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„Noach muss Armenisch gesprochen haben!“


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Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 22.07.2022
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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 3/2022

So nah und doch lange unerreichbar: Der Ararat (5137 m) ist von der Hauptstadt Jerevan aus gut zu sehen und immer präsent. Seit 1920 befindet sich der heilige Berg der Armenier im Staatsgebiet der Türkei und die Grenze war jahrzehntelang fest verschlossen. Westarmenische Gebiete, in denen der der Ararat zuvor lag, wurden nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs und im Zuge der Gründung der Sowjetrepubliken von Moskau an die Türkei abgetreten. Seit 1993 hält die Türkei die zwei bestehenden Grenzübergänge von Armenien geschlossen. Die Hauptgründe waren: der ungelöste Berg-Karabach-Konflikt sowie die Forderung nach der internationalen Anerkennung des Genozids. Bilaterale Gespräche werden heute mit der Unterstützung äußerer Vermittler langsam im Gang gesetzt.

Welt und Umwelt der Bibel: Ich sehe bei Ihnen im Hintergrund ein Bild mit dem Ararat (s. S. 53). Sie leben in Jerevan: Können Sie den ...

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... Ararat von der Stadt aus sehen?

Dr. Harutyun Harutyunyan: Ja, wenn ich aus dem Haus gehe, zu meinen Eltern, einige Minuten, kann ich auf dem Weg den Ararat sehen – und vom Balkon aus auch.

Welche Gefühle sind mit dem Blick verbunden?

Sehr gemischte! Ihn zu sehen, gibt Stärke und Freude, aber es fühlt sich auch nostalgisch an. Als Kind habe ich mich oft gefragt, warum man nicht zum Berg gehen kann. Damals, zur Zeit der Sowjetunion, war es unmöglich. Jetzt ist es zwar möglich, aber soll man wirklich in die Türkei reisen? Manche tun das – und ich möchte eines Tages auch dorthin –, meine Gefühle sind gespalten. Meine Großeltern stammen aus Westarmenien und kamen als Geflüchtete nach Ostarmenien. Aber wir lieben alle den Ararat! Jede Familie in der Diaspora hat ein solches Bild in der Wohnung hängen.

Welche tiefere Bedeutung hat der Ararat für das armenische Christentum?

Die religiöse Bedeutung geht in vorchristliche Zeit zurück. Der Berg war Sitz von Gottheiten und man sagte, sie schützten das fruchtbare Tal, in dem bis heute Weintrauben und Korn wachsen. Kein Mensch sei je hinaufgestiegen! Dann kam mit dem Christentum die Legende von Noachs Arche, die dort aufgesetzt sei. Ein Name für die vom Osten benachbarte Region zum Ararat ist Nachitschewan, das bedeutet auf armenisch „der erste Ort, an dem man ausgestiegen ist“. Eine Bezeichnung für die nördliche Seite ist Jerewan, „der Ort, den man sehen kann“. Daher scherzen die Leute hier oft: „Noach muss also Armenisch gesprochen haben!“ Bei Hochzeiten oder Taufen kauft man Tauben, um sie nach dem Gottesdienst freizulassen – ein Symbol, das an Noach erinnert, als er das Land sah und sich dort niederließ. Diese Tauben sind allerdings trainiert und sie fliegen zum Besitzer zurück, um erneut verkauft zu werden (lacht). Viele Menschen sagen vom Ararat, er sei ein heiliger Berg, unser „Vaterberg“, Masis, so ein armeni- scher Name. Der Ararat ist auch im Nationalwappen und auf den Trikots der Fußballnationalmannschaft abgebildet. Ein armenischer Witz lautet so: Die Türkei habe an Chruschtschow geschrieben, dass der Ararat zur Türkei gehöre und daher aus dem armenischen Wappen verschwinden müsse. Chruschtschow soll geantwortet haben, das sei in Ordnung, aber erst wenn die Türkei den Mond aus ihrer Flagge gestrichen habe.

Gibt es heilige Orte in Armenien, die Ihnen besonders wichtig sind?

Einige Klöster, vor allem in den Bergen, besuche ich sehr gerne. Zum Beispiel das Kloster Geghard, ein Höhlenkloster, in dem der Legende nach die Heilige Lanze aufbewahrt wurde. Dann der Berg Aragats: Hier steht neben der mittelalterlichen Festung Amberd eine verlassene Kirche. Gerade in den verlassenen Kirchen des Landes spüre ich die Präsenz des Heiligen Geistes sehr stark.

Kirche und Staat sind in Armenien seit frühester Zeit eng verbunden. Ist es untrennbar, armenischer Christ und armenischer Staatsbürger zu sein?

Es gab in der Geschichte Armeniens viele Kriege und Eroberungen, immer wieder wurden armenische Kinder verschleppt, teilweise bereits als Säuglinge weiterverkauft, versklavt oder zu Söldnern der Fremdmacht gemacht. Daher war es sehr wichtig, die Kinder schon früh zu taufen, spätestens zwischen dem achten und dem 40. Tag nach der Geburt. Wir vollziehen auch direkt nach der Taufe die Firmung mit dem heiligen Myron, dem Salböl. Das heilige Myron selbst hat ebenfalls eine hohe symbolische Bedeutung. Es wird 40 Tage lang aus Olivenöl, Balsamblüten und 40 anderen Blumen hergestellt. Dabei werden von den Mönchen ununterbrochen Psalmen gesungen. Einmal in sieben Jahren wird das Öl in Etschmiadzin geweiht, dem heiligsten Ort der Armenisch-Apostolischen Kirche. Dabei benutzt man Kreuzesreliquien, die Heilige Lanze, die nach Etschmiadzin gebracht wurde, sowie Reliquien des heiligen Gregor des Erleuchters, des ersten Patriarchen. Das neue Myron wird immer mit einem Rest des Alten vermischt. Das heißt, wir taufen uns seit 1700 Jahren mit demselben Salböl, immer ist etwas von dem ältesten anwesend.

Nach der Taufe sagen die meisten Familien: Du bist jetzt ein Armenier geworden; sie sagen nicht: Du bist jetzt ein Christ. Taufe und Firmung mit dem Myron hat die Kinder zu Armeniern gemacht. Während der Verschleppungen war das wichtig – die Kinder lebten als christliche Armenier in der Fremde weiter. Ähnlich wie Israel, hatten wir jahrhundertelang keine eigenstaatliche Verwaltung. Das Königreich war untergegangen. Es war die Kirche, die spirituelle und administrative Hoheit besaß, die mit den Eroberern verhandelte und für Jurisdiktion und Steuereinziehung sorgte. So wuchs der Kirche eine sehr starke soziopolitische Rolle zu. Daher gehören diese Dinge zusammen: Man muss nicht nur die Katechese lernen, sondern auch alle anderen Traditionen, man muss anständig sein und sein Land lieben und dafür kämpfen, wenn es nötig ist ... Der Begriff national klingt für viele Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg negativ. Und ja, Nationalismus kann zu Radikalismus führen. Aber in der armenischen Geschichte war die Kirche die Institution, die das nationale Bewusstsein, kulturelle Identität und den christlichen Glauben bewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben hat.

Ich bin auf ein Zitat des armenischamerikanischen Schriftstellers William Sarojan aus dem Jahr 1936 gestoßen: „Nur zu, zerstört Armenien. Schaut, ob ihr es schafft. Schickt sie aus ihren Häusern in die Wüste. Lasst sie weder Brot noch Wasser haben. Brennt ihre Häuser und ihre Kirchen nieder. Seht, ob sie nicht wieder leben werden.

Seht, ob sie nicht wieder lachen werden, wenn sich zwei von ihnen nach zwanzig Jahren in einer Wirtschaft treffen und lachen und in ihrer Sprache sprechen. Nur zu, versucht, sie zu zerstören.“

Ist das Bild des leidenden Volks mit einer tragischen Geschichte, das aber dennoch widerstandsfähig ist und immer wieder aufsteht, ein Klischee oder trifft es die Wirklichkeit?

Das Zitat ist ziemlich bekannt, ich habe es auch bereits einige Male bei Konferenzen eingesetzt, weil es die Aufarbeitung des Genozids auf der Ebene der Literatur zeigt. Sarojan kam in seinem Leben spät nach Armenien, aber er gibt wie ein Spiegel wieder, was die Menschen gespürt haben. Das Zitat geht noch weiter, am Ende gerät er ins Schimpfen. Einerseits zeigt das die Ohnmacht, aber andererseits auch, dass wir Zähne haben und beißen und auch schimpfen können. Wir werden überleben! Das hat vielen Menschen Mut gegeben. Seit 1965, dem 50. Jahrestag des Genozids, begannen viele Menschen in Sowjet-Armenien aktiv zu werden. In der Diaspora waren neue Gemeinden gegründet worden, manche kamen auch zurück nach Armenien, und das hat den Anstoß gegeben, verstärkt für unsere Identität und die Anerkennung der historischen Gerechtigkeit zu kämpfen. Der Bruder meines Großvaters hat damals in einer Gruppe von etwa 20 Menschen mitprotestiert, die ein Mahnmal des Genozids aufbauen wollten. Sie alle wurden wegen Nationalismus verklagt und zu 10 Jahren in Sibirien verurteilt. Doch schon 1975 hatten sich die Rahmenbedingungen verändert. Nach den Studentenaufständen, nach der Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation herrschte in Moskau das Gefühl, man müsse etwas Druck aus dem Kessel lassen. So wurde beschlossen, ein Museum und das Genozid-Denkmal in Jerewan zu bauen – und es entstand die ungeschriebene Erlaubnis, dass jeder am 24. April seinen Arbeitsplatz für das Genozid-Gedenken verlassen darf.

Vor welchen Herausforderungen steht die armenische Kirche? In der römisch-katholischen Kirche werden viele Fragen rund um Reformen und Öffnung der Kirche diskutiert, Frauenpriestertum, LGBTQI ... Ist das vergleichbar?

Der Paradigmenwechsel, von dem Sie in der westlichen Kirche berichten, ist in der orthodoxen Welt noch nicht aktuell. Bei uns dominierten lange Fragen, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbunden waren. Plötzlich war alles frei und so kamen andere religiöse Organisationen und Gruppierungen. In den postsowjetischen Ländern hatten die orthodoxen Kirchen von einem Tag auf den anderen ihr Monopol verloren. Die neuen Staaten schrieben in ihre Verfassungen, säkular zu sein und keine nationale Kirche mehr zu haben. So steht es auch in der armenischen Verfassung. Evangelisch-freikirchliche Christen kamen, Krishna-Gruppen, Zeugen Jehovas. Niemand war vorbe- reitet darauf. Ja, die Kirche begann, alle als Sekten zu beschimpfen, und wer dort mitmache, sei kein Armenier! Die armenische Kirche muss heute versuchen, ihre Rolle neu zu finden und etwas anzubieten, denn diese neuen religiösen Organisationen reden in modernem Armenisch, machen einfache, eingängige Musik, predigen über die Bibel und heilige Texte und manchmal haben sie auch eine Person, die als Guru auftritt, Hände auflegt und Heilungen vollzieht. Das ist spannend für viele. Die neuen religiösen Gruppen wirken zudem sozial und unterstützen arme Menschen, was viele anzieht, denn Armenien ist ein armes Land. Die Armenisch-Apostolische Kirche steht hier im Land vor der Herausforderung, wie sie sich in dieser postmodernen, multikulturellen und interreligiösen Welt platziert.

„Die armenische Kirche muss versuchen, ihre Rolle neu zu finden“

Im Mai 2018 hatten wir eine kleine Revolution in Armenien, die „samtene Revolution“. Zuvor war die Regierung stark durch Oligarchen, Korruption und nichtdemokratische Strukturen geprägt. Die Kirche hatte in diesem System eine Art Ehrenplatz. Nach der friedlichen Revolution ist es für die Kirche noch komplizierter geworden: Die neue Regierung betont, ein säkularer Staat zu sein, der keine Staatskirche mehr will und eine offene Gesellschaft anstrebt. Auch in den öffentlichen Schulen wird der Religionsunterricht aus kirchlicher Sicht nicht mehr vorgeschrieben. Das war ein harter Schritt für die Kirche.

Sind Priester in der armenischen Kirche eigentlich verheiratet?

Es gibt beides. Diejenigen, die heiraten, müssen das spätestens während des Diakonats entscheiden. Als verheiratete Priester können sie nur Gemeindepfarrer werden. Wer zölibatär lebt, dann noch promoviert und eine theologische Arbeit schreibt, kann nach der Verteidigung seiner Arbeit den Titel des Archimandriten erhalten. Die Bischöfe werden aus der Gruppe der Archimandriten ausgewählt und der Katholikos, unser oberster Patriarch, wird aus der Gruppe der Bischöfe bei der Vollversammlung der Synode sowie der Laien-Delegierten aus dem Volk ausgesucht.

Dr. Harutyun Harutyunyan ist seit 2020 Dozent für Religionswissenschaften an der American University of Armenia, seit 2022 Mitarbeiter im Forschungszentrum für Interkulturelle Religionswissenschaft der Yerevan State University. Sein erstes theologisches Examen legte er an der theologischen Akademie von Etschmiadzin ab. Er hat an der Universität Münster promoviert und war dort von 2008–2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Bilder von den Anderen. Analysen zur Rhetorik der Gewalt in der Spätantike“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Er hat u. a. zur Rolle der Religion im Krieg publiziert. Als Projektleiter unterstützt er soziale und kulturelle Aktivitäten der Diözese Vayots Dzor. Derzeit organisiert er u. a. Integrations- und Motivationstrainings für ukrainische, russische und weißrussische Migrant/innen, darunter viele junge Menschen mit armenischen Wurzeln, die in der Ukraine oder Russland aufgewachsen sind. Bei unserem Gespräch: Ararat-Bild im Hintergrund. Rechts: Kloster Gandzasar, Berg-Karabach.

Im armenischen Gottesdienst singt der Klerus viel, während das Kirchenvolk kaum beteiligt zu sein scheint. Bei uns versuchen wir im Gottesdienst, möglichst viele Gemeindemitglieder aktiv einzubeziehen. Wie ist das aus armenischer Sicht?

Die liturgische Sprache im Gottesdienst ist Altarmenisch, das versteht die Mehrheit aber nicht mehr, vergleichbar mit dem Kirchenlatein. Daher glaube ich, dass das Erleben der Liturgie für viele Gläubigen schwieriger wird. Während der Zeit der Sowjetunion, Armenien war von 1922 bis 1991 Sowjetrepublik, sind viele Menschen auf Distanz zur Kirche gegangen. Als guter Kommunist sollte man der Kirche nicht zu nahekommen! Alles Kirchliche war zu 95 % verboten.

Nur 13 Gemeindekirchen blieben geöffnet. Vor der Revolution existierten hier 5000 Gemeinden. Viele Kirchen wurden in Lagerräume, Clubs oder Kinos umgewandelt. Das Volk war also sowieso auf eine pragmatische Weise nur wenig an der Liturgie beteiligt, die der Klerus vollzog, man ging kurz hinein, zündete in zwei Minuten eine Kerze an und ging wieder hinaus. Bei vielen Menschen ist dieses Gefühl geblieben, dass das ausreicht und genug ist.

Berg-Karabach, armenisch Arzach, ist ein überwiegend armenisch besiedeltes Gebiet. In sowjetischer Zeit wurden alle über 140 historischen Kirchen und Klöster sowie die Diözese von Arzach geschlossen. In zwei kriegerischen Konflikten 1991–1994 und 2020 ging es um die Rechte der in Arzach lebenden Armenier, aber auch um den territorialen Anschluss an die Republik Armenien.

Harutyun Harutyunyan sagt dazu, dass die Armenier ähnlich wie Ost- und Westdeutschland vereinigt zusammenleben wollen. „Gorbatschow hat die Ehrenbürgerwürde des vereinigten Deutschlands bekommen. Die Armenier, die zusammenleben wollten, hat Gorbatschow als extremistisch und nationalistisch dargestellt. Für uns ist es aber ein Ausdruck desselben Wunsches: Wir wollen zusammengehören, eine Vereinigung herbeiführen – ohne Waffen.Aber man hat das nicht zugelassen.“

Wichtige Daten der neueren Geschichte

• Völkermord an den Armeniern unter den Jungtürken im Osmanischen Reich 1915–1923

• Erste unabhängige Demokratische Republik Armenien 1918–1920

• Teil der Transkaukasischen Sowjetrepublik Armenien/Georgien/ Aserbaidschan 1922–1936

• Armenische Sozialistische Sowjetrepublik 1936–1991

• Schweres Erdbeben und Zerstörungen 7. Dezember 1988

• Unabhängige Republik Armenien seit 1991 bis heute

• Erster Berg-Karabach/Arzach-Krieg 1991–1994

• Samtene Revolution für mehr Demokratie April–Mai 2018

• Zweiter Berg-Karabach/Arzach-Krieg September–November 2020

Wie ordnet sich die armenische Kirche in das Gesamt der Kirchen ein? Welche Beziehungen sind freundschaftlicher und enger und welche vielleicht etwas loser?

Sehr gut verbunden sind wir mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen, der aramäischen, koptischen, äthiopischen, indisch-malankarischen und mittlerweile auch eritreischen Kirche. Wir haben Kommunion miteinander, sie sind unsere vorchalzedonensischen Schwesterkirchen. An zweiter Stelle sind wir verbunden mit den byzantinisch-orthodoxen Kirchen, z. B. der griechischen, russischen, georgischen, und serbischen Kirche. Danach kommen die katholischen und viele traditionelle evangelische Kirchen, die ebenfalls die im Weltkirchenrat sind. Diese Offenheit existiert bereits seit den 1960er-Jahren, als die Armenisch-Apostolische Kirche Mitglied im Weltrat der Kirchen wurde. Während des Eisernen Vorhangs hatte man über die Ökumene wenigstens noch Zugang zu anderen Christen weltweit, was hilfreich war, um Bibeln drucken zu können. Die westlichen Schwesterkirchen sind der Bitte gefolgt, das zu übernehmen und zu finanzieren. Es waren evangelische Christen, die uns armenische Bibeln geschenkt haben. Außerdem hatten die meisten armenischen Gemeinden keine eigenen Gotteshäuser in der Diaspora und feierten daher ihre Liturgie in verschiedenen katholischen und evangelischen Kirchengebäuden. Nach dem Erdbeben, während des ersten Arzach-Kriegs um das autonome Gebiet Berg-Karabach und im wirtschaftlichen Niedergang, als die Geschäfte leer waren, gab es eine Zeit der ökumenischen Offenheit, der Unterstützung und Sendung von Hilfsgütern.

Die ökumenischen Beziehungen waren eine wirklich wichtige Hilfe. Heute gibt es auf einer hohen Ebene theologische Diskussionen und Kommunikation zwischen den Bischöfen, den Leitenden im Weltkirchenrat oder im Europäischen Kirchenrat und sie sind im Land herzlich willkommen. Aber ich bemerke auf anderer Ebene eine Stagnation, weil die Armenisch-Apostolische Kirche in Sorge um ihr geistiges Eigentum und ihre Vorrangstellung ist. Konservative Kreise möchten nicht wirklich akzeptieren, dass hier andere Christen sind, die auch Armenier sind. Es gibt Geistliche auf niedrigeren Ebenen, etwa Gemeindepfarrer ohne ausgeprägte theologische Ausbildung oder Auslandserfahrung, die schon einmal die Meinung äußern, dass nur echter Armenier ist, wer in der armenischen Kirche getauft ist und die Liturgie bei ihnen feiert, d. h. alles andere sei Häresie – und Europa und Integration seien vom Teufel.

Armenien steht seit Jahrhunderten zwischen Großreichen und wurde immer wieder zerrissen. Ist das für Armenien bis heute Realität – zwischen Großmächten zu stehen und seinen Weg finden zu müssen?

Leider ja. Wir haben noch 10 % des einstigen historischen armenischen Gebiets. Lenin und Stalin haben Gebiete an die Türkei, Georgien und Aserbaidschan verschenkt. Mit der Unabhängigkeit 1991 keimte die Hoffnung, dass wir jetzt für uns sorgen und etwas aufbauen könnten. Aber dann kam sofort der erste Arzach-Krieg. 1988 hatten wir zudem ein verheerendes Erdbeben mit über 30.000 Toten. Die Wirtschaft brach zusammen und wir mussten eine Überlebensstrategie finden. Am sinnvollsten erschien Russland als Schutzmacht und so entstand eine große Abhängigkeit. Auch nach dem zweiten Arzach-Krieg 2020 hat Russland hier das Sagen und gegen den Schutzpatron äußert man sich sehr vorsichtig. Ich würde mir wünschen, dass die Europäische Union zwischen Georgien, Aserbaidschan und Armenien konstruktiv vermitteln könnte. Wir könnten eines Tages vielleicht auch eine kleine Union hier im Südkaukasus aufbauen. Wenn bei unserem diktatorischen Nachbarn, Aserbaidschan, und der mit ihm verbündeten Türkei Menschenrechtsverletzungen aufhören würden, dann könnte regional hier wirklich etwas vorangehen. Momentan ist es schwierig. Georgien hat sich etwas befreit. Der Iran ist unser wirtschaftlicher Partner – seine politische Haltung ist für uns aber gelegentlich schwer zu durchschauen. Viele Menschen in Armenien sind nach dem zweiten Arzach-Krieg demotiviert und retraumatisiert in der Erinnerung an den Völkermord. Sie denken über Auswanderung nach, weil die Bedingungen undurchschaubar schwierig erscheinen und die Gefahr des neuen Krieges omnipräsent ist. Ich finde das traurig. Wir müssen eventuell abwarten, aber gleichzeitig solidarisch untereinander sein, beten und den Schutz Gottes für uns wünschen, weil Armenien weder militärisch noch politisch noch wirtschaftlich eine ausreichende Stärke hat, um sich allein durchzusetzen.

Was ist für Sie der Kern der armenischen Spiritualität? Oder anders gefragt: Welchen Reichtum kann das armenische Christentum weitergeben?

Das ist eine sehr schwierige Frage! Ich habe das mit armenischen Theologen und auch Bischöfen diskutiert und niemand hat eine endgültige Antwort darauf. Die armenische Kirche und armenische Spiritualität waren besonders durch den Genozid schwer bedroht und die armenische Kultur fast zerstört. Daher hat mir ein Diözesanbischof aus der Diaspora einmal gesagt, dass wir über eine „postgenozidale Theologie“ nachdenken müssen. Alles war zerstört, alle theologischen Schulen, auch das Priesterseminar von Etschmiadzin wurde 1918 geschlossen, weil alle Seminaristen als Freiwillige an die Front gegangen sind. Dann kam die Zeit der Sowjetunion – viele spirituelle Traditionen wurden verboten und sind verloren gegangen. Was geblieben ist – Kirchen, Architektur, Gesang, liturgische Gewänder – sind oft Äußerlichkeiten. Ein Großteil der Predigten handelt daher heute von der Erinnerung an armenische Kultur, von der Vernichtung, der Wiederauferstehung, und der geringere Teil vertieft über Glauben, das Spirituelle und die Mystik.

Was wir die Welt lehren oder was wir zeigen können, das ist wahrscheinlich die Bewahrung. Nicht aufgeben. In Arzach bleibt die Situation immer noch gefährlich, aber die Menschen möchten dort bleiben, wo ihre Eltern geboren, getauft und beerdigt wurden. Das sind für mich sehr spirituelle Aspekte. Getötete Soldaten, getötete Zivilisten – im Genozid oder auch in unseren kriegerischen Auseinandersetzungen – sie sind für mich bereits Gerettete, ihre Seelen sind frei im ewigen Licht. Durch diesen Schmerz kann man verstehen, dass egal, was passiert, die Seele nie verloren geht, sondern ankommen wird bei Gott und zum Ursprung geht. Ein zweiter Aspekt armenischer Spiritualität ist: Egal, wie klein oder schwach du bist – wenn du in einer alten Kathedrale oder im verlassenen Kloster ein Gebet sprechen kannst, dann gibt es diesem Ort Leben und diese kleine Welle des Lebens geht weiter. Ein Zeichen der Liebe Gottes, die nie aufhört.

Das Gespräch führte Helga Kaiser.