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Psychologische Betreuung: Achterbahn der Gefühle


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 8/2008 vom 01.09.2008

Paare mit unerfülltem Kinderwunsch stehen unter enormem psychischen Druck – schon vor einer Behandlung und erst recht, wenn sie mit medizinischer Hilfe versuchen, ein Kind zu bekommen. Denn dann beginnt das große Auf und Ab der Gefühle, eine Zeit zwischen Euphorie und Enttäuschung.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie, Ausgabe 8/2008

Für Paare, die gerne Kinder hätten, steckt das Leben voller emotionaler Tretminen. Ahnungslos fragen die lieben Verwandten bei der Familienfeier mal wieder: „Na, immer noch kein Nachwuchs? Du bist doch schon über 30!“ Kolleginnen mutmaßen, da gehe die Karriere wohl vor. Und überall sieht man plötzlich Schwangere und Eltern ...

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Für Paare, die gerne Kinder hätten, steckt das Leben voller emotionaler Tretminen. Ahnungslos fragen die lieben Verwandten bei der Familienfeier mal wieder: „Na, immer noch kein Nachwuchs? Du bist doch schon über 30!“ Kolleginnen mutmaßen, da gehe die Karriere wohl vor. Und überall sieht man plötzlich Schwangere und Eltern mit kleinen Kindern. Dann ist der Schmerz darüber manchmal so groß, dass man den anderen dieses Glück kaum gönnt.

In die Traurigkeit mischen sich oft bittere Selbstvorwürfe: Weil der Körper nicht so funktioniert wie er soll, weil man den Kinderwunsch „zu lange“ aufgeschoben hat, weil man nicht gesund genug gelebt hat – es gibt vieles, das kinderlose Paare belastet. Gefährlich für die Partnerschaft wird’s, wenn der eine ausgesprochen oder unausgesprochen dem anderen die Schuld gibt. Dieser Mix aus Frust, Bitterkeit, Angst und Scham macht Betroffenen schwer zu schaffen. Ist man denn eine „vollwertige“ Frau, wenn man kein Kind bekommen kann, ein „richtiger“ Mann, wenn man keines zeugen kann? Eine Studie an der Universitätsklinik Bonn ergab, dass ein Viertel der Frauen und Männer, die sehnsüchtig auf Nachwuchs warten, überdurchschnittliche Depres- sionswerte zeigen. Laut Professorin Anke Rohde von der Abteilung Gynäkologische Psychosomatik der Uniklinik Bonn kann ungewollte Kinderlosigkeit „ganz normale Leute“ depressiv machen.


Die Sehnsucht nach dem eigenen Kind


Bei einem solchen Leidensdruck ist es kein Wunder, dass Kinderlose oft bereit sind, alles zu versuchen, um endlich zum Wunschkind zu kommen. Und die moderne Medizin eröffnet ihnen immer neue Chancen. Selbst Paare, die vor einigen Jahren noch ohne Aussicht auf eigene Nachkommen gewesen wären, können heute medizinisch unterstützt ein Kind bekommen.

Aber auch das ist aus Sicht der Psychologen nicht unproblematisch. Denn oft ist das Vertrauen darauf, dass die Ärzte es schon richten werden, übergroß. Umfragen belegen, dass die meisten Menschen die Erfolgschancen der Reproduktionsmedizin viel zu optimistisch einschätzen. Sie stellen sich eine mehr als 40-prozentige Erfolgsquote pro Behandlungszyklus vor. Die Statistik des Deutschen In-vitro-Fertilisationsregisters (IVF-Registers) zeigt aber, dass weniger als 20 Prozent der Frauen, die In-vitro-Fertilisation (IVF) und/oder Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) in Anspruch nehmen, tatsächlich ein Baby bekommen.

Alle medizinischen Möglichkeiten auszuschöpfen, empfinden viele Paare mit Kinderwunsch geradezu als Pflicht. Schließlich will man sich später keine Vorwürfe machen müssen. So kann es geschehen, dass die Kinderwunschbehandlung zum beherrschenden Thema wird, das nicht nur die Gedanken und Gefühle dominiert, sondern auch sämtliche zeitlichen und finanziellen Ressourcen beansprucht. Es passiert sogar, dass Frauen ihren Job kündigen, um sich ganz den aufwendigen Behandlungen widmen zu können – und ihren Lebensinhalt verlieren, wenn das ersehnte Ergebnis ausbleibt.

Unter diesen Voraussetzungen ist es kein Wunder, dass Fachleute Paaren eine psychosoziale Beratung empfehlen, bevor sie überhaupt mit einer Kinderwunschbehandlung anfangen. „Ziel der Beratung ist es nicht, den Kinderwunsch infrage zu stellen, sondern das Paar zu entlasten“, erklärt Dr. Tewes Wischmann. Der Diplom-Psychologe berät an der Uniklinik Heidelberg Paare mit Babywunsch. Die Gespräche mit Fachleuten helfen dabei, wichtige Fragen zu klären: Warum wünscht man sich so sehr ein Kind? Wie geht man mit Ängsten um? Was, wenn man Zwillinge oder gar Drillinge bekommt? Schließlich sind bei Fruchtbarkeitsbehandlungen Mehrlingsschwangerschaften überdurchschnittlich häufig. Wird man auch ein krankes oder behindertes Kind annehmen können? Wie vermeidet man, dass Partnerschaft und Sexualität unter den langwierigen Behandlungen leiden? Soll man Familie, Freunde, den Arbeitgeber in die Behandlungspläne einweihen? Welche Grenzen will man der Behandlung setzen? Und nicht zuletzt: Wie sieht der persönliche „Plan B“ aus – wie wird man sein Leben gestalten, wenn der Kinderwunsch nicht erfüllt wird?


Ein Leben zwischen ständigem Hoffen und Bangen


Auch während der Monate dauernden Behandlung bieten Kinderwunschzentren ihren Patienten psychologische Begleitung an. Denn das Abwarten, Hoffen und Bangen, die Enttäuschungen, wenn es nicht klappt, zehren an den Kräften. Fast alle Paare klagen im Laufe der Behandlung auch über Einschränkungen bei der Sexualität. Wenn die medizinische Behandlung Geschlechtsverkehr nach Zeitplan erfordert, wenn der Mann gezwungen ist, auf „Bestellung“ zu masturbieren, um Ejakulat zu gewinnen, geht der Spaß am Sex fast unweigerlich verloren. Viele Paare haben das Gefühl, dass der Arzt quasi neben ihrem Bett steht. Droht die Lust ganz auf der Strecke zu bleiben, ist eine Behandlungspause sinnvoll, um wieder unbelastet miteinander intim sein zu können. Im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien oder Kanada, wo die psychosoziale Beratung in die medizinische Therapie integriert ist, wird sie in Deutschland oft stiefmütterlich behandelt. „Betroffene Patienten nehmen entsprechende Behandlungsangebote nur selten wahr“, bedauert Professorin Anke Rohde. Dabei übernehmen die Krankenkassen in der Regel die Kosten für eine psychosoziale Begleitung während der Behandlung oder nach erfolgloser Therapie.

Informationen und Hilfe

■ Psychologen und Sozialarbeiter, die bei unerfülltem Kinderwunsch beraten, verzeichnet das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland BKiD auf seiner Internetseite www.bkid.de
■ Informationen und Adressen zu den Themen Kinderwunschbehandlung und psychologische Unterstützung findet man in einem Buch des BKiD: Dorothee Kleinschmidt, Petra Thorn, Tewes Wischmann (Hrsg.),Kinderwunsch und professionelle Beratung . Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2008, 156 Seiten, 25 Euro.