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Phoenix to Phenix


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Blonde - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 06.05.2022
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Bildquelle: Blonde, Ausgabe 1/2022

Marlon aka Mavi Phoenix: Seinen Künstlernamen teilt der Sänger mit Autorin und Aktivistin Phenix, die er hier zum ersten Mal trifft

Der Musiker Mavi Phoenix und die Aktivistin und Autorin Phenix teilen einen Namen, der für Neuanfänge und Auferstehung steht. Diese Gemeinsamkeit bleibt auch Phenix im Kopf, als sie das erste Mal auf eines von Mavis Musikvideos stößt. Viel mehr wissen die beiden Künstler*innen aber nicht übereinander, während sie an einem Frühjahrstag in Berlin zum Gespräch Platz nehmen. Mavi und Phenix kennen sich nicht, treffen sich aber heute hier, um unter anderem über Nähe, kitschige Rom Coms und musikalische Guilty Pleasures zu sprechen. Und über ihre neuen Projekte, in denen sie jeweils ein neues Level an Nähe zeigen: Für Mavi Phoenix ist sein im Februar erschienenes Album, das im Titel seinen bürgerlichen Namen „Marlon“ trägt, sein bisher intimstes und persönlichstes Werk und markiert einen privaten wie musikalischen Neuanfang nach seiner Transition. Phenix wiederum veröffentlichte im Frühjahr ihr Buch ...

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... „Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau”, in dem sie nicht nur ihre Lebensgeschichte schildert, sondern auch über trans* Sein schreibt. So unterschiedlich ihre Projekte auch sind, teilen beide am Ende dennoch ein Gefühl von Verbundenheit. Warum, beschreiben ihre folgenden Worte.

BLONDE ———— Mavi, Phenix, in dieser Ausgabe geht es um das Zusammenspiel von Enge und Nähe und um das Festhalten. In euren aktuellen Projekten lasst ihr eure Follower*innen sehr nah an euch ran. Fühlt ihr euch auch gerade so nah bei euch selbst wie noch nie?

MAVI ———— Ja, auf jeden Fall, mein Album ist schon tagebuchmäßig. Aber natürlich lügt man auch mal oder überspitzt Sachen in Songs, in Büchern genauso. Das Album hat mir geholfen, auch während meiner Transition. Während ich angefangen habe, Hormone zu nehmen, habe ich geschrieben und aufgenommen. Und währenddessen gab’s die verschiedensten Stimmungen.

PHENIX ———— Bei mir ist es so, dass ich jetzt, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, immer mehr bei einer Stärke in mir ankomme und mir das Buchprojekt fast wieder unpersönlicher erscheint. Es wird Leute geben, die darüber sprechen, die darüber positiv wie negativ berichten, das ist alles okay. Ich habe das Gefühl, ich muss mir selbst so extrem sicher sein in diesem Schritt, den ich jetzt gehe. Während meiner Transition ging das Ganze auch oftmals mit Zweifeln einher. Ich habe mich immer wieder gefragt: Ist das richtig? Ist das falsch? Fühle ich mich richtig, fühle ich mich falsch? Müsste ich mich nicht eigentlich gerade anders fühlen? Und genau das habe ich alles aufgeschrieben. Auch habe ich in meiner Arbeit immer wieder gemerkt, dass trans* Menschen schnell invalidiert werden, dass andere Menschen falsche Pronomen verwenden und so weiter.

MAVI ———— Das passiert bei mir gerade in jedem Interview.

PHENIX ———— Das heißt, dein Deadname wird verwendet und du wirst mit falschen Pronomen angesprochen?

MAVI ———— Na ja, erst heute habe ich wieder so einen Bericht in einer österreichischen Zeitung über mich gelesen, in dem sie über das Jahr 2019 schreiben und mich als „sie“ bezeichnen, „geboren als...“ und dann eben der Name. Irgendwie verstehe ich, dass sie denken, das sei halt nur eine Info, aber es ist auch Scheiße für mich zu lesen.

PHENIX ———— Ich glaube, viele Menschen sind sich nicht bewusst, welche Traumatisierung solche Kleinigkeiten auslösen. Das ist etwas, was wir beide so gut verstehen können. Dadurch finde ich es total angenehm, mich mit trans* Menschen auszutauschen, weil es so entspannt ist. Man fühlt sich eben nicht so allein. Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht: Wie gehe ich, wie rede ich, wie sitze ich, wie bin ich? Und ist das jetzt weiblich oder männlich, feminin, maskulin, wie auch immer? Ich habe mich mit einer anderen Person ausgetauscht, die nimmt seit zehn Jahren ihre Hormone und meinte: „Ja, kenne ich.“ Bei dieser Person haben diese Gedanken aber nachgelassen. Das ist für mich total schön zu wissen: Haben andere auch und geht vorbei.

MAVI ———— Ja, das stimmt.

BLONDE ———— Mavi, du hast mal gesagt, dass dir die Aufnahmen deiner Stimme auf vergangenen Alben zu „nah“ waren. Wie hast du das überwunden?

MAVI ———— Es gab vor Jahren auch schon Demos, in denen ich einfach mit meiner Stimme „schön“ gesungen habe, Songs wie „Slowly“ oder so Balladennummern; da konnte man mich voll gut hören und es war schön, aber ich hab so was nie als Single rausgehauen. Dabei ist mir dann selber aufgefallen: Oh, so klinge ich! Deswegen habe ich eigentlich immer eher edgy Songs rausgebracht und habe den Sound zerstört oder gepitcht, weil ich meine Stimme nicht mochte. Jetzt, das muss ich schon ehrlich sagen, war irgendwie doch Wehmut dabei, als sich meine Stimme komplett geändert hat. Mir wurde bewusst: Mavi Phoenix wie früher gibt es nicht mehr, das ist Geschichte. Ich kann keinen meiner Songs so performen wie zuvor. Das finde ich auch interessant, dieses Gefühl vom lachenden und weinenden Auge. Aber ja, auf dem neuen Album habe ich weniger Autotune verwendet, weil ich jetzt „proud“ bin. Ich traue mich voll selten, über diese Gedanken zu sprechen, weil ich dann auch immer Angst habe, dass Leute irgendwie denken, dass ich gar nicht trans* wäre.

BLONDE ———— Ihr habt euch beide schon von so vielen Themen, Vorurteilen, Stereotypen befreit – wovon fühlt ihr euch noch eingeengt?

MAVI ———— [lacht] Ich wollte gerade sagen: von anderen Menschen und ihren Sichtweisen. Aber let’s be honest – ich glaube, es liegt häufig auch an mir selbst und daran, was ich daraus mache.

PHENIX ———— Das wollte ich auch gerade sagen. Ich bin vielleicht weiter als der Durchschnitt, aber ob ich mich von so viel befreit habe? Ich weiß es manchmal gar nicht.

MAVI ———— Voll! Eine Zeit lang war das krass für mich, weil ich gesagt habe: „I’m a guy“, aber alle nur so reagiert haben: „Okay, lol.“ Da habe ich noch viel mehr darauf geachtet, was als weiblich und männlich wahrgenommen wird. Irgendwie bin ich jetzt cooler damit, weil jetzt alles offiziell ist. Aber es gibt immer noch solche Momente: Mit einer Freundin bestelle ich manchmal Bubble Tea und sie trinkt immer die Sorte „Pink Lady“. Und dann schäme ich mich irgendwie, wenn ich den Drink auch trinken möchte. Das ist doch echt so scheißegal! Aber was die Freiheit angeht, merkt man da, wie wenig befreit auch ich noch bin. Aber es ist einfach so: Man will so gerne, dass die wahre Seite gesehen und nicht infrage gestellt wird. Ich glaube aber, es wird mir noch viel besser gehen, wenn ich auch meine weibliche Seite... Ich kann’s nicht mal aussprechen, aber es wird mir dann sicher besser gehen.

PHENIX ———— So was ist bei mir auch sehr tagesformabhängig, oft sind das aber nur Äußerlichkeiten. Am Ende muss ich aufpassen, dass mein Wohl an oberster Stelle steht: Wenn mein Aussehen oder der Klang meiner Stimme eine Situation für andere ein bisschen komplizierter macht, ist das deren Ding, das ist nicht meine Baustelle. Und damit möchte ich nicht kleinreden, dass Transphobie ein Problem ist. Natürlich ist es wichtig, richtig adressiert zu werden. Aber für mich selbst ist dieser Umgang der Weg.

MAVI ———— Das ist next level woke. Also wenn man es schafft zu sagen: „Das ist euer Problem.“ Das ist echt schwierig.

PHENIX ———— Aber ich werde besser darin.

MAVI ———— Voll gut.

BLONDE ———— Welchen Stellenwert hat Empathie für euch?

PHENIX ———— Für mich geht es gar nicht so sehr darum, wie gut Menschen etwas nachempfinden können, sondern eher darum, wie sie damit umgehen. Ich glaube, dass Empathie vor allem durch Aufklärung entstehen kann, dadurch dass man Geschichten erfährt. Das ist letztendlich der Grund, weshalb ich mein Buch geschrieben habe: damit Menschen die Geschichte lesen können und verstehen, wie es mir geht. Damit sie dann der nächsten trans* Person vielleicht anders begegnen können. Die wird natürlich sehr anders sein als ich, aber dass wir uns hier so austauschen und ähnliche Erfahrungen gesammelt haben, zeigt ja, dass eine Person danach vielleicht schon besser wissen könnte, wie man respektvoll miteinander umgeht.

MAVI ———— Du musst das nicht beantworten, wenn du nicht möchtest, aber wie war das für dich, als du mit den Hormonen anfingst?

PHENIX ———— Es war nicht so aufregend, weil es sich so richtig angefühlt hat. Auch weil ich immer viel hinterfragt habe. Ich dachte zum Beispiel immer, ich brauche keine Brüste. Aber als sie dann da waren, hab ich den großen Ausschnitt getragen und schön nach oben gepusht. Mit so was spielen zu können ist sehr befreiend und sehr schön.

MAVI ———— Richtig gut. Ich hatte von meiner Ärztin eigentlich gehört, dass Östrogen zu nehmen die Stimmung krass beeinflusst...

PHENIX ———— Es ist irgendwie wie eine zweite Pubertät. Ich kannte das vorher nicht, dass ich einfach so grundlos geheult habe und nicht so richtig wusste warum. Keine Ahnung, aber das konnten meine cis Freundinnen wieder mehr nachvollziehen. Für mich hat sich das vorher total blöd angefühlt, weil ich immer auf so eine abstruse Art dazugehören wollte, auch was so etwas wie Heulen angeht: einen Film gucken und spüren, dass man eine emotionale Geschichte vor sich hat, zum Beispiel.

BLONDE ———— An welche Filme denkst du da?

PHENIX ———— Ich schaue alle möglichen Filme und gerne schlechte, überromantische, kitschige Filme, klassische Rom Coms. Ich glaube, es gibt viele Menschen, die dabei richtig Hate-Watching betreiben. Die ganzen Streaming-Dienste veröffentlichen die mit Absicht, damit sich auch alle auf Social Media darüber austauschen, wenn mal wieder eine TikTokerin eine Rolle abgesahnt und besonders schlecht gespielt hat. Ich fand Addison Rae toll [lacht], aber der Film mit ihr war so schlecht. Hörst du trashy Musik, Mavi?

MAVI ———— Ja, meine eigene. [lacht] Ich tue mich da auch immer schwer, weil ich eigentlich finde, dass es keine Guilty Pleasures in der Musik geben sollte. So was wie „Boom Boom Pow“ von den Black Eyed Peas, Britney Spears sowieso – aber das alles ist eigentlich auch schon wieder gut. „Toxic“ ist der beste Popsong ever.

PHENIX ———— Ich finde, manche Sachen sollten Guilty Pleasure bleiben. Maroon 5 zum Beispiel, die sollten in den Tiefen der Playlists verschwinden.

MAVI ———— Aah, die mag ich aber! Gibt schon ein paar gute Songs von denen. Aber wenn ich das jetzt sage, hörst du dir mein Album bestimmt nicht an. [lacht]

PHENIX ———— Ich habe schon ein bisschen reingehört und nebenbei gearbeitet. Ich hatte das Gefühl, dass es sehr unterschiedliche Vibes gibt, was ich als Kompliment meine. Man merkt aber trotzdem, dass du eine Geschichte erzählst. Es ist nicht nur ein Popsong wie „Toxic”, sondern dahinter steckt mehr. Worin ich mich tatsächlich sehr wiedergesehen habe, ist, als du eben meintest, dass du vor deiner Transition Songs gemacht hast, die so gezwungen wirkten, weil du dich damit eher wohlgefühlt hast. Vor fünf Jahren können Fotos von mir teilweise extrem maskulin ausgesehen haben, weil ich dachte, irgendwie meiner Entwicklung entgegenwirken zu wollen. Das war aber immer nur eine Rolle, die ich gespielt habe. Wenn ich die Bilder von mir von damals sehe, denke ich: cuter Typ. Aber den gab es nur auf diesen Fotos. Dadurch ist er auch fast wie eine Kunstperson, die ich erschaffen habe, um Anerkennung zu bekommen.

MAVI ———— Ja, genau so ist es. Das finde ich spannend, weil bei mir war es so, dass ich in meiner Pubertät versucht habe, extrem weiblich zu sein. Meine Mutter wollte unbedingt eine Tochter haben und ich war die Tochter, die alles in Pink geschenkt bekommen hat. Letztens habe ich auf Facebook Bilder von meinem Abitur gesehen, da hatte ich auch ein Kleid an und sah wirklich sehr hübsch aus mit den langen Haaren. Aber mein Blick ist „dead“. Ich kann mich noch erinnern, dass ich sogar Spaß hatte an dem Abend, weil ich mir dachte: „Okay, ich kriege Komplimente, ich passe voll rein und die Leute sagen, ich sehe schön aus.“ Ich war so weit davon entfernt zu verstehen, dass ich trans* bin. Mavi Phoenix, dieses ganze Musikprojekt, das war irgendwie schon wie eine Transition. Auf einmal war ich wenigstens nicht mehr die Person von zuvor, konnte mich ein bisschen ausleben und traute mich zum ersten Mal, maskuliner zu sein. Aber ich musste eben „all the way” gehen, habe ich dann gemerkt.

PHENIX ———— Ich glaube, wenn man über trans* Themen diskutiert, ist es immer das Wichtigste, dass es für mich oder uns ja um etwas Persönliches geht, um unsere Identität. Und wenn jemand daherkommt, der diese Erfahrung nicht hat, sich dann aber vermeintlich beliest mit irgendwelchen abstrusen Statistiken, so ist das einfach eine sehr komische Art und Weise der Diskussion. Ich versuche tendenziell, mich da eher rauszuhalten, weil das am Ende dazu führt, dass ich den Eindruck erwecke, meine Identität sei ein diskutierbares Thema. Ist sie aber nicht und Diskriminierung ist keine Meinung, die Gegenpositionen darstellen kann.

MAVI ———— Genau so ist es. Mein trans* Sein ist kein Statement. Es steht nicht zur Debatte.

Nach einer Foto-Session, die ebenso viel Nähe zeigt wie das einstündige Gespräch zwischen Mavi und Phenix, ist das Kennenlernen der Künstler*innen vorbei. Bevor Phenix sich aber auf den Weg in ihre Berliner Wohnung macht und Mavi gen Wien aufbricht, lädt er sein Gegenüber noch zur Release-Party seines Albums ein. Auf welche musikalischen Guilty Pleasures sich beide wohl für diesen Abend einigen konnten?