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Spjurk – „Zerstreuung“


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Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 22.07.2022

Der Weg der Armenier in die weltweite Diaspora

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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 3/2022

Die Vank-Kathedrale von Neu-Julfa, dem armenischen Viertel in Isfahan, Iran. Etwa 10.000 Armenier leben hier. Der Stadtteil wurde 1606 von über 100.000 armenischen Deportierten gegründet, die während des Osmanischen Kriegs von 1603?1618 umgesiedelt wurden.

Prof.in Dr. Armenuhi Drost-Abgarjan lehrt Armenische Studien am Seminar Christlicher Orient an der Universität Halle-Wittenberg. Schwerpunkte ihrer Studien sind die armenische Sprache, Kultur und Literatur im Kontext der Kulturen des christlichen Orients und der osteuropäischen Literaturgeschichte.

Straßenschild im Stadtteil Little Armenia in Los Angeles. Der Stadtteil wurde von Geflüchteten während des Völkermords von 1915/16 gegründet. In den USA leben ca. 800.000 Menschen, die armenische Wurzeln angeben. Die Zahlen sind nicht offiziell, es könnten auch bis zu 1,5 Millionen sein. Verschiedene Organisationen geben unterschiedliche Zahlen an.

Spjurk („Zerstreuung“) lautet der armenische terminus technicus für die Diaspora. Der Begriff weist eine indogermanische Sprachverwandtschaft mit dem deutschen „Spreu“ (vgl. spreuen, streuen, verstreuen) auf. Die ...

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... Zerstreuung der Armenier über die Welt ist mit der des jüdischen Volkes vergleichbar. Es gibt kaum Ecken in der Welt, wo keine Armenier leben!

Vielfach wurden sie durch Fremdherrscher aus ihrer Heimat vertrieben und kamen in unterschiedlichen Wellen nach Europa und auf andere Kontinente – insbesondere seit dem 11. Jh., nach dem Einfall der Seldschuken und den nachrückenden zentralasiatischen Turkstämmen. Eine besonders starke Auswanderungswelle folgte der Auslöschung Westarmeniens und der planmäßigen Vernichtung seiner Bevölkerung durch die jungtürkische Regierung im Osmanischen Reich (Völkermord 1915/16). Große armenische Diasporagemeinden sind heute in Frankreich (Paris, Marseille, Lyon), Russland (Moskau, St. Peterburg, Rostow am Don), in den USA (Boston, Kalifornien) und im Nahen Osten (Libanon, Syrien, Irak, Iran) zu finden.

Weltweit verbunden

Verbindende Identitätsmerkmale der ca. 10 Millionen Armenier weltweit sind die gemeinsame Sprache (ein Zweig in der indogermanischen Sprachfamilie), die 1600 Jahre alte Schrift, die 1700 Jahre währende Geschichte der ersten offiziellen Kirche der Welt – sowie das hundertjährige Trauma des Völkermords, der bis heute vom türkischen Staat, dem Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches, nicht anerkannt wird.

Vor rund 100 Jahren hielt der berühmte Petersburger Orientalist Nikolaus Marr in Paris einen Vortrag vor dem Französisch-Armenischen Studentenverein. Darin charakterisierte er das armenische Volk als ein „künstlerisch und literarisch erstaunlich begabtes und Bildung spendendes Volk“, das infolge der politischen und wirtschaftlichen Ereignisse über die Welt zerstreut wurde und dabei „die Kunst, künstlerischen Geschmack und das Licht der Literatur“ nach Norden und nach Süden verbreite.

Nikolaus Marr sah Armenien als Standort der Weltkultur und die Armenier als Säende, die den Samen einer altwürdigen Kultur in die Welt getragen hatten. Auch wenn die Träger der armenischen Zivilisation diesen Standort zwischen dem Kaukasus, Mesopotamien und Kleinasien oft verloren hatten oder ihn aufgeben mussten, wirkten sie dort, wohin es sie verschlug, als Weltbürger und gestalteten die Kulturen der Gastgeberländer mit. Ob als Bürger des Byzantinischen, Osmanischen, Persischen oder Russischen Reiches, Österreichs oder später anderer Länder Europas, Amerikas oder Australiens – die Armenier übersetzten zahlreiche Werke ihrer Literatur in die lokalen Sprachen, nahmen am künstlerischen Leben, Bildungswesen, Wirtschaft und Aufbau dieser Länder teil und gewannen sie für die Unterstützung ihrer Heimat.

Die Selbstwahrnehmung der Armenier zu ihrem Dasein außerhalb ihrer Heimat – oder in einer Heimat, die Diaspora geworden ist – spiegelt sich in den Anekdoten und Volksliedern wider. Man sagt, wenn sich sich drei Armenier in der Fremde treffen, bauen sie eine Kirche, gründen eine Schule und geben eine Zeitung heraus. Jivani (1846–1909), einer der beliebtesten armenischen Volkssänger, formulierte diesen Gedanken humorvoll in seinem berühmten mehrstrophigen Reigenlied mit dem Refrain „Schaut mal deren Geisteskraft an“:

Eine neue Stadt sah ich, verliebt in die Kirchen. Die Bewohner sind Armenier, so zwanzigtausend Seelen, selbst haben sie keine Nahrung zum Leben, bauten doch fünf Klöster, schaut mal deren Geisteskraft an.

Die ganze mittelalterliche Poesie ist geprägt durch die sogenannten Fremdlingslieder, eine zentrale Textsorte der armenischen Literatur. Tatsächlich war die Kirche in der Diaspora, wie im Lied, die Institution, die die Armenier um sich scharte, organisierte und ihnen ihre Heimat ersetzte.

Der Weg nach Europa

Die zuvor bereits von Persern, Byzantinern und Arabern unterdrückten Armenier sahen sich im 11. Jh. zu einem Exodus in den Südwesten, in die kilikische Ebene, gezwungen (s. Karte S. 46). Dort gründeten sie am Mittelmeer das kilikisch armenische Königreich, das seinen Höhepunkt im kulturellen Austausch mit Griechen, Lateinern, Venezianern und Deutschen im 13. Jh. erreichte und sich als eine kulturelle Brücke zwischen Orient (Mongolen und Araber) und Okzident zu einer Blüte der Weltkultur entwickelte.

Hier wurde der Weg der Armenier nach Europa geebnet. Begonnen hatte dieser Weg bereits im 9. Jh. mit der Verbannung der armenischen „Ketzer“-Gruppen der Paulikianer aus Kleinasien an die thrakische Grenze des Byzantinischen Reiches. Armenier genossen sonst im Reich nicht nur den Ruf bewährter Grenzsoldaten (Akriten), sondern dienten dort als Offiziere und Beamte aller Ränge. Auch der Kaiserthron in Konstantinopel wurde nicht nur einmal von einem Armenier bestiegen. Von den byzantinischen Kaisern armenischer Herkunft ist Leo V. der Armenier (813–820) deutschsprachigen Leserinnen und Lesern am ehesten bekannt durch das Trauerspiel des Glogauer Dichters „Leo Armenius oder Fürsten-Mord“. Zum Kreis der Akteure zwischen Armenien und Europa gehört eine Reihe weiterer bekannter byzantinischer Kaiser armenischer Herkunft: Herakleios (610–641), berühmt durch die Rückführung des Heiligen Kreuzes nach Jerusalem, Basileius I. (867–886) oder Johannes I. Tzimiskes (969– 976), dessen Nichte Theophanu zur Ehefrau Ottos II. und damit zur deutschen Kaiserin wurde.

Durch die Flucht vor den vernichtenden Angriffswellen der Turk-Völker und nach der Zerstörung des armenisch-kilikischen Königreichs durch die Mamelucken (1375) brandeten neue armenische Exilanten-Wellen auf den Balkan, über die Krim und Moldawien nach Polen, Galizien, Podolien und in die Ukraine. Ein Symbol der oft verpflanzten armenischen Hochkultur ist das Lemberger Evangeliar, eine illuminierte Handschrift des 12. Jh. Es war nach dem Zweiten Weltkrieg verschollen und tauchte in Polen (in der Erzbischöflichen Bibliothek von Gniezno) wieder auf: Armenische Flüchtlinge hatten es aus Kilikien nach Lemberg gerettet.

Die nächstgelegenen „klassischen“ Gebiete der armenischen Diaspora liegen auf dem Territorium Russlands, wo zurzeit 2 Millionen Armenier leben. In Moskau zeugte das Lazarev-Institut von der bedeutenden Vermittlerrolle Armeniens zwischen Europa und dem Orient. Es wurde 1815 von der adligen armenischen Familie Lazarev als internationale Ausbildungsstätte für orientalische Sprachen gegründet und bestand bis 1954.

Armenier in Ost- und Mitteleuropa

Dieser Beitrag wirft einen besonderen Blick auf Mittel- und Osteuropa, eine Region, die uns geografisch nah ist – aber im Wissen um die Geschichte oft sehr fern! Seit dem Mittelalter besiedelten Armenier das Karpatenbecken, Transsilvanien/Siebenbürgen, Podolien und Galizien sowie andere osteuropäische Regionen. Sie wirkten als Kaufleute, Geistliche, Intellektuelle, Architekten, Handwerker oder politische Eliten am Aufbau der urbanen Architektur, der internationalen Handelsnetzwerke und der Städteverwaltung sowie in Wirtschaft, Bildung und Kunst mit.

Von der frühen, gewichtigen Präsenz in Ost- und Ostmitteleuropa zeugen zahlreiche Ortsnamen, Straßen- oder Stadtbezirksnamen in den größeren Städten, in denen Armenier wohnten. Viele Beispiele dafür findet man etwa in den armenischen Stadtgründungen „Armenierstadt“ (Armenopolis, ungar. Szamosújvár/ Gherla) und Elisabetstadt/Epeschdorf (Elisabetupolis, rumän. Dumbrăveni, ungar. Erzsébetváros) in Siebenbürgen oder Lemberg (Leopolis/Lwiw, heute Ukraine), Zamość und Kamjaniec’-Podil’s’kyj (heute Polen).

Paulikianer

Eine christlich-häretische Gruppe des 8./9. Jh., die sowohl in der byzantinischen wie auch der armenischen Kirche Anhängerschaft fand. Sie lehnte Teile des Alten und Neuen Testaments ab sowie jegliche bildliche Darstellung Jesu Christi – und vertrat eine dualistische Christologie.

In Deutschland

... leben ca. 65.000 Armenier oder Menschen mit armenischen Wurzeln, die genaue Zahl ist schwer zu ermitteln. Die größte kirchliche Gemeinde befindet sich in Köln, weitere in Berlin, München und anderen Großstädten. Insgesamt 16 Gemeinden gehören zur Diözese der Armenischen Apostolischen Kirche in Deutschland, die 1991 gegründet wurde. Bishof Serovpé Isakhanyan steht der Diözese vor, der Bischofssitz ist Köln.

Schlaglichter auf das Diasporaleben der Armenier in Mittel- und Osteuropa

• Armenier auf der Krim:

Eine armenische Präsenz auf der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer ist bereits seit dem 1. Jh. vC belegt. Heute zeugen 50 Kirchen – zum Teil zerstört –, in deren Skriptorien eine reichhaltige Manuskript-Produktion florierte, von Jahrhunderten armenischen Lebens hier. Armenier lebten auf der ethnisch, konfessionell und kulturell pluralistischen Halbinsel neben Griechen, Juden, Russen, Bulgaren, Goten, Genuesen und Venezianern in stetem kulturellem Austausch. Die Krim-Kulturmetropolen Kaffa, Suroz und Surchat waren im 14. Jh. dicht mit Armeniern besiedelt. In den mittelalterlichen Urkunden werden Teile der Halbinsel auch Armenia maritima oder Armenia magna genannt. In Jalta war der weltberühmte russische Maler armenischer Herkunft Iwan Aiwasovski (Hovhannes Ayvazyan, 1817–1900) zu Hause. Armenische Siedlungen und Kirchen gab es auch in den Krim-Städten Sudak und Soldaie.

Die Namen der armenischen Händler Poghos, Avetik, Grigor und Sargis waren in ganz Osteuropa ein Begriff. Als die Italiener, besonders die Genuesen, langsam ihren Einfluss auf die russisch-polnischen Handelsbeziehungen verloren, wurden sie von den Armeniern ersetzt. Die Armenier handelten mit Seide, Baumwolle, Wolle, Stoffen, Mandeln, Tüchern, Drogerie- Artikeln, griechischen Walnüssen etc. Die Krim war ein Stützpunkt für den Transit-Handel. Waren aus der Walachei nach Russland wurden von den Krim-Armeniern transportiert. Aus Russland importierten sie Pelze, Gold, Waffen, Kristall-Geschirr und Fischöl. Heute leben auf der Krim ca. 25.000 Armenier.

Armenier lebten auf der Krim neben Griechen, Juden, Russen, Bulgaren, Goten, Genuesen und Venezianern in stetem kulturellem Austausch

• Armenier in Siebenbürgen/Transsilvanien (Ungarn, Rumänien und Moldawien):

Die Krim-armenischen Händler und Geschäftsleute hatten ihre Niederlassungen in Polen, Galizien, Ungarn, Transsilvanien und Litauen. Laut armenischen Kirchenchroniken, beispielsweise aus Abba Julia, litten unter den türkischen Überfällen auch die Krim-Armenier. 1475 verließen sie daher ihre Wahlheimat und siedelten sich in Kamenec Podolski, Lwiw und anderen Orten Osteuropas (Galizien, Transsilvanien, Moldawien) an. Von einst 100.000 armenischen Familien blieben nur noch 5000 bis 6000 übrig.

Elisabetstadt, heute Dumbrăveni in Rumänien, wird erstmals 1415 erwähnt. Unter dem transsilvanischen Fürsten Michael Apati I. (1661–1690) wanderten Armenier dort in großer Zahl ein und bekamen unter seinem Nachfolger Michael II. Privilegien. In Armenierstadt, heute Gherla in Rumänien, dem zweiten armenischen Zentrum in Siebenbürgen/Transsilvanien, stehen immer noch vier armenische Kirchen, ehemals zwei altapostolische und zwei armenisch-katholische. Nach einem Dekret der Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn Maria Theresia im Jahr 1758 verwalteten die Armenier den ganzen Bezirk Elisabetstadt. 1760 erlaubte die Herrscherin, Gesandte aus diesem Bezirk und aus Armenierstadt zu ihrem Thron zu schicken. Joseph II. veranlasste 1785 die unmittelbare Zuordnung dieser Gebiete unter seine Regierung. Sie bekamen 1786 den Status freier königlicher Städte.

Die Hamidischen Massaker an armenischer Bevölkerung im Osmanischen Reich 1894– 1896, die Massaker von Adana von 1915 sowie der Völkermord an den Armeniern durch die jungtürkische Regierung 1915/16, dessen Nachwehen bis 1922 andauerten, waren Auslöser der nächsten Auswanderungswellen und der Einwanderung von Armeniern nach Ost- und Mitteleuropa. Die letzte Auswanderung Richtung Transsilvanien fand 1922 statt, als die türkischen Kemalisten die Christen von Smyrna vernichteten.

Während in den Donaufürstentümern (Bukarest, Konstanta, Tulcea) die armenischapostolischen Christen ihre nationale und konfessionelle Identität sowie ihre Sprache bis heute bewahren durften, wurden die Armenier Transsilvaniens seit dem 17. Jh. allmählich zum Katholizismus konvertiert und bildeten mit Rom unierte armenisch-katholische Gruppen, die ihre Liturgie im armenischen Ritus und in armenischer Sprache feierten. Sie unterhielten intensive Beziehungen mit der armenisch-katholischen Bruderschaft der Mechitharisten („Congregatio monastica Antonianorum Benedictinorum Armenorum“) gegründet 1712, in Wien seit 1805.

Auch nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks erfuhren die armenischen Gemeinden in Ungarn (ca. 15.000), Rumänien (ca. 3000) und Moldau (ca. 8000) einen Zuwachs.

• Armenier in Polen und der Ukraine:

Zwischen dem 11. und 17. Jh. siedelten sich Armenier in Polen an, zunächst über die Migrationsroute Armenien–Krim und später über Moldawien und Transsilvanien. Die polnischen Armenier beschäftigten sich vornehmlich mit dem Fernhandel, daher ließen sie sich in den großen städtischen Zentren wie Lwiw/Lemberg, Kamenec Podolsk und Zamosc nieder. Heute leben sie vorwiegend in Gliwice, Danzig und Krakau.

Die armenische Gemeinde in Polen besteht ähnlich wie in anderen Ländern der weltweiten armenischen Diaspora aus zwei Gruppen: etwa 8000 bis 15.000 Armenier, die bereits vor der Wende 1990 dort lebten und fast vollständig assimiliert sind (sie sprechen kein Armenisch mehr) und ca. 25.000 Armenier, die nach dem Zerfall der Sowjetunion zwischen 1990 und 1996 nach Polen ausgewandert sind. 2006 gründeten die altansässigen Armenier, die sich trotz ihrer Assimilation infolge von Zwangskatholisierungen im 17. Jh. ihrer armenischen Identität bis heute bewusst sind, mit staatlicher Förderung eine Stiftung für das kulturelle Erbe der Armenier in Polen. Der Präsident der Stiftung, Prof. Krzysztof Stopka, gibt an der Universität Krakau die Schriftenreihe Lehahayer („Polnische Armenier“) heraus und unterstützt die armenischen Studien in Polen. Auf Initiative der Stiftung wurde ein Museum mit Büchern und Artefakten in Warschau eröffnet.

Bedeutsam für die Armenier in Polen war die am 15. April 2005 erfolgte Anerkennung des Genozids an den Armeniern durch das polnische Parlament. In Danzig erinnert nun ein zwei Meter hoher Kreuzstein an die armenischen Opfer des Völkermords in Form einer aufgeschlagenen Bibel mit einer Memorialinschrift.

Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. war auch bei den polnischen Armeniern eine Wiedergeburt des nationalen Bewusstseins zu beobachten. Der Zweite Weltkrieg jedoch stoppte diese Bewegung, und die kommunistischen Regimes in Mittel- und Osteuropa unterstützten die armenische Diaspora kaum. 1940 wurden 2500 Lwówer Armenier (bis 1939 war Lwiw polnisch, heute in der Ukraine) durch die Sowjetmacht nach Sibirien deportiert und ihr Priester Dynisius Ketanovich festgenommen. Er starb 1954 im Exil. Während des Zweiten Weltkriegs teilten die Armenier das Schicksal ihrer polnischen Landsleute und wurden entwurzelt und ver- trieben. 1939, als Ostpolen (die heutige West-Ukraine) sowjetisch besetzt wurde, flohen viele katholische Armenier nach Warschau, Gliwice, Slonsk, Olava, Danzig oder Krakau. Als Teile der polnischen Territorien nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sowjetunion kamen, floh die armenische Geistlichkeit aufgrund der Repressalien gegen die Kirche nach West- und Südpolen. Die Auswanderung wurde verlangsamt, als in den 1950er- bzw. 1980er-Jahren im Norden und Süden Polens (Glivisti) armenisch-katholische Bistümer gegründet wurden. Das Gemeindeleben polnischer Armenier wurde nach einer Vollversammlung der Armenier in Krakau in den 1980er-Jahren wiederbelebt. Zudem wurde die armenische Gemeinde Mitglied der Polnischen Ethnographischen Gesellschaft und gründete eine Gesellschaft der an armenischer Kultur Interessierten, die sich später zur Union der polnischen Armenier bzw. dem Dachverband armenischer Organisationen in Polen umwandelte. Eine Initiative der altansässigen und neu eingewanderten Armenier strebte bei der Volkszählung 2011 den Status einer Minderheit an.

• Armenier in Lwiw:

Die armenische Kathedrale in Lwiw und viele andere Kirchen der armenischen Katholiken im damaligen Polen beherbergten Handschriften, seltene Bücher, Artefakte/Gemälde, Kirchengeräte und Bekleidung, die nach dem Russisch-Polnischen Krieg von 1920/21 in andere polnische Städte oder nach Danzig gerettet wurden.

Einige wichtige Bücher und Handschriften werden an der Universität Lwiw aufbewahrt.

Das berühmteste Manuskript ist der Reisebericht des „armenischen Marco Polo“, Simeon von Polen (Lehac‘i), der im 16. Jh. geschrieben wurde – es gilt seit dem Zweiten Weltkrieg als vermisst. Andere armenische Manuskripte wurden zwischen 1946 und 1949 aus dem nun sowjetukrainisch gewordenen Lwiw heimlich nach Warschau transferiert.

Heute leben in Polen und der Ukraine je ca. 120.000 bis 130.000 Armenier.

• Armenier im Baltikum:

Auch in den baltischen Republiken Litauen (ca. 2500 Armenier), Lettland (ca. 4500) und Estland (ca. 2000) existieren armenische Gemeinden. Während in Estland und Lettland die ersten Aussiedler aus Ost- und Westarmenien seit dem 19. Jh. erschienen, reichen die ersten Erwähnungen der Präsenz der Armenier in Litauen bis in das 13. Jh. zurück (Handelsbeziehungen, Handwerker, speziell Silber- und Goldschmiede sowie Schuster). Bereits unter dem Großfürsten Vytautas (1392–1430) nahmen die Diplomaten armenischer Herkunft an außenpolitischen Verhandlungen teil, z. B. mit der Türkei, der Krim, Moldavien oder der mongolischen Goldenen Horde. Besonders als Litauen zur Vereinigten Polnisch-Litauischen Republik (Rzeczpospolita, 16.–17. Jh.) gehörte, besiedelten Armenier Litauen. Unter den 300.000 Bewohnern, die nach dem Ersten Weltkrieg Litauen verließen, waren auch Armenier.

Jüngst hat die armenische Diaspora eine gezwungene Erweiterung infolge des 44-tägigen Kriegs um Arzach (Berg-Karabach) erfahren. Ein Ende der „Zerstreuung“ scheint vorläufig nicht in Sicht zu sein.

Lesetipps

• Tamara Ganjalyan, Bálint Kovács und Stefan Troebst (Hg.), Armenier im östlichen Europa: Eine Anthologie, Wien/Köln/Weimar 2018.

• Artur Mkrtichyan (Hg.), Armenians around the World: Migration and Transnationality, Frankfurt/

Main u.a. 2015.

• André Fleck, Machtfaktor Diaspora? Armenische Interessenvertretung in Deutschland, LIT Verlag, Berlin 2014.