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STARKE TONE


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Max - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 30.09.2022

IGOR LEVIT

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Bildquelle: Max, Ausgabe 3/2022

Es ist von einer Minute auf die andere, als hätten wir uns schon immer gekannt. Igor kommt mit seinem Klapprad in kurzer schwarzer Turnhose und Shirt vom Sport. Wir treffen uns auf der Straße vor seiner Wohnung, sind sofort beim Du, gehen, er mit dem Fahrrad unter dem Arm, die eineinhalb Stockwerke hoch in seine Berliner Altbauwohnung. Eigentlich ist es ein riesiger Raum mit Küchenzeile, Tisch, Couch und natürlich in der Mitte der Flügel. Die anderen Zimmer sind nur Satelliten. Zu Hause bei einem der berühmtesten Pianisten der Welt, der so ganz anders ist. „Citizen, European, Pianist“ steht auf seiner Website. Die Reihenfolge ist wichtig und macht ihn vor allem bei jungen Menschen beliebt – als gesellschaftlich engagierter Mensch auf Twitter, in Talkshows, auf dem Parteitag der Grünen oder bei Aktivist:innen, die einen Wald besetzt halten. Als Musiker, der während der Pandemie über ...

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... Youtube Hauskonzerte in die Welt gespielt hat. Wir kochen zusammen mit seiner PR-Managerin Maren Borchers Kaffee, Igor redet, fragt Axel, den Fotografen, mich, den Interviewer aus, will wissen und hängt nebenbei an seinem Handy. Irgendwo muss er wohl mit seinen Händen hin. Die Frage vor dem Beginn unseres Gesprächs, warum er gerade jetzt so viel mobil rumdaddelt, versucht er charmant zu umgehen.

Igor Levit: Das ist ein Gerücht. Ich bin nie am Handy. Stimmt’s, Maren, ich bin nie am Handy. Das wäre ja ein schlechter Stil …

MAX: … den dir die Wenigsten vorwerfen. Auch außerhalb der klassischen Musikwelt hast du gerade bei Jüngeren sehr hohe Sympathiewerte. Viele empfinden dich als ganz normalen, geerdeten Typen. Nicht als Weltstar. Wie wichtig ist es für dich, ein normales Leben zu führen?

Levit: Es hält mich. Ich habe nie einen guten Außenblick auf mich gehabt. Aber auch keinen Bedarf, darüber nachzudenken, wer ich bin, da draußen oder für andere Menschen. Was ich aber grundsätzlich auf allen Ebenen versuche, ist so eine Art Standleitung zu halten zu Menschen, die mir zuhören. Ich will nicht nur in meinem eigenen Ich sein. Ich halte bewusst Kontakt auch in den sozialen Medien, weil ich mich für Menschen sehr, sehr interessiere.

MAX: Andere berühmte Persönlichkeiten leben gern in ihrer eigenen Blase, lassen sich hofieren, lieben die Aufmerksamkeit bei Events …

Levit: Also erstens gehe ich nicht häufig zu solchen Events und werde daher auch viel seltener eingeladen als du denkst. Und wenn, dann stolziere ich nicht durch den Raum mit einem Schild auf der Stirn und der Aufschrift:

HIER BIN ICH! DAS IST EINFACH NICHT MEIN LEBEN. ICH HABE NEULICH VON EINER FREUNDIN GEHÖRT, DASS MENSCHEN INTERVIEWS GEBEN, ABER DIE ANTWORTEN WERDEN VON IHREN PR-LEUTEN GESCHRIEBEN. SIE WISSEN ALSO GAR NICHT, WAS SIE GEANTWORTET HABEN. ICH FINDE DAS NICHT GUT.

MAX: Für einen viel beschäftigten Künstler ist das doch praktisch …

Levit: Also nenn mich naiv. Das war für mich ein echter Downer, weil ich es als respektlos gegenüber den Fans, deiner Gemeinde, gegenüber den Menschen empfinde, die sich für mich interessieren. Ich versuche, so normal wie möglich zu sein. Gehe einkaufen, bewältige meinen Alltag, brauche nicht groß Hilfe dabei. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben. Jedenfalls ist es mein Anspruch. Der einzige Ort, wo es nicht so ist …

MAX: … ist vermutlich die Bühne …

Levit: … da ist mir auf eine Art im besten Sinne alles egal, da lasse ich los, da kann mir nichts passieren.

MAX: Hast du eine Vorstellung von einem gelingenden Leben?

Levit: Nein, habe ich nicht, aber ich kann die Frage vielleicht pauschal und sehr verkürzend beantworten. Erst mal zum Privaten. Ich habe sehr, sehr viele Bekannte, ja. Aber mein engster Kreis, das sind nicht viele, in meinem aktiven Telefonbuch stehen sechs, sieben Namen von Menschen, die zu mir gehören. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, lass ich los. Dann bin ich natürlich immer mal traurig, mal fröhlich, aber grundsätzlich bin ich ein froher, heller Mensch, der sich aufgehoben fühlt.

MAX: Und außerhalb dieses Kreises?

Levit: Da kann ich es oft nicht sein. Weil ich mich nicht frei und ungezwungen fühle. Du hast nach dem idealen Leben gefragt oder dem, wie ich es mir vorstelle. Es wäre schön, wenn man mich einfach ließe. Aber es gibt tausend Gründe, warum ich nicht von morgens bis abends fröhlich durch die Gegend laufen kann. Das fängt mit diesem Land an und hört mit meiner eigenen Persönlichkeit auf. Diese Traurigkeit abzustellen, gelingt mir nur mit engsten Menschen gemeinsam. Ansonsten zeige ich sie nicht.

MAX: Die Traurigkeit ist ein Teil von dir?

Levit: Sie gehört zu mir, und ich kriege sie auch nicht weg.

MAX: Das kannst du akzeptieren?

Levit: Ja. Weil ich bin, wer ich bin. Weil ich in dieser Welt unterwegs bin, wie sie eben ist. Allein, wenn ich aus dem Haus gehe, betrete ich eine andere Welt: Ich gehe 20, 30, 40, 50 Schritte vorwärts. Und egal, wo ich in Berlin bin, laufe ich an mindestens 15 Stolpersteinen vorbei. Bei diesen ersten 50 Schritten. Jetzt sag mir, dass es an mir vorbeigehen soll. Es geht nicht vorbei. Das ist ein Beispiel von vielen. Wenn wir jetzt hier zusammen sind und sprechen oder ich mit meinem Freundeskreis, dann bin ich ein glücklicher Mensch, ansonsten kriege ich dieses Leben und die Welt da draußen nicht aus dem Kopf.

MAX: Eine Welt, an die man sich auch nicht gewöhnen darf ?

Levit: Nein, aber ich wünschte mir, es gäbe sie so nicht, und sie wäre anders. Ich hätte es gern unbeschwerter.

MAX: Inwieweit gehören deine Wahrnehmungen und Gefühle zu Prozessen, zu Veränderungen in deinem Leben?

Wer ist Igor Levit, das Ausnahmetalent am Klavier?

1987 im russischen Nowgorod geboren, kam Igor Levit mit acht Jahren nach Deutschland, lebte zunächst in Dortmund, dann in Hannover, wo er auch sein Klavierstudium mit der höchsten Punktzahl des Instituts absolvierte. Die Dokumentation „Igor Levit – no fear“ (ab Oktober im Kino) der Filmemacherin Regina Schilling begleitet den Menschen Igor durch sein Leben mit der Musik.

Levit: Ich lasse in mir sehr vieles zu, mache das auch mit mir selbst aus. Ich glaube nicht an Zufälle, sondern an bewusste Entscheidungen, die zu Veränderung führen.

MAX: Was macht das mir dir? Auch körperlich?

Levit: Es ist interessant, dass du danach fragst. Es sind zuallererst körperliche Entscheidungen. Ich mache zum Beispiel seit zehn Jahren intensiv Krafttraining, jetzt habe ich beschlossen, ich nehme kein Gewicht mehr in die Hand, weil ich merke, mein Körper kann und will nicht mehr. Also höre ich auf ihn und komme zu dem bewussten Urteil: Ich höre damit auf. Das sind gigantische Veränderungen, die ihren Anfang im Körperlichen haben: Wie sitze ich am Klavier, wie bewege ich mich, wie und welchen Sport mache ich. An Schicksal glaube ich nicht.

MAX: Das heißt das Leben ist steuerbar – mit welchem Ziel auch immer?

Levit: Es sind Prozesse, die ich steuern kann oder es zumindest versuche, allerdings ohne Ziel. Ich schaue, wo ich ankomme. Das ist wie eine Improvisation.

MAX: Du hast durch Sport 30 Kilo abgenommen, läufst jeden Morgen, gibst jedes Jahr fast 200 Konzerte, in der Dokumentation über dich wirkst du beim Einspielen eines Stückes mehr als akribisch. Wie viel Wille gehört zu deinem Leben?

Levit: Es gibt Anlässe, bei denen passiert was in mir. Und dann drücke ich die durch. Dann gibt es kein Halten. Also an Disziplin und Willen fehlt es mir wahrlich nicht.

MAX: Und das ist lebensbestimmend für dich?

Levit: Total.

MAX: Ging das nach deiner Ankunft in Deutschland, in Düsseldorf los? Du warst damals acht Jahre alt.

Levit: Es ging mit der Sprache los. Ich wollte unbedingt Deutsch sprechen. Auch da gab es kein Halten für mich. Ich wollte das unbedingt. Mir hat es nie an Disziplin gefehlt, außer vielleicht in der Schule. Ich bin wahnsinnig gern dorthin gegangen, aber ich habe selten etwas dafür getan. Aber immer wenn ich Verantwortung übernehmen musste, war ich da. Wie bei einer schweren Krankheit meiner Mutter. Ohne Wenn und Aber. Willen, Disziplin und Überzeugung gehören zu mir.

Es wäre schÖn, wenn man mich einfach ließe. Aber es gibt tausend Gründe, warum ich nicht von morgens bis abends fröhlich durch die Gegend laufen kann.

DAS FÄNGT MIT DIESEM LAND AN und hört mit meiner eigenen Persönlichkeit auf. Diese Traurigkeit abzustellen, gelingt mir nur mit engsten Menschen gemeinsam.

MAX: Hast du dich nach deiner Ankunft in der Schule ausgegrenzt gefühlt?

Levit: Nein, zu keinem Zeitpunkt. Weder in Dortmund noch in Hannover, wo ich aufgewachsen bin. Ich hatte eine wunderbare Zeit. Obwohl es viel Ärger gab mit den Lehrern, manchmal auch mit den Mitschülern. Aber niemals wegen meiner Herkunft.

ICH WAR EINFACH EIN FAULER SACK, DEN WENIG INTERESSIERT HAT. EINE DER BELIEBTESTEN FRAGEN MEINES MATHEMATIKLEHRERS WAR: IGOR, SPINNST DU? RECHT HATTE ER.

Neben der Musik interessierten mich in der Schule nur Deutsch, Geschichte und Politik. In Fächern, in denen man reden durfte, war ich gut. Ich bin in der 9. wegen Physik, Chemie, Latein, Altgriechisch, Sport und ich weiß nicht mehr hängengeblieben.

MAX: In der Filmdokumentation ist an vielen Stellen deine Erschöpfung und gleichzeitig aber auch neben deinem Willen die Unruhe zu spüren. Leidest du darunter körperlich?

Levit: Nein, also ich werde unruhig, wenn mein Arm schmerzt oder mein kleiner Finger schmerzt. Aber nur kurzfristig. Eine existenzielle Unruhe bezogen auf meinen Beruf habe ich nicht. Ich mache das, solange ich es machen kann.

MAX: Gehört der Sport, die Fitness zu deinem Beruf ?

Levit: Nein, überhaupt nicht. Er gehört dazu aus Eitelkeit, anfangs, weil ich abnehmen wollte, und jetzt ist mir die eine Stunde am Tag wichtig, weil sie eine ist, in der mir keiner was kann. Das ist wie Konzerte spielen. Ich sage bewusst Konzerte spielen und nicht das ganze Drumherum inklusive der vielen Reisen. Sondern nur die Zeit ab dem Moment, wenn es so weit ist. Beim Sport ist es ähnlich.

MAX: Was ist das für ein Gefühl – auf der Bühne?

Levit: Ich will es mal so beschreiben: Mein erstes Fitnessstudio war im zweiten Untergeschoss. Kein Handyempfang, keine Informationen, die mich runterziehen. Einfach nicht erreichbar. So wie auf der Bühne. Ich bin einfach mit mir, kann machen und kontrollieren. Es ist die absolute mentale und körperliche Erholung. Die Tage, an denen ich das nicht habe, sind keine guten.

MAX: Spielt denn das Publikum überhaupt noch für dich eine Rolle?

Levit: Bitte versteh mich nicht falsch: Ich bin auf der Bühne nicht im Tunnel. Ich suche den Link zum Publikum, den Kontakt zu den Menschen, auch wenn das nicht immer gelingt. Aber ich nehme wahr, liebe die Resonanz zu jedem Zeitpunkt.

MAX: Jetzt auch?

Levit: Aber hallo …

MAX: Was?

Levit: Die Geräusche von der Straße, die Autos, das Hupen, mein Handy, die ankommenden SMS, ich kann mich dann nicht abschließen.

MAX: Schon mal im Schweigekloster gewesen?

Levit: Nein, aber ich mache jeden Tag eineinhalb Stunden Yoga. Das ist Ruhe und Schweigen genug. Das ist ein Stück weit Stabilität für mich. Auf der Bühne ist es ähnlich wie beim Sport. Egal wie anstrengend ein Stück, eine Sonate war, hinterher bin ich hundemüde, aber auch aufgeräumt.

MAX: Die Zuschauer sind hinterher oft aufgewühlt. Kann es sein, dass sie neben dem Willen und der Energie auch etwas anderes spüren?

Levit: Ja, ja, klar, es ist Wut. Ja, sie ist auch ein Treiber

MAX: Ist Wut in dir drin?

Levit: Ja.

MAX: Aber darüber möchtest du bestimmt nicht erzählen

Levit: Warum nicht? Ich hab überhaupt kein Problem damit.

MAX: Woher kommt die Wut?

Levit: Das ist eine lange Liste. Soll ich mit dem Netten oder dem Unangenehmen einsteigen?

MAX: Das ist mir egal

Levit: Freunde, ich bin ein Jude, der in einem Land lebt, in dem sechs Millionen Juden ermordet wurden. Was erwartest du? Daraus kommt Wut, ein Gefühl von Isolation, von Einsamkeit. Und ein Gefühl von Dauer-Traurigkeit. Ich werde die ganze Zeit auch daran erinnert, dass das so ist. Ja, das macht wütend und traurig. Das wird aber auch aufgewogen, und das kann nicht groß genug sein, durch das Geschenk, das ich in meinem Leben erhalten habe, und die Handvoll Menschen, ohne die ich buchstäblich nicht mehr leben will. 80 Prozent von diesen Menschen sind hier. Also bin ich hier. Aber ich frage mich jeden Tag, wieso eigentlich?

MAX: Es gibt welche, die würden noch vermeintlich freundlich sagen, der ist 35 Jahre alt, mega erfolgreich, was geschehen ist, ist schon so lange her, der soll sich mal nicht so anstellen.

Levit: So zu denken ist mir fremd.

MAX: Warum?

Levit: Ein sehr enger Freund von mir, der in Amerika lebt und jüdischen Glaubens ist, hat mich neulich besucht. Er ist in den Staaten geboren, er ist dort aufgewachsen, er hat seine eigenen Probleme, seine eigenen Momente. Und er sprach aus, was in Deutschland immer gilt: Never forget! Diese Aufforderung ist die zentrale DNA der Bundesrepublik. Diese Maxime zu leben, hat auch seinen Preis, den auch ich persönlich jeden Tag bezahle. Niemals vergessen ist existenziell wichtig für unsere Gesellschaft, es ist der moralische Grundkern unseres Landes. Wollen wir den auflösen? Für den Fall habe ich drei Koffer im Keller. Auf Wiedersehen. Aber das ist es nicht. Dieser moralische Grundkern hat eben einen Preis. Auch für mich persönlich.

DAGEGEN SIND ÜBERGRIFFE VON IRGENDWELCHEN ARSCHLÖCHERN, DIE MICH ANTISEMITISCH ATTACKIEREN, MICH BEDROHEN, SO KLEIN. DAS SIND SITUATIONEN, MOMENTE, DIE VERLETZEN, ICH WEHRE MICH, ODER ICH SCHLUCKE ES HERUNTER.

Ich bin hier und ich bleibe hier. Und ich habe Gott sei Dank Menschen, mit denen ich darüber sprechen kann. Deswegen fühle ich mich hier auch nicht einsam. Es ist so ein Zwischenspiel, ich bin nicht allein, was habe ich für ein Glück, und dann doch wieder. So fühle ich mich. Aber, um ehrlich zu sein, das ist auch das immer wieder-kehrende Thema in der Musik oder in der Literatur.

MAX: Es ist es für dich ein Problem, eine Innerlichkeit, eine innere Heimat zu finden?

Levit: Es ist unmöglich, diese zu haben. Wo soll sie denn sein? Das ist mir noch nicht gelungen. Aber es gibt bei Freunden ein Ankommen, eine Geborgenheit, und das ist sehr, sehr viel wert.

MAX: Hast du Sehnsuchtsorte?

Levit: Sehnsuchtsmenschen, kein einziger Konzertsaal, kein einziges Klavierstück, keins, nichts ist so sehr ein Sehnsuchtsort wie die Menschen. Mit dem Freund aus Amerika habe ich über Glauben gesprochen, und er hat gemeint: Du sprichst über Menschen wie über Gott. Deine Beziehung zu Menschen, dein Vertrauen, dein Glaube an sie ist so, als würde ich über Gott sprechen.

MAX: Ein Menschenfreund könnte ja auch gläubig sein, unabhängig von seiner Religion.

Levit: Ja, bin ich aber irgendwie nicht. Aber dann doch wieder.

MAX: Wie gehst du damit um, dass in Konzertsälen auch Menschen sitzen könnten, die nicht allein über das Vergessen anders denken als du?

Levit: Und antisemitisch sind. Okay. Weißt du was, ganz im Ernst? Die Menschen kommen erst mal, um mich bewusst zu hören. Ich kann niemandem in den Kopf gucken, und es interessiert mich auch nicht. Das ist der Preis der offenen Gesellschaft. Jeder kann das größte antisemitische Arschloch der Welt sein solange er nicht aktiv gegen das Gesetz verstößt. Das gilt für jede Art von Diskriminierung.

MAX: Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Ist die Veränderung unseres Zusammenlebens nicht eine Sisyphusarbeit?

Levit: Ja, es ist ein Schritt vor, zwei zurück, ein …

MAX: Ist die Apokalypse näher, als wir wahrhaben wollen?

Levit: Welchen Wert hätte es jetzt, wenn ich Ja sagen würde?

MAX: Keinen. Aber du äußerst dich gesellschaftspolitisch auf Twitter, trittst im Dannenröder Forst auf …

Levit: Ich wollte dort nicht auf den Klimawandel aufmerksam machen. Der und seine katastrophalen Folgen sind ja seit Jahren bekannt. Mein Auftreten dort war ein Akt der Solidarität mit den Aktivisten, die seit Monaten dort in Bäumen verharrten, sich gegen die Rodung gewehrt, protestiert, mobilisiert haben.

MAX: Spürst du in deinen Konzerten ein Gefühl der Gemeinschaft?

Levit: Ja

MAX: Wäre das nicht auch gesellschaftlich erstrebenswert?

Levit: Ich bin kein Wir. Ich bin, wie mein Freund Michel Friedmann sagen würde, viele Ichs. Ich habe ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Begriff Gesellschaft.

MAX: Weil?

Levit: Weil ich in den letzten zwei, drei Jahren die Erfahrung gemacht habe, dass unter dem Titel der Gemeinsamkeit viel mehr auf eigene Agenden, Partikularinteressen geachtet wird. Ich bin sehr misstrauisch gegenüber dem Wir geworden. Rassismen gegeneinander auszuspielen, ist keine exklusive Spezialität von Rechten. Das können auch gesellschaftliche Mehrheiten. Mehrheiten gegen Minderheiten, aber auch Minderheiten untereinander. Ich glaube ganz fest an Artikel 1 des Grundgesetzes. Und jetzt kommt ein sehr deutscher Moment.

MAX: Erzähl mal.

Levit: In unserer Gesellschaft haben wir zu viel Hass: gegen Juden, Schwarze, Sinti und Roma, Homound Transsexuelle, jede Form dieses Gefühls, egal gegen wen, ist Menschen- hass, und das widerspricht dem Kern von Artikel 1 unseres Grundgesetzes:

DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR.

Daran glaube ich, daran orientiere ich mich. Ich erlebe immer häufiger, dass manche zu mir sagen, na ja du bist privilegiert, auch wenn du zu einer Minderheit gehörst, kannst du nicht für uns sprechen. Das macht mich sehr traurig. Das bringt mich aber auch nicht von meiner Überzeugung ab.

MAX: Gehört die Ausgrenzung zum Menschsein?

Levit: Vielleicht, ich weiß es nicht. Aber noch mal, ich bin kein Wir, aber auch kein Egoist. Ich will nichts auf Kosten anderer tun, und wenn es mir mal passiert, dann entschuldige ich mich.

MAX: Brauchen wir einen neuen gesellschaftlichen Kit?

Levit: Lass mal, das ist mir schon eins zu viel. Es gibt einen Kit, über den wir uns schon längst verständigt haben. Das ist eben Artikel 1 und „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“. Wenn ich mich mal daran nicht halte, bekomme ich von meinen Freunden eins hinter die Löffel. Manchmal bin dann noch bockig, aber ich entschuldige mich.

MAX: Dafür, dass du dein Handy selten benutzt, bist du auf Twitter ziemlich aktiv…

Levit: Ja, natürlich bin ich ständig am Handy, ich weiß, die sozialen Medien sind nicht das Leben, aber es gibt sie nun mal. Und ich will helfen, darüber auch ein Bewusstsein zu schaffen zu dem, was ich eben gesagt habe. Aber seit der Pandemie sind diese Medien nur noch schwer zu ertragen. Vermutlich werde ich nach dieser Aussage gleich wieder angemacht.

ABER DIESES ZÜGELLOSE GEGEN-ÜBER MENSCHEN, DAS WOCHENLANGE RUNTERMACHEN UNTER DEM DECKMÄNTELCHEN DER DEBATTE UND DER FREIEN MEINUNGSÄUSSERUNG, DAS JAGEN, DAS HALTE ICH FÜR KRANK.

Das macht mich krank. Ein vielleicht bescheuerter Satz in einem Interview, und die Hetze geht los. Und zwar von allen Seiten. Natürlich gibt es auch rote Linien, wenn ich an eine bestimmte Partei denke. Aber in diesem Sandkasten spiele ich nicht mehr mit.

MAX: Sondern …

Levit: Es gibt einen Grund, warum ich im analogen, realen Leben genauso engagiert bin, genauso versuche zu helfen. Ideell und finanziell. Diese Welt hat einen Haufen Probleme. Keiner wollte diesen Scheißkrieg – bis auf einen. Wir diskutieren über Atomkraft, fossile Energien und sind uns unseres biblischen Problems immer noch nicht bewusst. Der Klimawandel und seine Folgen wie zum Beispiel die globalen Verteilungskämpfe sind zentral, und ich bewundere Politiker, Aktivisten und alle Menschen, die versuchen, diese ungeheuren Probleme zu lösen. In Parlamenten, aber auch außerparlamentarisch. Wie viel Mut und Selbstlosigkeit gehören dazu, auf die Straße zu gehen, sich festzuketten, zu blockieren, ja sein Leben zu riskieren. Über alle Parteien hinweg kennt mein Respekt keine Grenzen. Mit einer Ausnahme. Und die sollen sich einfach selbst löschen.

MAX: Was gibt dir Kraft, was ist deine Lebensquelle?

Levit: Menschen

MAX: Welchen Bezug hast du zu deiner Familie?

Levit: Einen sehr engen. Mit allem Streit und Auseinandersetzungen. Aber ich mache keinen großen Unterschied zwischen Freunden und Familie. Für Menschen, die ich liebe, lasse ich alles stehen und liegen.