Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 11 Min.

Südtiroler Sünden


Tourenfahrer Sonderheft - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 20.03.2020
Artikelbild für den Artikel "Südtiroler Sünden" aus der Ausgabe 1/2020 von Tourenfahrer Sonderheft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tourenfahrer Sonderheft, Ausgabe 1/2020

Rund um das Renaissance-Schlösschen Castel Ringberg erheben sich Elena Walchs Premiumlagen.


Zwischen Bozen im Norden, Nals im Westen und Salurn im Süden spannt sich die Südtiroler Weinstraße bis hinunter an die Grenze ins Trentino durch das Etschtal. Lars Wennersheide (Text & Fotos) und Andreas Muth (Fotos) lassen sich auf einer Genusstour besonderer Güte zwischen Torggln, Trauben und Traditionen verführen.

DIE GESTALTUNG DER FASSADE »STILISIERT UND ÜBERTRÄGT FORM UND WILDEN WUCHS DER REBEN AUF DAS GEBÄUDE«

Grünes Reich des Gewürztraminers: Die Genossenschafts-Kellerei Tramin bietet einen futuristischen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Tourenfahrer Sonderheft. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2020 von INTERN: Aller guten Dinge sind drei.. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERN: Aller guten Dinge sind drei.
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von SERVICE TF-ROUTENPLANER: Gut vorbereitet auf Tour. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SERVICE TF-ROUTENPLANER: Gut vorbereitet auf Tour
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Ferragosto Alpen-Alternative. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ferragosto Alpen-Alternative
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Durch den Hinterhof der Alpen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Durch den Hinterhof der Alpen
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Altes Austria. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Altes Austria
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Österreich Alpin. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Österreich Alpin
Vorheriger Artikel
SERVICE TF-ROUTENPLANER: Gut vorbereitet auf Tour
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Ferragosto Alpen-Alternative
aus dieser Ausgabe

... Anblick, der sich im Licht-Schatten-Spiel ständig verändert.


IN STRAMMEN KEHREN FÄLLT DIE STRASSE FÖRMLICH IN DIE TIEFE - EIN GRANDIOSES PANORAMA INBEGRIFFEN

Großes Strahlen: Die Abfahrt vom Mendelpass endet direkt auf der Weinstraße nahe dem Kalterer See.


Best Place: Schloss Korb bietet eine malerische Kulisse und zugleich wahrhaft schöne Aussichten.


Können diese Kurven Sünde sein? Großes Bergkino für Südtirols wilde Zacken. Licht an, Himmel auf. Ein Schlenker, völlig unnötig für unsere Anreise zur Südtiroler Weinstraße. Spätestens mit der Abzweigung nahe Bruneck ins Val Badia hocken die anderen längst beim zweiten Gang ihrer Halbpension in den Unterkünften. Die Straßen sind leer gefegt - die Dolomiten gehören uns.

Spitzenlandschaft und Wolkenkratzer erheben sich. Was ansonsten teilweise unter Massenandrang leidet, kommt verlassen und verwaist daher. Die vier Zylinder der XR spielen mit den Steigungen in der göttlichen Stille der Bergwelt rund um Colfosco. Grödner Joch, spätestens am Sellajoch übertrumpft der Scheinwerfer das restliche Tageslicht.

»Die Dolomiten sind die schönsten Bauwerke der Welt«, soll einmal Reinhold Messner gesagt haben. In Brixen geboren, dem Extremklettern verschrieben, will er mit mehreren »Messner Mountain Museen « »Begegnungsstätten mit dem Berg« schaffen. Standesgemäß thront das Herz aller Ausstellungen in den alten Mauern von Schloss Sigmundskron südlich von Bozen und zeigt das Spannungsfeld zwischen Mensch und Berg.

Bozen. Eine Landeshauptstadt mit bunten Marktständen, lauschigen Laubengängen und verwinkelten Gassen. Italienische Dolce Vita meets Tiroler Knödel-Gemütlichkeit. Dazwischen der Verkehr, moderne Vespas und - mehr noch - japanische Scooter schwirren wie ein Bienenvolk um uns herum. Häuserfassaden strahlen übermäßige Wärme aus, aufgeladen von der Sonne des Tages. Obwohl recht zentral in den Alpen am Zusammenfluss der drei Flüsse Etsch, Eisack und Talfer platziert, ist Bozen dank seiner Lage im Talkessel zur Jahresmitte oft die heißeste Provinzhauptstadt Italiens. Einer blüht dann richtig auf: »Ein perfektes Mikroklima für den Lagrein, eine alte, autochthone, lang verkannte Südtiroler Rebsorte .«

Die letzte Brücke hinüber nach Gries, oder »Grias«, wie Florian vom »Weingut Schmid Oberrautner« den Namen betont, müssen wir unbemerkt passiert haben. Das alte Dorf am rechten Talfer-Ufer wurde 1925 nach Bozen eingemeindet. Florian gehört zur »22. Generation, die den nach eigenem Bekunden ältesten Familien-Weinbaubetrieb in Südtirol bewirtschaftet. « Wichtig ist ihm seine Vergangenheit als erster Supermoto-Fahrer in Italien mit der KTM Duke im Jahre 1992, vor allem aber die Unterscheidung zwischen Südtiroler Lagrein und Südtiroler Lagrein-Gries.

Altes Holz in noch älteren Mauern: Das Weinmuseum in Kaltern befindet sich in einem ehemaligen Zehentkeller.


»Der Körper, die Wucht, das Geschmeidige, Filigrane und die Kraft des Lagreins entfalten sich nur auf den Premiumlagen im Stadtgebiet.«


DER SELBST ERNANNTE PIONIER IST WOHL DER MOZART UNTER DEN VIRTUOSEN WEINMACHERN


Kloster Muri-Gries. Eine teils mittelalterliche Insel inmitten der Stadt mit mächtigen Holztoren, einer schweren Linde und einer Torggl, also einer Weinpresse, von 1549, empfängt uns. »Ein Miteinander von betriebsamer Kellereiarbeit und klösterlichem Leben der aktiven Benediktinermönche bestimmt den Alltag. « Kathrin, Tochter des Kellermeisters, lebt inmitten einer speziellen Welt. Eine wilde Mischung aus Hefe und Gärgasen mischt sich im Kreuzgang mit einer Brise Weihrauch. Der Wein selbst reift in den beiden Schiffen der ehemaligen Stiftskirche. Doch: Don’t taste and drive! Bevor wir der Verführung einer Weinprobe erliegen, stopfen wir auch hier eine Flasche in den bis dahin noch recht leeren Motorradkoffer.

»Die Welt des Weines ist so interessant und weitläufig, dass ein ganzes Leben notwendig ist, um fast alles zu erlernen.« Wir lassen den Tag in der »Kellerei Schreckbichl « in Girlan mit Markus ausklingen. Er leitet heute das »vertiefende Wein-ABC«, ein regelmäßiges Angebot der Südtiroler Weinakademie. Während Kellnerin Susanne und Kellereiangestellte Magdalena eher beruflich motiviert sind, urlaubt Manuel ebenso wie wir. »Eine Verkostung ist eine der schwierigsten Sachen. Um sie zu verstehen, muss man Erfahrung mitbringen und eine detaillierte Erklärung von Verkostungstechniken erhalten. Man braucht von Anfang an gute Einführungen und Experten, die sich da auskennen.« Markus’ Steckenpferd sind heute Tischkultur und die Grundregeln der Speisewein-Anpassung. »Zu einem gesäuerten Essen darf nie ein saurer Wein serviert werden, Essig im Salat verbietet quasi frischen Weißwein. Zu einem süßen Dessert hingegen passt durchaus ein süßer Wein.«

Auf Rädern durch die Reben. Die Weinstraße ist kein einzelner Weg, vielmehr ein grob gesponnenes Wegenetz zwischen den wichtigsten Weinbau-Orten im südlichen Südtirol. Bei Nals rauschen wir im Schatten der Berge an Apfelhainen vorbei, kurven bald zwischen Terlan und Andrian durch ein ländliches Idyll aus Dorfkirchen und Weinbergen, Glyzinien und Gartentoren aus wurmstichigem Holz. Grobes Kopfsteinpflaster rüttelt die XR mitten in St. Pauls durch. Es geht rauf und runter. Weinberge heißen eben nicht grundlos so. Kleinste Nebenwege spülen uns vorbei an Sauvignon und Weißburgunder, Gewürztraminer und Blauburgunder nach Schloss Korb, einem herausragenden Rückzugsort unter den vielen Weinhotels der Gegend. Vor uns tuckert ein Trecker unüberholbar vor sich hin. Ist man zur falschen Tageszeit auf der zentralen Hauptstraße unterwegs, sammeln sich auch mal Trauben von Touristen und schläfern in kurzärmeligen Karohemden mit ihren silbergrauen Mercedes-B-Klassen den Verkehr ein.

Das schicke Weinerlebnis-Zentrum von St. Michael in Eppan gehört zu den bekanntesten und am häufigsten ausgezeichneten Genossenschafts-Kellereien auf der Route. Sein Cuvée Appius wurde mit dem »Premio d’eccellenza« als bester Wein Italiens dekoriert. Seit Jahrzehnten führt hier »Herr Terzer«, wie er ausnahmslos genannt wird, als einer der charismatischsten Kellermeister der Region die Regie. Der selbst ernannte Pionier ist vielleicht der Mozart unter den virtuosen Weinmachern, die in hiesigen Genossenschaften die Rolle eines Übervaters einnehmen. Rund 340 Genossenschafts-Mitglieder auf Linie zu halten oder auch mal zu Veränderungen zu treiben, ist anscheinend so schwierig wie das Manövrieren eines Ozeandampfers im Hamburger Hafen. »Als ich angefangen habe, war Südtiroler Wein am Ende. Damals setzte man auf große Erträge. Quantität war interessanter als Qualität. Bis in die 1980er-Jahre wurde eine regelrechte Weinkrise heraufbeschworen.«

Viel hat sich seitdem in den teils historischen Kellern des klassischen Jugendstil-Gebäudes getan. Der Rote wurde zurückgedrängt, Terzer musste die Weinbauern vom Weißen überzeugen. »Der gute Temperaturaustausch zwischen Nacht und Tag und die teils sehr mineralischen Böden sind bestens geeignet für Weißburgunder, Gewürztraminer, Sauvignon Blanc, Chardonnay und in den höheren Lagen ein wenig Riesling und Müller-Thurgau.« Sein Credo ist einfach: »Als größtes Weinbauland der Welt bietet Italien viele einfache, günstige Weine, da können wir nicht mithalten. Südtirol als eines der kleinsten Weingebiete des Landes ist verdammt, Qualität zu produzieren.«

Wir könnten direkt nach Kaltern durchstarten. Oder? »Fahrts über Lana ins Ultental «, gab uns KTM-Florian aus Bozen anfangs mit auf den Weg, »nehmts die Abzweigung nach Süden bei Lotterbad hoch nach Proveis. Dann geht’s über das Hofmahdjoch ins Nonstal nach Castelfondo. Eine schöne Runde, vor allem bei dem Kaiserwetter.«

Gegen die Wand: Dolomiten im letzten Tageslicht nahe des Grödner Jochs.


Gunst der Stunde: Die Nebenwege zum Kalterer See sind selten so leer.


WIR FAHREN, UND FAHREN, ALS SEIEN WIR BESCHWIPST. JEDE KURVE PASST - EIN RAUSCH, GANZ OHNE ALKOHOL


Der Falschauer Bach treibt die Gebirgskälte aus seinem Quellgebiet nahe der Oberen Weißbrunner Alm wie eine Walze durch das Ultental. Merklich nimmt die Wärme des Etschtals mit den ersten Kehren oberhalb von Lana ab. Ruhe liegt über Wäldern, hohen Almenweiden und Kämmen der südöstlichen Ortlergruppe. Kurve um Kurve klettert die XR in die Höhe, zunächst eng umschlungen von dicht beieinander stehenden Felskulissen, dann weitet sich das Tal zu einer Traumkulisse aus. Wir fahren und fahren. So, als seien wir beschwipst. Jede Kurve passt. Ein Rausch, auch ohne Alkohol. Vorbei am geplanten Abzweig. Bis der Weißbrunnsee inmitten einer hochalpinen Kulisse des Nationalparks Stilfser Joch das Ende der Sackgasse markiert.

Der Blick auf die Uhr mahnt. Zackig zurück über die von KTM-Flori empfohlene Route vorbei an der Santa-Giustina-Talsperre, hinauf zum Mendelpass und einer grandiosen Aussicht vom Penegal. Von hier oben liegt die Weinstraße quasi zu unseren Füßen. Während das GPS für die Luftlinie rund vier Kilometer misst, zeigt der Navi- gator gute zwanzig Straßenkilometer für die Abfahrt über den Mendel bis Eppan. In strammen Kehren fällt die Straße förmlich an der Felswand entlang in die Tiefe in die hügelige Hochebene Überetsch. Traditionelle Domänen mit Türmchen, bunt lackierten Fensterläden und jenem Ambiente aus Harmonie und Solidität, wie es für Südtirol so typisch ist, garnieren ein wogendes Meer aus Rebgärten.

»Kennen sie den Saltner?« Johanna begleitet Gäste durch das 1955 eröffnete Weinmuseum in Kaltern. »Die Region gilt als das älteste Weinanbaugebiet im deutschen Sprachraum, seit über 2500 Jahren gärt es in den Weinkellern.« Zeugnisse der Vergangenheit sammeln sich im ehemaligen Zehentkeller. Am Eingang eine Figur in Fellen und mit Federn am Hut. »Bis in die 1860er-Jahre musste der Saltner, also der Weinberghüter, in den wichtigsten Monaten einer jeden Ernte die Trauben vor Dieben, insbesondere vor Tieren schützen. Über drei Monate lebte er dazu mit seiner Hellebarde und dem Stecken, einem selbst geschnitzten Stock, zwischen den Reben und hatte bestenfalls eine spärliche Hütte als Unterschlupf.«

Südtiroler Weinstraße

Alle GPS-Daten für TOURENFAHRER-Abonnenten der Reiner H. Nitschke-Verlags-GmbH kostenlos


Die berühmteste und wegen ihrer Kulturlandschaft wohl auch schönste Straße Südtirols ist in Anlehnung an die Deutsche Weinstraße im Jahre 1964 gegründet worden. 16 Orte und 74 Kellereien tummeln sich entlang einer Gesamtlänge von 150 Kilo metern. Boden und Klima gehen im südlichen Südtirol eine nahezu perfekte Sym biose für die Traubenreife ein. Im Norden die Alpen, die vor kalten Winden schützen, nach Süden hin ist das Land offen, sodass mediterrane Strömungen von Gardasee und Mittelmeer auf die Weinanbaugebiete wirken können. Tag und Nacht sind geprägt von großen Temperaturunterschieden, eine Durchschnitts temperatur von 18 Grad während der Wachstumsphase und ausreichend Niederschläge schaffen zudem ideale Voraussetzungen für eine hohe Traubenqualität. Das Anbaugebiet ist mit einer gesamten Rebfl äche von rund 4300 Hektar eines der kleinsten Italiens. Kennzeichnend ist ein vorwiegend genossenschaftlicher Zusammenschluss von Nebenerwerbs-Wein bauern, die jeweils durch schnittlich rund ein Hektar bewirtschaften. In anderen Weingebieten geht man als Existenzminimum für einen Familienbetrieb von rund 15 bis 30 Hektar aus. Der Preis der Trauben ist im internationalen Vergleich entsprechend hoch. Charak teristisch ist eine große Vielfalt an Anbaumöglichkeiten und Sorten, resultierend aus verschiedenen Böden und unterschiedlichen Höhenlagen. Wer tiefer in die Materie eindringen möchte, fi ndet bei der Südtiroler Weinakademie in Kaltern am See Ansprechpartner und Kurse zum Mitmachen.

Haltepunkte

Im Hinblick auf eine möglichst große Vielfalt haben wir zudem folgende Betriebe bzw. Ausstellungen besucht:
Messner Mountain Museum Firmian in Bozen
Weingut Schmid Oberrautner in Bozen
Klosterkellerei Muri-Gries in Bozen
Kellerei St. Michael-Eppan in Eppan
Weingut Manincor in Caldaro
Südtiroler Weinmuseum in Kaltern
winecenter in Kaltern
Elena Walch in Tramin
Weingut J. Hofstätter in Tramin
Kellerei Tramin Weinhof Kobler in Margreid

Reisedauer & Wegstrecke

Für die rund 750 Kilometer sollte mindestens eine Kurzwoche eingeplant werden. Die spannendste Reisezeit ist gewiss zur Ernte, abhängig vom Verlauf des Sommers also der September bzw. Anfang Oktober.

Anreise

Diese Tour startet und endet in Sterzing südlich des Brenners. Mit dem Motorrad bevorzugen wir eine Anreise durch Österreich ohne Pickerl via Achensee (B 181), Inntal (B 171), ab Innsbruck über die alte Brennerstraße (B 182) bis zur Landesgrenze, dort Strada Statale (SS) 12 bis Sterzing.

Unterkünfte

Eine Reihe verschiedener TF-Partnerhäuser reihen sich entlang oder in der Nähe der beschriebenen Route. Angenehm übernachten konnten wir in folgenden Unterkünften:
»Hotel Steineggerhof« in Steinegg, »Hotel Steinmannwald« in Leifers / Steinmannwald, »Hotel Mandelhof« in Girlan / Eppan, »Panorama Hotel Penegal« auf dem Mendelpass »MoHo-Hotel Ludwigshof« in Truden / Trodena - mehr Infos hierzu und zu vielen weiteren TF-Partnerhäusern in Südtirol unter www.
tourenfahrer-hotels.de - sowie außerdem im »Resort Schloss Hotel Korb« in Missian / Eppan.

Literatur / Karten

Dietrich Höllhuber / Florian Fritz: Südtirol, Michael Müller Verlag, 7. Aufl age (2018), ISBN: 978-3-95654-389-0, 24,90 Euro freytag & berndt Autokarte: Südtirol - Trentino - Gardasee - Venetien, M.: 1:200.000, 2017, ISBN: 978-3-70-790455-0, 11,90 Euro
Marco Polo Motorradkarten Alpen, M.: 1:300.000, MairDuMont, Neuaufl age (2018), ISBN: 978-3-8297-1994-0, 29,99 Euro Motorrad-Atlas Alpenländer, M.: 1:275.000, Hallwag Kümmerly+ Frey, 2. Aufl age (2014), ISBN: 978-3-8283-0790-2, 19,90 Euro

Sonstige Infos

• Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, www.italia.it
• Südtirol Information in Bozen, www.suedtirol.info
• Südtiroler Weinstraße, www.suedtiroler-weinstrasse.it

Kunst im Keller: Holzschnitzer aus dem Grödnertal veredelten so manches Weinfass der Genossenschaft St. Michael-


Wein-Tunnelblick: »Wimmen« mit Remo, Fabian und Michael von der Kellerei Hofstätter vor den Toren von Tramin


MANINCOR LIESSE SICH FLEGELHAFT ALS EIN WALDORFWINZER BEZEICHNEN


Draußen auf dem Balkon duftet es nach warmer Erde und wer ein bisschen größer ist, dem wachsen unter Pergeln alle möglichen Trauben fast bis in den Mund. »Bei der traditionsreichen Südtiroler Anbauweise werden die Reben auf Holzgerüste gezogen und wachsen zu schattigen Lauben oder breiten Tunneln zusammen … Das Dach schützt die dünne Haut der Vernatsch-Traube vor allem gegen Sonnenbrand, wenn sie anfängt zu blobn, ihre blaue Farbe bekommt.« Längst sind wir im Kalterer »winecenter« bei Ivo angekommen. »Siebenhundert Weinbauern helfen uns, das Zentrum im Vernatsch-Land zu sein.« Doch die Pergola wird immer seltener. »Viele Bauern stellen auf Spalier um, man braucht weniger kostspieligen Draht und die Luftzirkulation funktioniert besser zugunsten der Qualität.«

Unter uns blaut der Kalterer See in grüner Rebstockfassung, lockt uns zurück ins Hinterland der kleinen Wege. Willkommen auf dem Radfahrer-Highway: Wie ein Mückenschwarm schwirren beige Berockte wild zirkulierend umher, treten in die Pedale, was Doppelherz und vor allem die Akkus ihrer E-Bikes hergeben. Gerne stoppen sie auch mal mitten in der Kurve für ein Schwätzchen, schwanken beim Bremsen aus ungewohnten Geschwindigkeiten nicht selten bedenklich.

Die Flegelhaften unter uns würden »Weingut Manincor« einen Waldorf-Winzer nennen. »Was machen wir anders? Wahrscheinlich alles und nichts!« Weingutsdirektor Helmut setzt gemeinsam mit dem Eigentümer Graf Goëss-Enzenberg auf die Grundlagen der Biodynamie, Leitbild des Anthroposophen Rudolf Steiner: »Ein ganzheitliches Gesundheitssystem für die Landwirtschaft, die mit Naturkräften arbeitet. Viel Qualität erreicht man im Weinberg mit viel Handarbeit.« Im Weißweinkeller blubbern die Gärpfeifen. »Wir verwenden keine Reinzuchthefen, warten bis der Wein selbstständig anfängt zu gären. Das dauert manchmal viel länger, kann schwieriger werden. Läuft es gut, wird der Wein viel komplexer und individueller.«

Zurück auf der Hauptstraße drängen sich die Verlockungen dicht aneinander. Draußen in den Feldern des »Weinguts J. Hofstätter« wimmen - also lesen - Remo, Michael und Fabian Trauben für den hier heimischen Gewürztraminer. Immer wieder türmen sich kleine Hügelchen auf, Endmoränen der letzten Gletscher, die wertvollen Boden hinterlassen haben. Auch an Castel Ringberg, das Südtirols berühmtester Winzerin Elena Walch gehört. Was rund um das Schlösschen wächst, wird im knallmodernen Gärkeller im nahen Tramin zu Spitzenweinen veredelt. Futuristisch in ultraviolettes Licht getaucht, »transportieren statt pumpen Fließbänder und Schwerkraft die Beeren.« Tochter Julia passiert es immer wieder, dass sie »auf Messen für eine Hostess gehalten wird.« Auf dem Gut trägt sie längst gemeinsam mit ihrer Schwester die Verantwortung. »Der Keller sollte das Potenzial besitzen, die Qualität des Weinberges umzusetzen. Bei der von uns praktizierten, sehr seltenen Ganzbeer-Verarbeitung startet die Gärung innerhalb der Frucht, die erst später aufplatzt.

Himmelsstürmer: Abends wird die Anreise über das Grödner Joch zum Traum.


Wir erhoffen uns fruchtigere Weine und einen frischeren Stil.«

Aufmerksamkeit will und braucht jeder auf der Weinstraße. Manche setzen dabei auch auf eine markante Architektur wie das bereits erwähnte »Weingut J. Hofstätter«, eingezwängt zwischen Kirche und Weinbergen am zentralen Platz von Tramin. Die dringende Erweiterung des Betriebes gelang jüngst mit einem Weinkeller, der nach eigenen Worten »auf dem Kopf steht«. Gleich am Ortseingang von Tramin dominiert hingegen die Fassade der Genossenschafts-Kellerei das Bild. »Ihre Gestaltung stilisiert und überträgt die Form und den wilden Wuchs der Reben auf das Gebäude « und soll ein »Eyecatcher« sein, so Jürgen vom Besucherservice.

Auf einmal zeigen sich die Straßen geputzt und leer. Bei Kurtasch cruisen wir auf einer Art Terrasse auf halber Höhe des Talhanges, rechts und links von Wein umgeben. In Margreid wartet Armin vom »Weinhof Kofler« mit den Worten: »Wir sind ein Betrieb ohne Tradition!« auf uns und will das als »eine weinbauliche Provokation vom tiefsten Punkt Südtirols« verstanden wissen. Die Belegschaft besteht »aus dem Praktikanten, meiner Frau und mir«, erklärt der ehemalige Garagenwinzer, der in der Weinforschung am nahen Versuchszentrum Laimburg tätig war. »Ins Glas gehören so unverfälscht wie möglich nur das Terroir, die reine Sorte und der Jahrgang.« Sein Faible für Architektur ließ einen Verkostungsraum entstehen, den man bestenfalls als White Cube bezeichnen kann. Alles in Weiß - Wände, Tische, Stühle, dazu Leuchtstoffröhren in Tageslicht und abgedunkelte Fenster. »Nichts soll den Wein stören.«

»Fahre wenig, denn du musst noch trinken! « Armins Abschiedsworte klingen beim Queren der Etsch in meinen Ohren. Die letzte Flasche hat den Seitenkoffer quasi zum Überlaufen gebracht. Die Fuhre trägt Schlagseite. Noch einmal zirkeln wir zum Abschied durch die Berge. Über das Valle di Fiemme zum vereinsamten Passo Manghen mit seinen engen, steilen Rechtskehren und dem noch spröderen Hinterland der SP 83, die sich ab Sover in ein faltiges Tal wirft. Zeit, nach Hause zu fahren und endlich zu probieren. Prost!