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Selbstbehauptungskurse: Hau ab!


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2010 vom 10.08.2010

In Selbstbehauptungskursen lernen Kinder, dass sie ein Recht haben, Nein zu sagen. Sie üben, wie sie sich in bedrohlichen Situationen verhalten können. Lesen Sie, welche Kriterien gute Kurse erfüllen sollten.


Artikelbild für den Artikel "Selbstbehauptungskurse: Hau ab!" aus der Ausgabe 8/2010 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: amw-photography.de

Die Zahl der Anbieter von Selbstbehauptungskursen ist in den vergangenen Jahren rasant nach oben geschnellt. Eine Ursache: Die Fülle an Medienberichten über Gewaltdelikte an Kindern.

Legt man offizielle Statistiken zugrunde, dann ist allerdings die Gefahr, dass ein Kind Opfer von Gewalt durch einen Fremden wird, deutlich geringer als die Gefahr, die durch Übergriffe aus dem ...

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... sozialen Umfeld droht. Nachbarn, Verwandte, Trainer, die Enthüllungen über die Übergriffe hinter Kirchen- und Internatsmauern – Eltern haben zunehmend das Gefühl, dass ihre Kinder nirgendwo mehr „sicher“ sind. Psychologen sehen diese Entwicklung mit Besorgnis. Denn einerseits ist es wichtig, sein Kind aufzuklären und vor entsprechenden Gefahren zu warnen.

Doch andererseits entsteht aus der Angst auch die Tendenz, seine Kinder zu sehr zu behüten, sie praktisch nicht mehr unbegleitet in die Öffentlichkeit zu lassen. Dadurch wird es Kindern schwerer gemacht, selbstsicher zu werden und ein Gespür für echte Gefahren zu bekommen. Das Fatale: Überbehütete Kinder werden sogar schneller zum Opfer als solche, die gelernt haben, auf sich selbst zu achten.

Kinder stark machen

Doch Eltern, die ihr Kind in einen Selbstbehauptungskurs schicken, haben noch ein weiteres Problem vor Augen: Die Übergriffe von Rüpeln auf dem Schulhof und das Mobbing, dem sowohl jüngere als auch ältere Kinder ausgesetzt sein können. Die Kids sollen lernen, solche Situationen zu erkennen – und sich gezielt zur Wehr zu setzen.

Die Anbieter von Selbstbehauptungskursen versprechen nun, Kinder für die vielfältigen Alltagssituationen stark zu machen und ihnen ein positives Selbstwertgefühl zu vermitteln. In den Kursen sollen Kinder auf kritische Situationen vorbereitet und für Gefahren sensibilisiert werden – egal wo diese herkommen: von Fremden, bekannten Erwachsenen oder anderen Kindern und Jugendlichen. Die Kids sollen lernen, dass sie das Recht haben, deutliche Grenzen zu ziehen und ihre eigenen Bedürfnisse klar zu äußern, sei es gegenüber dem rüpeligen Mitschüler oder der Tante, die immer Küsschen geben will, obwohl das Kind das gar nicht möchte.

Alle gegen einen: In guten Selbstbehauptungskursen lernen Kinder auch, sich gegen Mobbing zu wehren.


Foto: ccvision.de

Eltern werden von ihrer Verantwortung aber nicht entlastet, nur weil ihre Kinder einen Selbstbehauptungskurs besuchen. In einem Informationsgespräch mit den Kursleitern müssen den Eltern deshalb auch die Grenzen eines solchen Trainings klar gemacht werden: Selbstbehauptungskurse können keine Sicherheit versprechen. Kinder sind Erwachsenen immer unterlegen und diese tragen die Verantwortung und nicht das Kind, das sich (vielleicht trotz des Trainings) „falsch“ verhält. Zudem kann niemand in wenigen Stunden aus einem schüchternen ein selbstbewusstes, abwehrbereites Kind machen. Das heißt: Die Kurse ersetzen nicht die Präventionsarbeit von Eltern und Schule, sie unterstützen und ergänzen sie nur.

Markt heiß umkämpft

Wer möchte, dass sein Kind selbstbewusst und abwehrbereit ist, muss außerdem verstehen und billigen, dass der Nachwuchs den Widerstand auch in der Familie üben wollen wird. Wer zu Hause keine Widerrede und nur Gehorsam duldet, kann nicht erwarten, dass sich sein Kind anderen gegenüber zur Wehr setzt. Dass Eltern gegenüber ihren Kindern nicht handgreiflich werden, versteht sich von selbst.

Nicht zuletzt: Ein schlechter Kurs kann einem Kind (und dessen Eltern) mehr Angst machen, als vorher da war und die Kinder mit großem Schrecken zurücklassen. „Der Markt ist heiß umkämpft“, weiß Birgit Horlaender von der Präventionsstelle des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. Viele Anbieter kommen aus dem Bereich der Kampfsportarten, andere verkaufen ihr Kurskonzept bundesweit als Kurz-Fortbildungsmaßnahme an Kursleiter ohne entsprechende Vorbildung aus dem pädagogischen Bereich. Um Eltern eine Hilfe bei der Suche nach einem seriösen Anbieter zu geben, haben die Beratungsstellen der Bundeskriminalämter und der Deutsche Kinderschutzbund deshalb Empfehlungen erarbeitet (siehe unsere Checkliste).

Checkliste | Der passende Kurs

Gruppengröße? Sind zwei Trainer dabei, ist eine Gruppengröße von 16 Kindern kein Problem, bei einem sind acht bis zwölf in Ordnung.

Das Kursprogramm muss auf das Alter der Kinder abgestimmt sein. Mit älteren Kindern sprechen Trainer in der Regel auch über Missbrauch, außerdem bekommen sie einige kleine Verteidigungskniffe an die Hand.

Jungen und Mädchen? Je nach Alter und Konzeption kann eine Differenzierung nach Geschlecht sinnvoll sein, sie ist aber nicht zwangsläufig eine Bedingung für einen guten Kurs.

Wann? Ab dem Vorschulalter bis zur fünften oder sechsten Klasse – bis an die Pubertät. Nach der Pubertät beginnen manche Jugendliche mit Kampfsport.

Wie oft? Manche Anbieter haben Wochenendkurse im Programm, andere verteilen ihren Stoff auf wöchentliche Treffen. Insgesamt sollte ein Kurs acht bis zehn Stunden dauern.

Information und Austausch? Zu Beginn sollte eine ausführliche, offene Information der Kinder über Konzept, Ablauf und Ziele des Kurses stehen. Eltern sollten in einem separaten Gespräch ebenfalls über Sinn, Möglichkeiten und Grenzen eines Kurses unterrichtet werden.

Kein Test! Am Ende des Kurses darf keine Prüfung stehen, bei der das Kind unter Umständen „versagen“ kann.

Rollenspiele sind nur in einem geschützten, bekannten Raum und mit den Trainern, die die Kinder kennen, sinnvoll.

Körperkontakt? Übungen mit Körperkontakt zum Trainer oder anderen Kindern sollten immer freiwillig sein.

Ausbildung der Trainer? Ein ausschließlich kampfsportlicher Hintergrund, ist nicht sinnvoll. Die Trainer sollten über fundierte pädagogische Kenntnisse und Erfahrung mit Kindern verfügen und auch mit möglichen Gewalterfahrungen der Kinder kompetent umgehen können.

Polizei? Hinterfragen Sie beim Werbeattribut „Polizei“, ob wirklich eine aktuelle Zusammenarbeit mit der Polizei besteht.

Vernetzung? Fragen Sie nach der Vernetzung der Anbieter mit anderen, örtlichen Beratungs- und Präventionsstellen.

Keine Erfolgsgarantie! Für die Sicherheit und das Selbstbewusstsein eines Kindes kann ein Anbieter keine Garantie geben. Wer damit wirbt, ist unseriös.

Keine Werbung mit Angst! Anbieter, die viel über steigende Kriminalität und sexuelle Überfälle durch Fremde reden, spielen mit den Ängsten von Eltern und Kindern. Das ist kontraproduktiv und nicht seriös.

Spaßfaktor? Muss unbedingt dabei sein, kein Kind sollte gegen seinen Willen mitmachen müssen.

Preise? Sehr unterschiedlich je nach Anbieter. Manchmal bezuschusst ein Förderkreis der Schulen oder die Gemeinde die Kurse.

Anbieter? Präventionsstellen der Polizei, Landeskriminalämter, Familienzentren, Schulen, Sportvereine, Jugendberatungsstellen.