Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 24 Min.

Nach dem Reaktorunglück in Fukushima: Atomkraft? Nein Danke?


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2011 vom 28.04.2011

Das kollektive Vergessen hat längst eingesetzt: In den Medien wird kaum noch über die Situation im havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima berichtet. Aber ist die Katastrophe, die mittlerweile von der japanischen Atomaufsichtsbehörde als ebenso gravierend wie das Reaktorunglück in Tschernobyl eingestuft wurde, an den Menschen rund um den Erdball wirklich spurenlos vorbeigegangen? Lesen Sie, welche Diskussionen Fukushima in den großen Industrienationen ausgelöst hat, und wie sich die japanische Katastrophe auf die künftige Atompolitik dieser Länder auswirkt – oder auch nicht.


Artikelbild für den Artikel "Nach dem Reaktorunglück in Fukushima: Atomkraft? Nein Danke?" aus der Ausgabe 5/2011 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: ...

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2011 von Leserbriefe: Schreiben Sie uns. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserbriefe: Schreiben Sie uns
Titelbild der Ausgabe 5/2011 von Nachwirkungen: Was unsere Tests bewirkt haben: Reaktionen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nachwirkungen: Was unsere Tests bewirkt haben: Reaktionen
Titelbild der Ausgabe 5/2011 von Neue Produkte: im Test: Tops und Flops. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neue Produkte: im Test: Tops und Flops
Titelbild der Ausgabe 5/2011 von TEST Discounterprodukte: Penny, Netto Marken-Discount, Norma: Ist das denn Norma(l)?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST Discounterprodukte: Penny, Netto Marken-Discount, Norma: Ist das denn Norma(l)?
Titelbild der Ausgabe 5/2011 von Gärtnern auf Balkonien: Frischer geht´s nicht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gärtnern auf Balkonien: Frischer geht´s nicht
Titelbild der Ausgabe 5/2011 von Meldungen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meldungen
Vorheriger Artikel
Meldungen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Nach dem Reaktorunglück in Fukushima: Atomausstieg – D…
aus dieser Ausgabe

... DigitalGlobe/picture alliance

Japan: Erste vorsichtige Proteste

Japan hat in Sachen Atomkraft eine lange Historie. Altere denken noch mit Grauen an den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Damals gab es eine Gegenbewegung. Aber die hatte wenig Chancen. Denn Japans Gesetze garantierten den Erbauern von Atomkraftwerken (AKW) lukrative Geschafte. So konnten es sich grose AKW-Betreiber wie Tokyo Electric Power (Tepco) leisten, Kindergarten, Schulen oder offentliche Parks zu bauen und die anfanglichen Proteste zu zerstreuen. Bereits im Jahr 1966 wurde in Tokai nahe der Stadt Shizuoka der inzwischen stillgelegte erste Meiler in Betrieb genommen. Ende 2010 waren 51 Reaktoren an 14 verschiedenen Standorten am Netz. Weitere zwei Atomkraftwerke sind im Bau und 15 geplant. Dabei liegt der Inselstaat, der zu den erdbebenreichsten Landern der Erde zahlt, mitten in dem von Vulkanismus und Erdbeben bedrohten pazifischen Feuerring.

In der Vergangenheit kam es in japanischen AKW immer wieder zu Unfallen, bei denen nach Medienberichten Hunderte Menschen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden und auch einige starben. Im Juli 2007 etwa gab es nach einem Beben der Starke 6,6 in der Provinz Niigata einen Brand in der weltgrosten Atomanlage Kashiwazaki-Kariwa. Mehrfach mussten AKW-Betreiber, darunter Tepco, eingestehen, dass sie Storfallberichte manipuliert hatten. Zu einem radikalen Umdenken innerhalb der Bevolkerung hat allerdings auch die Katastrophe von Fukushima nicht gefuhrt. Allmahlich beginnen die Japaner aber, die Energiepolitik ihrer Regierung zu uberdenken, die zu einem Drittel auf Kernenergie baut. Noch sind es erst wenige Hunderte, die auf die Strasen gehen. Sie fordern vor allem die Stilllegung des Atommeilers Hamaoka, der in einem Erdbebengebiet an der Sudkuste der Insel Honshu liegt. Doch die Regierung wird vorsichtiger: Der geplante Bau neuer Reaktoren werde uberpruft, alle sechs Reaktoren von Fukushima sollen stillgelegt werden. (rol)

Deutschland: Bundesregierung fördert Atomkraft im Ausland

Foto: Adlerauge1/Fotolia.com

Neue Atommeiler in Deutschland – undenkbar. Trotzdem fordert die Politik weiterhin den Bau von Atomkraftwerken im Ausland. Wie das Wirtschaftsministerium gegenuber OKO-TEST bestatigte, hat die Bundesregierung seit Amtsantritt im Jahr 2009 „zwolf

Exportkreditgarantien fur Lieferungen im Zusammenhang mit Nukleartechnologie ubernommen“. Exportkreditgarantien sollen die deutschen Unternehmen vor Verlusten bei riskanten Investitionen in Entwicklungs- oder Schwellenlander schutzen. Zahlt der auslandische Abnehmer nicht, springt der deutsche Staat ein.

Laut Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken wurden deutsche Ausfuhren in Hohe von insgesamt rund 1,4 Milliarden Euro durch Burgschaften abgesichert. Das mit Abstand groste Geschaft (Auftragswert circa 1,3 Milliarden Euro) bezieht sich auf die Fertigstellung (Lieferung, Montage und Inbetriebnahme) des Atomkraftwerks Angra 3 in Brasilien, das in einem Erdbebengebiet (!) liegt. Doch damit nicht genug: Aktuell liegen Antrage auf Exportgarantien beziehungsweise Ruckversicherungen fur deutsche Lieferungen an Atomkraftwerke in China und Sudafrika vor, so das Wirtschaftsministerium.

Die rot-grune Koalition hatte dagegen vor zehn Jahren beschlossen, Atomenergie von der Forderung auszuschliesen. Doch der Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung sieht vor, „dass die OECD-Umweltleitlinien als alleiniger Masstab fur die Umweltprufung heranzuziehen sind“. Diese sehen keinen Ausschluss der Forderung fur bestimmte Technologien vor.

Details zu einzelnen Herstellern und geforderten Geschaften wollte uns das Wirtschaftsministerium nicht nennen. Unklar war zu Redaktionsschluss auch, ob die Bundesregierung nach der Katastrophe von Fukushima an diesem Kurs festhalten wird. „Uber das weitere Vorgehen“ hinsichtlich der Exportgarantien werde man „im Lichte der Entwicklungen und entsprechend der rechtlichen Rahmenbedingungen entscheiden“, hies es ausweichend.

Fakt ist jedoch: Deutschland hat den Ausbau der weltweiten Atomenergie bisher massiv unterstutzt. Was die deutschen Burger von der Atomaufbauhilfe ihrer Bundesregierung halten, verdeutlicht ein Blick ins Internet: Auf der Webseite des Kampagnennetzwerkes Campact haben binnen weniger Tage mehr als 115.000 Menschen einen Onlineappell gegen eine Exportburgschaft fur den Bau des brasilianischen AKW Angra 3 unterzeichnet. (rol)

Fukushima: Keine Gefahr für Deutschland

Auch wenn das verheerende Unglück in der japanischen Atomanlage Fukushima Erinnerungen an den Super-GAU von Tschernobyl zurück bringt und verständliche Ängste vor radioaktiver Strahlung aufkommen: Nach den bisherigen Erkenntnissen besteht für Deutschland keine Gefahr. Sollte sich die Lage wider Erwarten ändern, informiert ÖKO-TEST über mögliche Vorsichtsmaßnahmen im Internet. Fragen unser Leser und Antworten finden Sie unter
http:// abo.oekotest.de und unter www.oekotest.de

USA: Die Wall Street ist skeptisch

US-Präsident Obama gilt in Deutschland als Förderer erneuerbarer Energien. Dabei ist er auf einem strammen Atomkurs.


Foto: picture alliance/Landov

Die USA sind der weltgrößte Betreiber von Atomkraftwerken: In 2010 erzeugten 104 Anlagen in 31 Bundesstaaten insgesamt 807.000 Gigawattstunden (Gwh) Strom. Damit deckten die Meiler ein Fünftel des gesamten Stromverbrauchs.

Das Land betreibt Anlagen, die zum Großteil bereits in den 70er- und 80er-Jahren ans Netz gingen. Geplant wurden sie demnach Jahrzehnte zuvor. Das Vertrauen der Amerikaner in diesen Oldtimer-Maschinenpark scheint dennoch ungebrochen. „Alle unsere Werke sind so angelegt, dass sie bedeutenden Naturphänomenen standhalten können“, erklärte Gregory Jaczko, Chef der US-Atomaufsichtsbehörde Nuclear Regulatory Commission (NRC).

Laut einem Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung hat die NRC die Laufzeitverlängerung für 59 alte Atomkraftwerke (AKW) von 40 auf 60 Jahre genehmigt. Eine interne Untersuchung habe 2007 ergeben, dass die Behörde Formulierungen aus den Anträgen der Industrie bei 70 Prozent der Zusagen wortgleich kopiert habe. Die eigentliche Renaissance der Atomkraft in den USA werde deshalb nicht im Neubau sondern bei der Laufzeitverlängerung stattfinden, sagt der Politikwissenschaftler Arne Jungjohann von der Böll-Stiftung North America: „Dabei ist klar: Nach heutigen Standards dürften diese Kraftwerke überhaupt nicht ans Netz gehen!“

US-Präsident Obama, der in Deutschland als Förderer regenerativer Energien gilt, steht voll hinter dem weiteren Ausbau der Atomenergie. Der Demokrat begründet dies unter Verweis auf das Potenzial der Atomkraft, Kohlendioxidemissionen einzusparen. Nach Angaben der Böll-Stiftung hängt die Protektion der Atomenergie durch Regierung und Opposition in den USA aber weniger mit Klimaschutzzielen zusammen, als vielmehr mit einer mächtigen Pro-Atom-Lobby. Diese sei eng mit dem Regierungsapparat in Washington vernetzt. Zwei von Obamas wichtigsten Beratern seien früher bei dem Atomkonzern Exelon beschäftigt gewesen. Zudem werden beide großen Parteien seit vielen Jahren mit Millionen Dollar an Wahlkampfspenden versorgt. Immerhin kündigte die Regierung an, die laufenden AKW umfassend zu überprüfen, dabei sollten auch „extreme Eventualitäten“ einbezogen werden, hieß es.

Für den Bau neuer Anlagen hat Obama der Atomkraftbranche Kreditbürgschaften in Höhe von 36 Milliarden US-Dollar (25,5 Milliarden Euro) in Aussicht gestellt. In den USA werden derzeit 32 neue AKW geplant. Die oppositionellen Republikaner wollen in den nächsten 20 Jahren sogar 100 neue Anlagen bauen. Das Erstaunliche: Trotz der fürstlichen Finanzhilfen ziehen sich Unternehmen aus den Projekten zurück. „Ein Konsortium aus der US-amerikanischen Constellation und der französischen EDF hat jüngst eine Bürgschaft in Höhe von 7,6 Milliarden Dollar für das Projekt Calvert Cliffs im Bundesstaat Maryland ausgeschlagen. Das AKW wird nun nicht gebaut. Die Constellation-Aktie hat daraufhin an der Börse zugelegt. „Offensichtlich bewertet Wall Street die Renditechancen von Atomkraftprojekten eher skeptisch“, so Jungjohann. Die öffentliche Diskussion in den USA verläuft seinen Angaben zufolge jedoch in hohem Maße asymetrisch. Der starken und finanzmächtigen Atomkraftlobby steht eine zersplitterte und finanzschwache Opposition gegenüber. Zudem setzen sich die AKW-Betreiber und ihre Lobby massiv für ein Klimagesetz ein. Das hat zu einer Art stillschweigendem Waffenstillstand mit der Umweltbewegung geführt.

Im Unterschied zum Präsidenten zeigte US-Außenministerin Hillary Clinton Verständnis für Sorgen der Bevölkerung um die Gefahren der Atomtechnologie. Gegenüber dem Nachrichtensender CNN erklärte sie: „Als ich Senatorin war und in New York ganz in der Nähe eines Atomkraftwerks lebte, war ich besorgt über das, was da passieren könnte.“ Das Atomkraftwerk Indian Point liegt knapp 50 Kilometer nördlich von New York City in Westchester County. Laut einem NRC-Bericht steht es über einem Grabenriss. Dort stoßen zwei Gesteinsschichten aufeinander. Der Standort sei der am stärksten durch Erdbeben gefährdete aller Atomkraftwerke in den USA.

Spätestens seit die US-Administration den in Japan lebenden Amerikanern riet, mindestens 80 Kilometer Abstand zu den Unglücksreaktoren in Fukushima zu halten, werden mehr Proteste gegen Indian Point laut. So forderte Andre Cuomo, Gouverneur von New York, die Anlage müsse geschlossen werden. Nach Angaben der New Yorker Umweltgruppe Riverkeeper leben rund 20 Millionen Menschen innerhalb von 80 Kilometern rund um das Kraftwerk.

Besonders drängend sind die Fragen in Kalifornien: Zwar hat der Bundesstaat bereits 1976 entschieden, keine neuen Anlagen mehr zu bauen. Zwei alte Meiler mit je zwei Reaktoren stehen jedoch in besonders erdbebengefährdeten Gebieten. Weitere konkrete Proteste richten sich gegen die Atomkraftwerke San Onofre bei San Diego an der mexikanischen Grenze und Vermont Yankee am Connecticut River.

Frankreich: Atomenergie mit Entschiedenheit verteidigt

Faktisch versuchen sie zu reagieren ohne zu reagieren und doch zu reagieren“, versucht Daniel Cohn-Bendit, französischer Europaabgeordneter und Kovorsitzender der Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament, die zum Teil windelweichen Statements der französischen Politik zur Atomenergie auf eine Formel zu bringen. Die Reaktionen der Menschen in seinem Land seien sehr unterschiedlich, so Cohn-Bendit: „Die Leute sind verunsichert. Verunsichert sind auch die Medien und einige maßgebliche Journalisten. Aber die Parteien halten in Nibelungentreue an ihrer Atombefürwortung fest.“ Ausgerechnet bei einem Besuch in Japan verteidigte der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Atomenergie als „wichtiges Instrument zum Klimaschutz“. Und Jean-François Copé, Chef der konservativen Regierungspartei UMP, erklärte die französischen Sicherheitsstandards kurzerhand zu „den besten der Welt“. Man werde eine strategische Entscheidung nicht wegen eines aktuellen Vorfalls infrage stellen, sagte Copé, so tragisch dieser auch sei. Keine Energieversorgung sei ohne Risiko.

Laut Recherchen derFinancial Times Deutschland (Ftd) sprachen sich in einer Umfrage des Institut TNS nach dem Japan-Beben 51 Prozent der französischen Bevölkerung für einen stufenweisen Ausstieg aus der Atomenergie aus, 19 Prozent befürworten sogar den Sofortausstieg. Martine Aubry, Parteichefin der Sozialisten, habe erklärt, dass ihre Partei einen Ausstieg in „den nächsten 25 bis 30 Jahren“ befürworte. Allerdings habe die Politikerin von einem Ausstieg aus der Logik des „Nur Atomkraft“ gesprochen, nicht vom „Ausstieg aus der Atomkraft“. Cohn-Bendit: „Das ist so eine Art Irgendwann-Ausstieg“.

Als Reaktion auf den Unfall hat die französische Regierung angekündigt, alle 58 Atomkraftwerke im Land zu überprüfen.

In Frankreich gibt es kaum Proteste gegen Atomkraft. Sie gilt als Garant der Unabhängigkeit des rohstoffarmen Landes.


Foto: Greenpeace/Jiri Rezac

Umweltministerin Kosciusko-Morizet (UMP) versprach Transparenz. Nach Berichten des WochenmagazinsDer Spiegel stellte die Politikerin immerhin in Aussicht, dass der Verzicht auf eine Laufzeitverlängerung für manche Atomkraftwerke vorstellbar sei. Dies hänge vom „Ergebnis von Untersuchungen“ ab.

Frankreich betreibt 58 Atomkraftwerke, in 2010 lieferten sie zusammen 407.900 GWh Strom. Das entspricht 74 Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes. Ein Kraftwerk wird derzeit gebaut, es handelt sich um den ersten Europäischen Druckwasserreaktor (EPR). Schon seit 1981 produziert Frankreich mehr Strom, als im Land verbraucht wird.

Die französische Politik tut sich offensichtlich schwer mit der Vorstellung eines Wandels in der jahrzehntelang gepflegten Energiepolitik. Wie stellt sich die Bevölkerung vor dem Hintergrund der erschütternden Nachrichten aus Japan zur Atomkraft? „Die Grünen führen mehr oder weniger allein die Auseinandersetzung, sie werden aber viel mehr gehört, als in der Vergangenheit“, sagt Cohn-Bendit. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, dass die maßgeblichen Milieus durch die Ereignisse in Deutschland verunsichert seien. „Dass ein Industriestaat – der auch noch wirtschaftlich so erfolgreich ist – den Ausstieg will, das macht die Menschen perplex.“

Aber weshalb stellen sich die Parteien fast geschlossen hinter die Technologie? Und weshalb bedurfte es scheinbar einer Katastrophe wie in Fukushima, um in der Bevölkerung stärkere Zweifel auszulösen? Daniel Cohn-Bendit verweist auf das Trauma der französischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg: „Nach dem Krieg war die zentrale Losung: Unabhängigkeit. Darin waren sich die regierenden Gaullisten einig mit den Kommunisten als Oppositionspartei.“ Die Atomstreitmacht „Force de Frappe“ sei das militärische Ergebnis dieser Zielsetzung.

Parallel dazu hat man die Unabhängigkeit der Energieversorgung angestrebt. Da Frankreich kaum eigene Bodenschätze besitzt, hat man auf die Atomkraft gesetzt. Cohn-Bendit: „Bis heute ist das ein Dogma, das die gesamten französischen Eliten verinnerlicht haben. Mit Europa beginnt es langsam zu bröckeln. Das braucht aber Zeit, immerhin handelt es sich um eine Identitätsfrage.“ Geht es nach den französischen Grünen, dann wird das Volk selbst über das Für und Wider der Atomenergie in dem Land entscheiden. Sie wollen mit der Forderung nach einem Referendum in den nächsten Präsidentschaftswahlkampf (2012) gehen.

Indien: Hier wird die Expansion des Nuklearsektors stattfinden

Im bevölkerungsreichen Indien gibt es vielerorts noch keinen Strom. Der Atomausstieg gilt als Luxusdebatte.


Foto: picture alliance/Dinodia Photo Library

Das größte Atomkraftwerk der Welt soll bis 2019 im indischen Bundesstaat Maharashtra entstehen. Rund dreizehn Milliarden Dollar will sich Indien die Anlage in Jaitapur kosten lassen; geplant sind sechs Atomreaktoren mit einer Gesamtleistung von 9.900 Megawatt. Der französische Atomkonzern Areva ist als Kooperationspartner mit im Boot. Jaitapur liegt zwischen Mumbai (Bombay) und den Ferienstränden von Goa. 1993 gab es an dem Standort ein Erdbeben der Stärke 6,3 auf der Richterskala.

Indien betreibt zurzeit 20 Atomkraftwerke mit einer Jahresproduktionsleistung von zuletzt 20.480 GWh. Das entspricht 2,8 Prozent der jährlichen Stromerzeugung des Landes. Fünf Kraftwerke mit einer Nennleistung von 3,9 GW sind im Bau. Die Inbetriebnahme der zwanzigsten Anlage Ende 2010 wurde euphorisch gefeiert. Gemessen an der Zahl der Anlagen zähle Indien nun zum „Eliteklub der Nationen“.

Nach langwierigen Verhandlungen vereinbarte Indien 2007 ein Nuklearabkommen mit den USA. Seitdem laufen die Planungen für den großen Sprung: Bis 2032 sollen die Produktionskapazitäten für Atomstrom von aktuell 4,7 GW auf rund 63 GW ausgebaut werden. Der Anteil an der Gesamtstromerzeugung soll auf knapp zehn Prozent steigen. Im Jahr 2050 will Indien dann sogar 25 Prozent seiner elektrischen Energie mittels Kernspaltung erzeugen.

Wichtigster Partner beim Ausbau der Kapazitäten ist laut einem Bericht des WochenmagazinsSpiegel im Moment noch Russland: Russische Firmen bauen demnach aktuell drei Kraftwerke, weitere zwölf Meiler seien für die kommenden Jahre geplant. Aber auch amerikanische Unternehmen hoffen auf lukrative Aufträge. Noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen: Indien hat den internationalen Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet. 1998 wurde das Land wegen militärischer Nukleartests durch die USA und andere westliche Staaten mit Sanktionen belegt.

Hintergrund der ehrgeizigen Pläne für die Aufrüstung der indischen Atomwirtschaft ist der gewaltige Energiehunger des Landes. Von 2004 bis 2009 lag das jährliche Wirtschaftswachstum laut Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zwischen 8,5 und 9,4 Prozent. „Hinzu kommt, dass der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch mit 700 kWh jährlich auf sehr niedrigem Niveau liegt“, sagt Dr. Felix Schmidt, Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Neu-Dehli. In vielen Dörfern gibt es noch keinen Strom. Zudem wird er im Sommer immer wieder abgeschaltet. Die Anbieter hätten es da leicht zu sagen: Ohne Atomkraftwerke geht es nicht. Schmidt: „In der Bedürfnishierarchie steht der Bedarf nach Strom ganz oben. Die Diskussion über einen Atomausstieg ist aus indischer Sicht eher eine Luxusdebatte.“ Nach seinen Angaben hat sich keine der großen Parteien gegen die Atomkraft profiliert. Nur die kleine Hindu-nationalistische Partei Shiv Sena in Maharashtra stelle sich offen gegen die Atomtechnologie. „Allerdings hat das vor allem mit den lokalen Interessen zu tun“, erklärt Schmidt: „Die Menschen an den Atomstandorten sind unmittelbar betroffen, zum Beispiel durch Landnahme.“

Die indischen Medien sind seit dem Unfall in Fukushima voll in die Diskussion um die Atomenergie eingestiegen. In einem Dossier der Konrad-Adenauer-Stiftung heißt es: Der Duktus einschlägiger Nachrichtenmagazine sei einhellig, dass weder Regierung noch Sicherheitsexperten zu trauen sei, wenn diese behaupten, alle wahrscheinlichen Gefahren seien berücksichtigt. Der Tenor der Magazine laute: Da Indien beim Ausbau seiner Stromquellen vor allem auf neue Atomkraftwerke setze, laufe das Land einer ähnlichen Katastrophe entgegen wie in Japan.

Gegenüber derTageszeitung positionieren sich auch Fachleute klar gegen das Atomprogramm der indischen Regierung. Das Blatt zitiert Adinarayan Gopalakrishnan, ehemals Vorsitzender der indischen Atomenergie-Aufsichtsbehörde Atomic Energy Regulatory Board (AERB), mit der Warnung: „Indien ist völlig desorganisiert und unvorbereitet, auch für einen Notstand viel geringerer Natur als jetzt in Japan.“ Der Ausbau der Atomenergie in Indien sei „verrückt“. M. V. Ramana, indischer Atomexperte an der US-amerikanischen Princeton-Universität, weist in dertaz auf „zahlreiche kleine Unfälle“ in indischen Atomkraftwerken hin. Darüber werde die Öffentlichkeit nicht unterrichtet.

In der Bewertung der Atomkraft durch die indische Atombehörde Department of Atomic Energy (DAE) spielten Risiken und Gefährdungspotenziale kaum eine Rolle, analysiert die Heinrich-Böll-Stiftung in einem Bericht zur Lage in Indien. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Arbeit des AERB sei gering. Als Reaktion auf die öffentliche Kritik ordnete Indiens Prime Minister Manmohan Singh an, die Sicherheitsstandards der Atomkraftwerke hinsichtlich Beben und Tsunamis neu zu überprüfen. Wenige Tage später hieß es, alle Kraftwerke seien sicher. Fazit der Böll-Stiftung: „Indien wird neben China das Land sein, in dem zukünftig die Expansion des Nuklearsektors stattfindet.“

Russland: Westliche Atompanik

Schlechtes Timing – den Russen kommt die Atomkatastro phe im japanischen Fukushima höchst ungelegen. Die Führung des Landes unter Wladimir Putin und Dimitri Medwedew hofft auf große Erfolge im Export von Atomtechnik. Gleichzeitig plant sie im Inland bis 2030 den Bau von 26 neuen Reaktoren. Aktuell betreibt Russland nach Angaben der IAEO 32 Atomkraftwerke, sie lieferten in 2010 insgesamt 155.000 GWh Strom. Das entspricht 17 Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes, bis 2030 soll der Anteil auf mehr als 30 Prozent wachsen.

In 2010 gab die Regierung 1,7 Milliarden Euro für den Bau neuer Atomkraftwerke aus. Elf neue Meiler mit zusammen fast zehn GW Leistung werden derzeit errichtet. Die Nuklearbranche habe „absolute Priorität bei der Modernisierung der Wirtschaft“ erklärte Präsident Medwedew. Laut Premierminister Putin soll Russland den Anteil am Weltmarkt für Atomtechnik mittelfristig auf 25 Prozent steigern. Nach Recherchen der BerlinerTageszeitung ist das Land davon nicht weit entfernt: An 15 von 61 im Bau befindlichen AKW in Russland und der Welt sei Moskau beteiligt, heißt es. In China, Indien und dem Iran würden russische Kraftwerke gebaut. Zudem seien Anlagen in Bulgarien und der Türkei geplant. Kurz vor dem Unfall in Fukushima unterzeichnete Putin zudem einen Vertrag zum Bau eines Kraftwerks in Weißrussland.

In drei industriellen Sektoren gilt Russland derzeit als weltweit wettbewerbsfähig: Raumfahrt, Rüstung und Atomtechnik. Entsprechend heftig fällt die Reaktion auf Kritik an der Nuklearbranche aus. Selbst nicht kremlfreundliche Zeitungen wieDer Kommersant würden von westlicher „Atompanik“ sprechen, berichtet der Journalist Jens Siegert, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau. Die regierungsnaheIswestia verstieg sich zu der Behauptung, nicht die in Fukushima austretende Strahlung sei eine Bedrohung, sondern die „Panik und Radiophobie“.

Hintergrund der russischen Haltung zur Atomkraft sei ein „fast ungebrochener Wissenschaftspositivismus“, sagt Siegert. Demnach könnten Mensch und Natur nach Plan geformt werden. „Diese Hybris entspringt der kommunistischen Fortschrittsidee und ist wesentlicher Bestandteil der Geschichte der Sowjetunion“, so Siegert. Die erhofften Erlöse aus dem Export von Atomtechnik sollen die Grundlage für den Ausbau der Atomkraft im Inland schaffen. Mithilfe der zusätzlichen Meiler wolle man fossile Brennstoffe ersetzen – allerdings nicht um das Klima zu schützen, sondern um mehr Gas und Öl ins Ausland verkaufen zu können.

Auch wenn sie in der russischen Öffentlichkeit wenig Gehör finden, ein paar entschlossene Kritiker der Atomkraft gibt es doch. Laut einem Bericht des OnlinemagazinsRussland-heute meldete sich Wladimir Sliwjak von der Umweltorganisation Ecodefense zu Wort. Die Ereignisse in Japan zeigten, wie hilflos die Atomindustrie gegenüber den Naturgewalten sei, so Sliwjak. Damit werde „der Mythos von der Verlässlichkeit und Sicherheit der modernen Atomenergiewirtschaft ganz und gar zerschlagen“.

Die russische Regierung hat jedoch lediglich die Überprüfung der Atompläne sowie Inspektionen der bestehenden Meiler angekündigt.

Russland will neue AKWs bauen, um mehr Öl und Gas ins Ausland verkaufen zu können. Atomkritiker gibt es kaum, sie gelten als inkompetent.


Foto: picture alliance/RIA Novosti

Foto: picture alliance/RIA Novosti

China: Die Technik ist beherrschbar

Wenige Tage nach Fukushima beklatscht der chinesische Volkskongress die atomaren Ausbaupläne der Regierung.


Foto: picture alliance/dpa

Wenige Tage nach Fukushima, am 14. März, entschied der Nationale Volkskongress der Volksrepublik China im Rahmen des zwölften Fünfjahresplans über den massiven Ausbau der atomaren Energieerzeugung in dem Land. Die Zustimmung der knapp 3.000 Delegierten fiel wie üblich fast einstimmig aus.

Immerhin erklärten einige Delegierte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, China müsse aus den Problemen in Japan lernen und die Sicherheit seiner Atomkraftwerke verbessern. Bis 2015 soll die Leistung der chinesischen Reaktoren laut dem neuen Plan auf 40 GW wachsen, 2020 will China 70 GW erreichen; aktuell liegt die Kapazität bei gut 9 GW. Laut einem Bericht derFrankfurter Allgemeinen Zeitung sollen für den Ausbau jährlich 70 Milliarden Yuan (7,6 Milliarden Euro) investiert werden.

Schon heute zählt China zu den weltgrößten Betreibern von Atomkraftwerken. Dreizehn Anlagen produzierten in 2010 insgesamt 77.000 GWh, das entspricht 1,8 Prozent der gesamten Stromproduktion in China. Fast 70 Prozent des Stroms werden aus Kohle gewonnen. Im Unterschied zu anderen großen Betreiberstaaten stammen die drei ältesten chinesischen Meiler aus den Neunzigerjahren, die restlichen zehn wurden erst nach 2000 in Betrieb genommen. Die Anlagen sind damit vergleichsweise jung. 27 Atomkraftwerke mit zusammen knapp 30 GW Leistung werden derzeit gebaut, so viel wie in keinem anderen Land der Erde.

„Für die Regierung in Peking ist der Ausbau der Atomenergie ein wichtiger Bestandteil ihrer Strategie zur Sicherung der nationalen Energieversorgung“, sagt Dr. Peter Hefele, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Shanghai. Er beschreibt die offizielle Haltung in China so: Bei uns stehen nur wenige Kraftwerke in erdbebengefährdeten Gebieten. Die Anlagen halten Erdbeben der Stärke acht bis neun auf der Richterskala aus. Außerdem schalten sie sich im Ernstfall automatisch ab. In Fukushima handelt es sich um einen anderen Typ von Kraftwerk. Hefele: „Es gibt die Vorstellung, dass die Technik beherrschbar ist.“

Dennoch reagierten die Behörden auf offensichtliche Sorgen in der Be völkerung; diese hatten zwischenzeitlich dazu geführt, dass jodiertes Speisesalz vollständig ausverkauft war. Nach Informationen der Heinrich-Böll-Stiftung in Peking wurden entlang der chinesischen Ostküste Messstationen eingerichtet. Die Messwerte seien auf der Internetseite des Umweltministeriums frei einsehbar. Außerdem verfügte die Staatsführung unter Premier Wen Jiabao ein einjähriges Moratorium für Neubauanträge, es bedeutet einen vorübergehenden Genehmigungsstopp für sämtliche geplanten Atomkraftwerke. Ferner werden alle bestehenden und im Bau befindlichen Atomanlagen sicherheitstechnisch überprüft. Als Folge des Moratoriums werde China die im Fünfjahresplan festgelegten Ziele zum Ausbau der Atomkraft wohl nicht erreichen, erwarten Experten. Allerdings laufen alle bestehenden Anlagen weiter.

Eine öffentliche Debatte zu den Themen Atomkraft, nukleare Sicherheit oder dem Problem der Endlagerung von Nuklearabfällen habe es in China bisher nicht gegeben, berichtet die Böll-Stiftung. Das Thema Nuklearenergie sei unmittelbar mit Fragen der nationalen Sicherheit verknüpft und deshalb „politisch höchst sensibel“. Zudem hätten Chinesen insgesamt eine eher positive Haltung zu „moderner“ Technologie. Peter Hefele erwartet, dass die Nationale Chinesische Atomaufsichtsbehörde (National Nuclear Safety Administration) als Konsequenz aus dem Unfall in Japan stärkeres Gewicht gegenüber lokalen Behörden gewinnen werde. Bisher habe die Zentralregierung Lokalregierungen bei ihren Vorhaben zum Bau von AKW ohne Vorbehalt unterstützt. „Sicherheitsbedenken spielten kaum eine Rolle“, so Hefele. Laut einem Bericht der Tageszeitung Die Welt herrscht in dem Riesenreich ein akutes atomares Planungschaos. Das Blatt zitiert das chinesische Wirtschaftsmagazin Caijing, demzufolge liegen aus den Provinzen Anträge für den Bau Hunderter Reaktoren mit insgesamt 226 GW Leistung vor. Stromkonzerne, Städte und Provinzen wollten vom milliardenschweren AKW-Markt profitieren.

Kontroverse Diskussionen über die Gefahren der Atomkraftnutzung finden laut der Böll-Stiftung vor allem im Internet statt. Dabei zeige sich ein Teil der Community überzeugt, dass Chinas Atomtechnik moderner und sicherer sei als die Anlagen in Japan. Ein kritischer Kommentator habe zu Bedenken gegeben: „Wie soll ein großes Land, das nicht einmal die eigene Milchpulverproduktion kontrollieren kann, die Sicherheit seiner AKW garantieren?“

Großbritannien: Großes Vertrauen in die Technik

Atomstrom? „No, thanks.“ Anders als die britische Regierung fordert Prinz Charles schon seit Langem ein radikales Umdenken und erzeugt Solarenergie auf seinem Palastdach. Die Wohnräume werden mit Holzschnitzeln geheizt.


Foto: picture alliance/Photoshot

Großbritannien hat eine lange Geschichte in der zivilen Nutzung der Atomenergie. Im Land stehen 26 stillgelegte Reaktoren, die überwiegend in der ersten Hälfte der Sechziger-, teilweise aber bereits in den Fünfzigerjahren errichtet wurden. Aktuell betreibt Großbritannien 19 Atomkraftwerke, acht davon sind älter als 30 Jahre, weitere zehn mehr als 20 Jahre alt. Bis 2023 müssen diese 18 Meiler stillgelegt werden. Die Anlagen produzierten 2010 zusammen 63.000 GWh Strom, damit beträgt ihr Anteil an der Gesamtstromerzeugung in Großbritannien 18 Prozent.

Claudia Crawford leitet das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in London. Die Diplom-Ingenieurin für Kybernetik und Automatisierungstechnik war unter ihrem damaligen Namen Nolte von 1994 bis 1998 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie habe in Großbritannien trotz der Entwicklungen in Fukushima kaum etwas von einer Debatte über die friedliche Nutzung der Atomenergie bemerkt, berichtet Crawford. Der Fokus der Berichterstattung habe auf den technischen Vorgängen in den Reaktoren gelegen. „Weder fanden Demonstrationen statt noch entwickelte sich eine lebhafte Debatte über das Für und Wider von Atomenergie“, so Crawford: „Es gibt großes Vertrauen in die Technik. Auch die in Deutschland hitzig diskutierte Endlagerfrage spielte in der Diskussion keine Rolle.“

Die Mehrheit der Briten stuft die Atomkraft Berichten zufolge als grüne Technologie ein, die man brauche, um die eigenen Klimaschutzziele zu erreichen. Bis 2050 will Großbritannien den CO2-Ausstoß um 80 Prozent senken. Schon die Labourregierung plante, bis zu zehn neue Atomkraftwerke in Großbritannien zu bauen. Ziel ist es, den Anteil des Atomstroms am britischen Energiemix konstant zu halten, wenn alte Anlagen stillgelegt werden. Das erste neue Kraftwerk soll 2018 in Betrieb gehen. Nach Recherchen derFrankfurter Allgemeinen Zeitung wollen daran auch die deutschen Atomkonzerne E.on und RWE verdienen. Gemeinsam planen sie demnach mehrere neue Atomkraftwerke in Großbritannien.

Immerhin gab Chris Huhne, liberaler Minister für Energie und Klimawandel, in Reaktion auf den Unfall in Japan einen umfassenden Bericht über die Sicherheitsstandards der britischen Atomkraftwerke in Auftrag. Noch 2007 – die Liberale Partei war in der Opposition – bezeichnete Huhne die Atomkraft allerdings als Sackgasse; nun versuchte er die Bevölkerung mit dem Hinweis zu beruhigen, es gebe keinen Grund, ein ähnlich starkes Erdbeben in Großbritannien zu befürchten.

Als Atomskeptiker hat sich hingegen Huhnes Parteichef und Großbritanniens Vizepremier Nick Clegg geoutet. Wie der BerlinerTagesspiegel berichtete, stellt Clegg den Bau neuer Atomenergieanlagen infrage. Dies allerdings nicht etwa aus ökologischen Gründen, der liberale Politiker sieht vielmehr Probleme bei der Finanzierung. Den Energiekonzernen werde es schwerfallen, Mittel für die nun notwendigen zusätzlichen Sicherheitsinvestitionen zu beschaffen, befürchtet Clegg. Aus dem Staatshaushalt dürfe es aber keine zusätzliche Unterstützung für die Projekte geben.

Wie verhalten sich die Menschen, vor deren Haustür ein neues Atomkraftwerk errichtet werden soll? In Großbritannien betrachte man das mehr aus dem Blickwinkel sicherer Arbeitsplätze, sagt Crawford. Vor diesem Hintergrund hätten britische Abgeordnete sich bisher sogar aktiv darum bemüht, Anlagen in ihre Wahlkreise zu bekommen.

Kanada: Atomkraft – selbst für die Grünen kein Thema

Mitte März 2011 flossen 73.000 Liter leicht radioaktiv verseuchtes Wassers aus dem kanadischen AKW Pickering in den Ontariosee. Betreiber des Kraftwerks ist der Konzern Ontario Power Generation (OPG), er gehört der Regierung der Provinz Ontario. Der Zwischenfall habe nur „vernachlässigenswerte Auswirkungen auf die Umwelt und keine Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen“, ließ OPG verlauten. Das Trinkwasser sei nicht gefährdet. Angesichts der weltweiten Sorgen um die Gefahren der Atomtechnik sind das dürftige Statements.

Julia Hurrelmann arbeitet im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung im Kanadischen Ottawa. Nach ihrer Beobachtung hat die kanadische Politik auf Bundesebene überhaupt nicht auf den Unfall in Japan reagiert. „Zurzeit dreht sich hier alles um die Wahlen am 2. Mai.“ Selbst für die kanadischen Grünen (Green Party) sei Atomkraft kein zentrales Thema. Zwar machen sich die Menschen an Standorten für neue Atomkraftwerke Sorgen. Das Thema schafft es aber nicht in die überregionalen Medien. „Es gibt auch keine Demonstrationen gegen die Atomenergie in Kanada.“ Die derzeit 18 kanadischen Atomkraftwerke lieferten in 2010 zusammen 85.219 GWh Strom. Damit trugen sie 15 Prozent zur gesamten Stromproduktion in Kanada bei.

Verglichen mit anderen Industrieländern ist die direkte Abhängigkeit des Landes von der atomaren Energieerzeugung damit eher gering. Allerdings sieht das von Provinz zu Provinz unterschiedlich aus. Nach Angaben von Hurrelmann bezieht die Provinz Ontario 50 Prozent ihres Stroms aus Atomkraftwerken. Dort lebt etwa 40 Prozent der kanadischen Bevölkerung. Die Provinz Quebec hingegen gewinnt mehr als 90 Prozent der elektrischen Energie aus Wasserkraft, die Atomenergie steuert weniger als fünf Prozent bei.

Wichtig für die hohe Akzeptanz der Atomtechnik in Kanada ist die wirtschaftliche Bedeutung des Uranbergbaus. Neben Australien, Kasachstan und Niger zählt das Land zu den wesentlichen Uranexporteuren der Welt. In Kanada finden sich die höchsten Urankonzentrationen. Zirka 30 Prozent der Produktion werden direkt an Atomkraftwerke der benachbarten USA geliefert. Mark Kolebaba, CEO und Präsident der kanadischen Uranium North Resources, zeigte sich in einem Interview mit dem österreichischenWirtschaftsblatt davon überzeugt, dass „das Japan-Desaster die Nachfrage nach Atomkraftwerken und Uran nicht bremsen werde“. Dazu sei der Energiehunger in China und Indien viel zu groß. Zwar sei der Aktienkurs seines Unternehmens nach dem Atomunfall gefallen, er habe sich aber bereits erholt. Ohnehin gebe es kaum Alternativen zur Atom energie. Im Unterschied zur Kohle, die stark umweltverschmutzend sei und zu zahlreichen Todesfällen führe, habe die Nuklearindustrie bisher vergleichsweise wenig Todesopfer gefordert.

Vermutlich hat der Manager in diesem Moment nicht an die Cree- und Dene-Indianer und an die Inuit (Northwest Territories) gedacht, auf deren Land im Norden der kanadischen Provinz Saskatchewan Uran abgebaut wird. Wie Greenpeace berichtet, habe der Uranabbau in den Indianergebieten für viele als Einkommensquelle gedient. Die Grubenarbeiter seien vor den gesundheitlichen Gefahren weder geschützt worden noch habe man sie darüber aufgeklärt. „Bereits in den 70er Jahren wurden die gesundheitlichen Folgen für die Uranmineure offenbar“, so Greenpeace.

Kompakt

Bulgarien
Im umstrittenen Atomkraftwerk Kosloduj mussten am 31. Dezember 2006 – unmittelbar vor dem EU-Beitritt – zwei veraltete Reaktoren abgeschaltet werden. Ein zweiter Meiler soll nun in Belene gebaut werden, das in einem von Erdbeben gefährdeten Gebiet an der Donau liegt. Das Belene-Projekt wird seit Längerem von Umweltschützern heftig kritisiert und die Pläne der Regierung geraten zunehmend ins Wanken. Die Mehrheit der Bulgaren unterstützt jedoch bisher die Atomenergie.

Türkei
Die Türkei ist eines der am stärksten von Erdbeben heimgesuchten Länder der Erde. Trotzdem hält die Regierung an ihrem Kurs fest: Die Atomenergie soll ausgebaut werden. Geplant sind gleich mehrere neue Kraftwerke, die laut Energieminister Taner Yildiz modern und erdbebensicher werden sollen. Ein Verhandlungspartner ist das japanische Unternehmen Tepco, Betreiber des Katastrophenreaktors Fukushima.

Indonesien
Auch Indonesien will ins Atomzeitalter vorstoßen und plant vier Meiler – der erste soll ausgerechnet am Fuß des schlafenden Vulkans Mount Muria entstehen. Das Land wird immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht. Im Dezember 2004 zerstörte ein Tsunami die indonesische Provinz Aceh. In der Bevölkerung gibt es schon seit Langem breite Proteste gegen die riskante Atompolitik der Regierung.

Niederlande
Windmühlen sind den Niederländern zwar am liebsten, aber offensichtlich nicht genug. So soll neben der 1973 in Betrieb gegangenen Anlage in Borssele (nahe Middelburg) im Jahr 2018 ein zweites Atomkraftwerk ans Netz gehen. Zeitungsberichten zufolge ist als möglicher Standort auch Eemshaven im Gespräch, das im Norden der Niederlande liegt – wenige Kilometer entfernt von der deutschen Grenze. Laut einer Umfrage des Senders Radio Nederland hat sich der Anteil der Atomgegner in Lande unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan kaum verändert und liegt bei 51 Prozent.

Tschechien
Von einer Diskussion über Atomausstieg will man in Tschechien nichts wissen. Im Gegenteil: Die Nutzung und der Ausbau der Atomenergie wird nach wie vor von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Kritisch sieht man dagegen im benachbarten Deutschland und Österreich den geplanten Ausbau des Atomkraftwerks in Temelin um zwei weitere Reaktorblöcke. Temelin liegt nur 60 Kilometer von der bayerischen und österreichischen Grenze entfernt. Atomkraftgegner kritisieren seit Jahren, die Anlage sei nicht sicher, nachdem es eine Vielzahl von Störfällen gegeben habe.

Italien
Schon vor mehr als 20 Jahren ist Italien aus der Atomenergie ausgestiegen. Damals sprachen sich bei einem Referendum 80 Prozent der italienischen Bevölkerung gegen Atomkraft aus. Der Wiedereinstieg war dennoch von Ministerpräsident Silvio Berlusconi vor der Atomkatastrophe bereits geplant. Nun soll die Suche nach geeigneten Standorten für den Bau neuer Kraftwerke für ein Jahr ausgesetzt werden. Ob der Wiedereinstieg überhaupt kommt, ist aufgrund der atomkritischen Haltung der Italiener äußerst fraglich.

Südkorea: Eine strahlende Zukunft

Wer Großes vorhat, muss sich große Ziele setzen. Ende 2010 gab die südkoreanische Regierung unter Präsident Lee Myung-bak dafür das Signal: Bis 2024 will Südkorea demnach weitere sechs neue Atomkraftwerke bauen.

Aktuell betreibt das Land 21 Atommeiler, die in 2010 zusammen 141.894 GWh Strom erzeugten. Damit hatte die Atomenergie einen Anteil von 32 Prozent an der gesamtem Stromproduktion. Fünf Anlagen mit einer Nennleistung von 5,8 GW sind bereits im Bau. Wenn die ehrgeizigen Wachstumspläne r ealisiert werden, könnte 2024 fast die Hälfte des Stroms aus Atomkraftwerken gewonnen werden. Bis 2030 wollen die Koreaner den Anteil sogar nochmals steigern, auf bis zu 60 Prozent.

Nicht nur im Inland ist die südkoreanische Atombranche auf rasantem Wachstumskurs, auch im Ausland will man kräftig expandieren. Südkorea hoffe, dass das Geschäft mit der Atomenergie zum lukrativsten Markt nach Autos, Halbleitern und Schiffen werde, berichtete dieFrankfurter Allgemeine Zeitung . Das Ziel: 2030 soll fast jedes dritte in der Welt gebaute Atomkraftwerk aus Südkorea kommen. Das Land bleibe ohne Einschränkung auf seinem Atomkurs, so der Minister für Bildung und Wirtschaft, Choi Joong-kyung, lautFaz .

Den ersten Schritt auf dem Weg in eine strahlende Zukunft hat Südkorea schon hinter sich: Ende 2009 verbuchte man einen Auftrag im Wert von 19 Milliarden Dollar aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort sollen vier Atomanlagen errichtet werden. Noch nach dem Unfall in Japan reiste Präsident Lee Myung-bak persönlich an den arabischen Golf, um einen Grundstein zu legen.

Im Wettbewerb mit anderen Anbietern von Atomkraftwerken setzt Südkorea auf die enge Zusammenarbeit staatlicher und privater Unternehmen. Die Koordination liegt beim Erziehungs- und Wirtschaftsministerium. Die Korea Hydro and Nuclear Power (KHNP) betreibt die Kraftwerke. Die Planung liegt bei der Korea Electric Power Corporation (KEPCO). Die Korea Nuclear Fuel kümmert sich um den Brennstoff, Doosan Heavy Industries liefert die Reaktoren. Ergebnis dieses nationalen Projekts Atomwirtschaft ist unter anderem eine enorm hohe Fertigungstiefe: Mehr als 90 Prozent der Komponenten für die Kraftwerke werden im Land hergestellt.

Kein Zweifel, die Atomindustrie steht in Südkorea für wirtschaftliches Wachstum und Zukunftssicherung. Dennoch ist die nukleare Katastrophe von Fukushima sehr präsent in dem Land. Die koreanische Hauptstadt Seoul liegt nur knapp 1.200 Kilometer von den Reaktoren entfernt. Noch näher am Geschehen sind die Ost- und Südküste der koreanischen Halbinsel.

Dr. Stefan Dreyer leitet das Goethe-Institut in Seoul, er berichtet, dass er kaum Sorgen oder Kritik der Koreaner an den eigenen Anlagen höre. „Die Menschen hier sind ziemlich technikgläubig“, so Dreyer. Allerdings beobachte man die Entwicklung in Japan und mögliche direkte Auswirkungen auf Korea sehr genau. In der Provinz Gyeonggi im Nordwesten Südkoreas wurden Anfang April mehr als 120 Schulen aus Angst vor radioaktivem Niederschlag geschlossen. In weiteren 43 Schulen wurde der Unterricht verkürzt.

Sowohl in der Luft als auch im Wasser werde permanent die Strahlenbelastung gemessen. Die Messergebnisse würden veröffentlicht, die breite Bevölkerung sei gut informiert. „Die größte Sorge ist, dass die Einleitungen von belastetem Wasser aus den Unglücksreaktoren in den Pazifik irgendwann auch die koreanischen Gewässer betreffen könnten“, sagt Dreyer. Sehr aufmerksam würden die Südkoreaner auch die weltweite Diskussion über die Atomenergie verfolgen. Dabei stehe besonders das Verhalten Deutschlands im Fokus.

Die Exportnation Südkorea will auch beim Export von Atomkraftwerken zu einem der Weltmarktführer werden.


Foto: Steve Mann/Fotolia.com

Laut einem Bericht der Konrad-Adenauer-Stiftung aus Seoul ist die südkoreanische Öffentlichkeit seit dem Unfall in Japan zunehmend sensibilisiert und beunruhigt. Die Zahl der aktiven Atomkraftwerkgegner halte sich aber in Grenzen. Aus Sicht der Regierungspartei Grand National Party (GNP) gebe es für das Land derzeit keine realistische Alternative zur Nuklearenergie als Energiequelle. Die Behörden hätten veranlasst, dass die älteren Atomanlagen im Land zusätzlich überprüft werden. Zudem wolle man untersuchen, wie anfällig die Anlagen für Tsunamis sind. Die vier AKW-Standorte des Landes befinden sich dem Bericht zufolge alle an der Südküste des Landes – vergleichbar dem AKW Fukushima.

Trotz der enormen Bedeutung, die der Atomwirtschaft in Südkorea beigemessen wird, regt sich auch Widerspruch, heißt es in dem Bericht der Adenauer-Stiftung. So habe der Leiter der Umweltgruppe Energy Justice Actions angekündigt, sein Verein werde seine Kampagne gegen die Nuklearenergienutzung intensivieren. Die medizinische Notfallversorgung sei unzureichend, kritisierte die Korea Federation for Environmental Movements (KFEM). Landesweit gibt es demnach nur 21 Kliniken, die angemessen ausgerüstet sind. Die Informationspolitik der Regierung wird als mangelhaft bezeichnet.