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Raufasertapeten: Ziemlich weiße Weste


ÖKO-TEST Ratgeber Bauen und Wohnen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2015 vom 08.05.2015

Sie erscheint schlicht und ist für jeden Farbton offen: In zwei von drei Haushalten kleben Raufasertapeten an den Wänden. Recht so: Sowohl im Praxistest als auch in der chemischen Analyse zeigten die getesteten Produkte nur kleinere Mängel.


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Foto: Image Source White/Thinkstock

Noch schlicht oder schon öde? Die Raufaser hat Fans und Feinde. Und Letztere sprechen ihr sogar den Tapetenstatus ab: Für den Verband der Deutschen Tapetenindustrie sind nur all solche Wand bekleidungen Tapeten, deren Trägerschichten aus Papier oder Vlies bestehen und nach dem Anbringen an die Wand nicht nachbehandelt werden müssen. ...

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... Laut dieser Definition adelt also erst ein Anstrich die Raufaser, macht sie zur Tapete. Davor ist sie eine „überstreichbare Wandbekleidung“ – nur „halbfertig“, wie die Tapetenindustrie formuliert.


Gleichmäßig eingearbeitete Holzfasern geben der Raufaser Struktur


Diese Kritik kontert Ulrich Türk, Leiter Marketing des Unternehmens Erfurt & Sohn, locker: „Raufasertapeten sind Tapeten, auch wenn Ihnen vom Verband (…der Deutschen Tapetenindustrie, Anm. d. Red.) etwas anderes mitgeteilt wurde.“ Türk arbeitet laut Türk für das „marktführende Unternehmen im Bereich der überstreichbaren Wandbeläge“.

Und während sich der Verband der Tapetenindustrie zum 125jährigen Bestehen in einer Presseerklärung vom September 2014 angesichts von 28 Millionen in Deutschland und von 61 Millionen ins Ausland verkauften Tapetenrollen feierte, nennt Ulrich Türk auch mal eine Hausnummer: „Aus einer repräsentativen Marktbefragung von privaten Endverbrauchern der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) 2013 im Auftrag von Erfurt & Sohn wurde auf die Frage „Welche Arten von Wandbelägen sind in Ihrem Haushalt vorhanden?“ wie folgt geantwortet: Raufasertapete: 65 Prozent, Papiertapete: 38 Prozent, Putz: 31 Prozent, Vliestapete: 25 Prozent, Digitalfototapete: 2 sowie kein Wandbelag: 4 Prozent.“ Zur richtigen Lesweise rät Türk dann noch: „Bitte beachten Sie bei der Interpretation der Antworten, dass auch eine Vliestapete eine Vliesraufasertapete sein kann.“ Auch solche Produkte gehören zum Portfolio des Raufaserriesen von der Wupper.

Das Heimwerkerportal henkelhaus.de der Düsseldorfer Firma Henkel stellt in seiner „kleinen Tapeten kunde“ die Raufaser als „meistverkaufte Strukturwandbekleidung“ vor. Struktur schaffen die gleichmäßig eingearbeiteten Holzfasern, die je nach Raufaser sorte in Größe und Form variieren. Die Holzkörner samt Papiermasse aus gereinigtem, zermahlenem Altpapier werden zwischen zwei Papierlagen gebracht und durch Druck von Press walzen verbunden. Zur Ressourcenschonung tragen Raufasertapeten bei, die mit dem RAL-Umweltzeichen 35, dem Blauen Engel gekennzeichnet sind. Denn diese Produkte müssen seit der jüngsten Überarbeitung der RAL-Kriterien vom Juni 2014 einen Altpapier anteil von 100 Prozent (davor: 80 Prozent) aufweisen. Das gilt für neue Produkte, die die Hersteller seit dem 1. Januar 2015 in den Verkehr bringen. Außerdem mussten Hersteller Tapeten auch schon nach den alten Labelbedingungen chlorfrei bleichen.

Wir haben zehn Raufasertapeten und zwei Vliesraufasertapeten eingekauft und auf Schadstoffe untersuchen lassen. In einem Praxistest ließen wir die Handhabung der Produkte beim Tapezieren prüfen.

Kompakt

Papiertapeten
bestehen vor allem aus Holz- oder Zellstoff und etwas Altpapier. Es gibt sie gemustert, geprägt mit Struktur oder als Foto tapete. Vorteil: Sie kann die Luftfeuchtigkeit im Raum regulieren und so für ein gesundes Raumklima sorgen. Nachteil: Papiertapeten werden beim Einkleistern etwas größer. Unbedingt Weichzeit einhalten.

Gesünderes Wohnen: Papiertapeten regulieren die Feuchtigkeit im Raum.


Foto: Martin Konopka/Thinkstock

Raufasertapeten
sind mit Holzspänen zwischen den Papierlagen ausgestattet. Raufaser ist umweltfreundlicher als andere Tapeten, einfach zu verarbeiten und mehrfach überstreichbar. Nachteil: Auch Raufasertapete ist nicht maßstabil und benötigt eine Weichzeit.

Vliestapeten
bestehen aus Zellstoff- und Polyesterfasern, die mit Bindemitteln fixiert sind. Sie sind reißfest und dimensionsstabil. Vorteil: Sie können direkt im Wandklebeverfahren angebracht werden und sind sehr haltbar. Nachteil: Manche Produkte enthalten PVC oder ähnlich geschäumte Kunststoffe.

Textiltapeten
tragen auf Tapetenpapier aufgeklebte Naturoder Synthesefasern. Vorteil: Je dicker die textile Oberschicht ist, desto höher ist auch der Dämmfaktor bei Wärme und Akustik. Nachteil: oft chemisch behandelt. Für Allergiker nicht geeignet, da sich auf der Oberfläche viel Staub ansammeln kann.

Kunststofftapeten
besitzen Trägermaterialien aus Papier, Textilgewebe oder Vlies und sind mit wasserabweisendem Lack oder Kunststoff beschichtet. Vorteil: strapazierfähig und abwischbar. Nachteil: oft PVC enthalten, aus dem Weichmacher mit der Zeit ausgasen können.

Das Testergebnis

Ein guter Wandbelag. Elf der zwölf Raufasertapeten im Test schnitten mit dem Gesamturteil „gut“ ab, sie zeigten kaum Schwächen – sowohl im Test Inhalts stoffe als auch während der Praxisprüfung. Dort erreichten fünf Produkte die Bestnote. Nur ein Produkt stürzte tief ab.
Fleck auf weißer Weste. Alle zwölf Raufasern enthalten halogenorganische Verbindungen. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von mehreren Tau-send Stoffen, die Brom, Jod oder Chlor enthalten. Viele gelten als allergieauslösend. Einige erzeugen Krebs. Bei Tapeten mit einem Altpapieranteil von 80 oder 100 Prozent spricht einiges dafür, dass die halogenorganischen Verbindungen aus Altpapier stammen können, das noch mit Chlor gebleicht worden ist. Flüchtige organische Kohlenwasserstoffe, die die Raumluft belasten, haben die Labore nicht nachgewiesen.

Foto: Martin Poole/iHemera/Thinkstock

Anleitung mit Lücken. Wer nur alle paar Jahre zu Tapezierwischer und Kleister greift, freut sich über eine Verarbeitungsanleitung, die keine Fragen offenlässt. Solch eine ausführliche Anleitung liegt nur fünf der zwölf Produkte bei. Gelungen sind aus Sicht unseres Tapetenexperten die Anleitungen zu den vier ErfurtEigenprodukten sowie die Informationen, die der Tapete Qualitäts Raufaser, grobe Körnung vom Anbieter Hornbach beiliegen. Abgewertet haben wir dagegen die Verarbeitungsanleitungen der Produkte B1 QualitätsRaufaser grobe Struktur, Basic Rauhfaser Mittel, Go On! Raufaser grob, Obi Raufaser Grobkorn, QualitätsRauhfaser Grob sowie Rauhfaser, mittel weiß und Atlantis Rauhfaser Nr. 5, grob weiss. Hier hätten Piktogramme die Arbeitsschritte anschaulicher gemacht. Außerdem fehlte uns bei den sechs erstgenannten Tapeten eine ausführlichere Beschreibung der Schritte, die notwendig sind, um den Untergrund vorzubereiten. Solch eine Beschreibung enthält zwar die Anleitung der Tapete Atlantis Rauhfaser Nr. 5, grob weiss, allerdings fehlen hier hilfreiche Piktogramme.
Gerissen. Beim Tapezieren zeigten sich elf Produkte reißfest. Lediglich die Rauhfaser, mittel weiß riss bei der Verarbeitung teilweise ein.
Wischer schlägt Rolle. Alle Hersteller der Raufasertapeten im Test legen sich bei der empfohlenen Weichzeit nicht auf eine exakte Angabe fest, sondern nennen einen Zeitraum, währenddessen die Tapete im Kleister einweichen soll. Die beiden Vliesraufasertapeten müssen nicht einweichen. Sie werden trocken auf das vorgekleisterte Wandstück tapeziert.

Im Praxistest stellte sich heraus, dass bei allen Raufasern die kürzere Weichzeit zu empfehlen ist. Denn dann ließ sich die Rau faser leichter an die Wand bringen. Gerade das Tapezieren per Moosgummirolle gestaltete sich nach längerer Weichzeit mit neun der zwölf Testtapeten immer schwieriger. Ein gleichmäßiges Andrücken war dann fast nicht mehr möglich, da sich Falten bildeten. Nur die Produkte Erfurt VliesRauhfaser Classico und Elegance sowie die Raufaser von Obi ließen sich auch mit Gummirolle problemlos an die Wand bringen. Mit dem Tapezierwischer gelang das Tapezieren dagegen bei elf der zwölf Produkte gut. Deshalb haben wir auch nicht abgewertet. Anders als beim Produkt Rauh faser, mittel weiß: Hier verhielt sich die Tapete beim Einsatz des Tapezierwischers teilweise instabil. Zudem war auch die Handhabung der Gummirolle schwierig.

Abreißer schlägt Schere. Der Versuch, die Tapetenüberstände mit der Schere abzuschneiden, gelang nur bei den beiden Vliesraufasertapeten von Erfurt & Sohn sowie bei der Obi Raufaser Grobkorn problemlos. Vor allem bei der B1 QualitätsRaufaser, grobe Struktur und der Erfurt Raufaser Rustic kam die Schere an ihre Grenzen, wenn sie auf eines der Körner traf, die zwischen den Papierteilen liegen. Bei allen reinen Raufasertapeten sollten Verbraucher besser zum Tapetenabreißer greifen.
Ressourcen geschont. Zehn der zwölf Raufasertapeten weisen einen Altpapieranteil von 100 Prozent auf, die Vliesraufasertapeten von 80 Prozent. Und der Frischfaseranteil, also die eingesetzten, strukturbildenden Holzspäne, stammt von Bäumen aus kontrollierter Waldwirtschaft. Diese Angaben haben die Hersteller durch glaubwürdige Dokumente belegt, die wir zum Nachweis der Angaben zu Altpapieranteil und Holzherkunft von ihnen gefordert hatten.

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 242.
Anmerkungen: 1) Beim Produkt ist das Abtrennen der Überstände mit der Schere besonders schwierig, wenn man dabei auf eine der Holzfasern trifft. 2) Weiterer Mangel: Angaben zur Entsorgung fehlen. 3) Laut Hersteller sind über die seit zehn Jahren bestehende Unternehmenshotline keine Beschwerden zur schwierigen Handhabung der Tapete beim Tapezieren mit Gummirolle aufgetreten. 4) Für Vliesraufasertapeten existieren keine RAL-Vergaberichtlinien für das Label Blauer Engel. 5) Laut Hersteller stammen die halogenorganischen Verbindungen nicht vom Einsatz von Bleichmitteln, da man „ausschließlich mit Wasserstoffperoxid“ und nicht mit Chlor bleiche. Da für die Produktion aber entsprechend der Vergabebestimmungen des RAL-Umweltzeichens Blauer Engel unter anderem mittlere Altpapiersorten wie bunte und weiße, bedruckte Akten verwendet würden, liege hier die Eintragsquelle. Grund: Viele der Altpapiere seien älter als zehn Jahre und beinhalteten Papiere aus mit Chlor oder Chlordioxid gebleichtem Zellstoff.
Legende: Produkte mit dem gleichen Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um eine Note: halogen organische Verbindungen. Unter dem Testergebnis Anleitung sowie Handhabung beim Tapezieren führt zur Abwertung um zwei Noten: Tapete reißt teilweise (in Tabelle: Reißfestigkeit: reißt teilweise). Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein bis zwei Mängel in der Verarbeitungsanleitung (hier: 1. weist keine Piktogramme auf, die den Arbeitsablauf darstellen, 2. Beschreibung der Untergrundvorbereitung ist nicht ausführlich); b) Anbringen der Tapete mit dem Tapezierwischer teilweise instabil und mit der Gummirolle in der Handhabung schwierig. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um eine Note: Angaben zur Entsorgung fehlen. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe und dem Testergebnis Anleitung sowie Handhabung beim Tapezieren. Es kann nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Inhaltsstoffe um eine Note.
Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest.de → Suchen → „N1505“ eingeben.
Bereits veröffentlicht undStand der Ergebnisse: ÖKO-TEST-Magazin 2/2015. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben, sofern sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder ÖKO-TEST neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt hat.
Einkauf der Testprodukte: Oktober 2014.

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben zwölf Raufasertapeten – mit dabei auch zwei Vliesraufasertapeten mit Textilanteilen – in den bekannten Baumärkten sowie in Möbel- und Einrichtungshäusern gekauft. Ausgewählt haben wir Eigenmarken der Baumärkte und Möbelhäuser sowie Produkte des europäischen Marktführers für Raufaser, Erfurt & Sohn aus Wuppertal. Es spiegelt das Marktangebot wider, dass wir mehrere Produkte von Erfurt & Sohn für den Test auswählten. Eingekauft haben wir die Rollenmaße 25 mal 0,53 Meter sowie 15 mal 0,53 Meter.

Der Praxistest
Wie sich die einzelnen Tapeten verarbeiten lassen, prüfte ein Berufsschulfachlehrer und Malermeister mit seinem Team. Sie studierten die Verarbeitungsanleitung der Produkte und deren Handhabung beim Tapezieren.

Harter Kern: Raufasertapeten trennt man besser mit dem Tapetenabreißer.


Foto: imago/Westend 61

Verarbeitungsanleitung: Welche Kleisterart wird empfohlen? Sind die Weichzeiten angegeben? Was verrät die Anleitung über die entscheidende Vorbereitung des Untergrunds? Helfen Piktogramme und narrensichere Erläuterungen auch „Gelegenheitshandwerkern“ zum Ziel? Antworten auf diese Fragen suchte der Praxisprüfer in den Verarbeitungsanleitungen der Tapeten.

Handhabung beim Tapezieren: Der Tapezier-Super-GAU? Wenn die Tapete reißt. Und Blasen zwischen Untergrund und Wandbekleidung will auch niemand. Bahn um Bahn klebten die Praxisprüfer die Tapeten auf den schulmäßig vorbereiteten Untergrund. Dabei prüften sie, ob etwas reißt, sich Blasen bilden. Die Handwerker arbeiteten sowohl mit dem Tapezierwischer als auch mit der Gummirolle, trennten Überstände mit Schere und Tapetenabreißer.

Die Inhaltsstoffe
Wir ließen die Tapeten auf giftige, flüchtige organische Verbindungen untersuchen, die oft in Wandmaterialien enthalten sind, ausdünsten und in die Raumluft gelangen. Zum Prüfprogramm gehörte auch der Nachweis halogenorganischer Verbindungen. Das ist eine Gruppe von Verbindungen, zu der auch krebserregende und allergieauslösende Stoffe gehören.

Die weiteren Mängel
Ein Entsorgungshinweis in der Verarbeitungsanleitung sollte aus Gründen des Umweltschutzes und Verbraucherservices Standard sein. Wo dieser Hinweis fehlt, werten wir ab.

Die Bewertung
Tapeten müssen schadstofffrei sein, da wir uns ständig in ihrer Nähe aufhalten und sie die Qualität der Raumluft, etwa durch flüchtige organische Verbindungen, belasten können. Genauso wichtig wie ein sauberes Produkt ist aber auch eines, dessen Verarbeitungsanleitung keine Fragen offen- und das sich gut verarbeiten lässt. Deshalb kann das Gesamturteil nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis beim Praxistest beziehungsweise dem Test Inhaltsstoffe.

ÖKO-TEST rät

■ Orientieren Sie sich bei den von den Herstellern der Testprodukte angegebenen Weichzeiten an der kürzeren Dauer. Denn im Praxistest funktionierte das Tapezieren nach kürzerer Weichzeit deutlich besser.
■ Arbeiten Sie mit dem Tapezierwischer. Die elf „guten“ Produkte im Test ließen sich damit problemlos anbringen.
■ Raufasertapeten gehören nach Gebrauch in den Restmüll, nicht in die Altpapiertonne.