Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Stress, lass nach


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 6/2010 vom 10.08.2010

Hohe Arbeitsanforderungen, ein voller Terminkalender, ständige Erreichbarkeit – immer mehr Menschen fühlen sich gestresst. Ob im Beruf oder im Privatleben, die Zeit scheint einem ständig im Nacken zu sitzen. Einfach mal abzuschalten – das klingt schwierig, aber man kann es lernen.


Artikelbild für den Artikel "Stress, lass nach" aus der Ausgabe 6/2010 von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit, Ausgabe 6/2010

Noch eine Viertelstunde, dann muss Sonja R. im Kindergarten sein, um ihre Tochter abzuholen. Die 35-jährige Journalistin feilt noch an einem Artikel, den sie an diesem Tag abgeben soll. Datei speichern und schließen, noch mal kurz die E-Mails checken – der Computer ist heute besonders langsam. Ein Blick auf die Uhr: ...

Weiterlesen
Artikel 0,95€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2010 von Der Weg zum Glück. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Weg zum Glück
Titelbild der Ausgabe 6/2010 von Zeitmanagement: Kleine Freiräume. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zeitmanagement: Kleine Freiräume
Titelbild der Ausgabe 6/2010 von Kleine Geschichten von Glück und Zufriedenheit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kleine Geschichten von Glück und Zufriedenheit
Titelbild der Ausgabe 6/2010 von Atmen Sie auf! Erste Hilfe bei Stress. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Atmen Sie auf! Erste Hilfe bei Stress
Titelbild der Ausgabe 6/2010 von Auszeit im Kloster : Urlaub von der Welt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Auszeit im Kloster : Urlaub von der Welt
Titelbild der Ausgabe 6/2010 von Lostanzen und abschalten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lostanzen und abschalten
Vorheriger Artikel
Kleine Geschichten von Glück und Zufriedenheit
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Atmen Sie auf! Erste Hilfe bei Stress
aus dieser Ausgabe

Noch eine Viertelstunde, dann muss Sonja R. im Kindergarten sein, um ihre Tochter abzuholen. Die 35-jährige Journalistin feilt noch an einem Artikel, den sie an diesem Tag abgeben soll. Datei speichern und schließen, noch mal kurz die E-Mails checken – der Computer ist heute besonders langsam. Ein Blick auf die Uhr: Allmählich wird es knapp. Sie hetzt aus dem Haus und startet den Wagen. Doch prompt ist die nächste Ampel rot. Der Adrenalinspiegel steigt. Während sie sich durch den stockenden Nachmittagsverkehr quält, überlegt sie, was heute noch zu erledigen ist: Erst mal muss sie ihre Tochter von der Kita zum Kinderturnen bringen. Und natürlich wieder abholen. Auf dem Rückweg im Supermarkt einkaufen, zu Hause die Waschmaschine ausräumen und das Wohnzimmer aufräumen. Was soll sie kochen – und wann kann sie das Recherchegespräch führen, das für diesen Nachmittag noch verabredet ist?

So oder ähnlich gestresst fühlen sich heutzutage viele Menschen. Telefon, Handy und Fax, Radio und Fernseher, E-Mail und Internet überfl uten uns rund um die Uhr mit wichtigen und unwichtigen Neuigkeiten und Informationen. Die moderne Technik hat auch den Arbeitsalltag in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verändert. Wer sich nicht weiterbildet und auf dem Laufenden bleibt, ist schnell verloren. Von der 40-Stunden-Woche kann so mancher Berufstätige nur träumen.

„Unbezahlte Mehrarbeit wird oft einfach erwartet – und wer seinen Arbeitsplatz erhalten will, zieht mit“, weiß die Zeitmanagementberaterin Elisabeth Kräuter. Nichts ist mehr sicher: Wer heute noch gelassen in die Zukunft schaut, bangt morgen vielleicht schon um seinen Job und muss sich neu orientieren. Flexibilität ist auch im Privatleben gefragt. Ehen werden nicht selten schon nach wenigen Jahren wieder geschieden und neue Beziehungen gesucht. Großfamilien, in denen immer jemand zu Hause ist, gibt es kaum noch. Berufs- und Privatleben zu vereinbaren, wird vor allem für viele Frauen zum tagtäglichen Kampf gegen Zeitnot und Hetzerei.

Stressfaktor Nummer eins: Zeitdruck

Das Leiden der modernen Leistungsgesellschaft befällt keineswegs nur Manager. Drei von vier Berufstätigen zwischen 33 und 40 Jahren klagen mittlerweile über Stress im Job. Das ergab eine Forsa-Umfrage der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). Die Sozialforscher von Forsa stellten außerdem fest: 23 Prozent der Vollzeitbeschäftigten lassen die Mittagspause ausfallen. Statt sich eine Auszeit zu gönnen und neue Energie zu tanken, wird die innere Stimme ignoriert und durchgearbeitet. Zum Zeit- und Termindruck im Beruf kommt oft die Doppelbelastung hinzu, neben der Arbeit auch noch Familie und Haushalt managen zu müssen. Auch die Angst, bei schwierigen Aufgaben zu versagen oder den Arbeitsplatz zu verlie ren, setzt viele Menschen unter Druck. Nicht einmal die Jüngsten bleiben verschont. In einer anderen DAK-Umfrage unter Schülern und jungen Erwachsenen klagten 61 Prozent der Schüler und Studenten über Zeit- und Termindruck, über die Hälfte fühlt sich in Schule oder Universität überfordert.

Hohe Arbeitsanforderungen, ein voller Terminkalender, Prüfungen: Was den einen unter Druck setzt und lähmt, ist für den anderen Motivation und Ansporn. Viele Schüler und Studenten können nur lernen, wenn ihnen der Prüfungstermin im Nacken sitzt, so mancher Journalist läuft kurz vor Redaktionsschluss zur Bestform auf. Stress kann befl ügeln, zu Höchstleistungen antreiben und – ist die Arbeit bewältigt – auch ein gutes Gefühl hinterlassen. Fehlt aber das Erfolgserlebnis, lässt der Druck über Wochen nicht nach, drängen ständig neue Termine und Probleme, dann leidet der Mensch unter negativem Stress. Der ist auch für viele Krankheiten verantwortlich.

Was als belastend empfunden wird, ist individuell sehr unterschiedlich. So mancher Rentner fühlt sich schon gestresst, wenn sein gewohnter Tagesablauf aus dem Rhythmus kommt. Die Mutter von vier kleinen Kindern hat dünne Nerven, weil sie bei allem und jedem ständig unterbrochen wird und von früh bis spät mit Hausarbeit und Nachwuchs beschäftigt ist. Die Schülerin, der Mathe nicht liegt, hat Angst, dass bei der nächsten Arbeit trotz all des Lernens wieder nur eine Fünf herauskommt.

Auch im Berufsleben gibt es zahlreiche Dinge, die einem richtig zusetzen können: Schwierigkeiten mit dem Chef, ein angespanntes Betriebsklima, tuschelnde Kollegen, aggressive Kunden, eigener Ehrgeiz bis zum Perfektionismus, ein übervoller Terminplan, Schichtdienst, Unterforderung oder Monotonie. Nach Erhebungen der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz leiden mehr als ein Viertel aller Arbeitnehmer in der Europäischen Union unter arbeitsbedingtem Stress. Es sind nicht nur bekanntermaßen gestresste Berufsgruppen wie Klinikärzte, Lehrer, Polizisten, Altenpfl eger oder Köche, die über permanente Belastungen klagen. Glaubt man einer repräsentativen Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts aus Düsseldorf, ist Stress am Arbeitsplatz ein allgemeines Problem: Von 2.177 deutschen Betriebsräten waren 91 Prozent der Ansicht, dass in den vergangenen Jahren psychische Belastungen wie Zeitdruck, Arbeitsintensität und Verantwortungsdruck zugenommen haben.

Man muss kein Wissenschaftler sein, um sich die Folgen ausmalen zu können: Dauerhafter Stress macht krank. Weil die Seele leidet. Tatsächlich gehen bereits elf Prozent aller Fehltage auf das Konto psychischer Erkrankungen. Damit hat sich die Zahl solcher Krankschreibungen seit Mitte der 1990er-Jahre fast verdoppelt, warnt die Bundespsychotherapeutenkammer. Für ihre Analyse hatte die Kammer die jüngsten Fehltagedaten der großen gesetzlichen Krankenkassen verglichen.

Ein entscheidender Faktor für ein Erkrankungsrisiko sei dabei, welchen Stellenwert ein Mensch der Arbeit in seinem Leben einräume, erklärte Kammerpräsident Rainer Richter. Arbeitnehmer, die in ihrer Partnerschaft oder einem Hobby große Erfüllung fänden, litten bei einer wenig geliebter Arbeit seltener unter Psychostress.

Die Seele leidet. Dauerhafter Stress macht krank – bereits elf Prozent aller Fehltage gehen auf das Konto psychischer Erkrankungen.


Der Adrenalinschub – ein Relikt aus der Steinzeit

Bei Stress kommt der Körper in Alarmbereitschaft. In den Nebennieren wird vermehrt das Hormon Adrenalin sowie das Stresshormon Cortisol ausgeschüt- tet. Alle Abwehrkräfte des Körpers werden umgehend mobilisiert, alle nicht unbedingt notwendigen Funktionen vorübergehend heruntergefahren: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung ist beschleunigt, die Muskeln sind angespannt. Auf der anderen Seite arbeiten Magen, Darm, Blase und auch die Fortpfl anzungsorgane deutlich langsamer als normalerweise.

Alkohol zum Abschalten? Auf Dauer ist das keine gute Lösung, denn Alkohol gegen Kummer führt schnell in die Abhängigkeit.


Der Stressmechanismus stammt noch aus der Steinzeit: Auf drohende Gefahren musste blitzschnell reagiert werden. Fight or fl ight, Kampf oder Flucht – sich richtig zu entscheiden und zu handeln, war überlebensnotwendig. Der Adrenalinschub in stressigen Situationen ist uns zwar erhalten geblieben, aber Flucht oder Kampf sind nur noch in Ausnahmefällen möglich. Den nörgelnden Vorgesetzten einfach stehen zu lassen, den abgestürzten Rechner aus dem Fenster zu werfen, dem aufreizend langsamen Kollegen einen Tritt in den Allerwertesten zu geben – das ist leider nur in Gedanken möglich. Wir ballen also allenfalls die Hand in der Hosentasche zur Faust oder beißen die Zähne zusammen, bis die Kiefer schmerzen.

Findet sich kein Ventil und halten solche Anspannungen länger an, ohne dass es auch Phasen der Entspannung gibt, kann der Stress schnell chronisch werden. Die Nerven liegen blank, man steht ständig unter Strom. Es genügen immer schwächere Reize, um ein Gefühl der Bedrohung auszulösen und den Körper in Alarm zu versetzen: Schon morgens beim Frühstück fl attert der Magen, wenn man an die Arbeit denkt. Beim Anblick der E-Mail des Chefs schlägt das Herz bis zum Hals. Die schlechte Laune des Kollegen wird persönlich genommen: „Was hat der bloß gegen mich? Habe ich schon wieder etwas falsch gemacht?“ Kein guter Zustand für Körper und Geist. Selbstwertgefühl und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schwinden; der Organismus reagiert erst mit kleineren, dann mit größeren Beschwerden. Die ständig steigende An- spannung kann auch zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen führen.

Vielfältige Stresssymptome

Allerdings macht das Immunsystem meist nicht in der allergrößten Hektik schlapp, sondern erst, wenn man zur Ruhe kommt. Jeder kennt das: Zwei Wochen vor dem Urlaub stapelt sich die Arbeit, Überstunden werden fällig. Man schuftet bis zum letzten Arbeitstag, endlich ist es geschafft. Die ersten Urlaubstage aber, auf die man sich so gefreut hat, verbringt man krank im Bett.

Ein erhöhter Blutdruck ist ein typisches Stresssymptom und sollte unbedingt ärztlich behandelt werden.


Schuld daran ist das Hormon Cortisol, das unter Stress vermehrt ausgeschüttet wird. Es hemmt zwar die körper eigene Abwehr, Krankheitserreger können leichter in den Körper eindringen und sich vermehren. Gleichzeitig aber unterdrückt das Cortisol Schmerzen. Entstehende Infekte werden erst einmal nicht wahrgenommen – bis der Stress weniger wird und die Cortisol-Produktion nachlässt.

Hält der Stress über Wochen und Monate an, wird man zunehmend gereizt und nervös, schläft schlecht und kann sich nicht mehr gut konzentrieren. Wirklich schwer zu schaffen machen Körper und Geist langwierige bedrückende Belastungen, vor allem wenn sie mit negativen Gefühlen wie Trauer, Hilfl osigkeit, Angst und Verzweifl ung einhergehen. Das kann der Tod eines nahestehenden Menschen sein, andauernder Streit mit dem Partner, das ungute Betriebsklima, die drückenden Schulden – Situationen, in denen kein Ausweg zu erkennen ist.

Aus solchem Langzeitstress entsteht schnell mehr als eine harmlose Erkältung. Die Krankheiten, die durch Stress gefördert werden, sind vielfältig. So manches hängt mit der körperlichen Reaktion auf Stress zusammen: Der Blutdruck steigt, die Muskeln sind angespannt, Magen- und Darmtrakt dagegen weniger aktiv. Bleibt die Stressreaktion über einen längeren Zeitraum bestehen, kann die ständige Anspannung der Skelettmuskulatur Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen verursachen. Im Magen wird die Nahrung nicht gut mit Magensäure durchmischt – Verdauungsstörungen bis hin zur Magenschleimhautentzündung können die Folge sein.

Der erhöhte Blutdruck schädigt die Gefäßwände und verstärkt so die Arterienverkalkung. Verengte bzw. verstopfte Blutgefäße sind wiederum die Ursache von Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch die Bildung von Metastasen – Tochtergeschwüren eines Krebstumors – kann durch psychischen Stress gefördert werden. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen unter Stress ungesund leben: zu wenig Bewegung, zu wenig Schlaf, hastiges Essen, zu viel Schokolade als Nervennahrung, viel zu viele Zigaretten. Spätestens am Abend braucht man dann mehrere Gläser Alkohol, um überhaupt zur Ruhe zu kommen. Hält eine solche Belastung länger an, wird daraus schnell ein Teufelskreis.


Foto: photo alto

Foto: stockbyte

Foto: image source

Foto: Banana Stock