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OLIVENÖL: SCHMIERIGE GESCHÄFTE


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 25.04.2019

Nicht überall, wo „extra vergine“ draufsteht, ist gutes Olivenöl drin. Denn: Olivenöl gilt als das meistgefälschte Lebensmittel Europas. Die Geschichte der Fälschungen ist eine Geschichte über organisierte Kriminalität, ein Killerbakterium und den Klimawandel.


Artikelbild für den Artikel "OLIVENÖL: SCHMIERIGE GESCHÄFTE" aus der Ausgabe 5/2019 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 5/2019

Es war so einfach, zu einfach eigentlich. Ein bisschen billiges Salatöl, ein paar getrocknete Spinatblätter, etwas Wasabi-Paste – fertig war das „Olivenöl“. Und etwa jeder zweite Tester hob den Daumen: echtes Olivenöl, klar. Vielleicht nicht extra vergine, aber immerhin. „Das hat mich überhaupt nicht überrascht“, sagt Ibo Gaden, einer der ...

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... „Fälscher“. Gutes Olivenöl zu erkennen das sei für den Verbraucher schwierig. „Und wenn man sich nicht auskennt, hat man kaum eine Chance“. Gaden gehört nicht zur „Olivenöl-Mafia“. Er ist kein Betrüger und will auch kein Geld mit dem Fake-Öl verdienen. Er arbeitet für das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit – das zeigen wollte, wie einfach es ist, Olivenöl zu fälschen. Nun, schwierig war es offenbar nicht. Olivenöl gilt als das meistgefälschte Lebensmittel Europas.

Das hat zunächst einmal zwei Gründe: der eine heißt Geld, der andere Gelegenheit. Grund Nummer eins: Echtes, gutes Olivenöl zu produzieren ist teuer. Die Produktion ist aufwendig und für einen einzigen Liter Olivenöl braucht man, je nach Sorte, fünf bis zehn Kilogramm Oliven. Bei teils 3,99 Euro im Regal sind die Margen denkbar knapp, wenn überhaupt welche existieren. Das ruft natürlich Fälscher auf den Plan, die das Öl billiger herstellen wollen.

Und klar, Grund Nummer zwei: Gelegenheit macht Diebe. Es ist einfach, Olivenöl zu fälschen, das zeigt schon das kleine Experiment des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Aber auch, wer etwas professioneller an die Fälschungen herangeht, hat es nicht sonderlich schwer. „Es gibt Komplettfälschungen wie unsere“, erklärt BVL-Betrugsexperte Gaden. Da färben die Fälscher ein billiges Pflanzenöl ein und passen es geschmacklich noch etwas an. „Die sind analytisch einfach zu erkennen.“ Darüber hinaus gibt es auch Streckungen: „Da mischen die Fälscher dann Olivenöle mit ganz anderen, billigeren Pflanzenölen.“ Auch die seien noch recht einfach zu erkennen. „Schwieriger ist dies bei Mischungen von Olivenölen unterschiedlicher Qualitätsklassen“, erklärt Gaden. Da werde es mit der Analytik schon komplizierter.


„Die Strukturen und die Betriebswege mancher Fälscher sind ähnlich professionell wie die von Drogenringen.“


Alle Fälschungen haben eins gemein: Sie landen am Ende als „reines Olivenöl“, meist noch „extra vergine“ im Regal. Und so einfach es ist, Olivenöl zu fälschen, so schwierig ist es, den Fälschern auf die Schliche zu kommen. Denn: „Die Strukturen und die Betriebswege mancher Fälscher sind ähnlich professionell wie die von Drogenringen“, sagt Gaden. Die Öle würden in den Ursprungsländern irgendwo in Lagerhallen gemischt, dann mit Fantasieadressen etikettiert und per Lastwagen nach Deutschland gebracht: „Da stößt die Lebensmittelüberwachung allein an ihre Grenzen“, stellt der Betrugsexperte fest. In manchen Fällen könne man von organisierter Kriminalität sprechen. „Da müssen die Mitgliedsstaaten der EU, die Strafverfolgungsbehörden und die Lebensmittelüberwachung koordiniert vorgehen, und das macht es natürlich schwierig“, erklärt er.


DIE VERORDNUNG, NACH DER DIE ÄMTER OLIVENÖL PRÜFEN, STAMMT AUS DEM JAHR 1991. SIE IST ALSO FAST 30 JAHRE ALT. „DAMIT FINDEN SIE NUR GANZ DREISTE FÄLSCHUNGEN“, SAGT DER OLIVENÖLEXPERTE CHRISTIAN GERTZ.


Der Olivenöl-Experte Christian Gertz sieht noch eine ganz andere Schwierigkeit: die gesetzliche Grundlage. Denn die stammt aus dem Jahr 1991, ist also fast 30 Jahre alt. „Amtliche Überwachung bringt hier gar nichts, weil die Ämter immer nur nach der veralteten EU-Verordnung prüfen“, sagt Gertz. „Damit finden sie nur ganz dreiste Fälschungen.“ Die Fälscher arbeiten laut Gertz mit viel subtileren Methoden, die seien mit der veralteten Analytik in den Labors nicht mehr zu erkennen. Ohnehin sei das Grundproblem aber, dass die Verordnung mit Grenzwerten arbeitet. Und das, so Gertz, nutzen die Fälscher aus: „Eine Verordnung mit Grenzwerten ist ein Kochbuch für Fälscher“, glaubt er. „Es geht immer nur darum, die Grenzwerte einzuhalten – und da wird dann gemischt und getrickst, bis es passt.“

Zunehmend gewinnt neben Geld und Gelegenheit aber auch noch ein dritter Grund, warum Olivenöl so fälschungsanfällig ist, an Bedeutung: Gutes Olivenöl ist rar – und wird immer rarer. Das Killerbakterium Xylella fastidiosa befällt seit 2013 immer mehr Olivenbäume in Südeuropa und lässt sie austrocknen; es zerstört so ganze Plantagen. Es ist so aggressiv, dass die EU von Italien forderte, Tausende von Bäumen zu verbrennen, um das Bakterium einzudämmen. Nur: Italien ist nicht immer der eifrigste Befolger Brüsseler Befehle. Und so tat die italienische Regierung erst einmal wenig bis nichts – und genau das werfen die Olivenbauern ihr seit Januar auf großen Demonstrationen in Italien vor. Der italienische Landwirtschaftsverband Coldiretti bezeichnet das Jahr 2018 als „einen historischen Tiefpunkt“ für die Olivenernte in Italien. Ganze 57 Prozent der Ernte hätten die Bauern verloren – und damit rund eine Milliarde Euro. Hunderttausende Arbeitsplätze seien in Gefahr.


Der Klimawandel ruft künftig wohl noch mehr Fälscher auf den Plan.


Aufwendig: Die hohen Produktionskosten rufen Fälscher auf den Plan – Olivenöl gilt als das meistgefälschte Lebensmittel Europas.


Schuld daran sei auch das zunehmend unberechenbare Klima, sagt Riccardo Valentini, Chef des Europa-Mittelmeerzentrums für Klimawandel (CMCC) in Italien. „Kalte Frühjahre und extreme Regenstürme während der Blüte sind mitverantwortlich für die schlechten Ernten“, stellt der Klimaforscher fest. Auf die Lebensmittelproduktion habe eben nicht nur die Erwärmung einen Einfluss, sondern auch extreme Wetterphänomene. „Das Klima wird unvorhersehbarer – und dadurch wird es für die Pflanzen schwieriger, damit umzugehen.“

Die Lage sei auch in Griechenland und der Türkei nicht besser. „Nur Spanien ist weniger betroffen“. Immerhin: Spanien ist der größte Olivenölproduzent der Welt. Dennoch könnte die Olivenknappheit künftig natürlich noch mehr Fälscher auf den Plan rufen, die billiges Salatöl in grüne Flaschen abfüllen, als „olio extra vergine d’oliva“ etikettieren und nach Deutschland schicken.

In Deutschland hätten wir noch Glück, stellt Gertz nach zahlreichen Untersuchungen fest. Nach Deutschland würden oft noch die besseren Öle verkauft. Seiner Erfahrung nach sind hier „nur“ etwa zehn bis 15 Prozent der Olivenöle gefälscht. In Holland und vielen osteuropäischen Ländern seien es rund ein Viertel, in den USA gleich die Hälfte. Woran das liegt? „Na, an Ihnen, an den Testzeitschriften, weil Sie über die Analyseverfahren der gesetzlichen Normen hinausgehen.“


Fotos: piola666/getty images, Surkov Dimitri/getty images, Vasileios Karafillidis/Shutterstock