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Muttermilchersatz, Anfangsnahrungen: Etwas verpulvert


ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 9/2015 vom 11.09.2015

Einige untersuchte Muttermilchersatzprodukte enthalten weniger Fettschadstoffe als in vorhergehenden Tests. Dennoch ist nicht alles im grünen Bereich: In allen Flaschenmilchprodukten wurden Gehalte an Chlorat gefunden. Zwei Produkte schneiden aber mit „sehr gut“ ab.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie, Ausgabe 9/2015

Muttermilch ist zweifellos das Beste, was Babys in den ersten Lebensmonaten bekommen können. Wenn Mütter aber nicht stillen, ist industriell hergestellte Säuglingsnahrung die erste Wahl – andererseits aber auch nicht immer ohne Probleme. So sorgten zuletzt Fettschadstoffe, die unter Krebsverdacht stehen und über die zugesetzten Fette in die ...

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... Produkte gelangen, für Negativschlagzeilen. In den vergangenen Monaten rückten neue Schadstoffe in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Rede ist zunächst von Perchlorat, das 2013 hauptsächlich in Obst und Gemüse gefunden wurde. Wie Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen belegen, können allerdings auch Trinkwasser, Eier, Milch und Fisch mit dem Stoff belastet sein. Wenig später sorgte die verwandte Chemikalie Chlorat für Aufsehen. Auch hier stellten Untersuchungsämter den Stoff zuerst überwiegend in Obst und Gemüse fest. Es folgten Untersuchungen von gechlorten Trinkwasserproben – auch darin wurde man fündig. Schließlich stellten Labore die beiden Chemikalien in Milchpulver fest – für ÖKO-TEST Grund genug, diesen Hinweisen nachzugehen und Säuglingsnahrungen darauf zu untersuchen. Aber wie geraten die Kontaminanten ausgerechnet in Milchpulver? Für die Funde in pflanzlichen Lebensmitteln haben Fachleute mittlerweile ein ganzes Bündel an Erklärungen parat. So nennen die Experten des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes Stuttgart gechlortes Gießoder Beregnungswasser als einen Eintragspfad.

Darin kann Chlorat als Nebenprodukt der Desinfektion entstehen, während Perchlorat eher als Verunreinigung auftritt. Des Weiteren können gechlorte Wasch- oder Prozesswässer zum Eintrag führen. Verunreinigte Düngemittel wurden ebenfalls schon als Ursache ausgemacht. Bei Milchpulver liegt der Fall anders: So ist etwa bekannt, dass Perchlorat aus belastetem Tierfutter in die Milch übergehen kann. Als weitere Verursacher kommen chlorhaltige Reinigungsmittel infrage, wie sie in Melkanlagen oder Molkereien im Einsatz sind. Eine andere Möglichkeit kann Natronlauge sein, die produktionsbedingt Chlorat enthält und verbreitet als Reinigungsmittel angewendet wird. Schließlich könnte gechlortes Wasser bei der Milchpulverherstellung selbst zu den Einträgen führen.

Die genauen Ursachen müssen demnach erst noch gefunden werden. Rückstände aus der Milch reichern sich letztlich im Milchpulver an und dürften darin in höheren Konzentrationen enthalten sein. Wie die Stoffe auf den Organis mus wirken, ist dagegen seit Langem bekannt. So hemmen sowohl Perchlorat als auch Chlorat die Jodaufnahme in die Schilddrüse. Auch wenn die Blockade vorübergehend ist, sind je nach Aufnahmemenge nachteilige gesundheitliche Effekte nicht auszuschließen, sagen Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Das gilt in besonderem Maß für Menschen mit Schilddrüsenfunktionsstörungen und Jodmangel sowie für Schwangere und Kinder, die für ihre Entwicklung in den ersten Lebensjahren auf eine ausreichende Produktion von Schilddrüsenhormonen ganz besonders angewiesen sind. Chlorat kann darüber hinaus die roten Blutkörperchen schädigen. Die Folge: ein teilweise eingeschränkter Sauerstofftransport im Blut. Wir wollten wissen, ob Chlorate in Muttermilchersatz tatsächlich ein Thema sind, und haben 13 Produkte auf diese und weitere Schadstoffparameter untersuchen lassen.


Wie geraten neue Schadstoffe wie Chlorat ausgerechnet in Milchpulver?


Das Testergebnis

• … ist durchwachsen. Nur ein Produkt schneidet mit „sehr gut“ ab, weitere sieben Nahrungen erreichen noch ein „befriedigend“, während vier Nahrungen gänzlich durchfallen. Die Gründe sind eine Ansammlung alter und neuer Probleme: Fettschadstoffe, Chloratrückstände, die Belastung mit Keimen und Deklarationsmängel.
• Alle Pulver enthalten Chlorat. In den Produkten Aptamil Profutura Anfangsmilch 1, Aptamil mit Pronutra Anfangsmilch 1 und Milupa Milumil 1 Anfangsmilch – alle (!) von Milupa – wurden so hohe Gehalte gefunden, dass die tolerierbare täglich Aufnahmemenge (TDI) überschritten wird. Wir sind dabei von einer Tagestrinkportion für ein zwei Wochen altes Baby ausgegangen. Der TDI wurde erst im Juni 2015 von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) festgelegt. Nach den höchsten Schätzungen der EFSA liegt die längerfristige Exposition mit Chlorat von Säuglin-gen über dem TDI. Das ist vor allem für Kinder mit leichtem oder moderatem Jodmangel problematisch, da eine chronische Belastung die Aufnahme von Jod hemmt. Zumindest ist der Gehalt in den Produkten aber weit von der akuten Referenzdosis (ARfD) entfernt, die dem 12-Fachen des TDI entspricht. Ein ARfDWert wurde festgelegt, weil eine hohe einmalige Chlorataufnahme für Menschen giftig sein könnte, da diese Substanz die Sauerstoffaufnahme im Blut einschränkt und zu Nierenversagen führt. Aber auch die anderen Produkte enthalten noch Chlorat in Spurengehalten. Die Hersteller sind also gefordert, die Werte zu senken. Konkrete Hinweise, dass Produkte verbessert wurden, liegen uns bislang noch nicht vor. ƒ Zu viel Perchlorat. Die Kontaminante wurde erfreulicherweise deutlich seltener gefunden. Im Fall der Babydream Bio Anfangsmilch 1 ist die Belastung jedoch so hoch, dass eine Tagesportion den von der EFSA aktuell festgelegten TDI übersteigt.
• Fettschadstoffe – es geht besser. Die Zusammensetzung der eingesetzten Fette und Öle hat sich im Durchschnitt verbessert. So sind in den Nahrungen von Nestlé sowie in der Aptamil Profutura von Milupa und der Hipp Bio Combiotik Bio-Anfangsmilch 1 nur noch Spuren der bedenklichen Fettsäureester zu finden. In den übrigen zehn Produkten ist die Belastung aber immer noch zu hoch. ƒ Keime im Pulver. In der Holle Bio-Anfangsmilch 1 stecken Sporen sulfitreduzierender Clostridien. Eine Gesundheitsgefahr lässt sich daraus nicht ableiten, sagt Dr. Annemarie Sabrowski vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg. Der Nachweis sei aber ein Indikator für eine mangelhafte Hygiene im Betrieb – und in jedem Fall Anlass für den Hersteller, den Produktionsprozess zu überprüfen.
• Zweifelhafte Werbeaussagen. Werbung, die den Anschein erweckt, industriell hergestellte Säuglingsnahrung sei ebenso gut oder sogar besser als Muttermilch, kann Mütter vom Stillen abhalten und ist daher gesetzlich untersagt. In der Praxis stoßen vor allem Begriffe wie „nach dem Vorbild der Muttermilch“ oder „nach dem Vorbild der Natur“ sauer auf, so eine Auflistung von Beispielen des Arbeitskreises Lebensmittelchemischer Sachverständiger (ALS). Der auf der Hipp Bio Combiotik Bio-Anfangsmilch 1 auf der Frontseite prominent platzierte Slogan „nach dem Vorbild der Natur“ ist daher alles andere als akzeptabel, auch wenn Hipp den Spruch inzwischen mit dem Pflichthinweis auf die Überlegenheit des Stillens kombiniert.

So reagierten die Hersteller

• Die Anbieter Alnatura, Holle und Milupa wollen weiter an der Minimierung der Fettschadstoffe arbeiten. Das verspricht auch Drogeriewarenanbieter Rossmann. Allerdings sollte Rossmann damit endlich ernsthaft beginnen. Denn de facto hat sich die Belastung in der Rossmann-Nahrung seit dem ÖKO-TEST von 2013 nur unwesentlich verringert.
• Holle kündigt weiter an, alle Stufen der Gewinnung und die Vorverarbeitung von Zutaten auf chlorfreie Reinigungsmittel umstellen zu wollen. In jüngeren Chargen sei eine Reduktion der Chlorat- und Perchloratgehalte bereits zu erkennen, so Holle. Ein mitgeschickter Prüfbericht bestätigt dies.

So haben wir getestet

Werbeaussagen wie „nach dem Vorbild der Natur“ sind irreführend.


Der Einkauf

Im Test: 13 Säuglingsanfangsnahrungen. Ausgewählt wurde mindestens ein Produkt der wichtigsten in den Läden erhältlichen Marken. Der Schwerpunkt lag auf Produkten mit der Bezeichnung „Anfangsmilch 1“, da diese in der Regel über einen längeren Zeitraum als Pre-Nahrung gegeben werden. Grundsätzlich sättigen 1er-Nahrungen durch den Zusatz von Stärke besser als Pre-Nahrungen, die nur Laktose enthalten.

Die Inhaltsstoffe

Muttermilchersatz soll das Kind mit allen wichtigen Nährstoffen versorgen und zugleich frei sein von problematischen Inhaltsstoffen. Wir unterzogen die Produkte daher umfangreichen Laboruntersuchungen. Im Mittelpunkt standen zunächst Fettschadstoffe, die über die eingesetzten Fettkomponenten in die Nahrungen gelangen und in den vergangenen Tests immer wieder zu Punktabzügen geführt hatten. Neue Parameter wie Perchlorat und Chlorat ergänzten das Prüfprogramm. Beide Substanzen wurden zuletzt insbesondere in Obst und Gemüse nachgewiesen, können sich aber auch in Milchpulver anreichern, wie erste Hinweise aus Laboren zeigen. Weitere Problemstoffe aus früheren Untersuchungen: das aktuell viel diskutierte Aluminium sowie quartäre Ammoniumverbindungen, die ÖKO-TEST zuletzt in Babymilchbreien kritisierte. Schließlich wurde untersucht, ob die Proben mit Keimen belastet sind.

Die Weiteren Mängel

Entsprechen die Packungsangaben den Vorgaben der Diätverordnung? Werden Aussagen gemacht, die die Ähnlichkeit der Produkte mit Muttermilch zu sehr betonen? Das ließen wir von Experten checken.

Die Bewertung

Es hagelt weiterhin Abwertungen für die als krebsverdächtig eingestuften Fettschadstoffe. Für eine unliebsame Überraschung sorgten Rückstände der Chemikalie Chlorat: Sie führten in drei Produkten zu Punktabzügen. Ausreißer aufgrund überzogener Produktwerbung ist eine Hipp-Nahrung: Von den Inhaltsstoffen her „sehr gut“, schnitt das Produkt letztlich mit „gut“ ab.