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Salambo:Das „Salambo“: Der heißeste Schuppen auf dem Kiez


Hamburger Morgenpost - Unser Hamburg - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 10.04.2019
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SALAMBO: Vom Beat zum Bums. Nachdem der legendäre Star-Club an der Großen Freiheit am 31. Dezember 1969 schließt, zieht Rene Durand mit seinem „Salambo” in das Gebäude. Ab da gibt’s Live-Sex auf der Bühne.


Foto: Langmaack

BURLESQUE: Glitzer, Leder, Ketten und dazu nackte Haut und Federschmuck. Eine heiße Show im „Salambo”.


Foto: MOPO-ArcNv

RENE DURAND: Ein Verrückter und ein Visionär, ein Chansonnier und Frauenliebhaber. Was aber kaum einer weiß: Während der Nazi-Zeit hat er im KZ gesessen.


FotaZint

CANCAN: Ein bisschen erinnert diese Szene ans Moulin Rouge in Paris. Die hübschen Damen tanzen Cancan. Wenn ...

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... sie die Beine in die Luft werfen, erlauben sie dem Publikum einen Blick unter die Röcke.


Foto: Bredenberg

Gar nicht so einfach, sich auf René Durand einen Reim zu machen. Er war ein Verrückter und ein Visionär, ein Chansonnier und ein Frauenliebhaber, er war, das wissen nicht viele, KZ-Überlebender und als junger Mann in Paris für kurze Zeit sogar Zuhälter. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er in Hamburg, wo er zum „Sexpapst“ wurde. Ein Titel, der ihm gefiel. Verliehen wurde er ihm wegen des berühmt-berüchtigten Bums-Theaters „Salambo“, wo er Live-Sex auf die Bühne brachte zu einer Zeit, als es das noch nirgendwo gab, nicht mal auf St. Pauli.

Kann gut sein, dass der eine oder andere, der die Fotos auf diesen Seiten sieht, ein bisschen peinlich berührt ist. Denn zugegebenermaßen ist das, was wir zu sehen bekommen, ganz schön frivol und nicht ganz alltäglich – aber das gehört nun mal zur Kiez-Geschichte dazu. Das „Salambo“ wird für immer in Erinnerung bleiben als der heißeste Schuppen der Stadt.


Es geht um Kopulation und Stehvermögen


In den besten Zeiten kamen Kartenvorbestellungen aus New York und Tokio. Wer Hamburg besuchte, wollte sich davon überzeugen, ob es in dem „Erotik- Theater“, über das alle redeten, wirklich so heftig zuging. Vor Ort stellten sie dann fest, dass es noch schlimmer war, als sie glaubten. Die Handlung der Stücke wechselte von Saison zu Saison, aber im Grunde ging es immer nur um das eine: um Kopulation und Stehvermögen.

Ein paar Kostproben gefällig? Eins der Stücke spielte in der Welt der Vampire: Klar, dass sich Dracula & Co. hier nicht damit begnügten, ihren Opfern die Schneidezähne in den Hals zu rammen … Für ziemlich viel Aufsehen sorgte diese Unterwasser-Nummer: In einem randvoll gefüllten Bassin ließen sich zwei Taucher oral von einer splitterfasernackten Nixe verwöhnen … Ein anderes Mal war König Artus’ Tafelrunde Schauplatz: Lancelot, Parzival & Co. hatten aufgegessen – und zum Nachtisch gab’s das Burgfräulein. Ein Ansager meinte trocken: „Auch edle Rittersleut’ haben ihr Ding nicht nur zum Strullen.“

Wenn eine Lebensgeschichte reif fürs Kino ist, dann ist es die von René Durand. Geboren wird er am 13. Juni 1927 in Lyon in Frankreich. Sein Vater Theaterdirektor, seine Mutter Opernsängerin. 1942 – er ist gerade mal 15 – wird er ertappt, wie er dabei hilft, Juden über die Grenze in die Schweiz zu schleusen. Er wird von einer Kugel getroffen, anschließend von der Gestapo schwer misshandelt und auf die Reise ins KZ Buchenwald nach Thüringen geschickt. 1700 Gefangene gehören dem Transport an, Durand – seine Häftlingsnummer lautet 14 644 – ist einer von 37, die das Martyrium, das dann folgt, überleben.

Der Junge muss in einem Steinbruch arbeiten. Wenn ihm die Kraft ausgeht, wird er geschlagen und getreten. Später wird er ins KZ Flossenbürg verlegt, wo er ins Krankenrevier kommt und auf den irren SS-Arzt Heinrich Schmitz trifft, der mit Gefangenen furchtbare medizinische Versuche macht, sie operiert, ihnen Gliedmaßen amputiert, nur um zu sehen, wie lange sie danach noch leben. Als Zwangsarbeiter muss Durand mithelfen, Flugzeuge für die Luftwaffe zu bauen. Als von ihm montierte Kreiselkompasse nicht funktionieren, wird er zum Tode verurteilt. Zur Vollstreckung kommt es nicht, weil amerikanische Truppen das Lager befreien. Der Krieg ist zu Ende und Durand – was für ein unverschämtes Glück – hat überlebt.

ENTREE: Über dem Eingang des „Salambo” hing ein Porträt von Rene Durand mit Lorbeerkranz im Haar.


Foto: Bredenberg

FEUER: Am 18. Februar 1983 schlagen Flammen aus dem Dach des „Salambo”. Das Sex-Theater brennt restlos nieder.


Foto: Hkschblcgel/Zint

GROSSE FREIHEIT: Die Leuchtreklame des „Salambo” dominiert viele Jahre lang die Werbung über Hamburgs sündigster Meile.


Zurück in Paris wird er zunächst Zuhälter, später tingelt er quer durch Europa und den Rest der Welt, arbeitet unter Tage im Kohlebergbau, beim Zirkus, als Aktmodell und als Straßenmusikant: Er singt und spielt dazu Gitarre.

Auf dem Umweg über Stockholm, wo er den „Bobadilla Jazzclub“ betreibt, landet er schließlich in Hamburg, der Stadt, in der sein Traum wahr wird: Er eröffnet das „Salambo“, hat also endlich sein eigenes Theater. Noch dazu befindet es sich im wohl berühmtesten Gebäude von St. Pauli: in der Großen Freiheit 39, dem ehemaligen „Star-Club“. 70 Frauen und Männer gehören zum Ensemble. Alle nennen Durand „Papa Dudu“. Mehr als 4000 Kondome gehen pro Spielzeit drauf.

Am 18. Februar 1983 schlagen meterhoch Flammen aus dem Dach. Das „Salambo“ brennt mit allen Kostümen, Kulissen und der kompletten Bühnentechnik ab. Ziemlich klar ist, dass Brandstiftung dahintersteckt. Wer hier gezündelt hat – vielleicht Durands Konkurrenz –, wird nie geklärt.

Schon wenige Wochen später eröffnet der „Maître de plaisir“, wie Durand sich nennt, sein Theater neu: diesmal in der Großen Freiheit 11, einem Gebäude, das ihm Willi Bartels, der sogenannte „König von St. Pauli“, zur Verfügung stellt.

SPENDE: Rane Durand freut sich. Ein MOPO-Leser hat 100 Mark gespendet, damit das „Salambo“ nach dem Feuer weitermachen kann. MOPO-Reporter Gerd-Peter Hohaus überbringt die Spende.


Foto: Bottmann

BANANENTANZ: Im Juni 1977 entsteht dieses Foto. Es war Rene Durands Idee, dass diese „Salam- bo”-Tänzerin ein Bananenröckchen trägt - genau wie einst die berühmte Josephine Baker in den 20er Jahren.


Foto: Bredenberg

Lange Zeit zerreißt sich die Öffentlichkeit das Maul: Mutmaßungen werden angestellt, wieso eigentlich die Behörden dem „Salambo“ nicht längst auf den Pelz gerückt sind. Die Gerüchteküche brodelt. Viele glauben, Durand zahle Bestechungsgelder. Der aber bestreitet das: „Mir ist das Geld viel zu schade, um es an Beamte zu verteilen“, sagt er.

Anfang der 90er Jahre ändert sich das Klima deutlich. Jetzt, so scheint es, haben Hamburgs Sittenwächter Durand richtiggehend auf dem Kieker. Der Vorwurf: Förderung der Prostitution. Mehrfach wird das „Salambo“ geschlossen, doch Durand eröffnet immer wieder neu. Bis dann 1997 endgültig Schluss ist mit dem bumsfidelen Treiben. Das „Salambo“ muss nach Razzien durch Polizei und Steuerfahndung seinen Betrieb einstellen.

Durand verlässt das Land, pendelt in den darauffolgenden Jahren zwischen Marokko und Deutschland hin und her, wird schwer krebskrank, erleidet Herzinfarkte und einen Schlaganfall. Die letzten Jahre wird Durand von seinem besten Freund, dem legendären Beatles-Fotografen Günter Zint, in dessen Haus gepflegt. Am 17. Januar 2013 stirbt er im UKE. Die schillerndste Figur, die der Kiez hervorgebracht hat, ist tot und wird in Ohlsdorf beigesetzt. Unter den 40 Personen, die an der Trauerfeier teilnehmen, sind Dragqueens mit roten Perücken. Und Kiezgröße Karl-Heinz Schwensen hält die Trauerrede.

GESCHLECHTSAKT: Sexpapst Rene Durand kniet auf der Bühne und gibt Anweisungen, während dieses Paar zur Sache kommt.


VOR DER RUINE: Rene Durand und sein Ensemble lassen sich nicht unterkriegen. Das - ist die Botschaft dieses Bildes. Im Hintergrund: die Ruine des abgebrannten Sex-Theaters.


Foto: Zint |»M|