

Welche Untersuchungen führen Sie am Umweltbundesamt durch?
Wir arbeiten mit Partikeln aus Polyethylen, die kleiner als fünf Millimeter sind. Diese entstammen nicht realen Proben, sondern enthalten fluoreszierende Stoffe, damit sie unter dem Mikroskop und in Zellkulturen sichtbar sind.

Was für Zellen sind das und welche Reaktionen konnten Sie beobachten?
Es handelt sich um humanrelevante Zelllinien aus Haut, Lunge und Leber. Wir haben mit den Hautzellen begonnen. Die Mikroplastikpartikel dringen in die Zellen ein, setzen sich zwischen die Zellen oder lagern sich auf deren Oberfläche an. In Kurzzeittests über 72 Stunden waren Entzündungsreaktionen zu beobachten. Aktuell laufen Versuche zur Langzeitwirkung: Verändert sich dabei das Entzündungsgeschehen, bleibt es gleich, werden die Partikel wieder ausgeschieden oder stirbt die Zelle ab? Ich erwarte größere Effekte in den Leberzellen.

Sind diese Untersuchungen auf den Menschen übertragbar?
Wenn wir menschennahe Zellen nehmen, gehen wir davon aus, dass wir im Analogieschluss die Wirkung auf den Menschen übertragen und das Gefährdungspotenzial abschätzen können.

Welche Gesundheitsgefahren durch Mikroplastik drohen?
Die Wirkung läuft über Entzündungen. Wenn diese lange bestehen bleiben oder weil Zellen absterben, können chronische Erkrankungen wie Krebs oder Leberzirrhose die Folge sein. Ist die Zellkommunikation gestört, weil die Partikel zwischen den Zellen die Freisetzung von Botenstoffen hemmen, kann sich nicht funktionsfähiges Gewebe bilden.

PLASTIKABFÄLLE

Foto: imago/Sven Simon

Den größten Anteil am Plastikmarkt machen Verpackungen aus. Dieser Markt wuchs auch deshalb besonders schnell, weil es einen weltweiten Trend weg von wiederverwendbaren hin zu Einmalbehältnissen gab. Von allen Arten, Kunststoffe zu verwenden, weisen gerade Plastikverpackungen die kürzeste Lebensdauer auf. Kein Wunder also, dass der Plastikanteil auf Müllkippen von weniger als ein Prozent im Jahr 1960 auf mehr als zehn Prozent 2015 hochschnellte.

Wollte man die 302 Millionen Tonnen Plastik, die allein 2015 ausgedient hatten, auf große Rheinschiffe verladen, benötigte man gut 100.000 dieser Frachter, die hintereinander gereiht eine Schlange von rund 10.000 km Länge ergäben.

PLASTIKPRODUKTION: VOR ALLEM AUS FOSSILEN ROHSTOFFEN

Kunststoffbausteine wie Ethylen und Propylen werden aus fossilen Rohstoffen gewonnen. Jedoch würden nur vier bis sechs Prozent des in Europa verwendeten Erdgases und -öls zur Produktion von Plastikmaterialien eingesetzt werden, betont der Industrieverband Plastics Europe. Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen wie Polylactid spielen noch nur eine untergeordnete Rolle. Ein großes Problem von Polyethylen, Polypropylen, Polyvinylchlorid und anderen Kunststoffen: Sie sind nicht abbaubar. Um sie nach Gebrauch aus der Welt zu schaffen, bleibt kaum etwas anders übrig als die thermische Verwertung, also ihre Verbrennung. Andernfalls versinkt die Erde mehr und mehr unter Bergen von Plastikmüll.

MIKROPLASTIK UND SYNTHETISCHE POLYMERE

Baden gegen Plastik:
Um gegen umweltschädliches Plastik in Kosmetik zu protestieren, stiegen Greenpeace-Jugendliche 2016 in die Alster.


Foto: © Daniel Müller / Greenpeace

Zum Eintrag von Mikroplastik in die Umwelt tragen auch Kosmetika bei. Am bekanntesten sind die in Peelings verwendeten Polyethylenkrümel, die das sanfte Abschmirgeln der obersten Hautschicht besorgen sollen. Doch dieses Mikroplastik ist nur die Spitze des Eisbergs: Neben schätzungsweise 922 Tonnen Mikroplastik landen allein aus Kosmetika rund 23.700 Tonnen gelöste Polymere im Abwasser. Rechnet man die aus Wasch-, Putz- und Reinigungsmitteln stammenden Einträge hinzu, gelangen in Deutschland jährlich knapp 1.000 Tonnen Mikroplastik sowie 46.900 Tonnen gelöste Polymere ins Abwasser. Dies hat eine aktuelle vom Fraunhofer-Institut UMSICHT im Auftrag des Naturschutzbunds NABU durchgeführte Studie ergeben.

Was Kläranlagen nicht zurückhalten, schwimmt dann irgendwann im Meer. In der Nordsee landen jährlich zirka 20.000 Tonnen Mikroplastik, etwa 230 Tonnen davon stammen aus Kosmetika. Auf 0,1 bis 1,5 Prozent schätzt der Industrieverband Körperpflege und Waschmittel (IKW) den Anteil des Plastikmülls aus Schönheitsprodukten in Gewässern.

Nur: „ Es ist immer ein Problem, wenn solche Partikel in die Umwelt gelangen, da sie biologisch nur sehr langsam oder gar nicht abbaubar sind. Je kleiner die Partikel, desto gefährlicher sind sie rein ökotoxikologisch betrachtet. Kleine, unregelmäßig geformte Partikel werden von Mikroorganismen schlechter ausgeschieden. Im Nanometerbereich kommt hinzu, dass Partikel sogar in die Zellen eindringen könnten“, erklärte Professorin Dr. Jutta Kerpen vom Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik der Hochschule Rhein-Main am Campus Rüsselsheim im Interview mit ÖKO-TEST im Rahmen eines Tests Körperpeelings.

Immerhin sei es der Industrie aufgrund einer Selbstverpflichtung gelungen, den Einsatz von Mikroplastikpartikeln in Reinigungs- und Peelingprodukten von 2012 bis 2017 um gut 97 Prozent zu verringern, verkündete Cosmetics Europe im Mai dieses Jahres. Hierzulande hat die Kosmetikindustrie im Rahmen des nationalen Kosmetikdialogs zugesagt, Mikrokunststoffpartikel bis 2020 durch alternative Stoffe zu ersetzen. So würden in Zahnpasten schon heute keine Kunststoffpartikel mehr eingesetzt, heißt es vonseiten des Industrieverbands Körperpflege und Waschmittel (IKW).

Flüssige oder wasserlösliche synthetische Polymere sind hingegen kein Thema des nationalen Kosmetikdialogs. „Da sich die wissenschaftliche Kritik an Mikroplastik vorrangig auf feste Kunststoffpartikel bezieht, gelten die vereinbarten Ausstiegspläne für feste Kunststoffpartikel und nicht für gelöste Kunststoffe“, erklärt Birgit Huber vom IKW. „Nach anerkannter Expertenmeinung von Behörden und Industrie tragen gelöste Polymere anders als feste Kunststoffpartikel nicht zu einer Verschmutzung der Meere bei.“ Dagegen gibt Jutta Kerpen zu bedenken, es sei bekannt, dass diese Verbindungen zum Teil sehr schwer oder gar nicht biologisch abbaubar sind und damit über das Abwasser und die Kläranlagen in die Umwelt gelangen können.

Konkrete Maßnahmen der Kosmetikindustrie sind nicht in Sicht. Aber sie sei „sehr daran interessiert, die Umweltverträglichkeit ihrer Produkte ständig zu überprüfen und zu verbessern“, ergänzt Huber. Daher werde im Rahmen des Kos-metikdialogs auch über den Umgang mit weiteren Kunststoffen gesprochen.

Gelöste synthetische Polymere verbergen sich hinter Namen wie Acrylates Crosspolymer-4, Styrene/Acrylates Copolymer oder Polyquaternium-37. Eingesetzt werden sie, weil sich mit ihnen die Viskosität eines Duschgels steuern lässt, ebenso, ob das Duschgel klar oder trüb erscheint, oder um in Shampoos für antistatischen Effekt auf den Haaren sorgen.

Für die Industrie handelt es sich dabei nicht um Mikroplastik, sondern um funktionelle Polymere. Nestlé teilte uns zum Inhaltsstoff Acrylates/C10-30 Alkyl Acrylate Crosspolymer im Bübchen Baby Shampoo Sensitiv mit, dass die verwendeten Polymere im Modell einer Wasseraufbereitungsanlage vollständig erfasst würden und so nicht über die Abwässer in Flüsse und Meere gelangten; Laborversuchen würden bestätigen, „dass der eingesetzte Inhaltsstoff in der Biomasse des Wasseraufbereitungsprozesses vollständig sorbiert oder eingeschlossen wird“.

Hier lässt sich zweierlei einwenden: Zum einen waren es Laborversuche, von denen nicht eins zu eins auf das Verhalten des Stoffes unter realen Bedingungen geschlossen werden kann. Zum anderen wird nichts darüber gesagt, was mit der Biomasse, die die synthetischen Polymere trägt, passiert: Wird sie als Klärschlamm auf die Äcker ausgebracht, landen die fraglichen Verbindungen dann doch in der Umwelt.

Umweltschützer wie Greenpeace kritisieren, dass „flüssiges, wachsartiges, pastöses oder pulvriges Mikroplastik (…) im freiwilligen Ausstiegsplan der Industrie nicht inbegriffen (ebenso wenig wie Nanopartikel)“ sei. Außerdem beschränke sich der Verzicht auf Mikroplastik auf Rinse-off-Produkte, wobei völlig ignoriert werde, „dass auch Kunststoffe aus … Leave-on-Produkten wie Bodylotion, Haargel oder Make-up täglich über Waschbecken oder Dusche in unsere Abwässer gelangen“. Auch diese Stoffe seien „oftmals langlebig und nicht selten umweltschädlich“.

Die Initiativebeatthemicrobead.org bietet Herstellern das Logo Zero Plastic Inside für Produkte an, die kein Mikroplastik enthalten. Dazu wird eine Liste mit 67 Kunststoffen geführt. Die Definition für Microbeads (engl. Mikrokügelchen, Reibekörper) wird offen gehalten, um sie der laufenden wissenschaftlichen Forschung anpassen zu können.

Bislang hat sich ÖKO-TEST in der Bewertung synthetischer Polymere auf Rinse-off-Produkte beschränkt. Inzwischen halten wir dieses Vorgehen nicht mehr für gerechtfertigt: Jede Creme, jede Bodylotion, jede Sonnenmilch wird spätestens beim nächsten Duschen, Baden oder Schwimmen abgewaschen und landet im Wasser. Und damit gelangen auch die in ihnen enthaltenen synthetischen Polymere in die Umwelt. Welche Folgen dies über kurz oder lang für die Umwelt und für den Menschen haben wird, ist derzeit noch unklar.

In Anbetracht dessen müsse der Eintrag im Sinne des Vorsorgeprinzips minimiert werden, fordert der Naturschutzbund NABU. Daher hält er aus Umweltsicht zertifizierte Naturkosmetik für die bessere Wahl, nur seien die Marktanteile noch sehr gering. Um die gesetzliche Regulierungslücke zu schließen, schlägt der NABU ein Verbot von Mikroplastik sowie eine Regulierung gelöster Polymere über die EU-Chemikaliengesetzgebung vor.

Wir gehen ab diesem Heft mit dem Test Haarkuren (S. 26) strenger vor. Mikroplastikpartikel (als Abrasiva in Peelings, Duschgels oder Zahncremes) werden zukünftig um vier Noten unter dem Testergebnis Weitere Mängel abgewertet, andere synthetische Polymere um zwei Noten, unabhängig davon, ob es sich um Leave-on- oder Rinse-off-Produkte handelt, und unabhängig von Löslichkeit, Abbaubarkeit oder Zustandsform des Polymers. Wie bisher werden PEG/ PEG-Derivate behandelt und Silikone in Leave-on-Produkten. Ohne Mengenbeschränkung laufen Silikone in Rinse-off-Produkten als synthetische Polymere unter den Weiteren Mängeln.

ZUM WEITERLESEN

► Industrieverband Körperpflege und Waschmittel:ikw.org/ikw → Schönheitspflege → Themen → Suche „Mikroplastik“
► Umweltbundesamt (April 2016): Mikroplastik: Entwicklung eines Umweltbewertungskonzepts. Download unterumweltbundesamt.de → Publikationen → Suche „Mikroplastik“
► Geyer R, Jambeck JR, Law KL (2017): Production, use, and fate of all plastics ever made. Sci. Adv. 2017;3: e1700782; DOI: 10.1126/sciadv.1700782 Download unteradvances.sciencemag.org → Search „Geyer Jambeck Law“
► Greenpeace (2017): „Plastik in Kosmetik – Deutsche Hersteller im Check“. Download untergreenpeace.de → Suche „Mikroplastik“
► Fraunhofer UMSICHT (2018): a) „Kunststoffe in der Umwelt: Mikro- und Makroplastik.“ b) „Mikroplastik und synthetische Polymere in Kosmetikprodukten sowie Wasch-, Putz- und Reinigungsmitteln.“ Download unterumsicht.fraunhofer.de → Suche „Kunststoffe in der Umwelt“ bzw. „Mikroplastik“
► Boucher, J. and Friot D. (2017): „Primary Microplastics in the Oceans: A Global Evaluation of Sources.“ Gland, Switzerland: IUCN (International Union for the Conservation of Nature and Natural Resources). Download unteriucn.org → Suche „microplastics“


Foto [M]: piranka/getty images; mycteria/Shutterstock