Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 12 Min.

Nicht immer ein Grund zur Sorge


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2015 vom 17.04.2015

Rückenschmerzen sind manchmal etwas ganz Normales. Im Alter nehmen sie zu – so wie die grauen Haare. In Bewegung bleiben ist das beste Rezept dagegen. Wenn die Schmerzen immer wiederkehren oder gar nicht mehr verschwinden wollen, ist aber schnelles und entschlossenes Handeln angesagt.


Artikelbild für den Artikel "Nicht immer ein Grund zur Sorge" aus der Ausgabe 4/2015 von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: 4774344sean/iStock/Thinkstock

Oft wissen wir ja, warum uns der Rücken wehtut. Am ersten warmen Märzwochenende etwa wird der Garten aus dem Winterschlaf geweckt. Das Gemüsebeet umgegraben, Unkraut gejätet, Säcke voller Erde gewuchtet. Der Hobbygärtner tobt sich aus – und quält sich am Montag steif und mit schmerzendem ...

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2015 von Haltung bewahren. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Haltung bewahren
Titelbild der Ausgabe 4/2015 von In Kürze. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
In Kürze
Titelbild der Ausgabe 4/2015 von Die einzelnen Abschnitte der Wirbelsäule. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die einzelnen Abschnitte der Wirbelsäule
Titelbild der Ausgabe 4/2015 von Fehlhaltungen: Bleib aufrecht!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fehlhaltungen: Bleib aufrecht!
Titelbild der Ausgabe 4/2015 von Chronische Schmerzen: Im Gehirn eingenistet. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Chronische Schmerzen: Im Gehirn eingenistet
Titelbild der Ausgabe 4/2015 von Welcher Schmerztyp sind Sie?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Welcher Schmerztyp sind Sie?
Vorheriger Artikel
Fehlhaltungen: Bleib aufrecht!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Chronische Schmerzen: Im Gehirn eingenistet
aus dieser Ausgabe

... Rücken ins Büro. Klarer Fall: zuviel gebuckelt, ungewohnte Bewegungen. Ganz anders am Freitag, wenn wir uns nur mühsam aus dem Bürosessel hochwuchten. Zuwenig Bewegung gehabt, viel gearbeitet, den Projektabgabetermin im Nacken. Jetzt zieht es nicht nur im Kreuz, sondern auch die Schultern sind verspannt und hart wie ein Brett. Eine Runde Schwimmen und dann eine zärtliche Massage, das wär’s! Statt dessen wartet der Abendtermin, vorher noch einkaufen. Schmerzmittel nicht vergessen … Oft scheint es so, als seien die häufi gen Rückenschmerzen eine Begleiterscheinung der modernen Zivilisation – das Ergebnis von zu viel Stress, zu viel Sitzen, zu wenig Bewegung. Von wegen: Als der junge Doktorand Roger T. Anderson von der Michigan State University 1984 die Verbreitung von Rückenschmerzen im ländlichen Nepal erforschte, machte er eine interessante Entdeckung. Die Nepalesen litten noch häufi ger an Rückenschmerzen als die Menschen in Industrieländern. 44 Prozent der Befragten hatten zur Zeit des Interviews Kreuz- oder Nackenschmerzen. Was den späteren Professor für öffentliches Gesundheitswesen aber äußerst erstaunte: Kaum einer der Befragten fühlte sich deswegen arbeitsunfähig. Die Menschen akzeptierten die Schmerzen als Teil ihres Lebens und kümmerten sich wenig darum.

Das Beispiel aus Nepal ist eines von mehreren, die der renommierte britische Orthopäde Gordon Waddell in seinem 1998 erstmals erschienenen Buch The Back Pain Revolution (Die Rückenschmerz-Revolution) erzählt. Sie dienen ihm als Beleg dafür, dass Rückenschmerzen den Menschen schon immer begleitet haben. Erst die westliche Medizin habe eine chronische Krankheit daraus gemacht. „Die meisten Menschen mit Rückenschmerzen haben keine Krankheit und auch keine großen Rückenschäden. Es geht eher darum, dass der Rücken nicht so funktioniert, wie er sollte. Er ist vielleicht steif geworden, die Muskeln sind zu schwach, arbeiten nicht mehr richtig oder es gibt Koordinationsprobleme. Wenn diese funktionellen Probleme gelöst sind, lassen meistens auch die Schmerzen nach“, lautete Waddells Fazit. In den Leitlinien und Lehrbüchern ist diese Erkenntnis längst angekommen. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam) veröffentlichte schon 2003 eine Leit linie, in der steht, wie Allgemeinärzte Patienten mit Kreuzschmerzen behandeln sollen. Schließlich verständigten sich im Herbst 2010 über zwei Dutzend Ärztegesellschaften auf eine Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz. Auch in anderen EU-Staaten und den USA entstanden solche Werke. Wenn Mediziner solche Leitlinien erarbeiten, beginnen sie als Erstes damit, die vorhandenen medizinischen Stu dien nach Belegen zu durchforsten, welche Therapie dem Patienten tatsächlich hilft. Doch bei ihrer Suche nach Evidenz – also klaren wissenschaftlichen Beweisen – wurden sie nicht wirklich fündig. Denn Rückenschmerzen haben eine merkwürdige Eigenschaft: In 80 bis 90 Prozent der Fälle sind die Beschwerden nach einigen Tagen oder Wochen wieder verschwunden. Für die medizinische Forschung wirft das Probleme auf. Haben nun die verordneten Medikamente geholfen, die Massagen, die Physiotherapie? Oder ist es mit den Rückenschmerzen wie mit dem Schnupfen, der mit und ohne Arzneimittel nach einer Woche wieder abklingt?

Auch Büromenschen haben öfter mal Rückenschmerzen. Sie sitzen angespannt am Schreibtisch und bewegen sich viel zu wenig.


Foto: Wavebreakmedia/Thinkstock


Wer zum Arzt geht, will oft nur wissen, dass es nichts Gefährliches ist


Schaut man sich die Statistik an, handeln viele Betroffene, zumindest bei leichten Rückenschmerzen, wie bei einer Erkältung: Sie helfen sich selbst. Nur rund 36 Prozent der Menschen mit Rückenschmerzen gehen zum Arzt, hat eine große Befragung der Betriebskrankenkassen festgestellt. Sie machen sich Sorgen, weil die Schmerzen immer wieder auftauchen oder weil sie in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt sind. „Der Patient will vor allem zwei Dinge: Schmerzlinderung und die Gewissheit, dass es nichts Gefährliches ist“, sagt Jean-François Chenot, Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Greifswald und Mitautor der oben genannten Leitlinien. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist beim ersten Arztbesuch eine ausführliche Untersuchung notwendig. Sie soll klären, welcher Art die Rückenschmerzen sind, ob Nerven beschädigt sind oder ein komplizierter Fall vorliegt.

An erster Stelle steht die Anamnese, also die Krankengeschichte. Um keine wichtigen Details zu vergessen, ist es sinnvoll, sich auf gängige Fragen vorzubereiten (siehe Kompaktspalte). Sprechen sollte man auch über psychische Belastungen bei der Arbeit oder in der Familie. Um möglichen körperlichen Ursachen auf die Spur zu kommen, fragt der Arzt gezielt nach Stürzen und Unfällen, nach rheumatischen Schüben und nach überstandenen Krebserkrankungen; Anfälle von Fieber oder Schüttelfrost können auf Entzündungen hinweisen. Bei der anschließenden Untersuchung überprüft der Arzt die Beweglichkeit und Funktion der Wirbelsäule. Er tastet die Rückenmuskulatur nach schmerzhaften oder verspannten Stellen ab. Deuten Taubheitsgefühle oder ein Ausstrahlen der Schmerzen in die Arme oder Beine darauf hin, dass durch die Rückenbeschwerden Nerven betroffen sind, schließen sich einfache neurolo gische Tests an. Damit überprüft man insbesondere die Muskelkraft, Empfindsamkeit und die Reflexe der Beine. Dadurch kann der Arzt auch feststellen, an welcher Stelle der Wirbelsäule ein Nerv unter Druck steht. Aufgrund von Anam nese und Untersuchung kann der Arzt die Rückenprobleme seines Patienten einer von zwei Kategorien zuordnen: Fürspezifische Kreuzschmerzen gibt es eine organische Ursache – beispielsweise einen Tumor, eine Entzündung, eine Infektion oder einen geschädigten Nerv. Sie sind relativ selten und machen weniger als zehn Prozent aller Fälle von Rückenschmerzen aus.


Tumore, Entzündungen oder geschädigte Nerven sind nur selten die Ursachen


In der Mehrzahl der Fälle verursachen Nervenreizungen die Beschwerden. Häufig betroffen ist der Ischiasnerv. Er verlässt das Rückenmark zwischen dem letzten Lendenwirbel und dem Kreuzbein und zieht sich an den Beinen hinab. Häufig dient die Ischialgie – oder einfach „der Ischias“ – als Begriff für alle Kreuzschmerzen, die auch in die Beine ziehen.

Doch oft sind bei Schmerzen, die nur bis zum Knie reichen, nicht gereizte Nerven die Ursache. Sie können beispielsweise auch durch verspannte Gesäßmuskeln oder Hüftprobleme ausgelöst werden. Das Vorgehen bei Nervenreizungen hängt davon ab, wie stark die Symptome sind. Oft genügen auch hier ein Schmerzmittel und Physiotherapie. In besonders schmerzhaften Fällen kann ein lokales Betäubungsmittel in den betroffenen Bereich gespritzt werden. Der Hausarzt wird bei Verdacht auf einen komplizierten Fall den Patienten an einen Orthopäden oder Neurologen überweisen. Bilder von der Wirbelsäule sind nur angesagt bei ausgeprägten neurologischen Störungen, etwa anhaltenden Taubheitsgefühlen in den Füßen oder leichten Lähmungserscheinungen, wenn ein chirurgisches Vorgehen erwogen wird. Die Leitlinien geben wegen der aussagekräftigeren Bilder dem Kernspintomografen (MTR) den Vorzug vor dem Computertomografen (CT). In höchstens drei Prozent aller Fälle von Kreuzschmerzen verursachen organische Erkrankungen wie Entzündungen oder Tumore die Schmerzen. Schon die ersten Untersuchungen liefern dem Arzt Hinweise darauf, ob es sich um komplizierte Schmerzen handeln könnte. Hegt er aufgrund der ersten Fragen und Untersuchungen den Verdacht, dass entzündliches Rheuma, Krebs oder andere organische Erkrankungen Ursache der Schmerzen sein könnten, wird er ihm mit Computertomografie oder anderen Diagnoseverfahren nachgehen. Auch andere Krankheiten, etwa eine Aussackung der Bauchschlagader, können in den Rücken ausstrahlen. Die weitere Therapie richtet sich nach den jeweiligen Befunden und der sich daraus ergebenden Diagnose.

Doch in den allermeisten Fällen lassen sich aufgrund der Anamnese und der Eingangsuntersuchungen solche organischen Ursachen mit hin reichender Sicherheit ausschließen. Der Mediziner spricht dann von akuten, nichtspezifischen Kreuzschmerzen. Diese Zweiteilung gilt auch für Nackenschmerzen, wobei hier spezifische Ursachen noch viel seltener sind.

Schmerzen im Rücken oder Nacken hängen oft mit einer verspannten Muskulatur zusammen. Auch der Garteneinsatz am Wochenende kann zu Rückenbeschwerden führen.


Foto: mangostock/Shutterstock

Foto: imago/Peter Widmann

Nichtspezifische Kreuzschmerzen machen mehr als 90 Prozent der Fälle aus. Darunter fallen auch Hexenschüsse oder einfache Bandscheibenvorfälle ohne zusammengedrückte Nerven. Diese Art Schmerzen können zwar sehr wehtun, verschwinden aber auch schnell wieder. In der Regel verschreibt der Arzt ein leichtes Schmerzmittel. Der wichtigste Baustein der Therapie aber ist das Beratungsgespräch. Es soll die Patienten dazu motivieren, so schnell wie möglich wieder den gewohnten Tagesablauf aufzunehmen und sich zu bewegen. Denn baldige Aktivität – das haben vielen Studien eindeutig gezeigt – lindert die Beschwerden und verhindert, dass die Schmerzen womöglich chronisch werden. Ausdrücklich heißt es in den Leitlinien: „Bei akutem nichtspezifischem Kreuzschmerz soll von Bettruhe abgeraten werden.“ Weitere Maßnahmen oder Verschreibungen sieht die Leitlinie beim ersten Mal nicht vor. Lediglich bei Wärmetherapie in Verbindung mit aktivierenden Maßnahmen sowie bei chiro praktischen Methoden lautet bei akuten Rückenschmerzen die Empfehlung „kann angewendet werden“.

Schwieriger wird es, wenn der Patient nach zwei bis vier Wochen wieder in der Praxis steht, weil die Schmerzmittel nicht wirken und die Beschwerden immer noch da sind. Dann forscht der Arzt weiter nach den Ursachen.

Um eine spezifische organische Ursache noch sicherer ausschließen zu können, wird der Hausarzt den Patienten zum Orthopäden oder bei Verdacht auf nervenbedingte Schmerzen zum Neurologen oder Neurochirurgen überweisen. Dort wird im Regelfall ein Bild der Wirbelsäule angefertigt, bevorzugt mit dem Kernspintomografen (MRT). Denn der kommt ohne radioaktive Strahlung aus und liefert besonders aussagekräftige Aufnahmen.

Parallel zu diesen weiteren Untersuchungen wird der Arzt die Behandlung intensivieren, etwa durch eine Physio- oder Bewegungstherapie. Womöglich wird er andere, stärkere Schmerzmittel ausprobieren. Großen Wert legt die Leitlinie darauf, dass der Arzt jetzt auch die psychosozialen Risikofaktoren erfasst, die zu einer Chronifizierung der Schmerzen beitragen können. Das ist für viele Patienten und Ärzte ein heikler Moment. Denn immer noch schwingt hier das Bild von der eingebildeten Krankheit mit, von vorgeschobenen Schmerzen, hysterischen Beschwerden. Doch darum geht es gar nicht. Belastende seelische Situationen können sich auch in Rückenschmerzen äußern oder vorhandene Beschwerden verstärken. Daher muss der Arzt solche Gründe ebenso gründlich abklopfen wie Muskelreflexe.


Wenn der Schmerz keine Ruhe gibt, kann auch privater oder beruflicher Stress schuld sein


Dazu klärt er im Gespräch und mithilfe von Fragebögen ab, ob beim Patienten eine depressive Stimmung vorliegt oder ob er starkem privaten oder beruflichen Stress ausgesetzt ist. Auch die Fähigkeit, mit Schmerzen umzu gehen, spielt eine Rolle. Besteht ein erhöhtes Risiko, dass die Schmerzen chronisch werden können, sollte der Arzt den Leitlinien zufolge eine Verhaltenstherapie in Betracht ziehen und dazu einen Psychologen oder Psychotherapeuten einschalten. Auch mögliche Risikofaktoren am Arbeitsplatz wie einseitige Bewegungsabläufe und Belastungen müssen überprüft werden. Entscheidend ist in diesen Wochen, dass sich die beteiligten Ärzte eng abstimmen. Sie sollen alle vorliegenden Befunde interdisziplinär und fachübergreifend sichten und gemeinsam beurteilen, empfiehlt die Nationale Versorgungsleitlinie. Sollten die Schmerzen chronisch werden, kann sofort die dafür notwendige Behandlung eingeleitet werden. Nicht immer ist es das Kreuz, das wehtut. Rund ein Drittel der Erwachsenen leidet einmal im Jahr an Nackenschmerzen – manchmal zusammen mit Kreuzschmerzen, oft auch unabhängig davon.

Meist handelt es sich um schmerzhafte Muskelverspannungen, die in den Hinterkopf oder in die Arme ausstrahlen können und teilweise mit schmerzhaften Bewegungseinschränkungen verbunden sind. Die Gründe dafür können Fehlhaltungen sein, stundenlange Anspannung am Schreibtisch, aber auch ein anhaltender kalter Luftzug. In weniger als einem Prozent der Fälle sind Nackenschmerzen Zeichen einer gefährlichen Grunderkrankung, etwa eines Tumors oder eines gefähr lichen Bandscheibenvorfalls. Hinweise auf solche Ausnahmen sind Lähmungen oder Bewusstseinsstörungen. Auch bei vorhandenen Krebserkrankungen, Osteoporose oder einem Auffahrunfall wird der Arzt hell hörig werden und abklären, ob die Schmerzen eine ernsthafte Ursache haben. Nur bei einem begründeten Verdacht ist eine Aufnahme der Halswirbelsäule sinnvoll. In den allermeisten Fällen jedoch ist der Nackenschmerz unspezifisch.

Die 2009 verabschiedete Leitlinie des Hausärzteverbands Degam empfiehlt ein leichtes Schmerzmittel und eine möglichst schnelle Wiederaufnahme der Aktivitäten. Bei Schlafstörungen kommt auch das muskelentspannende Beruhigungsmittel Tetrazepam für eine kurzzeitige Einnahme infrage. Bei wiederkehrenden Nackenschmerzen rät die Leitlinie dazu, die Therapie zu intensivieren, etwa mit Physio- oder Chirotherapie. Auch das Spritzen von Betäubungsmitteln in verspannte Muskeln gilt als mögliche Option. Akupunktur und Massagen gelten bei Nackenschmerzen als „mit Einschränkung einsetzbare Therapien“, weil es wenig gute Wirkungsnachweise gibt. Trotzdem werden bei Verspannungen der Schultermuskulatur Massagen häufig verschrieben: Die Patienten fragen danach, weil diese Art der Zuwendung ihnen guttut. Denn psychosomatische Faktoren sind bei Nackenschmerzen noch häufiger und bedeutender als bei Kreuzbeschwerden. Auch bei immer wiederkehrenden Nackenschmerzen ist es deshalb unverzichtbar, die psychosozialen Risikofaktoren zu erfassen.

Da Rückenschmerzen in den allermeisten Fällen keine schwere Krankheit sind, sollte man die Betroffenen nicht wie Kranke behandeln. Aus diesem Grund ist in den einschlägigen Leitlinien die früher vielfach verordnete Bettruhe bei einfachen Kreuzschmerzen längst gestrichen. Auch andere passive Maßnahmen wie Massagen, Wärmebehandlungen und Krankengymnastik gelten bei akuten Rückenschmerzen als unnötig bis kontraproduktiv. „Wer mit unspezifischen, leichten Rücken schmerzen wie ein Kranker behandelt wird, wird sich wie ein Kranker verhalten“, schrieb der Lübecker Professor Hans-Heiner Raspe schon vor zehn Jahren. Der Patient fixiert sich auf die Krankheit, bleibt passiv und erwartet vom Arzt den Heilungserfolg. Die von vielen Ärzten immer noch verabreichten Spritzen werden von Experten ebenfalls kritisch gesehen. „Die Spritze ist ein Machtinstrument des Arztes. Sie übermittelt die Botschaft: Du bist krank und du kannst dir allein nicht mehr helfen. Das ist bei Rückenschmerzen fatal“, meint etwa der Mediziner Jean-François Chenot.

Auch Röntgenbilder können zu dem Gefühl beitragen, einer Krankheit ausgeliefert zu sein. Denn auf sehr vielen Rückenbildern ist eine Wirbelsäule mit Abnutzungserscheinungen zu sehen. Die Abstände zwischen den Wirbeln sind verringert, einzelne Wirbelkörper leicht deformiert (Spondylose), die Wirbelgelenke verändert. Manchmal zeigen die Bilder sogar Bandscheiben vorfälle, die bisher allerdings nie Schmerzen verursachten. Die „grauen Haare des Rückens“ nennt der US-Professor Richard Deyo solche Verschleißerscheinungen, weil sie einfach so normal wie erste graue Haare sind.

Bewegung tut dem Rücken gut. Und es muss auch nicht immer direkt das Fitnessstudio sein.


Foto: AVAVA/Shutterstock


Sitzt einem der Chef oder ein Termin im Nacken, verspannen sich dort die Muskeln


„Bei einigen Patienten führt die Demonstration harmloser degenerativer Veränderungen zu Angst und Vermeidungsreaktionen“, weiß Allgemeinmediziner Chenot. Sie bewegen sich möglichst wenig und vorsichtig, behindern dadurch aber ihre Genesung. Verstärkt wird dieser Prozess, wenn der Arzt die Bilder negativ interpretiert. „In einer Befragung von Rückenschmerzpatienten stellte sich heraus, dass 30 Prozent vom Arzt gesagt bekamen, ihr Rücken sei kaputt. Das ist Quatsch.“ Experten empfehlen deshalb, bildgebende Verfahren wie Röntgen oder Computertomografie bei Rückenschmerzen nur dann durchzuführen, wenn sie eine therapeutische Konsequenz haben.

Den Alltag in den Praxen der Hausärzte und Orthopäden können Leitlinien, Fachaufsätze und Fortbildungen nur bedingt beeinflussen. Professor Jean-François Chenot arbeitet seit Jahren zu diesem Thema, sitzt in mehreren Fachgremien und schrieb 2008 seine Habilitationsarbeit über die Versorgung von Patienten mit Kreuzschmerzen in der Hausarztpraxis. Doch der Allgemeinmediziner forscht nicht nur, sondern behandelt auch täglich Menschen mit Rückenschmerzen. Er kennt mehrere Gründe, warum es für Ärzte im Alltag schwer ist, den Leitlinien zu folgen.

Kontraproduktiv: Wer sich bei Rückenschmerzen in Schonhaltung begibt und sich viel ausruht, wird die Beschwerden nicht so schnell los. Bewegung ist angesagt.


Foto: ULTRA F/Digital Vision/Thinkstock

Ein Problem ist die Ungeduld mancher Patienten. Es kann Wochen dauern, bis Rückenschmerzen wieder vergehen. Steht der Patient nach drei Tagen aber wieder in der Praxis, erhöht das den Druck auf den Arzt, etwas zu machen. Dann greift er doch zur Spritze oder verschreibt Massagen. Dabei spielt der Wettbewerb zwischen den Ärzten durchaus eine Rolle. „Ärzte sind unter Druck, auch unvernünftige Patientenwünsche zu erfüllen. Die sicherste Option, einfach nichts tun, wird von Ärzten und Patienten gar nicht in Erwägung gezogen oder als Sparmaßnahme missverstanden“, sagt Chenot. Was die Patienten in solchen Fällen zusätzlich verschrieben oder empfohlen bekommen, hängt oft vom Therapiespektrum des Arztes ab. Hat er eine Zusatzausbildung in Akupunktur, wird der Patient genadelt. Ist er Chirotherapeut, versucht er, das Kreuz einzurenken. Wer zum Orthopäden geht, wird wahrscheinlich geröntgt. „Die Patienten bekommen das, was der Arzt zur Verfügung hat, nicht das, was sie eigentlich brauchen“, beklagt Chenot. Eine weitere Ursache liegt in der Struktur unseres Gesundheitssystems.

Der Patient kann auch ohne Überweisung in eine Facharztpraxis gehen. Über die Hälfte der Patienten, die wegen Kreuzschmerzen einen Allgemeinarzt besuchten, konsultiert bereits wenig später einen Spezialisten, meist einen Orthopäden. Im Gegensatz zum Hausarzt verfügen viele Orthopäden über ein Röntgengerät, an dessen Auslastung sie verdienen. Die Folge: In Deutschland werden immer noch 40 bis 45 Prozent der Patienten mit Rückenschmerzen geröntgt, meist ohne Nutzen. In den Niederlanden liegt der Anteil geröntgter Rückenpatienten gerade mal bei drei Prozent. Weil ein Hausarzt nur ein begrenztes Budget an Physiotherapiestunden hat, verschreibt er sie zurückhaltend. Der Orthopäde verfügt über ein größeres Budget und verschreibt großzügiger. Dabei ist längst belegt, dass Physiotherapie bei akuten Rückenschmerzen wenig nutzt, sondern nur in chronischen Fällen. Die Verbraucherzentrale (VZ) Hamburg wollte wissen, wie Allgemeinmediziner die Leitlinienvorgaben für eine erste Behandlung im Praxisalltag umsetzen. Dazu schickte sie zwei Patientinnen mit realen Rückenschmerzen zu 60 Allgemeinärzten. „Erfreulich war, dass sich immerhin 42 Prozent der Allgemeinmediziner 15 Minuten oder mehr Zeit nahmen“, schrieb die Verbraucherzentrale bei der Vorstellung der Ergebnisse im Februar 2015. „Positiv fiel auch auf, dass 75 Prozent der Ärzte gegen Rückenschmerzen viel Bewegung und Sport als Therapie erster Wahl empfahlen. Eigentlich hätten das natürlich alle vorschlagen sollen.“ Allerdings fiel auch gut ein Drittel der Ärzte durch, „weil sie nicht die Hälfte der notwendigen Fragen gestellt, Untersuchungen durchgeführt oder Hinweise erteilt hatten.“ Erarbeitet hatte die VZ den Test mit zwei erfahrenen Allgemeinmedizinern.


Viele Patienten sind zu ungeduldig und kommen schon nach ein paar Tagen wieder zum Arzt


Diese hatten die Verbraucherschützer bereits im Vorfeld darauf hingewiesen, „dass die Ärzte in der kurzen Zeit, die ihnen für eine Erstuntersuchung zur Verfügung steht – nur 10 Minuten würden von den Kassen dafür bezahlt – eine so ausführliche Befragung und Beratung nicht leisten könnten.“ Diejenigen Ärzte, deren Arbeit mit den Noten 1 oder 2 bewertet wurden, nahmen sich (mit einer Ausnahme) mindestens 15 Minuten Zeit für ihre Patienten. Die ausführlichste Untersuchung dauerte 35 Minuten. Anders gesagt: Die Studie der Verbraucherzentrale Hamburg zeigt, dass eine leitliniengerechte Erstuntersuchung deutlich länger dauert als die Zeit, die ein Arzt dafür erstattet bekommt.