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Niemand müsste hungern


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2010 vom 18.11.2010

Die Regierungschefs von 189 Staaten haben vor zehn Jahren vollmundig versprochen, die Zahl der Unterernährten bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Tatsächlich hungern heute weit mehr Menschen als im Jahr 2000. Dabei könnte die Erde nicht nur die heute fast sieben Milliarden ernähren, sondern einige Milliarden zusätzlich.


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Foto: irislblende.de

Weltweit haben 925 Millionen Menschen, vor allem in der Dritten Welt, nicht genug Essen. Im Vorjahr waren es sogar mehr als eine Milliarde. Geradezu pervers ist es, dass 80 Prozent der Hungernden auf dem Land leben, also dort, wo die Nahrung produziert wird. Doch viele ...

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Weltweit haben 925 Millionen Menschen, vor allem in der Dritten Welt, nicht genug Essen. Im Vorjahr waren es sogar mehr als eine Milliarde. Geradezu pervers ist es, dass 80 Prozent der Hungernden auf dem Land leben, also dort, wo die Nahrung produziert wird. Doch viele Tagelöhner und Kleinbauern können nicht einmal den Bedarf ihrer Familien decken. Sie verelenden und versinken in Hoffnungslosigkeit. Dabei sind die Ernten seit Jahren hervorragend; im Jahr 2008 wurde sogar weltweit so viel Getreide geerntet wie noch nie.

Die Gründe für den Hungerskandal sind vielfältig und vor Ort jeweils in unterschiedlicher Kombination wirksam: zu kleine Parzellen, zu wenig Wasser für die Pflanzen, geringes Wissen über geeignete Sorten und ihren Anbau, Probleme bei der Lagerung, Vermarktung und Finanzierung – oder gar Vertreibung von der Scholle, weil die Kleinbauern diese zwar seit jeher bebauen, aber dafür keine Besitzurkunden vorweisen können.

Bezogen auf die Bevölkerung hungern die meisten Menschen in Schwarzafrika: 30 Prozent, das heißt 239 Millionen der insgesamt rund 800 Millionen Bewohner. Absolut betrachtet ist die Zahl in Asien am höchsten: 578 Millionen von 4.117 Millionen Menschen sind dort unterernährt. Von den in den vergangenen zehn Jahren um 84 Prozent gestiegenen Nahrungsmittelpreisen profitieren die Kleinbauern kaum. Im Gegenteil: Wer Essen kaufen muss, wird von der Teuerung hart getroffen – so wie im Extremjahr 2008, als der Boom beim Agrosprit die Getreidepreise in die Höhe trieb und es etwa in Mexiko zu Massenprotesten gegen die Kostenexplosion kam.

Selbstverständlich könnten die Regierungen in der Dritten Welt gegen die Missstände vorgehen. Doch vielfach zählen sie und ihre Unterstützer zu den Profiteuren des Systems. Auch die Industriestaaten sind nicht zimperlich, wenn es darum geht, sich in den unterentwickelten Staaten etwa die Märkte für ihr teures Saatgut und die Agrarchemikalien zu sichern – sie tragen so zur Misere bei. Vielleicht gibt ihnen der Welternährungstag, der jeweils im Oktober begangen wird, einen Anstoß, nach seinem diesjährigen Motto zu handeln: „Vereint gegen den Hunger“.

Die Förderung von Agrarprojekten in der Dritten Welt durch die Industriestaaten hat in den vergangenen Jahren trotz des unbestreitbaren Bedarfs drastisch abgenommen. 1979 gaben sie dafür noch 20 Prozent ihrer gesamten Entwicklungshilfe aus, heute nur noch fünf Prozent. „Jetzt müssen die Weichen neu gestellt werden“, betont Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin der evangelischen Organisation Brot für die Welt. Die Maßnahmen gegen den wachsenden Hunger, die im Rahmen der Vereinten Nationen gestartet wurden und noch geplant sind, blieben in skandalöser Weise hinter den Erfordernissen zurück. Füllkrug-Weitzel: „Die von der Weltbank, der Welternährungsorganisation FAO und zahlreichen Industriestaaten propagierte neue grüne Revolution mit teuren patentierten Samen, Kunstdünger und Agrarchemikalien hat sich als wirkungslos im Kampf gegen den Hunger erwiesen.“

Beispiel Äthiopien: Das Volk der Konso hat verbesserte Anbaumethoden gelernt. Dazu gehört, Gemüsesetzlinge für ein Versuchsfeld vorzubereiten.


Foto: Helge Bendl/Brot für die Welt

Dank Bewässerung zwei Ernten pro Jahr

Mehr Projekte sind nötig, die mit einfachen Mitteln die traditionelle Landwirtschaft weiterentwickeln – so wie in Äthiopien, wo Brot für die Welt dem Volk der Konso hilft, Land zu bewässern. 50 Kilometer lang sind die Gräben, die in Handarbeit ausgehoben wurden: Denn Bagger sind teuer, Arbeitskräfte gibt es genug. Auf insgesamt 4.000 Hektarn werden Mais, Hirse und weitere Früchte im Wechsel angebaut. Jeder Bauer verfügt über rund einen Hektar, auf dem er in guten Jahren zweimal ernten kann. Für die Pflege der Kanäle sorgen abschnittsweise Kleingenossenschaften.

Ein weiterer Bestandteil des Projekts: Schulung in effizienter nachhaltiger Landwirtschaft. Bauern, die vorher nicht genug Nahrung für ihre Familien erzeugen konnten, können nun Überschüsse verkaufen und mit dem Erlös das Schulgeld für die Kinder bezahlen.

Verblüffend wirkungsvoll sind auch oft kleine Projekte wie das von Professor Eberhard Karbe. Der Veterinär aus Wülfrath arbeitete in jungen Jahren als Entwicklungshelfer in Togo und erlebte, dass ein Virus die Hühner mal in diesem, mal in jenem Dorf dahinraffte. Im Schnitt verlor ein Bauer jedes Jahr einmal fast sein gesamtes Federvieh. Dabei kostet eine Impfung nur wenige Cent. Karbe gründete die gemeinnützige „Hilfe für Kleinbauern in Togo“. Spender bezahlen nun besonders armen Dörfern ein Jahre lang die notwendigen Impfungen, die ausgewählte einheimische Tierärzte organisieren. „Danach sind die Hühnerhalter überzeugt, dass sich die Vorsorge lohnt, und fast alle lassen sie künftig auf eigene Kosten durchführen“, stellt der Professor bei seinen jährlichen Besuchen fest, die er teils aus eigener Tasche, teils mithilfe von Sponsoren finanziert.

Auch die großen Organisationen kümmern sich um kleine Maßnahmen. So fördert das katholische Hilfswerk Misereor an verschiedenen Orten die Imkerei, damit sich Familien mit dem Verkauf des Honigs ein Zubrot verdienen können – zum Beispiel in den peruanischen Anden oder am Amazonas. Dieses Angebot gehört zu einem Konzept, interessierten Dörflern zu zeigen, wie sie ohne nennenswerten Kapitaleinsatz mit verbesserten Methoden dauerhaft mehr erwirtschaften können.

Wie teuer die Nahrung geworden ist

Index der Nahrungsmittelpreise (Durchschnitt 2002 bis 2004 = 100)

Preisschub. Seit 2003 legten die Nahrungspreise auf den Weltmärkten kräftig zu. 2008 erreichten sie ihren vorläufigen Höhepunkt, als Spekulanten auf den verstärkten Einsatz von Agrarrohstoffen wetteten. Das verschärfte die Hungerkrise. Als die Notierungen wieder nachgaben, linderte das die Not kaum, denn die Wirtschaftskrise traf häufig die Armen besonders hart.

Nur nachhaltige Landwirtschaft beseitigt den Hunger

Wie sinnvoll es ist, den Bauern der Dritten Welt zu helfen, ihre traditionellen Methoden zu verbessern, belegt der britische Agrarprofessor Jules Pretty von der Universität Essex in einer Untersuchung von 286 Projekten in 57 Staaten Asiens, Schwarzafrikas und Südamerikas. Das Ergebnis: Die Produktion stieg im Schnitt um 79 Prozent. Im Öko-Landbau sehen auch die Autoren des 2009 veröffentlichtenWeltagrarberichts die einzige Chance, den Hunger zu besiegen – allerdings ohne die strikten Regeln der EU-Bio-Verordnung vorzugeben. Weltbank und UN ließen mit dieser gut 500 Seiten starken Studie ihre bisherigen Maßnahmen gegen den Hunger überprüfen. 400 Experten, darunter Delegierte von Nichtregierungsorganisationen, wirkten mit. Fast alle beteiligten Länder und Interessengruppen stimmten den Ergebnissen zu. Einige wenige widersprachen im Detail, darunter die USA und die Saatgutbranche, weil sie die Chancen der Gen-Technik nicht hinreichend gewürdigt sahen. Auf die hatten die Weltbank, die UN-Behörden und viele Industriestaaten bisher gesetzt – und verständlicherweise fällt die Abkehr von gewohnten Denkmustern schwer.

Philippinischen Kleinbauern haben ihren Reis durch Züchtung veredelt und sind unabhängig von Saatgutkonzernen.


Foto: Groll/Misereor

Der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf angemessene Ernährung, der Belgier Olivier De Schutter, stellt fest: „Ökologischer Landbau übertrifft bei der Sicherung der Ernährung die industrielle Landwirtschaft. Die Regierungen und internationalen Organisationen sollten dringend die nachhaltige Landwirtschaft fördern.“

Die Argumente, die derWeltagrarbericht für diese Strategie liefert, sind überzeugend. Die Kleinbauern sollen möglichst ohne Zukäufe auskommen, um die Kosten im Griff zu halten – also ist selbst vermehrtes, traditionelles Saatgut viel besser als teure, patentierte Saaten, die immer wieder neu erworben werden müssen. Dung und pflanzliche Bodenverbesserer werden statt Kunstdünger eingesetzt und natürliche Maßnahmen gegen Schädlinge und Unkraut anstelle von Pestiziden beziehungsweise Herbiziden.

Da die vom Hunger bedrohten Menschen kaum über Kapital verfügen, müssen sie sich dann nicht mehr für solche Materialkäufe verschulden. Das ist wichtig: In der Vergangenheit blieben den Bauern bei den hohen Kosten nach einer schlechten Ernte oder sinkenden Erzeugerpreisen am Ende nur noch Schulden. Welche Konsequenzen das haben kann, zeigt ein Extremfall: Mehr als 1.000 indische Baumwollpflanzer begingen in den Jahren 2005/2006 Selbstmord, weil sie nach einem Sturz der Baumwollpreise vor der Pleite standen.

Kampf gegen teures patentiertes Saatgut

Beispiel Indien: Der Baumwollanbau mit patentierten Saaten und Agrarchemie bringt dort keine höheren Erträge als eine ökologische Wirtschaftsweise, die aber um 20 Prozent geringere Kosten verursacht. Das ermittelte Frank Eyhorn vom Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Ein zertifizierter Bio-Betrieb erhält zudem 20 Prozent mehr für seine Ware. Dennoch sind in Indien wie anderswo gentechnisch veränderte Baumwollpflanzen weitverbreitet.

Dabei hatten Indiens Bauern schon früh erkannt, dass sie das patentierte Saatgut teuer zu stehen kommen wird. Als die entsprechenden Bestimmungen 1993 international verhandelt wurden, kam es in Bangalore zu einer der weltweit größten friedlichen Demonstrationen mit über 500.000 Teilnehmern.

Und der Widerstand hält an. Aktuell protestieren indische Bauern gegen die Zulassung genveränderter Auberginen, eines Standardgemüses auf dem Subkontinent, und erstritten, dass die Behörden die Genehmigung vertagten. Die berechtigte Befürchtung der Landwirte: Sie dürfen die patentierten Saaten nicht selbst vermehren, sondern müssen sie immer wieder neu kaufen. Die patentierten Pflanzengene können aber auch durch Pollenflug oder beim Transport der Ernte auf den Acker eines Bauern gelangen, der auf Gen-Saaten verzichtet. Dann drohen ihm gleichwohl Regressforderungen, wenn die Detektive der Saatgutkonzerne die Patentgene auf seinem Land entdecken.

So geschehen zum Beispiel 1999 in Kanada. Der betroffene Farmer erhielt erst 2008 vor dem höchsten Gericht Recht gegen die Forderungen des Saatgutanbieters Monsanto. Diese Angst vor hohen Kosten beherrscht die Diskussion um die Gen-Saaten; die Risiken für das Öko-System und die Gesundheit der Menschen spielen im Vergleich dazu eine geringere Rolle.

Hohe Kosten sind auch auf den Philippinen die Hauptursache für den heftigen Widerstand gegen patentierte Reissaaten. Zudem fürchten die Bauern, dass ihr traditioneller Reis durch Pollen der Patentpflanzen beeinträchtigt wird. Bislang handelt es sich dabei um hochgezüchtete Hybridsaaten, aber die Agrarmultis und das dortige Internationale Reisforschungsinstitut IRRI, das Fördermittel aus den Industriestaaten erhält, drängen auf die Zulassung genmanipulierter Samen.

„Die internationale Agrarforschung beschränkt sich auf wenige Sorten für den Weltmarkt, die aber nicht für jeden Standort geeignet sind. Wegen der Patente dürfen Bauern die Pflanzen nicht durch Züchtung an ihre Bedürfnisse anpassen und tauschen, wie sie es seit Jahrhunderten machen“, kritisiert Kerstin Lanje von Misereor. Das katholische Hilfswerk unterstützt die Kleinbauerninitiative Masipag, die auf die rund 3.000 traditionelle philippinische Reissorten zurückgreift. Für jede Klimazone des Inselreichs, das sich von Nord nach Süd über 1.600 Kilometer – soweit wie die Luftlinie von Flensburg bis Neapel – erstreckt, gibt es passende Sorten. Die Bauern und unterstützende Wissenschaftler veredeln den Reis, den sie gratis weitergeben, ohne Gen-Manipulation. Misereor ließ die Masipag-Samen prüfen: Ihre Erträge im Bio-Anbau liegen gleichauf mit denen der teuren Patentsaaten, die zudem kostspielige Agrochemikalien erfordern.

Foto: CvanDijk/Fotolia.com

Fleißarbeit: Um Reis im Gebirge anbauen zu können, haben Bauern seit Jahrhunderten Terrassen angelegt. Sie zu erhalten und auszubauen gehört zum Kampf gegen den Hunger.


Foto: Josef Müllek/Fotolia.com

Doch nicht nur preiswertes Saatgut hilft beim Kampf gegen den Hunger. Die Betriebe sollen auch, wie es traditionell üblich war, eine Vielzahl von Produkten anbauen. Obwohl die Felder oft sehr klein sind – 80 Prozent der Betriebe in der Dritten Welt verfügen über weniger als 20.000 Quadratmeter (zwei Hektar) Land – hilft Pflanzenvielfalt, die Ausbreitung von Schädlingen zu verhindern, und dank des Fruchtwechsels wird der Boden nicht wie bei Monokulturen ausgelaugt. Weil außerdem nicht alle Pflanzen zur gleichen Zeit Regen brauchen, ist nie die gesamte Ernte betroffen, wenn er einmal vorübergehend ausbleibt. Die Ernährung wird sicherer.

Das Regenwasser richtig nutzen

Bei der Auswahl der anzubauenden Produkte passt sich die nachhaltige Landwirtschaft an die natürlichen regionalen Gegebenheiten an – insbesondere an die weitverbreitete Trockenheit. Wenn es in solchen Gegenden aber einmal regnet, kann der Boden die Feuchtigkeit oft nicht aufnehmen und das Wasser fließt schnell ab, zusätzlich wird fruchtbare Erde weggeschwemmt.

Die Rückbesinnung auf hergebrachte, aber oft vergessene Anbauformen kann solchen Schäden vorbeugen. So unterstützt die Welthungerhilfe im gebirgigen Laos 20 Dörfer dabei, für den Reisanbau an den Hängen neue Terrassen anzulegen. Die sorgen dafür, dass das Wasser optimal von Feld zu Feld geleitet werden kann und die Erde vor Ort bleibt. Die Berater brachten auch neue, ertragreichere Reissorten mit, die zudem weniger Wasser benötigen. So wird der Hunger aus dieser Region vertrieben.

Nachhaltige Landwirtschaft kann auch Gebiete fruchtbar erhalten, die sich mit herkömmlichem Ackerbau kaum nutzen lassen. Agroforstwirtschaft heißt das System. Angewandt wird es zum Beispiel bei einem Projekt von Brot für die Welt im mittelamerikanischen Guatemala. Der Name heißt übersetzt „Land der Bäume“, doch die Hälfte der Wälder ist längst gerodet. Stürme tragen das Erdreich ab, Regen sorgt für Schlammlawinen. Berater überzeugen die Bauern nun, die verbliebenen Bäume auf ihren Feldern zu hegen und weitere sowie Büsche in Reihen mit wenigen Metern Abstand zu pflanzen. Mit Obstbäumen und Beerensträuchern können die Bauern zusätzliche Einnahmen erzielen. Vor allem aber stabilisiert der Dauerbewuchs das Erdreich, hält mehr Regenwasser im Boden und schützt die zwischen den Baumreihen angebauten Feldfrüchte vor Wind und sengender Sonne. Die Aufgabe ist gewaltig: Jedes Jahr verliert die Welt zwölf Millionen Hektar Landwirtschaftsfläche durch Verwüstung. Dieser Verlust entspricht der deutschen Ackerfläche.

Hart betroffen ist China. Dort soll ein 4.500 Kilometer langer, teils 500 Meter breiter Grüngürtel verhindern, dass sich die Wüste Gobi weiter ausbreitet. Unter anderem werden Pappeln, deren Samen aus Italien eingeführt wurden, im Sinne der Agroforstwirtschaft mit sonstigem Landbau kombiniert. So sind die Anwohner motiviert, die Setzlinge zu hegen. Unbestritten pflanzt kein Land der Erde so viele Bäume wie China. Skeptiker vermissen allerdings Angaben dazu, wie viele davon nach drei Jahren noch am Leben sind. Eines spricht dafür, dass der grüne Wall, der 1978 begonnen wurde und 2050 vollendet sein soll, tatsächlich heranwachsen wird: Er ist ein Prestigeprojekt der Regierung und soll einst die Hauptstadt vor den jetzt regelmäßigen Staubstürmen bewahren.

Stopp der Erosion: Monokulturen zerstören die Böden. Die wichtigste Strategie dagegen ist, das Land mit Setzlingen wieder aufzuforsten.


Foto: Phototom/Fotolia.com

Konventioneller Landbau zerstört fruchtbaren Boden

Während nachhaltige Landwirtschaft sogar Trockengebiete nutzbar macht, schafft konventioneller Landbau Brachen. Ein Beispiel für die Risiken: Stetig trägt der Wind die Erdkrume ab, wenn er nach der Ernte über die riesigen frisch gepflügten Felder der industriellen Landwirtschaft bläst. Monokulturen laugen zudem den Boden aus, was sich nur durch hohe Mengen an Kunstdünger ausgleichen lässt; der aber zerstört die Bodenorganismen und damit die natürliche Fruchtbarkeit.

Fatal, wenn zur Bewässerung Wasser aus der Tiefe gepumpt wird: Die Böden versalzen wegen der im Wasser gelösten Mineralien. Oft wird sogar fossiles Wasser abgepumpt, also Wasser, das seit der Eiszeit tief unter wasserundurchlässigen Schichten lagert und kaum durch Regen erneuert wird. Die amerikanische Landwirtschaft zwischen Texas und Süddakota beutet solche Vorräte aus, aber auch in Libyen und Nordindien wird damit großflächig bewässert. In einigen Jahrzehnten werden diese Vorkommen versiegen, die Äcker müssen aufgegeben werden.

Nur mit Kunstdünger lassen sich auch die Felder längerfristig in Monokultur nutzen, die durch das Roden der Regenwälder gewonnen wurden und weiterhin werden. Denn dort ist die fruchtbare Humusschicht dünn. Dabei ließe sich mit Agroforstwirtschaft sogar der Regenwald nachhaltig nutzen. Das beweist die noch immer fruchtbare Komposterde Terra preta der Inkas, deren Zusammensetzung erst in den vergangenen Jahren entschlüsselt wurde. Neu hergestellt, ließen sich damit Brachen wieder fruchtbar machen.

Zeugnisse des Raubbaus am Regenwald finden sich vor allem in Indonesien: ehemalige Kokos- und Ölpalmplantagen, für die vor 20 Jahren und früher der Dschungel gerodet wurde. Sie wurden aufgegeben, weil der Boden verbraucht ist. Statt ihn aufzuarbeiten, ist es rentabler, weiteren Regenwald zu vernichten, die wertvollen Bäume zu verkaufen und neue Plantagen anzulegen. Allerdings gelten nach internationalen Protesten in Indonesien Schutzvorschriften für den Regenwald, wenn er auf Torfgrund steht. Denn wer hier rodet, setzt besonders viel klimaschädliches Kohlendioxid frei.

Staat und Konzerne kümmern sich jedoch nicht sonderlich um solche Regeln. Aktuell konnte Greenpeace dem führenden Palmpflanzer Sinar Mas nachweisen, dass er Torfgebiete planiert. Da die Manager mit Protesten kaum zu beeindrucken sind, gingen die Umweltschützer einen neuen Weg: Sie baten die Börse in Singapur zu prüfen, ob der Mutterkonzern von Sinar Mas, Golden Agri-Resources, die Anleger falsch informiert habe. Denn in den Geschäftsberichten stehe, dass er rechtskonform und umweltbewusst handele. „Die Börse muss dem nachgehen, schließlich wird Singapur nicht seinen Ruf als Finanzzentrum aufs Spiel setzen“, hofft Corinna Hölzel, Waldexpertin bei Greenpeace.

Bei diesen Aktionen geht es nicht nur um den Umweltschutz, sondern auch um die Menschen, die auf und von diesem Boden leben. Weil Regenwald und viele Brachflächen den staatlichen Stellen als herrenloses Land gelten, überlassen sie es Konzernen – mal legal, mal illegal. Die Kleinbauern, die jede Parzelle längst landwirtschaftlich nutzen, werden dann – weil sie keine Eigentumsurkunden besitzen – von den Konzernen vertrieben. Jahrhundertealte, traditionelle Ansprüche werden nicht respektiert. Die Dimension des Dramas macht Anja Mertineit, Asien-Expertin bei Misereor mit einer Zahl deutlich: „In Indonesien leben 80 Millionen Menschen in und von den Regenwäldern.“ Zwar muss die Bevölkerung laut Gesetz bei Entscheidungen über die Flächennutzung beteiligt werden, doch das ignoriert die Verwaltung.

Heimische Eliten verhökern Landrechte

Doch die Betroffenen wehren sich immer öfter, auch wenn sie gegen die Milizen der Konzerne und die Polizei wenig ausrichten können. Die Demonstranten werden verhaftet und misshandelt, meldet die von Misereor unterstützte indonesische Bürgerrechtsgruppe Sawit Watch. Auch das Stoppen von Landraub gehört zu den Maßnahmen gegen den Hunger.

Ähnliches gilt für die seit Jahrzehnten anhaltenden Rodungen am Amazonas und – in jüngerer Zeit – am Kongo. Ansonsten gibt es in Afrika kaum noch intakte Regenwälder, dafür vergeben zahlreiche Regierungen mittlerweile sogar wertvolles Ackerland an ausländische Investoren. Anfang September übereignete Liberia 200.000 Hektar für eine Ölpalmenplantage an eine Gesellschaft, an der sich der aus Indonesien unrühmlich bekannte Konzern Golden Agri-Resources beteiligen wird.

Friends of the Earth, der internationale Partner des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), listet weitere Fälle auf: So vergab Äthio pien 700.000 Hektar für den Anbau von Zuckerrohr und mehr als 23 Millionen Hektar für die Ölpflanze Jatropha. In Tansania mussten 1.000 Reisfarmen für eine Zuckerrohrplantage Platz machen. In der Republik Kongo soll auf 70.000 Hektarn eine Ölpalmenplantage entstehen, Verhandlungen über eine Million Hektar laufen noch. Dabei geht es nicht allein um das Land, berichtet Roman Herre von der Menschenrechtsorganisation Fian aus Mosambik: „Mit den Latifundien wurden großzügige Wasserrechte vergeben. Es werden also nicht nur Menschen von ihrem Land vertrieben, zudem wird den in der Nachbarschaft verbleibenden Kleinbauern das Wasser abgegraben.“

Machtdemonstration: Planierraupen bereiten in Kambodscha den Boden für eine Plantage vor. Die Menschen, die hier bisher ihr Auskommen fanden, mussten weichen.


Foto: FIAN

Im bettelarmen Kambodscha erfuhr der Agrarexperte, dass die als korrupt geltende Regierung gerade drei Millionen Hektar an Günstlinge und ausländische Investoren vergab, meist für 99 Jahre. „In vielen Staaten verhökern korrupte Eliten so die Ernährungsbasis ihrer eigenen Bevölkerung“, stellt Herre fest. Und: „Die Industriestaaten müssen ihren Einfluss geltend machen, damit diese Machenschaften aufhören.“ Stattdessen veröffentlichte die Weltbank im April unverbindliche Regeln für die Landpacht. „Damit wird versucht, solche Deals zu legitimieren, anstatt sie zu unterbinden“, kritisiert der Experte.

Agrarexporte statt Versorgung des eigenen Landes

Unabhängig davon, wie Großgrundbesitzer zu ihren Ländereien gekommen sind, bleibt ein Manko gegenüber den Kleinbauern: Statt Nahrung für den heimischen Markt produzieren sie in der Regel für den Export – in Indonesien vor allem Palmöl, in Kenia Blumen und Obst, in Brasilien Futtermittel, Energiepflanzen und Fleisch. Und obwohl die Ausfuhr den Nahrungsmangel vor Ort verschärft, werden die Entwicklungsländer von der Weltbank und anderen internationalen Kreditgebern gedrängt, die Lieferungen zu steigern.

Fian-Experte Herre erklärt: „Diese Exporte bringen die Devisen ein, mit denen sich die bisherigen Auslandskredite bedienen und weitere Importe bezahlen lassen.“ Auch sorgen die Großagrarier auf dem Papier für ein fulminantes Wirtschaftswachstum: Ihre Produktion steigert das Sozialprodukt, während die Wirtschaftsstatistik die Leistungen der Kleinbauern kaum erfasst.

Grund zur Freude: Fairtrade zahlt den Weingütern in Südafrika mehr als den Marktpreis. Die Prämie beträgt neun Eurocent pro Liter, die den Arbeitern zugutekommen muss.


Foto: TransFair e.V./Christian Nusch

Fairtrade als Chance für die Kleinbauern

In der Theorie steigert die internationale Arbeitsteilung allseits den Wohlstand: Jeder liefert das, was er besser als der Handelspartner herstellen kann, und alle besitzen am Ende mehr. Doch das setzt in den Ländern eine faire Einkommensverteilung und ein funktionierendes Rechtssystem voraus. Faktisch kassieren bei den Agrarexporten die Großgrundbesitzer und der internationale Agrarhandel den Vorteil.

Doch vereinzelt können auch Kleinbauern vom Außenhandel profitieren: bei den Fairtrade-Projekten. Hier das Beispiel der Du-Toitskloof-Farm in Südafrika, die ihren Wein zu fairen Preisen verkaufen kann. Der Wochenlohn der Arbeiter stieg um 45 Prozent auf umgerechnet 24 Euro plus Wohnen auf der Farm. Zudem finanziert der Betrieb ein Förderprogramm für die Kinder und eine Krankenstation. „In Deutschland gibt es 1.000 Produkte mit demFairtrade -Gütesiegel“, erläutert Dieter Overath, Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins Transfair, der das Gütesiegel vergibt. „Weltweit werden mit diesen Waren fast 3,5 Milliarden Euro umgesetzt, davon profitieren in der Dritten Welt rund 1,2 Millionen Kleinbauern und Arbeitskräfte.“

In den Lieferregionen koordinieren Genossenschaften der Fairtrade-Produzenten deren Arbeit. Selbst verwaltete Zusammenschlüsse können aber auch die Position der Kleinbauern auf den heimischen Märkten stärken. Ihre Lage ist oft fatal: Wegen Geldmangels müssen die meisten ihre Ernte baldmöglichst verkaufen und erlösen dann wegen des hohen Angebots wenig. Oft sind sie sogar von einem Händler abhängig, der ihnen Saatgut oder Lebensmittel auf Kredit verkauft hat.

„Die Situation der Bauern war in Deutschland vor gut 150 Jahren kaum besser. Das brachte Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch auf die Idee, Genossenschaften zu gründen“, sagt Paul Armbruster. Der Leiter Internationale Beziehungen beim Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband propagiert diesen Ansatz nun in der Dritten Welt. Er hilft beispielsweise Kleinbauern in Zentralamerika, die Vermarktung ihrer Produkte selbst zu organisieren und dabei durch geeignete Lagerung Verluste, etwa durch Schädlinge, zu vermeiden. Weiterverarbeitung bringt zusätzliche Einnahmen.

Armbruster: „Es gibt überall Anknüpfungspunkte für die Genossenschaftsidee, schließlich haben sich die Menschen in allen Kulturen zusammengeschlossen, um Aufgaben gemeinsam anzugehen.“

Das gilt sogar für das Finanzwesen. „In Westafrika gab es schon vor der Kolonialzeit lokale Sparvereine der Frauen, die bis heute bestehen“, berichtet der Experte. „Darauf lassen sich Genossenschaften für Mikrokredite aufbauen. Wir bringen dafür nur wenig Kapital mit, schulen aber die Entscheidungsträger gründlich und sorgen für unabhängige Kontrollen, damit es nicht zu Unregelmäßigkeiten und Ausfällen kommt.“

Sein Paradebeispiel: In Ecuador haben die deutschen Genossenschaften vor gut 20 Jahren die dortigen Genossenschaftsbanken beraten, die nun fast zwei Milliarden Euro Spareinlagen verwalten und mit Darlehen den Bauern und Kleinunternehmern den Ausbau der Betriebe ermöglichen.

Industriestaaten ruinieren afrikanische Kleinbauern

Allerdings können die Kleinbauern und die Verarbeitungsbetriebe des Südens auch bei bester Beratung nicht bestehen, wenn die Industriestaaten mit hoch subventionierten Lebensmittelexporten gegen sie antreten. Die Öffnung der Märkte in den nicht industrialisierten Ländern kann deren Entwicklung nachhaltig stören, kritisiert derWeltagrarbericht die von den USA und der EU abgeschlossenen Handelsverträge. Die machen ihnen den Weg frei, Überschüsse ihrer hoch subventionierten Agrarbetriebe billiger in Entwicklungsländer zu exportieren, als sie die dortigen Bauern anbieten können: Hühnerbeine für Kamerun, Tomatenmark für Ghana, Milchpulver für Uganda sind Beispiele europäischer Billigexporte aus den vergangenen Jahren. In den Empfängerländern der Schnäppchenware brachen die entsprechenden Sparten zusammen – und als die Billigimporte ausblieben, fehlte das Angebot aus dem eigenen Land.

Die EU gelobt, ihre Exportsubventionen herunterzufahren. Besser wäre es, sie vermeidet Überproduktion: Dann müsste sie weniger Futtermittel aus der Dritten Welt importieren und dort bliebe mehr Anbaufläche für den Kampf gegen den Hunger frei. Wenn die dortigen Kleinbauern fair beraten würden und die Chancen der nachhaltigen Landwirtschaft konsequent nutzten, würden alle Menschen satt. Und wenn dann noch die Wüstenbildung gestoppt und die Äcker wieder fruchtbar gemacht würden, die durch die industrielle Landwirtschaft geschädigt sind, ließen sich zusätzliche Nahrungsmittel erzeugen.

Ein weiterer Schritt: Die Ernte effi- zienter verwerten. Derzeit landet auf dem Weg vom Acker zum Verbraucher 30 Prozent der Nahrung auf dem Müll. Und die Verbraucher in den reichen Staaten werfen noch einmal 14 Prozent der Lebensmittel weg, die sie eingekauft haben. In Deutschland kommen so pro Kopf jährlich 95 Kilogramm Nahrung in die Tonne, schätzt das Bundesumweltamt. Die Hälfte davon wäre noch genießbar. Dabei essen die Bundesbürger im Schnitt ohnehin mehr, als gesund ist.

Würden nur alle der genannten Maßnahmen umgesetzt, müsste niemand hungern und noch einige Milliarden Menschen mehr könnten ernährt werden. Allerdings gibt es dafür eine Bedingung: Der Klimawandel muss begrenzt werden, damit die Pflanzen weiterhin so ertragreich wachsen wie derzeit. Sonst werden kaum noch alle satt, selbst wenn wir unsere Essgewohnheiten radikal ändern und die Nahrung fabrikmäßig züchten.

Ein Drittel der Nahrungsmittel landen im Müll

Foto: sxc/brokenarts

„Eigentlich wird bereits heute genug geerntet, um alle Menschen gesund zu ernähren“, versichert Benedikt Härlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft in Berlin: „Die Wohlhabenden dieser Erde müssten ihren Konsum kaum einschränken, nur die Verteilung müsste vernünftiger organisiert werden.“ Im globalen Durchschnitt landen 30 Prozent der essbaren Ernte auf dem Müll, noch bevor die Ware zum Verbraucher kommt (siehe Tabelle). In der Dritten Welt vergammelt ein Gutteil oder wird von Schädlingen gefressen, weil es an geeigneten Lagerräumen fehlt. In der Ersten Welt kommt ähnlich viel in die Abfalltonnen – manches bei der industriellen Verarbeitung, danach wegen des Überangebots in den Supermärkten. Von dem, was die Konsumenten in den USA einkaufen, werfen sie wiederum 14 Prozent weg, ermittelte Timothy Jones von der Universität in Tucson, Arizona. In Westeuropa wird es kaum weniger sein. Hinzu kommt, was die Gastronomie vernichtet.


Quelle: FAO Grafik: ÖKO-TEST

Quelle: Lundquist/FAO 2008