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Mord im Namen der Wissenschaft


Schottland - Das neue Reisejournal - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 20.11.2018
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Bildquelle: Schottland - Das neue Reisejournal, Ausgabe 12/2019

Wissenschaft zu Zeiten von Queen Victoria: So sah das Anatomische Museum im Jahr 1889 aus.


Disarticulated skull © the University of Edinburgh’s Anatomical Collections

Die schottische Hauptstadt Edinburgh stieg einst zum weltführenden Forschungsstandort für Medizin auf. Doch der Preis dafür war hoch.

Im oberersten Stockwerk der alten medizinischen Fakultät von Edinburgh University befindet sich das wohl ungewöhnlichste Künstleratelier der schottischen Hauptstadt: Der Weg dorthin führt über eine schmale Holzstiege, die bei jedem Schritt leise knarrt. Am Ende der Treppe liegt ein heller Raum; die Wände sind ...

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... weiß gestrichen, die Fensterfronten rechts und links reichen bis auf den Boden. So kann das Sonnenlicht ungehindert hineinströmen. In einer Ecke steht eine Staffelei.

Seit dem Jahr 1884 wurden in diesem Raum am Teviot Place Leichen und Leichenteile für die Lehre akribisch genau abgemalt. Die Einrichtung aus dieser Zeit ist originalgetreu erhalten geblieben. Große Leinwände mit Zeichnungen eines menschlichen Gehirns und einer Gaumenspalte sind zu sehen. Eine weitere Zeichnung zeigt einen offenen Brustkorb. Mit einem klobigen Eimer an einer Seilwinde holte der Maler früher seine Motive zu sich ins Atelier: menschliche Herzen, Lungengewebe oder ein Auge.

Ein Stockwerk tiefer, direkt unter den Füßen des Malers, befand sich ein Operationssaal. Dort entnahm ein Arzt einer Leiche das gewünschte Organ und legte es in den Eimer, der dann mit der Seilwinde nach oben gezogen wurde.

Ende des 19. Jahrhunderts befand sich am Teviot Place das Medizinzentrum der schottischen Hauptstadt. In der Toreinfahrt des imposanten Sandsteingebäudes hängen noch immer schwere Steintafeln an der Wand, die an die Erfolge der Ärzte aus Edinburgh erinnern: James Young Simpson (1811-1870) entdeckte in Edinburgh die Chloroform-Anästhesie. Der Pathologe John Hughes Bennett (1812-1875) beschrieb als erster Wissenschaftler seiner Zeit den Blutkrebs Leukämie.

Viele handschriftliche Unterlagen der Ärzte sind in Schaukästen ausgestellt. In der feinen, geschwungenen Handschrift ihrer Zeit berichten Ärzte über missglückte Kaiserschnitte und Amputationen ohne Narkose. Teviot Place ist mehr als eine Ausbildungsstätte für angehende Ärzte: Es ist auch ein Museum, das Besuchern die Medizingeschichte Schottlands näher bringt.

Das erste Krankenhaus wurde im Jahr 1144 in St. Andrews gegründet. Ebenfalls im 12. Jahrhundert kümmerten sich Augustinermönche in den Borders, der Grenzregion zwischen England und Schottland, um Kranke und Verwundete. Ihr Kloster lag bei Soutra, mit Blick auf die Hügelkette der Cheviots. Die Römer nannten die weithin sichtbaren Hügel Trimontium, „die drei Berge“ – wegen der drei markanten Gipfel, die in den Himmel ragen. Eine volkstümliche Legende besagt, der Teufel habe den Berg in drei Stücke gehauen.

Am Teviot Place in der Innenstadt befindet sich das wohl ungewöhnlichste Künstleratelier der schottischen Hauptstadt. ©the University of Edinburgh’s Anatomical Collections


Das Anatomische Museum heute: Zu sehen sind rund 12.000 Ausstellungsstücke, die 300 Jahre Medizingeschichte abbilden. ©The University of Edinburgh’s Anatomical Collections


An Soutra führt heute die B6368 und dann die Schnellstraße A68 vorbei. Im Mittelalter wanderten auf diesem Weg Pilger, Soldaten und Händler von England Richtung Edinburgh. Im Kloster bei Soutra Aisle hatten Augustinermönche, quasi im Schatten der drei Berggipfel, die Versorgung von Kranken und Verletzten übernommen. Wo sich heute das Gras im Wind wiegt, stand im Mittelalter eine Superklinik, das größte Krankenhaus im Norden der britischen Inseln. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen.

Die Klostermauern wurden im Laufe der Jahrhunderte abgetragen und für den Bau neuer Gebäude verwendet. Doch archäologische Ausgrabungen förderten Heilpflanzen wie Schierling, Bilsenkraut und sogar Mohn zur Gewinnung von Opium zutage. „Einige der Heilpflanzen, die wir gefunden haben, stammten aus den Alpen und dem Mittleren Osten“, sagte der Archäologe Brian Moffat der Zeitung „Scotsman“. Er schätzt, dass zur Blütezeit des Klosters rund 300 Mönche und Bedienstete in Soutra lebten. Sie versorgten ihre Patienten mit Schmerzmitteln und Appetitzüglern, renkten Knochen ein, zogen Zähne und führten Amputationen durch.

Doch nach einer Anordnung des Papstes im Jahr 1215 durften die Mönche nicht mehr direkt mit dem Blut ihrer Patienten in Berührung kommen. Von nun an übernahmen Barbiere im Kloster diese Aufgabe. Um Quacksalbern das Handwerk zu legen, wurde 1505 die Gilde der Barbiere und Operateure gegründet, die strenge Auflagen bei der Ausbildung und Berufsausübung zu erfüllen hatte. Die Barbiere blieben aber nicht lange unter sich.

Die Apotheker und Kenner der Pflanzenheilkunde taten sich im Jahr 1657 ebenfalls zu einer Gilde zusammen. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Konkurrenz und die Eifersüchteleien zwischen den beiden Gilden groß waren.

James Syme: Amputationen in 90 Sekunden.


Sophia Louisa Jex Blake: Die erste Ärztin in Schottland.


Doch nicht nur innerhalb Schottlands nahm der Wettbewerb zu. In ganz Europa suchen Ärzte nach neuen Wegen, die Leiden ihrer Patienten zu lindern. In der italienischen Stadt Padua entdeckte der englische Arzt William Harvey (1578–1657) den Blutkreislauf. Im niederländischen Leiden revolutionierte der Professor Herman Borhaave die medizinische Ausbildung, indem er verschiedene medizinische Unterrichtsfächer einführte und angehenden Ärzten damit die Möglichkeit gab, sich zu spezialisieren. Edinburgh war führend in den Fächern Anatomie und klinische Medizin. Hier wurde die erste Hüftoperation auf den britischen Inseln durchgeführt. „Kein Ort der Welt kann mit Edinburgh konkurrieren“, sagte der damalige USPräsident Thomas Jefferson im Jahr 1789 mit Blick auf die Erfolge der schottischen Ärzte.

Dem schottischen Chirurgen James Syme eilte der Ruf voraus, er könne ein Bein in nur 90 Sekunden amputieren. Das war ein unsagbarer Vorteil in einer Zeit, in der es keine Narkose- oder Schmerzmittel für die Patienten gab. Syme hatte auch noch andere Talente: Im Jahr 1818 gelang es ihm, einen Mantel mit einer chemischen Substanz regendicht zu machen. Fünf Jahre später glückte einem gewissen Charles Mackintosh in Glasgow ein ähnlicher Trick. Anders als Syme meldete Mackintosh die Erfindung des Regenmantels zum Patent an. Er machte ein Vermögen: Noch heute sind Regenmäntel in Großbritannien als „Mackintoshs“ bekannt.

Das Unigebäude am Teviot Place. ©The University of Edinburgh


Der alte Vorlesungssaal: Die gute Ausbildung in Edinburgh zog unzählige Studenten an. ©The University of Edinburgh


Joseph Bell: Das Vorbild für die Romanfigur Sherlock Holmes.


Arthur Conan Doyle: Arzt und Schriftsteller.


Zu den illustren Besuchern der medizinischen Fakultät zählte auch Charles Darwin. Darwin war allerdings vom Fach Medizin wenig begeistert. Die Vorlesungen langweilten ihn so sehr, dass er genervt aufgab und sich fortan der Naturkunde widmete. Der Militärarzt James Barry behandelte zu einer Zeit, als Frauen das Medizinstudium verboten war, Jahrzehnte lang verwundete Soldaten auf den Schlachtfeldern Europas. Erst nach dem Tod von Barry wurden Gerüchte laut, dass Barry möglicherweise eine Frau gewesen war und als Mann verkleidet eine erstaunliche Karriere gemacht hatte.

Ein Dozent der Universität erhielt sogar literarische Ehrungen: Der Mediziner Joseph Bell war bei Kollegen und Studenten bekannt für seinen Scharfsinn und seine Kombinationsgabe. Der junge Medizinstudent und spätere Schriftsteller Arthur Conan Doyle war von Bell so beeindruckt, dass er ihn als Vorlage für die Figur des Detektivs Sherlock Holmes verwendete. Doyle, der zuvor als Arzt gearbeitete hatte, widmete sich nach dem Erfolg seines Sherlock Holmes ganz der Schriftstellerei und erlangte mit seinen Romanen Weltruhm.

Ein Grund für den Erfolg der medizinischen Fakultät im 18. Jahrhundert war der gute Ruf einiger besonders charismatischer Professoren. Doch wegen der ständig wachsenden Zahl an Studenten wurde das Lehrmaterial knapp, oder anders gesagt: Es fehlte an Leichen. „Im Vergleich zu heute spielte die Anatomie eine große Rolle in der medizinischen Ausbildung“, sagt der Anatomieprofessor Gordon Findlater aus Edinburgh. „Damals waren viele Teile des menschlichen Körpers noch nicht erforscht.“ Das Sezieren von Leichen war also beides: Forschung und Lehre.

Die Stadtväter von Edinburgh sahen ein, dass die Ärzte Leichen für ihre Arbeit brauchten.

Das Medizinmuseum und Ärztezentrum Surgeons´ Hall ist bis heute ein Treffpunkt für Chirurgen. ©Surgeons Hall Museums, The Royal College of Surgeons of Edinburgh


Der Friedhof von St. Cuthbert. ©Wendy


Bereits im Jahr 1505 wurde eine Leiche pro Jahr für Forschungszwecke freigegeben. Meistens handelte es sich dabei um hingerichtete Verbrecher. Im Jahr 1702 wurde erstmals in Edinburgh eine Leiche öffentlich seziert. Doch in den folgenden Jahrzehnten stieg der Bedarf rapide an, der Wissenschaftsrummel an der Hochschule zog immer weitere Kreise.

Die Hochschullehrer wurden so schlecht bezahlt, dass sie auf das Lehrgeld ihrer Studenten angewiesen waren. Je mehr Studenten sie eine möglichst interessante Vorlesung bieten konnten, desto besser verdienten sie.

Der Old Pentland Cemetery: Hier fand einer der ers ten dokumentierten Fälle von Grabraub statt


Schon bald entwickelte sich ein lebhafter, illegaler Handel mit gestohlenen Leichen. Nachts schlichen Grabräuber über die Friedhöfe und suchten nach frischen Gräbern. Wie das so genannte „Bodysnatching“ vor sich ging, hat der zeitgenössische Medizinprofessor Sir Robertson Christinson beschrieben: „Gegraben wurde mit flachen Holzstücken, um das Geräusch zu vermeiden, das entsteht, wenn Eisen auf Stein trifft.

Sobald der Sarg zu sehen war, wurden zwei kräftige Eisenhaken unter den Deckel geschoben und der Sargdeckel mit Gewalt an einer Seite aufgebrochen. Das Loch im Sarg war gerade groß genug, um die Leiche herauszuziehen. Das ganze Unterfangen dauerte nicht mehr als eine Stunde, denn die Erde über dem Grab war locker, und es gab viele Hände, die bereit waren, mit anzufassen.“

Auf dem kleinen Friedhof „Old Pentland Cemetery“ hat sich einer der ersten Fälle von Grabraub zugetragen. Das Gräberfeld liegt nur wenige Autominuten von der südlichen Stadtgrenze entfernt. Es wird vermutet, dass der Friedhof und die umliegenden Felder einst den Tempelrittern gehörten. Die kleine Kirche auf dem Friedhofsgelände ist längst verfallen. Viele Grabsteine sind verwittert und die Inschriften in dem Stein kaum noch leserlich.

Die Zeitung „Caledonian Mercury“ berichtet im Jahr 1742 von einem der ersten Fälle von Grabraub, der sich auf dem kleinen Friedhof ereignete. Von dort stahl der Bodysnatcher James Gardner die Leiche eines Kindes, um sie den Ärzten in Edinburgh, den „Anatomists“, zu Forschungszwecken zu verkaufen. Noch an der Stadtgrenze wurde Gardner gefasst und von einer aufbrachten Menge gelyncht. Bis heute steht auf dem Friedhof die kleine Hütte, die besorgte Angehörige errichtet hatten, um ihre Toten zu bewachen. Mit dem Dach über dem Kopf waren sie dabei vor Regen und Sturm geschützt.

©Surgeons' Hall Museums, The Royal College of Surgeons' of Edinburgh


Das grausige Ende von James Gardner hatte in den folgenden Jahren wenig abschreckende Wirkung. Zur gleichen Zeit, als sich in Edinburgh die Hörsäle füllten, kamen zwei Männer in die Stadt, die über die folgenden Monate die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen sollten.

William Burke und William Hare waren arme irische Wanderarbeiter, die mit der Aussicht auf Arbeit in die schottische Hauptstadt gekommen waren. Zu dieser Zeit wurde zwischen Edinburgh und Glasgow ein Kanal gebaut, der den Warentransport zwischen den beiden Städten erleichtern sollte. Dieser sogenannte Union Kanal ist bis heute in Betrieb und wird vor allem als Naherholungsgebiet genutzt. Bunte Schuten liegen festgemacht im Wasser und verdämmern den Tag. Der Straßenlärm der Innenstadt ist verstummt. Gelegentlich tragen Ruderer ihre Boote zu Wasser und von Zeit zu Zeit huscht ein Radfahrer auf dem Sandstreifen am Kanal entlang. Irgendwo hier, am Ufer des Union Kanals, beginnt die Geschichte von den Mördern William Burke und William Hare, die im 19. Jahrhundert durch die dunklen und engen Gassen der nahe gelegenen Altstadt schlichen, immer auf der Suche nach neuen Opfern.

Der Union Kanal wurde 1822 eingeweiht. Burke und Hare schauten sich nun nach einer neuen Tätigkeit um. Bald fanden sie heraus, dass sich mit dem Handel von Leichen gutes Geld verdienen ließ. Denn im gleichen Jahr war der talentierte Arzt und Hochschullehrer Robert Knox nach Edinburgh gezogen. Seine unterhaltsamen Vorlesungen bescherten ihm schon bald einen starken Zulauf an neuen Studenten. Das führte bald dazu, dass Knox pro Jahr rund 90 Leichen für seinen Unterricht benötigte.

In der National Portrait Gallery in der Queen Street in Edinburgh hängt ein Gemälde des zeitgenössischen Malers Ken Currie. Es stammt aus dem Jahr 2002 und heißt „Three Oncologists“. Das Bild zeigt drei Ärzte, die Anfang 2000 in der Hafenstadt Dundee arbeiteten. In der Mitte steht Sir Alfred Cuschieri, einer der Pioniere der Nadelöhr-Chirurgie. Der Krebsforscher Sir David Lane steht rechts, der Mediziner R.J.Steele auf der linken Seite. ©Ken Currie


„Nach heutigen Maßstäben erhielten Burke und Hare rund 5000 Pfund pro Leiche. Das war viel Geld für die armen Wanderarbeiter“, sagt Findlater von der Universität Edinburgh. Die beiden Männer setzten daraufhin eine beispiellose Mordserie in Gang. Ihre Opfer suchten sie unter ihresgleichen: Es waren arme Zuwanderer, die in Edinburgh niemand kannte und die so schnell auch niemand vermissen würde. Die Geschäfte liefen gut. Um seinen Studenten ständig neues Seziermaterial liefern zu können, bezahlte Knox und stellte keine Fragen. Die Leichen und damit jegliche Beweismittel verschwanden unter den Seziermessern der angehenden Mediziner. Es waren Morde ohne Leichen. Es war das perfekte Verbrechen.

Erst als die beiden Mörder immer unvorsichtiger wurden, flog der grausige Handel auf. Burke wurde zum Tode verurteilt und 1829 öffentlich gehängt. Hare sagte als Kronzeuge gegen seinen Komplizen aus und verschwand danach aus Edinburgh.

Die Vorgänge an der Medizinschule von Robert Knox waren Gegenstand einer Untersuchung, die aber folgenlos blieb. Knox, der Burke und Hare mit der Aussicht auf Bezahlung zu den Morden angestiftet hatte, wurde nie vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen. Allerdings wurde er fortan von seinen Kollegen gemieden und sozial ausgegrenzt. Er verließ Edinburgh wenige Jahre später. Der Schriftsteller Robert Louis Stevenson verarbeitete die Geschichte der Grabräuber in seiner Erzählung „The Bodysnatcher“. Die Mordserie setzte außerdem eine Gesetzesreform in Gang. 1832 trat das Gesetz „Anatomy Act“ in Kraft. Die Reform machte dem illegalen Grabraub ein Ende, weil von nun an beispielsweise Menschen ihre Leiche der Wissenschaft spenden konnten.

In Edinburgh ist die Geschichte der Grabräuber präsent bis zum heutigen Tag. Das liegt vielleicht daran, dass noch immer zahlreiche Wachtürme auf den Friedhöfen in der schottischen Hauptstadt zu sehen sind.

Auch die Mediziner setzten ihre Erfolgsgeschichte fort. 1882, also in dem gleichen Jahr, in dem der deutsche Arzt Robert Koch den Tuberkulose-Erreger entdeckte, schloss der schottische Mediziner Robert William Philips sein Studium in Edinburgh ab und widmete sich fortan der Tuberkulose-Behandlung. Die Molekularbiologin Noreen Murray (1935-2011) war an der Entwicklung eines wichtigen Impfstoffs gegen Hepatitis B beteiligt. Der Schotte Alexander Fleming entdeckte 1928 das Antibiotikum Penicillin. Die Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling spendete der Universität vor einigen Jahren 10 Millionen Pfund für den Kampf gegen die Multiple Sklerose. An dieser Krankheit war ihre Mutter im Alter von 45 Jahren gestorben.

In der National Portrait Gallery in der Queen Street hängt ein Gemälde von drei zeitgenössischen Ärzten aus Dundee. In der Mitte ist Sir Alfred Cuschieri abgebildet, einer der Pioniere der Nadelöhr-Chirurgie. Der Krebsforscher Sir David Lane steht rechts, der Mediziner R.J. Steele auf der linken Seite. Alle drei Männer werden so dargestellt, als hätten sie ihre Arbeit nur für einen Moment unterbrochen. Steele wird mit blutigen Händen wie frisch aus dem OP gezeigt, Cuschieri hält ein medizinisches Instrument zwischen den Fingern. Sie sehen blass, überarbeitet und erschreckt aus – als hätten sie bei ihrer Arbeit bis auf den Grund der Hölle menschlichen Leidens gesehen.

Auf den Spuren von Hare und Burke

Die Zeit der „Bodysnatcher“ und der Aufstieg der schottischen Hauptstadt zu einem der führenden Forschungsstandorte lässt sich bis heute im Stadtbild von Edinburgh ablesen.

St. Cuthbert

Wer an den alten Friedhöfen in Edinburgh vorbeigeht, dem fallen die Wachtürme an den Außenmauern auf. Ein besonders gutes Beispiel ist der Wachturm der Kirche St. Cuthbert an der Lothian Road. Es muss ein grausiges Spektakel gewesen sein, die trauernden Angehörigen im Fackelschein zwischen den Gräberfeldern zu sehen, während die Grabräuber im Schutz der nächtlichen Schatten nur auf eine Gelegenheit warteten, zuzuschlagen.

Altstadt

Auf der Straße Lawnmarket, gegenüber vom High Court in der Altstadt, wurde eine Bronzeplatte in den Fußweg eingelassen. An dieser Stelle wurde William Burke gehängt.

Anatomical Museum

Das Skelett der Mörders William Burke befindet sich im Anatomischen Museum der Universität Edinburgh am Teviot Place. In dem Museum sind rund 12.000 Ausstellungsstücke zu sehen, die 300 Jahre Medizingeschichte abbilden. Das Museum hat eingeschränkte Ö. nungszeiten.www.ed.ac.uk

Surgeons' Hall

Die Surgeons´ Hall ist das Medizinmuseum von Edinburgh mit einer Ausstellung zu Anatomie, Chirurgie und Zahnmedizin. Im Fundus befindet sich auch ein Bucheinband, der angeblich aus der Haut von William Burke gemacht worden sein soll. Eng verbunden mit dem Museum ist die heutige Berufsständevereinigung der Chirurgen in Schottland.www.museum.rcsed.ac.uk

Union Canal

Burke und Hare waren an den Bauarbeiten für den Union Canal beteiligt. Der Kanal verbindet die beiden Städte Glasgow und Edinburgh. Am Ufer gibt es einen schönen Rad- und Wanderweg. Ein guter Startpunkt ist das Freizeitzentrum Fountainbridge nahe der Lothian Road in Edinburgh. Der Union Kanal wurde 1822 erö. net, um den Kohleschi. en den Weg zu erleichtern. Er wird jetzt für Freizeitzwecke genutzt.