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Pflegschaft: „Ein Kind, wie ich es mir gewünscht habe“


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 8/2008 vom 01.09.2008

Monika Fellinger und ihr Mann Rainer Fritzsche konnten keine eigenen Kinder bekommen. Vor 15 Jahren, da war das Paar bereits über 40, haben sie Marvin zu sich genommen, ihr Pflegekind.


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Fotos: A. Jakuscheit/M. Wägele (4)

Als Monika Fellinger um die 30 ist, möchte sie mit ihrem Mann Rainer ein Kind haben. Beide kommen aus Familien, in denen es einen guten Zusammenhalt gibt. Sie haben Geschwister, wollen das Gefühl der Geborgenheit einer großen Verwandtschaft auch auf eigene Kinder weitergeben. Doch Monika Fellinger wird nicht schwanger. Nach einiger Zeit lässt sich das Paar gründlich durchchecken, die ...

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Als Monika Fellinger um die 30 ist, möchte sie mit ihrem Mann Rainer ein Kind haben. Beide kommen aus Familien, in denen es einen guten Zusammenhalt gibt. Sie haben Geschwister, wollen das Gefühl der Geborgenheit einer großen Verwandtschaft auch auf eigene Kinder weitergeben. Doch Monika Fellinger wird nicht schwanger. Nach einiger Zeit lässt sich das Paar gründlich durchchecken, die Mediziner finden bald die Ursache für die Probleme. Monika hat Endometriose, eine gutartige Wucherung von Zellen der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter, vor allem im Bauchraum. Bei der jungen Lehrerin sind die Endometrioseherde so verteilt, dass die Aussicht auf eine gelungene Schwangerschaft sehr gering ist.

Monika und Rainer versuchen Inseminationen. Ohne Erfolg. Mehr künstliche Nachhilfe habe sie nicht mit sich machen lassen wollen, sagt Monika. Zu dem Zeitpunkt ist Monika 35, ihr Mann sogar schon 38. „Ich fühlte mich beschissen“, erinnert sich die heute 56-jährige Frau. Andererseits ist nun wenigstens die Ursache ihrer Kinderlosigkeit klar. Man braucht nicht weiter zu warten und zu hoffen, es geht eben nicht. Da habe sie den Kopf eingeschaltet und gefragt: Gut – und was geht sonst noch? Natürlich hätten sie und ihr Mann zu diesem Zeitpunkt auch schon mal darüber nachgedacht, wie ein Leben ganz ohne Kinder für sie sein würde, erinnert sich Monika. Doch aufgegeben hatten sie die Familienpläne noch nicht.

Das Paar lebt erst einmal sein normales Leben weiter. Monika betreut regelmäßig ein Nachbarskind und sieht so täglich, wie es sein könnte. Klar ist sie auch neidisch auf Freunde, die jetzt Eltern werden. Doch es gibt keine Leere. Ihr Mann Rainer macht viel Musik, sie sind beide sehr engagiert in ihrem Beruf, unternehmen spannende Urlaubsreisen, pflegen ihr gemeinsames Hobby, das Radfahren.

Bald wissen sie, dass sie ein Kind adoptieren möchten. Aber sie wissen auch, dass das nicht einfach sein würde. Rainer Fritzsche ist quasi vom Fach: Der Psychologe arbeitet als Erziehungsberater, er hat häufigen und engen Kontakt zum Jugendamt. Das Paar wendet sich mit seinem Wunsch an die zuständigen Behörden in Frankfurt. Sie sind die idealen Bewerber. Noch scheint ihr „Alter“, erzählt Monika, gar keine Rolle zu spielen. Trotzdem: „Den Zahn, dass es mit einer Adoption leicht werden würde, hat man uns gleich gezogen.“ Der Weg in ein eigenes Familienleben führt schließlich über ein Pflegekind. Noch vor der Geburt von Marvin im Februar 1993 bekommt das Paar einen Anruf von einer Sozialarbeiterin. Die damals 35-jährige Mutter des Kindes ist psychisch krank. Das Jugendamt geht davon aus, dass sie sich vom Kind abwenden und so eine Adoption möglich sein wird.

Als Marvin sechs Wochen alt ist, dürfen Monika und Rainer ihn zum ersten Mal in einem Frankfurter Heim besuchen. Reihenweise, erinnert sich Monika Fellinger, liegen dort die Säuglinge, das Heim ist personell völlig unterbesetzt. In dem Haus lernen sie auch Marvins leibliche Mutter kennen.

Lange Zeit kann sie sich nicht entscheiden, ob sie das Kind zur Pflege oder gar zur Adoption abgeben soll oder nicht. Monika besucht Marvin täglich. Es ist nicht leicht, einen Kontakt zu ihm aufzubauen. Er wirkt in sich gekehrt, hat in diesen ersten Lebenswochen zu wenig Ansprache bekommen. Schließlich, Ende April, schenkt er seinen künftigen Pflegeeltern ein Lächeln. Am 7. Mai, nach einer Nabelbruch-OP, nehmen Rainer und Monika das Baby endlich mit zu sich nach Hause in den Taunus. Bis zum Schluss haben sie gebangt, ob die Sache klappt. Schnell leihen sie sich bei Freunden und Verwandten die notwendige Babyausstattung zusammen.

Die Geburt ihres Sohnes hat Marvins leibliche Mutter wider Erwarten stabilisiert. Etwa einmal im Monat besucht sie den Jungen bei seinen Pflegeeltern. Als er zwei Jahre alt ist, will sie ihn zu sich nehmen und stellt einen Antrag vor Gericht. Für Monika und Rainer ist das eine schlimme Zeit. Als Pflegeeltern hat man gegenüber den leiblichen Eltern quasi keine Rechte, das lernt Monika schmerzhaft.

Die Mutter zieht später ihren Antrag wieder zurück. Sie tat das, weiß Monika, zum Wohl des Kindes. So wie sie sich im Laufe der Jahre immer wieder zum Wohl des Kindes entscheiden wird. Monika rechnet ihr das hoch an, bis heute. Als Marvin sieben ist, atmet Monika auf. Nun könnte er selbst vor Gericht sagen, wo er leben will. Und sein Zuhause, das ist bei den Pflegeeltern, da hat Monika nie einen Zweifel.

Profian der Schießbude: Mit Vater Rainer teilt Marvin die Liebe zur Musik.


Bloß keine übertriebene Hektik: Warum selber bewegen, wenn der Senior die Arbeit auch erledigen kann.


An Marvins Kommunion sind alle drei Familien dabei: die von Rainer, die von Monika und die der leiblichen Mutter. Seinen leiblichen Vater kennt der Junge nicht. Marvins leibliche Großeltern sind Monika und Rainer immer dankbar gewesen, dass sie das Kind angenommen haben. Marvin und seine Eltern haben einen losen, aber zuverlässigen Kontakt zur erweiterten Herkunftsfamilie. Dass er drei Großelternpaare hat, die am Geburtstag an ihn denken, wisse ihr Sohn sehr wohl zu schätzen, lacht Monika. Zur Adoption freigegeben hat Marvins leibliche Mutter ihr Kind nie. Das Thema ist inzwischen durch, zumindest vorerst. In drei Jahren, wenn Marvin volljährig wird, kann er sich selbst für oder gegen eine Adoption entscheiden. Wie die Wahl ausfallen wird, ist für das Elternpaar ganz klar: Marvin ist ihr Kind, „er wollte nie woanders leben“. Natürlich werde Marvin auch nach einer Adoption seinen alten Nachnamen behalten, sagt die Mutter, die Pflegeeltern wollten ihm seine Herkunft nie wegnehmen. „Es wäre eigentlich nur ein Verwaltungsakt.“

Marvin hat von den Zeiten des Bangens, ob er bei seinen Pflegeeltern bleiben würde oder nicht, sehr wenig mitbekommen, sagt Monika. Sein Vater hat Marvins ganze Geschichte und auch diese schwierige Zeit in einem Tagebuch niedergeschrieben. Dieses Hin und Her hat jedoch schließlich dazu geführt, dass das Ehepaar kein zweites Kind in Pflege genommen hat, obwohl beide eigentlich immer ein Geschwisterkind für Marvin haben wollten. Eine vierte Familie und womöglich eine weitere emotionale Achterbahn, „das überstieg meine Fähigkeiten“, sagt Monika.

Marvin ist genau so, wie Monika sich ihr Kind immer gewünscht hat. Er ist ein ruhiger Typ, geht aufs Gymnasium, teilt mit dem Vater die Liebe zur Musik und die genaue, fast schon penible Art. Von ihr, sagt die Mutter, habe er seine Kompromissbereitschaft und Verlässlichkeit. Ja, es hätte auch schiefgehen können, das weiß Monika, aber das kann es bei einem leiblichen Kind auch.

Ein Risiko bleibe, doch sie würde es jederzeit wieder eingehen. Selbst in der Pubertät, zu einer Zeit also, in der alle Jugendliche verstärkt nach ihrer Identität suchen, haben Rainer, Marvin und Monika keine wirklichen Probleme miteinander bekommen. Marvin hat es mit der Suche nach sich selbst nicht einfach, von seinem Vater, den er noch immer nicht kennt, hat er seinen dunkleren Teint geerbt. Doch das Verhältnis zu seinen Pflegeeltern ist so fest und verlässlich, dass es auch diese Belastung aushält.

Pflegschaften für Kinder

Ein Pflegekind bekommt man über das örtliche Jugendamt bzw. die nächste zuständige Pflegevermittlungsstelle. Dort wird in Vorabgesprächen nach den Motiven für eine Pflegschaft gefragt und auf Probleme aufmerksam gemacht. Pflegekinder können aus schwierigen Familienverhältnissen kommen. Pflegeeltern sollten deshalb unbedingt Informationen über den Hintergrund und die Vorgeschichte des Kindes bekommen. In der Regel hat das Pflegekind weiter Kontakt mit der Herkunftsfamilie. Pflegeeltern müssen für diese Zusammenarbeit Bereitschaft zeigen.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes besuchen die potenziellen Pflegeeltern auch zu Hause und schauen sich die Räumlichkeiten an, in denen ein Pflegekind leben könnte. In einem Kurs oder Seminar werden die Pflegeeltern geschult und auf Schwierigkeiten vorbereitet. Wichtig ist auch eine professionelle Unterstützung, wenn Probleme mit dem Pflegekind auftreten.

Eine Altersgrenze gibt es für Pflegeeltern nicht, trotzdem sollte der Altersabstand nicht viel mehr als 40 Jahre betragen. Verheiratet muss ein Paar nicht sein, auch Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Paare können ein Pflegekind aufnehmen. Wichtig ist die emotionale Stabilität in der neuen Familie. Außerdem sollte ein solides Einkommen, unabhängig von dem nach Alter gestaffelten Pflegegeld des Jugendamtes, und genug Zeit für das Pflegekind vorhanden sein. Nach der Prüfung durch das Jugendamt besteht kein Anspruch auf ein Pflegekind. In der Regel wird eine Bescheinigung ausgestellt, mit der sich mögliche Pflegeeltern auch bei anderen Vermittlungsstellen vorstellen können.

Auch wenn Pflegeeltern in allen Belangen des Alltags für ihre Pflegekinder entscheiden können, bleibt das Sorgerecht in der Regel bei den leiblichen Eltern. Diese können auch immer entscheiden, ob und wann sie ihr Kind wieder selbst erziehen wollen. Dies ist eine für viele Pflegeeltern schwierige Situation. Trotzdem können die leiblichen Eltern das Pflegekind nicht einfach plötzlich zu sich holen, das Jugendamt ist in jedem Fall an der Entscheidung beteiligt.