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Öko-Baustoffe: Natürlich kein Freifahrtschein


ÖKO-TEST Ratgeber Bauen und Wohnen - epaper ⋅ Ausgabe 6/2010 vom 10.06.2010

Bauprodukte aus natürlichen Rohstoffen können vieles genauso gut und manches besser als Produkte, die aus nicht nachwachsenden oder mineralischen Rohstoffen hergestellt werden. Doch „öko“ ist nicht automatisch gesund. Und bei manchen Anwendungsfällen müssen sie sogar ganz passen.


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Viele Baustoffe, die heute als besonders umweltfreundlich und „öko“ vermarktet werden, haben schon unsere Vorfahren verwendet, Holz zum Beispiel. Aber auch viele mineralische Produkte, vom Ziegel über Beton bis hin zu Kalkfarben oder Steine und Putze aus Lehm sind seit Jahrhunderten oder ...

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Viele Baustoffe, die heute als besonders umweltfreundlich und „öko“ vermarktet werden, haben schon unsere Vorfahren verwendet, Holz zum Beispiel. Aber auch viele mineralische Produkte, vom Ziegel über Beton bis hin zu Kalkfarben oder Steine und Putze aus Lehm sind seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Einsatz. Doch vom handgemachten, vor Ort produzierten Material sind heutige Natur-Baustoffe oft Lichtjahre entfernt. Dafür sorgen moderne Anforderungen, zum Beispiel an die Dauerhaftigkeit, die Stabilität oder den Wärmeschutz.

Veränderungen gab es auch durch den flächendeckenden Einsatz von Maschinen bei der Herstellung und der Verarbeitung oder bei der notwendigen Lagerfähigkeit. Naturbaustoffe müssen sich heute mit und an der Konkurrenz messen lassen und sich sowohl technisch als auch wirtschaftlich behaupten. Da ist für romantische Verklärungen vermeintlich besserer Zeiten kein Platz, schon gar nicht im hart umkämpften Baustoffmarkt. Dafür sorgen nicht zuletzt die kritischen Prüfer des Deutschen Instituts für Bautechnik (DiBt) in Berlin. Die Behörde wacht im Auftrag von Bund und Ländern mit der Unterstützung von Hunderten von Sachverständigen über die Einhaltung zahlreicher Normen und Anforderungen, die jedes in Deutschland beziehungsweise in Europa verkaufte Bauprodukt erfüllen muss.

Doch trotz aller behördlicher Überwachung ist nicht alles gut und vor allem nicht alles gesund, was auf dem Markt ist, das zeigen die Baustoff-Tests von ÖKO-TEST immer wieder. Im Labor wird deutlich, dass auch Stoffe, die in der Natur vorkommen, nicht von vornherein für den Menschen gesund oder verträglich sind. Oder dass die Hersteller technische Nachteile natürlicher Rohstoffe mit Rezepturen ausgleichen, die zumindest kritikwür dig sind. Auch bei den „Ökos“ am und im Haus hilft also nur genaues Hinschauen und die Verwendung an solchen Einsatzorten, die den Fähigkeiten der Produkte entsprechen. Ein Blick in die Produktbeschreibung, auf die hoffentlich vollstän dige Liste der Inhaltsstoffe und die Verarbeitungsrichtlinien empfiehlt sich also in jedem Fall – ganz gleich ob „Öko“- oder „Normal“-Baustoff. Hier eine Auswahl der Problembereiche, die Bauherren und Heimwerker im Blick haben sollten.

Konstruktionsmaterial Holz

Mit seiner sehr guten Energie- und CO2-Bilanz, hervorragenden konstruktiven Eigenschaften und seiner guten Bearbeitbarkeit ist Holz der erneuerbare Baustoff Nummer eins. Mit relativ guten Dämmwerten und seiner Vielfalt eignet es sich für zahlreiche Anwendungen vom Fußbodenbelag bis zum Wandbaustoff. Doch Holz ist nicht gleich Holz. Festigkeit und Dauerhaftigkeit sind nur zwei Merkmale, die es zu beachten gilt. Vor allem Feuchtigkeit mag Holz auf Dauer gar nicht. Deshalb muss es durch die richtige Konstruktion geschützt werden. Aus Gesundheitsgründen verbietet sich ein chemischer Holzschutz, der im Innenraum auch völlig unnötig ist. Zudem ist nicht jedes Holz für jede Anwendung geeignet. Douglasie und Lärche eignen sich für den harten Außeneinsatz besser als Buche oder Ahorn, die im Innenraum ihre Vorteile ausspielen.

Schleifen, bohren, sägen

Auch bei der Bearbeitung sollte man sich nicht zu sicher fühlen: Der Staub, der beim Schleifen, Bohren, Fräsen oder Sägen von Eichen- oder Buchenholz entsteht, ist nach den Technischen Regeln für Gefahrstoffe als krebserzeugend eingestuft. Andere Holzstäube gelten als Stoffe, die „aufgrund unzureichender Information Anlass zur Besorgnis geben“ und die möglicherweise eine krebserzeugende Wirkung haben.

Raumluftbelastung

Unter Experten heftig diskutiert wird zurzeit die mögliche Gesundheitsbelastung, die durch flüchtige organische Stoffe (VOC) aus dem Holz selbst entstehen kann. Hintergrund sind unter anderem Empfehlungen der Innenraumlufthygiene-Kommission (IRK) beim Umweltbundesamt, die bereits ab einem Gehalt von mehr als 1.000 Mikrogramm je Kubikmeter Raumluft zeitweilige Nutzungseinschränkungen und Gegen maß nahmen vorsehen. Sind in einem Raum in Relation zum Volumen sehr viel Holz oder Holzwerkstoffe verbaut, können die empfohlenen Werte bereits erreicht werden. Kommen dann noch Emissionen aus Klebern, Lacken, Wachsen oder anderen Baustoffen hinzu, kann der Aufenthalt in einem solche Raum für empfindliche Menschen zur Belastung werden.

Viel Holz auf engem Raum kann durch flüchtige organische Stoffe aus dem Holz selbst zu erhöhten Konzentrationen in der Innenraumluft führen.


Foto: Michael Flippo

Fotos: ÖKO-TEST Archiv (10)

Gereizte Schleimhäute, Kopfschmerzen und Unwohlsein sind dann nur einige der Symptome. In die Kritik geraten sind vor allem Terpen-Emissionen aus Kiefernholz. Das Problem: Generelle Aussagen, welches Holz wie viel VOC abgibt, sind nicht möglich, die Werte unterscheiden sich teilweise von Baum zu Baum. Was für gesunde Menschen angenehm nach Holz riecht, kann für empfindliche Personen oder Allergiker also ein Problem sein, das Holz selbst ist aber nicht gesundheitsschädlich. Im Gegenzug wurden zum Beispiel beim Holz der in den Hochalpen wachsenden Zirbelkiefer eine positive Wirkung auf den menschlichen Organismus (Herz-Kreislauf) festgestellt.

Holzwerkstoffplatten

Holz wird heute immer seltener in seiner ursprünglichen, massiven Form verwendet. Dafür sind seine technischen Eigenschaften für viele Einsatzbereiche nicht gut genug oder der Rohstoff ist schlichtweg zu teuer. Aus Holzstaub oder Holzspänen werden in Verbindung mit Klebern oder Leimen sowie mit mechanischen und chemischen Verfahren eine Vielzahl von Werkstoffen hergestellt, die sich einen festen Platz im Markt erobert haben. Holzweichfaserplatten, Mitteldichte Faserplatten (MDF) oder Span- und Grobspan-Platten (OSB) sind bei Möbeln, im Holzhausbau, als Fußbodendämmung und in vielen weiteren Anwendungsbereichen nicht mehr wegzudenken. In der Diskussion um holzeigene VOC befinden sich vor allem die stabilen und vielfältig einsetzbaren OSB-Platten. Von Experten wie Josef Spritzendorfer, der sich seit Jahrzehnten mit ökologischen Baustoffen befasst und heute die Sentinel-Haus-Stiftung e. V. leitet, wird kritisiert, dass sich die OSB-Hersteller beharrlich weigern, entsprechende Emissionsprüfzeugnisse zu veröffentlichen. So findet sich bei ernst zu nehmenden Prüf zeichen wie dem natureplus-Zeichen, dem Baustoff-Label des Kölner eco-Instituts oder dem Blauen Engel auch keine einzige geprüfte OSB-Platte. Bei Span- oder Faserplatten sieht es im Übrigen nicht viel anders aus.

Klebemittel in Holzplatten

Auch die Verbindung von Holz und Klebern zu Platten und Holzfaserprodukten ist nicht unproblematisch. Seit Jahrzehnten bekannt und nach und nach einigermaßen im Griff sind Emissionen von Formaldehyd, das ebenfalls Schleimhaut reizungen in Augen und Nase, Hustenreiz, Unwohlsein, Kopfschmerzen und Atembeschwerden hervorruft und in hohen Konzentrationen als krebserregend eingestuft ist. Schadensfälle, in denen Gebäude geschlossen werden müssen, kommen heute aber immer noch vor, wobei diese nicht ausschließlich auf Holzwerkstoffe zurückzuführen sein müssen, sondern auch aus anderen Bauprodukten, Klebern, Farben oder Reinigungs mitteln stammen können.

Holzstaub von Eiche und Buche ist krebserregend. Auch andere Holzstäube werden kritisch betrachtet. Gegen Leichtsinn hilft eine Staubmaske.


Foto: Fancy

Ersetzt wurden formaldehydhaltige Kleber durch polyurethanhaltige Bindemittel, sogenannte PMDI-Kleber. Deren Basisstoffe sind unter anderem Isocyanate, die im Pro duk tions prozess hochgiftig sind und deren Gesundheits wirkungen von den Herstellern mit hohem Aufwand von den betroffenen Arbeitern ferngehalten werden. Ob diese Isocyanate nach dem Aushärten noch gesundheitsschädlich sind, darüber wird unter Experten gestritten. Natureplus und auch das Umweltbundesamt sehen nach heutigem Erkenntnisstand keine Probleme. Baustoff-Fachmann Josef Spritzendorfer verweist auf „Informationsbedarf“ mit Blick auf das Verhalten dieser Produkte bei der Bearbeitung, etwa durch die entstehende Hitze beim Schneiden und Trennen und die dabei entstehenden Stäube. Auch gebe es eine aktuelle Fachdiskussion über die Möglichkeit, dass sich bei erhöhter Luftfeuchtigkeit und Temperatur sensibilisierende Amine abspalten. Zudem seien die Reaktionsprodukte der Kleber im Brandfall kritisch zu hinterfragen. Spritzendorfer empfiehlt daher bis zur Vorlage genauerer Untersuchungsergebnisse den prä ven tiven Einsatz alternativer Produkte etwa Holzweich faserplatten, die nach dem Nassverfahren hergestellt wurden, oder den Tausch von OSB-Platten gegen Gipsfaserplatten.

Dämmstoffe

Ob aus Holzfasern, alten Zeitungen (Zellulose), Kork, Hanf oder Flachs: Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen haben sich einen kleinen, aber festen Marktanteil erobert. Vorteile sind ihre gute Fähigkeit Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben, Dämmplatten aus Holzweichfasern bieten darüber hinaus einen überdurchschnittlichen Schutz gegen Sommer hitze. Dämmstoffe aus Zellulose oder Holzfasern zum Einblasen in Dach- oder Wandkonstruktionen sind eine der preiswertesten Möglichkeiten, Dach oder Haus zu dämmen, sollten allerdings wegen lungengängiger Fasern nur von Profis mit entsprechender Schutzausrüstung eingebaut werden. Nach teile haben die Naturdämmstoffe gegenüber den Platzhirschen Mineralfaser oder Hartschaum (Polystyrol, Polyurethan) aber auch. Der erste: Sie dämmen nicht ganz so gut. Ihre Wärmeleitfähigkeit ist immerhin 10 bis 20 Prozent höher als die zurzeit am besten dämmenden Mineralfasern und rund 40 Prozent höher gegenüber Hartschaumplatten, die zum Teil von ÖKO-TEST als ungenügend eingestuft sind, zu hohe Mengen des hochgiftigen Styrols, andere aromatische sowie halogen organische Verbindungen ausgasen. Entsprechend dicker muss deshalb die Dämmschicht ausfallen, denn je höher die Wärmeleitfähigkeit, desto geringer der Wärmeschutz. Will man die gleiche Dämmwirkung erreichen, muss zum Beispiel 24 Zentimeter Holzweichfaser ins Dach gegenüber 20 Zentimeter Mineralfaserdämmung. Das gilt auch für mineralische Dämmstoffe wie Platten aus Kalziumsilikat oder Mineralschaum, die meist als Innendämmung zum Einsatz kommen.

Foto: Sto AG

Brandschutz

Auch beim Brandschutz müssen viele Dämmstoffe aus Naturmaterial bei höheren Anforderungen passen. Sie entsprechen der Brandschutzklasse B2 normalentflammbar (nach DIN) beziehungsweise E (nach europäischer Norm EN). Das reicht für Ein- und Zweifamilienhäuser sicher aus, bei höheren Häusern mit Aufenthaltsräumen ist mindestens die Klasse B1 schwer entflammbar gefragt.

Schimmelbefall und Flammschutzmittel

Der ÖKO-TEST Dachdämmstoffe vom Oktober 2009 brachte bei einigen Naturbaustoffen noch spezielle Kritikpunkte zum Vorschein. Drei Dämmplatten, je eine aus Hanf, Kork und Flachs, waren „stark“ mikrobiell mit Pilzen und Bakterien belastet, die Korkdämmplatte wies in einem Fall zudem „sehr viele“ lebensfähige Schimmelpilze oder -sporen auf. Dringt hier in einem Schadensfall Wasser in das Bauteil ein oder die luftdichte Hülle des Hauses ist defekt, kann es rasch zu einem Schimmelbefall kommen. Nicht zuletzt stehen Verbindungen der Chemikalie Bor (Borax) im begründeten Verdacht, fortpflanzungsgefährdend (reproduktionstoxisch) zu sein. Der Stoff wird bei manchen Natur-Baustoffen als Flammschutzmittel eingesetzt und von ÖKO-TEST im Falle von hohen Konzentrationen abgewertet. Das trifft auch auf das unangenehm riechende und reizende Hexanal sowie halogenorganische Verbindungen zu, die das beauftragte Labor in einzelnen Naturdämmstoffen identifiziert hat.

Feuchteschutz

Schwer tun sich Naturbaustoffe bei dauerhafter Feuchte. So gut sie Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben können und so zu einem ausgeglichenen Raumklima beitragen, so schwierig wird es, wenn die Umgebung dauerhaft nass ist. Wer zum Beispiel seinem Keller von außen eine Wärmedämmung verpassen will, kommt um Polyurethan-Hartschaumplatten kaum herum, und auch als wasserdichte Schutzschicht hinter den Fliesen einer Dusche kommt man an Bauchemie nicht vorbei.

Naturdämmstoffe, etwa Holzweichfaserplatten, können auch als Wärmeverbundsysteme eingesetzt werden.


Foto: Gutex

Farben und Lasuren

Eine generelle Aussage zu Farben aus natürlichen Rohstoffen zu treffen ist angesichts der Vielfalt der Rezepturen und Anbieter kaum möglich. So schnitten im letzten Test Holzlasuren die wasserbasierten Produkte von Naturfarbenanbietern gleich in drei Wertungsstufen von „gut“ bis „ausreichend“ ab. Problematisch ist der Einsatz von Kobalt beziehungsweise Kobaltsalz, das den Trocknungsprozess beschleunigen soll. Es gilt als krebserzeugend. Lasierte oder lackierte Flächen sollte man also nur mit Staubmaske abschleifen, was sich wegen der Holzstäube sowieso empfiehlt.

Parkettbeschichtung

Wie schwer sich manche Hersteller – nicht nur solche von Naturprodukten – immer wieder tun, anspruchsvollere Anfor derungen zu erfüllen, zeigt die Zulassung von Parkettbeschichtungen durch das DiBt. Ursprünglich seit dem 1. März 2010 sollten die Hersteller die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Produkten für die Beschichtung (Versiegelung oder Öle) von Parkett durch eine bauaufsichtliche Zulassung nachweisen. Untersucht werden vor allem die Emissionen von flüchtigen organischen Stoffen (VOC). Durch Interventionen, unter anderem durch die Bundesfachgruppe Estrich und Belag im Zentralverband der Deutschen Bauwirtschaft, wurde diese Verpflichtung bis zum Jahresende 2010 ausgesetzt, vor allem wegen des aufwendigen Prüfprozesses, aber wohl auch, weil zulassungsfähige Produkte fehlen. Es gibt aber zumindest einen Anbieter, dessen Produkte auf Anstrichen aus natürlichen Rohstoffen basieren und der nach eigenen Aussagen für zwei Hartwachsöle die allgemeine bauauf sichtliche Zulassung bereits erhalten hat.

Warnhinweise bei Farben

Nicht ganz eindeutig sind manche Naturfarbenhersteller bei Warnhin weisen hinsichtlich der Auswirkungen einzelner Inhaltsstoffe, wie zum Beispiel dem Konservierungsstoff Isothiazolinon, der Allergien auslösen sowie Augen und Haut reizen kann. Seit Jahren wird dieser nicht nur für Allergiker und empfindliche Menschen wichtige Punkt von ÖKO-TEST kritisiert, zur Zufriedenheit gelöst ist das Problem und die Information noch nicht.

Beim Farbenkauf gilt es, auf die Angaben zur Verarbeitung und möglicher Gesundheitsbeeinträchtigung zu achten.


Foto: MEV

Volldeklaration und Zertifizierung

Auch beim Thema Volldeklaration, also der Angabe aller Inhaltsstoffe, tun sich manche Farben-Anbieter noch schwer, obwohl dies zum Beispiel für Allergiker wichtig ist. So sind unter dem Internetangebot www.positivlisten.info im Bereich Farben und Oberflächen zurzeit nur 27 Produkte von zwei Naturfarbenherstellern zu finden. Und beim Verein na tureplus hat zurzeit kein einziger Hersteller ein Produkt aus dem Bereich Farben, Lacke und Lasuren nach den strengen Richtlinien, die von unabhängigen Fachleuten erstellt werden, zertifiziert. Zur Ehrenrettung der Anbieter ist zu sagen, dass sich auch Branchengrößen mit ihren, häufig auf Erdölbasis hergestellten, Produkten sehr ungern in die Rezeptur schauen lassen.

Farben aus natürlichen Rohstoffen haben teilweise spezielle Anforderungen an den Verwendungszweck und die Trockenzeit. Achten sollte man auf VOC und allergisierende Inhalte.


Foto: irisblende.de

Reizstoffe

Eine Herausforderung für die Branche war es, die ab 2010 verschärften europäischen Werte für flüchtige organische Stoffe (VOC) zu erfüllen. Natürliche Lösemittel sind zwar „ökologisch“, enthalten aber viele der reizenden Stoffe, von denen manche auch stark allergen sind. Wasserlösliche Lacke, ob „öko“ oder nicht, können eine längere Trocknungszeit und Einschränkungen hinsichtlich der Belastbarkeit aufweisen. Generell sollte man vor dem Kauf deshalb die Hersteller angaben für die Verarbeitung und Einsatzmöglich keiten genau lesen und schauen, ob das Produkt zum anstehenden Projekt passt.

Wandfarben und Putze

Mineralische Wandfarben und Kalk- oder Lehmputze sind übrigens vom Thema Reizstoffe in der Regel weniger betroffen. So enthält die natureplus-Produktdatenbank immerhin 15 Silikat far ben sowie 48 Mörtel, Kleber und Putze, die alle Anforde rungen des Gütezeichens erfüllen.

Natürliche Dämmstoffe

Flachs

Für Dämmmatten aus Flachs werden die faserigen Bestandteile der traditionellen Nutzpflanze verfilzt und mit einem Kleber, zum Beispiel aus Kartoffelstärke, zu Dämmmatten mit einer Stärke bis zu 200 Millimetern verbunden. Ein Hersteller verwendet Stützfasern aus Kunststoff, um die Fasern zusammenzuhalten, was die spätere Kompostierbarkeit behindert und die Energiebilanz bei der Herstellung etwas verschlechtert.

Foto: Flachshaus

Zellulose

Die Platten und Flocken aus gemahlenem und zerfa ser tem Altpapier haben unter den Alternativdämmstoffen den größten Marktanteil, nicht zuletzt weil sie relativ preiswert sind. Die Flocken werden von Fachbetrieben in Hohlräume eingeblasen oder aus Säcken geschüttet. Dadurch werden auch schwierige Bauteile im Altbauten gut gedämmt. Reine Zellulose ist prinzipiell brennbar und wird deshalb durch Zugabe von Borsäure geschützt. Dadurch können die Produkte allerdings später nicht kompostiert werden. Alternativ gibt es boratfreie Produkte, die zum Beispiel Ammoniumphosphat und Fungotannin enthalten, hergestellt aus dem Rindenextrakt Tannin. Diese Zusätze sind biologisch abbaubar und ermöglichen die Entsorgung durch Kompostierung.

Foto: Isocell/HLC

Holzspäne

Foto: Baufritz

Hobelspäne aus der Holzproduktion werden mit Zusätzen feuersicher gemacht und gegen Pilze geschützt: Auf dem Markt sind Hobelspäne, die mit einer dünnen Zement schicht ummantelt sind. Sie werden von Fachleuten in vorbereitete Hohlräume in Wand und Decke und Dach eingeblasen. Eine Alternative ist eine Methode, die eine Firma beim Bau von Fertighäusern einsetzt: Hobelspäne aus Tannen- und Fichtenholz werden mit Soda und Frischmolke versetzt und bereits in der Herstellung in die Wandelemente eingefüllt.

Foto: dron/Fotolia.com

Kork

Für Dämmzwecke verwendet man sogenannten Backkork, Korkgranulat, das durch Erhitzen ausgedehnt wurde und als Schüttung oder zu Platten gepresst angeboten wird. Die starren Platten sind für die Außen wanddämmung – auch als Wärmedämmverbundsystem –, als Trittschall- oder Dachdämmung geeignet. Meist werden mehrere Platten übereinander verlegt, um die nötige Dämmstärke zu erreichen.

Hanf

Die jahrtausendealte Kulturpflanze Hanf erlebt bei uns ein Comeback. Als Dämmmaterial in Mattenform werden vom größten Anbieter 85 Prozent Hanffasern mit zirka 15 Prozent Polyester-Stützfasern versetzt, eine Kompostierung ist dadurch nicht möglich. Neu ist ein Produkt mit Stützfasern aus Maisstärke. Als Flammschutzmittel wird Soda oder von einem anderen Anbieter Ammonium phosphat eingebracht.

Foto: Hock

Holzfasern

Holzfasern werden in Form von Platten und Flocken angeboten. Die festen, universell einsetzbaren Platten werden über oder unter den Dachsparren, als Trittschalldämmung oder als Verkleidungsplatte an der Hauswand verwendet, Flocken ähnlich wie Zellulose eingeblasen. Durch die hohe Masse guter sommerlicher Wärmeschutz.

Foto: Alchimea

Wolle

Dämmmatten werden zwischen einer Holzkonstruktion befestigt, zum Beispiel zwischen den Dachsparren oder an der Außenwand. Schafwolle kann durch den Bestandteil Keratin positive Auswirkungen auf die Qualität der Innen raumluft haben. Wichtig ist ein Mottenschutz, der aller dings keine Pyrethroide enthalten sollte.

Foto: Sto AG

Mineralisch gedämmt

Am Markt sind Dämmplatten aus Mineralschaum, Kalziumsilikat oder Perlite. Sie bieten gute Durchlässigkeit und Speicherfähigkeit für Feuchte aus der Wand oder dem Innenraum, haben aber nicht ganz so hohe Dämmwirkung.

Wandbaustoffe

Ziegel

Sie werden aus Ton gebrannt, die wärmedämmenden Poren entstehen durch Sägemehl, Zellulose oder – weniger gut – durch Polystyrolkügelchen. Mit Perlitefüllung gute, rein mineralische Wärmedämmung ohne Zusatzdämmung. Auch mit natureplus- beziehungsweise eco-Institut-Prüfzeichen erhältlich. Hoher Energieeinsatz bei der Herstellung.

Foto: Xella

Kalksandstein

Schwere Steine mit guter Schalldämmung. Schlechte Wärmedämmung, deshalb als Außenwand nur mit zusätzlicher Dämmschicht machbar, relativ geringe Herstellenergie.

Innenausbauplatten

Gipsfaser

Schwere Platten aus Gips und Zellulosefasern zur Innenverkleidung von Wänden und Dachschrägen oder als Es trichele ment. Auch mit Prüfzertifikat des eco-Instituts erhältlich. Ein Anbieter versieht Gipsfaserplatten mit dem Schafwollbestandteil Keratin, der nach Herstellerangaben Schadstoffe aus der Innenraumluft absorbieren soll.

Foto: Xella

Gipskarton

Mit Karton ummantelte Platten aus Gips. Universell einsetzbar, in Sonderform auch in Feuchträumen. Bei Bauschäden Gefahr von Schimmelbildung auf dem organischen Zellulosemantel. Bei Gips stellt sich generell die Frage der Herkunft: Der Abbau in ökologisch wertvollen Gebieten wird kritisiert, besser ist REA-Gips aus der Rauchgasent schwefelung.

Lehmtrockenplatten

Schwere Innenausbauelemente aus Lehm und Schilf, Bauplatte und feuchtigkeitsspeichernder Lehmputz in einem. Verschraubt werden sie auf einer Unterlattung.

OSB-Platten

Universell einsetzbare Platten, die häufig im Holzhausbau zur Anwendung kommen. Sehr stabil, dabei einfach zu bearbeiten. Gesundheitsaspekte siehe Lauftext.

Innenputze

Kalkputz

Wegen der hohen Alkalität (pH-Wert > 12) gut zur Schimmelvermeidung geeignet, Rotkalkputz hat durch seine feinen Poren laut Hersteller positive Auswirkungen auf die Innenraumluft. Auch als Farbe/Streichputz erhältlich.

Lehmputz/Lehmputzfarbe

Lehm hat eine hohe Speicherfähigkeit für Feuchte und Wärme. Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten, Trocknungsprozess muss überwacht werden, sonst besteht Schimmelgefahr.

Farben

Kaseinfarbe

Diffusionsoffener Anstrich für auf mineralische Untergründe oder fest sitzenden Tapeten. Nicht für Feuchträume geeignet! Kasein ist ein Milchprotein. Relativ lange Trocknungszeit.

Silikatfarbe

Lösemittelfreie, diffusionsoffene Dispersionsfarbe für Wände und Decken im Innenbereich. Stark alkalisch, daher schimmelhemmend.

Foto: Beeck

Baustoff-Infos

■ Von unabhängigen Prüfern und Labors auf technische Eignung, Gesundheitsverträglichkeit und ökologische Nachhaltigkeit getestete Baustoffe aus mindestens 85 Prozent nachwachsenden oder mineralischen Rohstoffen zertifiziert der internationale Verein natureplus. Unter www.natureplus.org finden sich Verweise auf die entsprechenden Produkte und auf die mehr als 90 Prüfrichtlinien für einzelne Produktgruppen. Nicht in allen Gruppen sind Produkte getestet, da viele Hersteller die Zertifizierungskosten scheuen.
■ Die Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe (FNR) informiert im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz unter anderem über die Verwendung von Naturmaterialien als Baustoff. Allgemein unter www.natur-baustoffe.info im Internet und persönlich per Telefon unter Tel. 0 38 43 / 69 30-180 kann man sich beraten lassen.
■ Mit der Baustoffdatenbank Baubook www.baubook.at haben das österreichische Institut für Baubiologie und Bau ökolo gie (IBO) und das Energieinstitut Vorarlberg eine gute, öffentlich zugängliche Baustoffdatenbank erarbeitet. Sie enthält detaillierte Angaben zu zahlreichen auch in Deutschland erhältlichen Produkten sowie die Möglichkeit, Beispielkonstruktionen für ganze Bauteile und deren bauphysikalische Werte einzu sehen. Architekten und andere Bauschaffende können nach Anmeldung eigene Bauteile online berechnen.
■ Die gemeinnützige Sentinel-Haus Stiftung e. V. informiert unter anderem Allergiker und Menschen mit multipler Chemikalien-Sensitivität (MCS) im Rahmen einer kostenlosen Erstberatung zum Einsatz von Baustoffen. Kontakt per EMail beratung@sentinel-haus-stiftung.eu oder zu festge legten Telefonzeiten. Infos unter www.sentinel-haus-stiftung.eu.
■ Der Verband Deutscher Baubiologen (VDB) berät mit einer kostenlosen Hotline unter anderem zum Einsatz von Baustoffen und bei Schadstoffbelastungen. Tel. 08 00 / 2 00 10 07, www.baubiologie.net.
■ Die Berufsgenossenschaft BAU (BGBau) hat mit dem Gefahrstoffinformationssystem WINGIS eine Datenbank erstellt, die umfassende Gefahren- und Verhaltens hinweise für Schadstoffe in Bauprodukten für Profis und interessierte Bauherren bereithält, www.wingisonline. de.