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Shampoos gegen Haarausfall: Zum Haareraufen


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2016 vom 28.04.2016

Jede Menge Shampoos suggerieren Abhilfe bei drohender Glatze. Doch die Studienlage zeigt: kein einziges wirkt. Von 20 getesteten Produkten taugen allenfalls einige zur teuren Haarwäsche.


Artikelbild für den Artikel "Shampoos gegen Haarausfall: Zum Haareraufen" aus der Ausgabe 5/2016 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 5/2016

Das Gefühl vorm Badspiegel schwankt meist zwischen Wehmut und Verzweiflung. Wenn sich Scheitel lichten und Geheimratsecken zu Höfen mausern, ergreift so manchen die Glatzenangst. Neben Haaren lassen Frauen wie Männer dann oft schon in jungen Jahren viel Geld für vermeintliche Wundermittel. Prominente wie Fußballtrainer Jürgen Klopp oder der FDP-Vorsitzende Christian Lindner trieb die Eitelkeit gar zum Äußersten: ...

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... Haarverpflanzungen. Dabei gehen etwa jedem zweiten Mann und jeder fünften Frau früher oder später die Haare aus. Oft belastet der Rückgang: Zehn Prozent von rund 14.800 von der Gesellschaft für integrative Kommunikationsforschung befragten Männer gaben 2013 an, darunter zu leiden. Von 15.400 befragten Frauen waren es immerhin 4,4 Prozent.

Das Geschäft mit Kosmetik, die Abhilfe suggeriert, läuft: Hochgerechnet 1,39 Millionen Deutsche erklärten dem Institut für Demoskopie Allensbach im vergangenen Jahr, in den letzten drei Monaten rezeptfreie Mittel gegen Haarprobleme oder Haarausfall verwendet zu haben. 2014 waren es noch 1,36 Millionen. Die Umsatzzahlen der beiden bekanntesten Shampoos gegen Haarausfall vom Marktführer, der Bielefelder Wolff-Gruppe, wuchsen 2015 etwa stärker als der gesamte Markt für Haarpflegemittel.


Hersteller setzen Millionen Euro mit Shampoos gegen Haarausfall um


Der stagnierte laut der Iri-Marktforschung, die im Auftrag des Kosmetikverbands VKE Daten erhebt, bei rund 1,7 Milliarden Euro Umsatz. Der allgemeine Shampoomarkt steigerte sich nur um 4,2 Prozent. Alpecin legte hingegen nach Unternehmensangaben um elf Prozent auf 76 Millionen, Plantur um zwölf Prozent auf 45 Millionen Euro zu.

Wie und warum Haare ausgehen, ist höchst verschieden. Am häufigsten ist der erblich bedingte, gefolgt vom diffusen Haarausfall. Seltener sind die kreisrunde oder die vernarbende Form. Die genetische Variante zeigt sich bei starker Veranlagung oft schon zwischen dem zwanzigsten bis dreißigsten Lebensjahr bei Mann und Frau: „Bei Männern macht sie sich durch Lichtungen der Geheimratsecken oder am Hinterkopfwirbel bemerkbar. Bei Frauen im Mittelscheitelbereich“, erläutert Prof. Dr. Hans Wolff, Leiter der Haarsprechstunde an der dermatologischen Universitätsklinik München.

Ob eine Veranlagung beim Mann vorliege, zeige meist die Situation bei Vater, Mutter und Großeltern. „Wenn der Vater eine Vollglatze trägt, dann tragen die Kinder ein erhöhtes Risiko“, so Wolff, der nicht verwandt mit der Unternehmerfamilie Wolffist. Bei Frauen sei der erbliche Haarausfall schwieriger zu erkennen, da er sich oft später und diffuser zeige.

Die vererbten Lichtungen unterscheiden sich vom Effluvium, dem täglichen, verstärkten Haarausfall: „Diffuser Haarausfall ist häufig verursacht etwa durch Eisenoder Zinkmangel, Nebenwirkungen von Medikamenten oder durch Hormonstörungen“, weiß Dr. Gerhard Lutz, Haar- und Nagelspezialist vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen. Unter der Form, die auch jahreszeitlich bedingt sein oder auf eine Syphiliserkrankung hinweisen kann, leiden Frauen besonders häufig. Woran es genau liegt, so Lutz, könne letzlich nur von einem Hautarzt ermittelt und gezielt therapiert werden. „Selbstdiagnose eines diffusen Haarausfalls und Behandlung mit Kosmetika sind dann natürlich Kokolores. Da wird gerne blind ins Gebüsch geschossen, ohne zu wissen, wieso es raschelt.“

Was stoppt nun das erblich bedingte Haaresterben? Weniger kämmen oder waschen? Keine Mützen tragen oder gar stimulierendes Laserlicht? „Alles Quatsch, nicht belegbar“, sagt Hans Wolff. Ihm zufolge helfen allein zwei Arzneiwirkstoffe: „Bei Männern hilft nur das Schlucken der Finasterid-Tablette gegen die männliche Glatzenbildung oder aber die fünfprozentige Minoxidil-Lösung. Bei Frauen steht letztlich nur die Minoxidil-Lösung bereit.“ Beide Mittel seien seit vielen Jahren zugelassen und die Wirksamkeit durch seriöse Studien belegt. In bis zu 90 Prozent der Fälle stoppten sie den Haarverlust. Bei etwa der Hälfte führe die Therapie zu einer sichtbaren Verdichtung der Haare.

ÖKO-TEST rät

• Shampoos, die als Hilfe gegen Haarausfall beworben werden, sind Geldverschwendung. Zudem sind nur zwei der getesteten Produkte ohne jegliche Kritik an den Inhaltsstoffen.

• Wenn Sie unter Haarausfall leiden, gehen Sie zum Hautarzt. Nur er kann Typ und Ursachen zweifelsfrei klären und gezielt therapieren.

• Gegen genetisch vererbten Haarausfall helfen allein die Arzneimittelwirkstoffe Finasterid oder Minoxidil. Dass sie Haarverlust nachweislich bremsen oder stoppen, belegt eine große Zahl aussagekräftiger Studien.

• Auf www.haarerkrankungen.de informieren ausgewiesene Experten über Haarausfall und unerwünschte Körperbehaarung.

Gleichgültig oder verzweifelt? Bis zum 50. Geburtstag erlebt etwa jeder zweite Mann eine erblich bedingte Lichtung des Haupthaares. Die Reaktionen schwanken.


Foto: goodluz/Shutterstock

Allerdings erlebten laut Wolffein bis zwei Prozent der Männer mit dem verschreibungspflichtigen Finasterid Potenzstörungen. Das ebenfalls nur in der Apotheke erhältliche Minoxidil sei zwar weitgehend ohne Nebenwirkung, aber mit dem Auftragen am Morgen und Abend aufwendiger anzuwenden. Ohnehin fordert beides lebenslange, tägliche Disziplin: Nur einmal unterbrochen, gehen die Haare wieder aus. „Wenn ein Patient erprobte Therapievarianten wie etwa mit Minoxidil oder Finasterid ablehnt, kann ich ihm nur sagen, dass er eben mit einer zunehmenden Glatzenbildung leben muss“, sagt Gerhard Lutz. Da bleibe dann nur noch der Kauf eines Haarteils oder einer Perücke.

Die Kosmetikbranche trotzt diesen Erkenntnissen, bewirbt diverse Shampoos als hilfreich bei Haarausfall. ÖKOTEST hat deshalb 20 solcher Produkte eingekauft, auf bedenkliche Inhaltsstoffe geprüft und nach Beweisen für die Wirksamkeit gefragt.

Das Testergebnis

Schädlich und wirkungslos: An den getesteten Shampoos bleibt kein gutes Haar. Knapp die Hälfte offenbarte bedenkliche Belastungen im Labor. Zu allem Verdruss legten Hersteller kaum Produktstudien vor. Was wir zu lesen bekamen, reicht bei Weitem nicht aus, um selbst schwammig formulierte Hinweise zur Anwendung bei Haarausfall zu rechtfertigen. Allein vier Shampoos erhalten das Trostpflaster „befriedigend“. Sieben kommen gerade so mit „ausreichend“ weg. Vom Rest raten wir gänzlich ab: „ungenügend“.
Falsche Versprechen: Die Anbieter aller getesteten Shampoos suggerieren mal mehr, mal weniger Hilfe bei Haarausfall. Einige Shampoos regen angeblich neuen Haarwuchs an, andere beugen Ausfall vor. Mal ist dabei von einer generellen Wirkung gegen Haarausfall die Rede, mal konkreter gegen erblich bedingten oder kryptisch von „durch Haarbruch verursachtem Haarverlust“. Mit einer breiten Palette an Inhaltsstoffen sollen viele der Shampoos auch die Haarwurzeln aktivieren, stärken, schützen oder ihre Energieversorgung verbessern. Als wirksam preisen die Anbieter häufig Koffein, Keratin, Aminosäure, Melatonin, Mineralien, Vitamine und verschiedene pflanzliche Eiweiße. Aber auch Ginseng, Guaraná, Tigergras, Eierschalen oder gar Apfelstammzellen wecken Hoffnungen. Aus unserer Sicht schließen Kosmetika solche Versprechen allerdings bereits per definitionem aus. Denn ihre chemischen Rezepturen dürfen schon per Gesetz nur äußerlich wirken. Auch wissenschaftlich ist der Nutzen der eingesetzten Substanzen nicht belegt. Erblich bedingtem Haarausfall beugen sie weder vor noch wirken sie dagegen: Zu diesem Schluss kommt die Therapierichtlinie des Europäischen Dermatologie Forums. Führende Hautkunde-Professoren aus ganz Europa werteten dafür im Jahr 2013 systematisch den aktuellen Forschungsstand in 376 Studien aus. Demnach fehlen für 36 verschiedene Stoffe und Stoffgruppen in Kosmetika nicht nur ausreichende Beweise für zugeschriebene haarwachstumsfördernde Effekte. Sie wirken bei Frauen und Männern auch nicht entzündungshemmend, durchblutungsfördernd, verbessern die Nährstoffversorgung der Haare oder können gar den Testosteronstoffwechsel beeinflussen. Für das sehr häufig in Kosmetika zu findende Koffein fehle es an Studien, die belegen, dass es gegen anlagebedingten Haarausfall oder Haarwurzel-aktivierend wirkt. Laborversuche an Haarzellen zeigten lediglich, dass sich Koffein in Haarwurzeln anreichern kann.

Auch Professor Hans Wolffsagt: „Was in frei verkäuflichen Shampoos an Substanzen enthalten ist, ist nicht in der Lage, das Haarwachstum merklich positiv zu beeinflussen.“ Er kenne keinen Kosmetikhersteller, der bisher eine Wirkung seiner Produkte nach geeigneten Standards nachweisen konnte: in einer sogenannten randomisierten, doppelblinden, Placebo- kontrollierten Studie an einer ausreichenden Zahl von Probanden. Diese müsse über mindestens zwölf Monate laufen, da die Haardichte über das Jahr schwanke. Zwingend notwendig seien zudem objektive Analyseverfahren, etwa eine fotomikroskopische Haarzählung, da Haarausfall ein subjektiv schwer zu beurteilendes Phänomen sei. Eine Untersuchung an Haarzellen im Labor eignet sich Wolffzufolge überhaupt nicht: „Aus solchen Ergebnissen lässt sich keine Wirksamkeit beim Menschen schlussfolgern. Sie können in der Petrischale auch ein Nimm2-Bonbon auflösen und der Traubenzucker darin wird letztlich die Haarfollikel anregen. Dennoch würde deshalb niemand glauben, dass Bonbonlutschen Haare wachsen lässt.“

Dubiose Studien: Nur zwei Anbieter legten uns überhaupt vollständige, wissenschaftliche Arbeiten vor, die den Nutzen ihrer Shampoos prüfen. B’iota Laboratories schickte uns eine Studie der Universität Pavia, Italien zum Bioxsine Dermagen Hair Loss Expert Forte von 2011, die einen Haarausfall reduzierenden Effekt bescheinigt. Die Forscher verglichen die täglich shampoonierte Kopfhaut über sechs Monate bei 120 Probanden. Allerdings markierten sie die dazu fotografierten Areale nicht wie üblich mit einer Punkttätowierung. Einer Manipulation ist so Tür und Tore geöffnet. Zusätzlich bewertete ein Arzt den Halt der Haare mittels Zupftest, dessen Ausgang er beeinflussen kann. Auch gibt schon die Teilnehmerauswahl eine positive Studientendenz vor: Sie litten unter erblich bedingtem, aber auch diffusem Haarausfall, der höhere Heilungschancen besitzt. Dr. Kurt Wolfflegte uns zwei Studien von 2013 der Universität Sacred Heart in Rom vor. Eine will eine Minderung von erblich bedingtem Haarausfall durch das Alpecin Coffein Shampoo C1 belegen. Sie ist zwar randomisiert, verblindet und Placebo-kontrolliert. Ihr Ergebnis basiert aber nur auf der Befragung von 66 Männern über die Dauer von sechs Monaten und einer rein subjektiven ärztlichen Beschau der Kopfhaut. Geringe Aussagekraft besitzt auch eine sechs Monate laufende Studie zum Plantur 21 Nutri-Coffein Shampoo bei magerem Haarwachstum. Sie bescheinigt anhand des zweifelhaften Zupftests an 30 Frauen einen mindernden Effekt auf diffusen Haarausfall. Auch ist sie nicht durch einen Placebo kontrolliert, randomisiert oder verblindet. Dr. Kurt Wolffverwies zudem auf weitere Studien, für die das Unternehmen aber zum Teil zahlte oder an denen Angestellte mitwirkten. Sie untersuchen alle erdenklichen Effekte von Koffein auf Haare an Probanden und mittels Zellkulturexperimenten. Keine untersucht jedoch am Menschen, ob Koffein im Haar tatsächlich gegen Haarausfall wirkt.
Riecht gut, aber … Fünf Shampoos duften nach Maiglöckchen. Möglich macht’s Butylphenyl Methylpropional, bekannt auch als Lilial. Der künstliche Geruch steckt in den Produkten der Marken Bioxsine, Hairjazz, Rausch, Schwarzkopf Men und Syoss. Das wissenschaftliche Beratergremium der EU (SCCS) bewertet Lilial seit Sommer 2015 als generell nicht sicher in Kosmetik. Lilial schädige eindeutig bereits in niedriger Dosis und kurzer Kontaktzeit das Fortpflanzungssystem von Tieren. Überrascht waren wir, dass die beauftragten Chemiker es überhaupt im Bioxsine Dermagen Hair Loss Expert Forte entdeckten. Denn obwohl die nachgewiesene Menge weit über dem Wert liegt, ab dem das Nennen gesetzliche Pflicht ist, ist Lilial nicht deklariert. Männlich riecht es aus einigen Tuben: Die Shampoos der Marken Bioxsine, Elvital, Head & Shoulders, Rausch und Neril sind auch mit künstlichen Moschusdüften parfümiert. Die Stoffgruppe ahmt den Geruch des Sexuallockstoffs des Moschus-Hirschen nach, reichert sich aber auch im menschlichen Fettgewebe und im Abwasser an. Neuere Forschung weist zudem darauf hin, dass sie hormonell wirkt. Wer an der Neril Reaktiv-Haarwäsche schnuppert, nimmt zudem eine leicht zitronige Note wahr: Das Shampoo enthält Hydroxycitronellal. Wegen seines Allergiepotenzials gibt’s auch hier Notenabzug.

Trend Haartransplantation

Foto: imago/Moritz Müller

Prominente, Politiker und Manager stehen zunehmend öffentlich zu ihrer chirurgischen Haarverdichtung. Das zieht: Der Eingriffsprang laut der Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch Plastische Chirurgen mit einem Anteil von 2,1 Prozent von Platz 16 im Jahr 2013 auf Platz 13 im Jahr 2014 in der Rangliste der häufigsten Schönheitsoperationen an Männern. Von einer bis zu zehntausend Euro teuren Transplantation eigener Haarwurzeln profitieren Experten zufolge am ehesten Menschen mit isolierter Wirbellichtung, einer Tonsur. Wer sich Haare in die Geheimratsecken implantieren lässt, kommt zudem um eine lebenslange Begleittherapie nicht herum. Nur so lässt sich der Status quo erhalten. Sonst droht der Inseleffekt: Denn die noch natürlich vorhandenen Haare rund um das Transplantationsareal fallen ohne Medikamentengabe weiter aus. Nur die Haare, die Chirurgen üblicherweise vom tiefen Hinterhaupt nach vorne verpflanzen, sind aufgrund ihrer genetischen Eigenschaften weitgehend resistent gegen anlage bedingten Haarausfall.

Zweifelhafte Helferlein: Allen Shampoos, außer denen der Marken Alverde und Yves Rocher, setzen die Hersteller zudem PEG/PEG-Derivate zu. Sie können die Haut durchlässiger für Wirkstoffe machen, aber eben auch für weitere Fremdstoffe. In den Haarpflegemitteln der Marken Bioxsine und Head & Shoulders finden sich zudem halogenorganische Verbindungen. Die festgestellten Typen können Allergien auslösen.
Verzichtbar: Im Head & Shoul ders Anti-Schuppen Sham poo, Anti-Haarverlust wies das beauftragte Labor Formaldehyd/-abspalter nach. Der laut EU krebsverdächtige Gefahrstoffwirkt auf der Haut als starkes Kontaktallergen. Für Krebs sorgt er erwiesen bisher über die Atemwege. Das Head & Shoulders-Shampoo, aber auch das Neril-Produkt enthalten zudem Zink-Pyrithion, das zwar nachweislich gegen Schuppenbildung wirkt. Aus unserer Sicht wiegt dieser Nutzen aber nicht den Schaden an der Natur auf: Der pilzhemmende Stoffschädigt bereits in niedrigen Konzentrationen Wasserorganismen. Verzichtbar ist auch der hormonell wirksame und umstrittene UV-Filter Benzophenone- 1 in der Seborin-Flasche.

So reagierten die Hersteller

Schwarzkopf & Henkel legte uns für keines seiner vier getesteten Shampoos Wirksamkeitsbelege vor. Der Konzern erklärte aber, auf den getesteten Shampoos der Marken Schauma und Seborin sei keine Wirkung gegen Haarausfall ausgelobt. Dass die koffeinhaltigen Shampoos Haarwurzeln aktivieren und „Wachstumsfaktoren ausschütten“, sei durch Studien an Zellkulturen belegt. Aus unserer Sicht suggeriert der Hersteller aber Hilfe bei Haarausfall mit Marketingsprüchen wie „füllt zielgenau verlorene Haarsubstanz auf“. So steht es etwa auf der Schauma-Flasche. Auch auf den Schwarzkopf Men- und Syoss-Flaschen sei nur von einer Wirkung gegen „Haarverlust durch Haarbruch“ die Rede, so der Konzern. Aus unserer Sicht gaukelt die Form allerdings Hilfe gegen tatsächlichen Haarausfall vor. Denn auf beiden Shampoos steht in großen Buchstaben: „Anti-Haarverlust“. Erst das Kleingedruckte erklärt, dass sich der Effekt auf „Haarverlust durch Haarbruch“ beschränkt. Hinter der verschleiernden Wortwahl verbirgt sich ein banales Problem: sprödes Haar.

• Die DrogerieDM, L’Oréal undRausch beteuerten, sie seien in Besitz von Studien, die die Wirksamkeit ihrer Shampoos belegten. Aus „Geheimhaltungsgründen“ oder etwa „grundsätzlichen Erwägungen“ könne man sie aber nicht herausgeben.
• Die DrogerieRossmann schickte uns eine vom Anbieter Dr. Kurt Wolffbezahlte, zweifelhafte Studie, in der Haarzellen aus der Kopfhaut in der Petrischale bis zu acht Tage in Koffeinlösung eingelegt wurden. Demnach stimulierte das Koffein das Wachstum dieser Haarwurzeln.
Lornamead präsentierte uns eine Studie, für die 20 Frauen und 20 Männer ein Haartonikum mit zugesetztem Arginin über drei Wochen anwendeten. Die Arbeit an der Universität Magdeburg zeigt allerdings nur, dass sich Arginin in den Haaren anreichert.
Real schickte uns einen einseitigen „Anwendungstest zur Wirksamkeit“ des Sôi Shâmpôo Coffein. Für diesen wusch eine Friseurin das Haar von drei Kunden mit dem Produkt. Ergebnis: Es war „frisierwilliger“, duftete und sah besser aus als nach der Wäsche mit einem vergleichbaren Shampoo. Noch Fragen?

Warum kommt es eigentlich…

… zum erblich bedingten Haarausfall? Die androgenetische Alopezie ist bei Frauen und Männern die häufigste Form des Haarausfalls. Etwa jeder dritte Mann bemerkt bereits vor dem 30. Lebensjahr eine Lichtung seiner Kopfhaare (Alopezie). Bis zum 50. Geburtstag erlebt sie etwa jeder zweite Mann. Spätestens mit dem siebzigsten Geburtstag trifft es bis zu 80 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen. Ihre Haare reagieren genetisch bedingt überempfindlich auf ein Abbauprodukt des männlichen Sexualhormons (Androgens). Dihydrotestosteron (DHT) lässt die Haarwurzeln in bestimmten Kopfregionen zunehmend schrumpfen und sie produzieren immer feinere, kürzere Haare, was schließlich zur Glatze führt. DHT wird aus Testosteron mit Hilfe des Enzyms 5-Alpha-Reduktase Typ II gebildet. Wann das Haarwurzelsterben ausgelöst wird und wie stark sich eine Glatze zeigt, ist genetisch vorbestimmt.

Foto: shipfactory/Shutterstock

So haben wir getestet

Der Einkauf

Wir haben 20 Shampoos eingekauft, die von der Aufmachung her Hilfe gegen Haarausfall versprechen. Darunter befinden sich Produkte aus Apotheken, Drogerien und Supermärkten, aber auch solche, die nur übers Internet zu beziehen sind. Für das preisgünstigste Shampoo zahlten wir 1,35 Euro; die teuerste Haarpflege kostete 57,85 Euro.

Die Inhaltsstoffe

Die Mehrzahl der getesteten Shampoos ist parfümiert. Wir haben sie daher im Labor auf Diethylphthalat, künstliche Moschus-Verbindungen, die sich im Körper anreichern, und allergisierende Duftstoffe untersuchen lassen. Zudem interessierte uns, ob sie etwa mit umstrittenen halogenorganischen Verbindungen, Formaldehyd/-abspaltern sowie bedenklichen Parabenen konserviert wurden.

Die Weiteren Mängel

Einige der blumigen Werbeversprechen auf den Shampoos sind kaum von einer arzneilichen Indikation zu unterscheiden. Um sie zu überprüfen, baten wir die Anbieter um Wirksamkeitsbelege.

Die Bewertung

Shampoos müssen zuallererst gesundheitlich unbedenklich sein. Maßgeblichen Notenabzug gab es deshalb für bedenkliche Inhaltsstoffe. Natürlich beeinflussten auch nicht haltbare Wirkversprechen bei den Haarwuchsshampoos das Ergebnis – negativ.

Steile Kurven, steile Thesen: Auf vielen Shampooflaschen im Test finden sich Grafiken und Werbesprüche, die Hilfe bei ernsthaftem Haarausfall suggerieren.


Fotos: Labor (2)

Expert: „Viele Studien sind gekauft“

Foto: privat

„Die Hersteller von Kosmetika und Shampoos sind sehr clever. Sie vermeiden wie der Teufel das Weihwasser, dass ihre Produkte in einer harten, wissenschaftlich korrekten Analyse beurteilt werden. Es gibt viele gekaufte Studien, die schon vom Design her unsinnig sind. Darin beauftragen Hersteller etwa ein Labor, eine vermeintliche Wirksubstanz wie Melatonin oder Coffein etwa auf isolierte Haarwurzelzellen zu schütten. Und von diesen Versuchen in der Petrischale wird dann abgeleitet, dass das auch das Haarwachstum am Menschen verbessern soll.“

Prof. Dr. Hans Wolff ist Leiter der Haarsprechstunde an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig Maximilian Universität in München.


Foto: imago/Westend61